Atli ist der nordische Name des Hunnenherrschers Attila, der 453 starb – und zugleich die Hauptfigur einer der finstersten Rachegeschichten der altnordischen Dichtung. Sie erzählt vom Gold der Niflungen, vom Tod zweier Burgunderkönige und von einer Frau, die ihren Mann mit dem Fleisch der gemeinsamen Söhne bewirtet. Wir gehen den Quellen der Reihe nach nach: Priscus und Jordanes, die Atlakviða um 900, die Atlamál, die Völsunga saga, das Nibelungenlied und die Gotländer Bildsteine, die als Bilderzählungen in Stein denselben Erzählhunger bedienten. Dabei trennen wir, was belegt ist, von dem, was die Forschung vermutet, und von dem, was Dichtung bleibt.
Die Wikinger kannten keine Bücher im heutigen Sinn. Ihre Geschichten lebten im gesprochenen Wort der Skalden, und sie lebten im Bild. Auf der Ostseeinsel Gotland haben sich hunderte Bildsteine erhalten, aufrecht stehende Steinplatten, auf denen Schiffe, Krieger, Reiter und Frauen mit Trinkhorn zu sehen sind. Insgesamt kennt man mehr als 400 solcher Steine, die meisten stehen oder standen auf Gotland. Die Forschung unterscheidet nach Form und Ornament grob drei Gruppen: gerade Steine mit axtförmigem Kopf aus der Zeit um 400 bis 600, kleinere Stücke mit stilisierten Mustern von etwa 500 bis 700 und die hohen, geschwungenen Platten der Zeit von 700 bis 1100.
Gerade die späten Steine zeigen Szenen, die man als Erzählung lesen möchte: Schiffe mit gerauteten Segeln, Opferhandlungen, Kämpfe, einen Reiter, den eine Frau mit dem Horn empfängt. Einige Bilder lassen sich mit Stoffen der nordischen Mythologie verbinden, etwa der achtbeinige Hengst auf dem Stein von Tjängvide, den man als Sleipnir deutet, oder die Schmiedeszene auf dem Stein von Ardre, die man auf Völund bezieht. Doch die Texte, die diese Bilder erklären würden, sind in den meisten Fällen nie aufgeschrieben worden oder verloren. Das gilt es festzuhalten, bevor es um Atli geht: Wir lesen Bilder, deren Beschriftung fehlt.
Zudem standen die Steine nicht grau in der Landschaft. Nach dem Stand der Forschung waren sie bemalt, die eingeritzten Linien und Flächen trugen Farbe. Was wir heute als helle Ritzlinie auf dunklem Stein sehen, ist der nüchterne Rest einer bunten Erzählfläche.
Der historische Attila herrschte seit etwa 434 zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Bleda über die Hunnen, danach allein. Was wir über sein Reich wissen, stammt fast ausschließlich von Außenstehenden. Der wichtigste Zeuge ist Priscus, ein oströmischer Diplomat und Historiker, der 449 mit einer Gesandtschaft des Kaisers Theodosius II. an Attilas Hof reiste. Sein Werk ist nur in Bruchstücken erhalten, vor allem durch spätere Autoren. Priscus schildert eine Herrscherhalle aus Holz, Gastmähler, bei denen die Gäste Silber vor sich hatten, während Attila selbst von Holzgeschirr aß, und einen König, der Gesandte warten ließ und doch zuhörte. Es ist das Bild eines Mannes, der Macht nicht durch Prunk zeigen musste.
Der Name selbst ist vermutlich gotischen Ursprungs: atta heißt „Vater“, mit der Verkleinerungsendung -ila wäre Attila ein „Väterchen“. Diese Deutung geht auf die Brüder Grimm zurück und gilt bis heute als die wahrscheinlichste, ist aber nicht endgültig gesichert; es gibt auch türkische Vorschläge, die sich nicht durchgesetzt haben. In den germanischen Sprachen lebte der Name weiter: als Ætla im Altenglischen, als Atli im Altnordischen, als Etzel im Mittelhochdeutschen.
451 führte Attila sein Heer nach Gallien. Bei den Katalaunischen Feldern, in der Nähe von Châlons, stellten ihn der römische Heermeister Aëtius und der Westgotenkönig Theoderich I. zum Kampf; Theoderich fiel, die Schlacht gilt dennoch als strategischer Erfolg des römisch-westgotischen Bündnisses. Die Zahl von einer halben Million Kämpfern, die Jordanes nennt, ist stark übertrieben. 452 zog Attila nach Italien, 453 starb er.
„Er hatte sich bei seiner Hochzeit der Freude hingegeben, vom Wein und vom Schlaf beschwert lag er auf dem Rücken, und das Blut, das sonst aus der Nase geflossen wäre, strömte ihm in den Schlund und tötete ihn … Man fand den Tod Attilas durch einen Blutsturz, ohne jede Wunde.“Jordanes, Getica 254 (nach Priscus), 551 n. Chr., eigene Übertragung (gemeinfrei)
So berichtet es Jordanes, der um 551 die Geschichte der Goten schrieb und dabei auf Priscus zurückgriff. Attila hatte, so heißt es, kurz zuvor das Mädchen Ildico geheiratet. Moderne Medizinhistoriker erwägen ein Nasenbluten mit Ersticken oder geplatzte Krampfadern der Speiseröhre; beides bleibt Spekulation. Der Chronist Marcellinus Comes, der rund achtzig Jahre später schrieb, behauptet dagegen, seine Frau habe ihn getötet. Die meisten Historiker halten das für Hörensagen, doch die Nähe zur späteren Sage, in der eine Frau den Hunnenkönig tötet, fällt auf. Ob sie mehr ist als Zufall, lässt sich nicht entscheiden.
Im Zentrum der Sage steht der Untergang zweier Brüder, Gunnar und Högni. Gibt es dafür einen historischen Anhalt? Hier lässt sich überraschend viel sagen. Die Burgunder siedelten seit 413 als römische Föderaten am Mittelrhein, ihr Mittelpunkt war wohl das Gebiet um Worms. 435 erhoben sie sich gegen Rom und griffen römisches Gebiet in der Belgica an; Aëtius schlug sie nieder. 436 erneuerte sich der Konflikt. Der Chronist Prosper von Aquitanien, ein Zeitgenosse, schreibt, Aëtius habe den Burgunderkönig Gundahar (lateinisch Gundicharius) besiegt und ihm auf seine Bitte Frieden gewährt; den habe er nicht lange genossen, denn die Hunnen hätten ihn samt Volk und Sippe vernichtet. Hydatius, Bischof im spanischen Chaves, nennt rund 20 000 erschlagene Burgunder, eine einzelne, nicht weiter belegte Zahl.
Als Werkzeug diente dabei offenbar ein hunnisches Kontingent, das Aëtius im Einvernehmen mit dem Hunnenfürsten Rua herangezogen hatte. Aus 443 ist dann überliefert, dass die Reste des Volkes in der Sapaudia, dem Gebiet um Genf und Savoyen, neu angesiedelt wurden. Das Gesetzbuch der späteren Burgunderkönige, die Lex Burgundionum aus der Zeit um 500, nennt unter den Vorfahren des Königshauses Gibica, Gundomar, Gislahar und Gundahar. Die Namen klingen nach der Sage: Gifica führt im altenglischen Gedicht Widsith die Burgunder an („Burgendum Gifica“), im Nibelungenlied heißt der König Gunther, sein Bruder Giselher, und der nordische Gunnar ist sprachlich dieselbe Namensform wie Gundahar.
Wichtig ist der zeitliche Abstand. Zwischen 436 und der ältesten nordischen Fassung liegen rund 450 Jahre, in denen die Erinnerung mündlich weiterlief, die Rollen vertauschte und moralisch umgedeutet wurde. Zum Beleg dafür dient schon die Einzelheit, dass Gunnar und Högni Brüder Gudruns sind und Gudrun in der Sage Atlis Frau wird: Das Heiratsband zwischen den Burgundern und dem Hunnenhof gehört der Dichtung, nicht den Chroniken.
Die älteste nordische Gestalt der Geschichte ist die Atlakviða, das „Lied von Atli“. Sie steht im Codex Regius, der isländischen Handschrift der Lieder-Edda aus dem späten 13. Jahrhundert, und dort unter dem Titel Atlakviða in grœnlenzka, „das grönländische Atlilied“. Diese Herkunftsangabe hält die Forschung überwiegend für einen Irrtum, der aus der Verwechslung mit den Atlamál entstand: Grönland wurde erst um 985 besiedelt, das Lied ist aber vermutlich deutlich älter. Man datiert es meist um 900 und denkt eher an Norwegen. Felix Genzmer vertrat 1926 sogar die These, der Skalde Þorbjǫrn hornklofi, der Dichter des Haraldskvæði um 880, habe es verfasst. Das bleibt eine Hypothese, gestützt auf stilistische Nähe.
Die Handlung ist schnell erzählt und doch schwer zu verdauen. Atli lädt seine Schwäger Gunnar und Högni an den Hunnenhof und lockt mit Reichtum. Beide besitzen längst einen Schatz, den Hort, und ahnen die Falle. Gudrun, ihre Schwester und Atlis Frau, schickt ihnen einen Ring, um den ein Wolfshaar gewunden ist, ein Warnzeichen. Gunnar reitet trotzdem. Er schwört, dass niemand den Hort haben werde, falls er nicht zurückkehre. Am Hof wird er gefangen, Högni erschlägt noch acht Männer, bevor man ihn überwältigt. Gunnar soll sein Leben mit dem Versteck des Goldes lösen. Er verlangt, Högnis Herz zu sehen.
Zuerst bringt man ihm das Herz des Feiglings Hjalli, und Gunnar erkennt den Betrug, denn es zittert. Dann schneidet man Högni das Herz aus dem Leib. Der Dichter findet dafür einen Satz von verstörender Ruhe:
„Hell lachte Högni, da sie das Herz ihm schnitten.“Atlakwida (Atlakviða), Str. 24, in: Karl Simrock, Die Edda, Stuttgart 1851 (gemeinfrei)
Nun ist Gunnar der Einzige, der das Versteck kennt, und er sagt es nicht: „Nur der Rhein soll schalten mit dem verderblichen Schatz“, lautet die Zeile in Simrocks Übertragung (Str. 27). Der Hort bleibt im Strom verborgen. Man wirft Gunnar in den Schlangenhof, und dort stirbt er musizierend: „Es schlug Gunnar da einsam zürnend mit den Zehen die Harfe“ (Str. 31, nach Simrock). Mit gefesselten Händen spielt er auf der Harfe; die Schlangen halten sich zurück, und erst als eine Natter ihn trifft, endet das Lied. Gudrun rächt die Brüder, indem sie Atli bei einem Fest eröffnet, er habe die Herzen der eigenen Söhne mit Honig gegessen (Str. 36). Dann tötet sie ihn im Bett, entlässt die Hunde, weckt die bestochenen Haushaltsmänner und zündet die Halle an.
Auffällig ist, wie sparsam der Dichter urteilt. Er lobt Gunnar und Högni, die lieber sterben, als zu verraten, und er verurteilt Gudrun nicht ausdrücklich. Gold erscheint im Lied als Metall, das unter Männern Zwietracht sät – ein Gedanke, der an die Strophe zur Rune fé im Isländischen Runengedicht erinnert: Reichtum, der unter Verwandten Zwist stiftet. Ob die letzte Strophe, die den Tod dreier Könige betont, später angefügt wurde, wie Ursula Dronke erwog, lässt sich nicht klären.
Das zweite Lied, die Atlamál in grœnlenzku, erzählt die Geschichte noch einmal und breiter. Es umfasst 103 Strophen, ist als einziges Eddalied durchgehend im málaháttr verfasst und gilt seit langem als jünger; viele Forscher setzen es ins 12. Jahrhundert, und ein Eisbär als Motiv sowie die bescheidene Lebenswelt der Häuptlinge sprechen für eine Entstehung in Grönland, so wie der Titel es behauptet. Das ist plausibel, aber nicht bewiesen.
Die Atlamál ändern die Geschichte in einem entscheidenden Punkt: Atli ist hier der Anstifter und der Aggressor, und Gudrun wird zur Mörderin ihrer Söhne mit mehr Gewicht. Der Bote Vingi überbringt die Einladung; Gudrun hat eine Runenbotschaft geschickt, die Vingi fälscht. Högnis Frau Kostbera erkennt die Fälschung an den Runen und warnt ihren Mann, Gunnars Frau Glaumvör träumt Unheil, doch die Brüder lassen sich nicht beirren. Auch hier werden sie überwältigt, Gudrun kämpft an ihrer Seite, 18 Männer Atlis fallen. Danach tötet Gudrun ihre beiden Söhne, setzt Atli Herzen und Köpfe zum Mahl vor und erschlägt ihn mit Hilfe von Högnis Sohn Hniflungr.
Man kann beide Lieder nebeneinanderlegen und fragen, welche Motive älter sind. Die Warnung durch Träume und Runen, die Frauenfiguren Kostbera und Glaumvör und die ausgeprägte Familienpsychologie gelten als Zutaten des jüngeren Dichters. Das Herz des Feiglings Hjalli, der Rhein als Versteck und das trotzige Lachen sind im älteren Lied.
Im 13. Jahrhundert, um 1260 bis 1270, fasste ein unbekannter Isländer die gesamte Sigurd-Geschichte zur Völsunga saga zusammen. Sie ist hier die Brücke zwischen zwei Sagenkreisen. Denn bei ihr ist Atli der Bruder der Walküre Brynhild, und Gudrun, die Witwe des Sigurd, wird mit ihm verheiratet, um den Streit in der Sippe zu schlichten. Atlis Gier nach dem Schatz, den Sigurd einst dem Drachen Fafnir abnahm und der vorher dem Zwerg Andvari gehörte, treibt ihn zur Einladung. Der Hort ist, zu Ende gedacht, das verfluchte Gold, das jedem Besitzer den Untergang bringt.
Die Saga folgt der Atlakviða im Kern, verändert aber Nuancen. Auch hier spielt Gunnar im Schlangenhof die Harfe mit den Füßen und lullt die Schlangen ein, bis auf eine, die ihn ins Herz beißt. Die Sagaerzählung hat damit etwas, das die Edda nur andeutet: den Künstler als letzten Widerstand des Gefangenen. Nach Atlis Tod geht die Geschichte weiter, Gudrun stürzt sich ins Meer, wird aber an Land getrieben und heiratet erneut; die Rache für ihre Tochter Svanhild füllt das nächste Kapitel. Ein Teil davon ist als Guðrúnarhvǫt und Hamðismál in der Edda erhalten.
Im Süden erzählte man dieselbe Geschichte anders. Das Nibelungenlied, um 1200 von einem unbekannten Dichter im bairisch-österreichischen Raum verfasst, überliefert in drei Haupthandschriften (A, B, C), macht aus Atli den milden, fast tatenlosen Etzel. Hier ist es Kriemhild, die Witwe Siegfrieds, die Etzel heiratet, um an den Mördern ihres ersten Mannes Rache zu nehmen. Sie lädt die Burgunder an den Hof, es kommt zum großen Kampf, Hagen und König Gunther werden erschlagen, Kriemhild wird selbst getötet. Den Hort hat Hagen vorher im Rhein versenkt. Der Hunnenkönig ist nicht Schurke, sondern Opfer der Rache einer Frau, die ihn benutzt.
Es ist ein Rollentausch: Im Norden schlägt Atli zu und Gudrun rächt die Brüder; im Süden schlägt Kriemhild zu und rächt den Mann. Beide Fassungen kennen den Verlust des Goldes im Rhein, den Untergang des Burgunderhauses, die Hunnen als Schauplatz. Die Forschung nimmt daher eine gemeinsame Vorstufe an, die vermutlich niederdeutsch oder gotisch war und über die Ostsee in den Norden kam. Wie dieser Weg genau verlief, ist unklar.
Eine dritte Fassung steht in der norwegischen Thidreks saga aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Nach ihrem eigenen Vorwort wurde sie in Bergen am Hof König Hákon Hákonarsons nach den Berichten niederdeutscher Gewährsleute zusammengestellt; bei ihr herrscht Atli in Hunaland, und die Niflungen kommen aus Worms. Die Saga zeigt, wie fest sich das Rheinland in die Erinnerung an die Burgunder gebrannt hatte. Auch der altenglische Widsith nennt „Ætla“ als Herrscher der Hunnen und „Gifica“ der Burgunder; das Gedicht ist in der Handschrift des Exeter Book aus dem späten 10. Jahrhundert erhalten, sein Alter ist umstritten, die Vorschläge reichen vom 6. bis ins 10. Jahrhundert. Auf jeden Fall zeigt die Stelle, dass die Namen Atli und Gundahar schon früh in Mitteleuropa und England im Umlauf waren, bevor ein Skandinavier sie aufschrieb.
Wer über Atli schreibt, schreibt über einen Stoff mit drei Schichten, und jede hat ihre eigene Sicherheit. Die erste Schicht ist Geschichte: Attilas Reich, Priscus, Jordanes, die Katalaunischen Felder, der Tod 453, das Ende der Burgunder 436. Sie ist durch Zeitgenossen und nahe Chronisten belegt, so lückenhaft diese sind. Die zweite Schicht ist die Heldensage, die zwischen dem 5. und dem 9. Jahrhundert mündlich entstand, Namen und Rollen verschob und irgendwann in den Norden gelangte. Sie ist nur indirekt greifbar. Die dritte Schicht sind die Texte selbst: die Atlakviða und die Atlamál, aufgeschrieben im späten 13. Jahrhundert, die Völsunga saga, das Nibelungenlied, die Thidreks saga.
Die Forschung hat diese Schichten seit dem 19. Jahrhundert immer wieder neu sortiert. Frühe Philologen wie Karl Lachmann suchten nach den „echten“ Einzelliedern hinter dem Nibelungenlied, spätere betonten die Eigenständigkeit der einzelnen Fassungen. Heute gilt weitgehend: Die nordischen Lieder sind keine verderbte Kopie der deutschen, die deutschen keine Verkürzung der nordischen. Beide schöpfen aus einer Tradition, die wir nur über spätere Brechungen kennen.
Hier berühren sich Text und Bild. Die Nordgermanen kannten die Sigurd-Sage so gut, dass sie sie in Stein ritzten. Der berühmteste Beleg ist der Felsen von Ramsund in Södermanland, Schweden, um 1030, wo Runenschlange und Bildfolge zeigen, wie Sigurd den Drachen Fafnir erschlägt, das Herz brät, die Vögel versteht und den Schmied Regin tötet. Ähnliche Szenen finden sich am Stein von Gök, auf Kreuzen der Isle of Man, im englischen Halton und an den Holzportalen der Stabkirche von Hylestad in Norwegen, um 1200. Das ist die Sigurd-Hälfte des Stoffes.
Die Atli-Hälfte hingegen erscheint kaum. Eine sicher benennbare Darstellung Atlis oder des Schlangenhofs aus der Wikingerzeit kennt die Forschung nicht, auch wenn immer wieder einzelne Bilder – ein Mann mit einer Harfe zwischen Schlangen, ein Reiter vor einem Tor – so gedeutet wurden. Das Bild auf unserer Teak-Platte ist deshalb keine Kopie einer bekannten Szene. Es greift ein Verfahren auf: Eine Sage wird in ein Bild gefasst, und das Bild spricht ohne Worte.
Unser Atli-Motiv ist, ehrlich gesagt, keine Nachbildung. Es ist ein Entwurf im Stil der Bildsteine: eine Szene voller Bewegung mit Reiter, Schiff und Figuren, mit dem Laser in das Holz eingebrannt. Teak ist dicht, im Ton warm und für seine natürliche Widerstandsfähigkeit bekannt; die feine Maserung gibt den hellen, gelaserten Linien Tiefe, und die Linien heben sich vom dunkleren Holz ab, ähnlich wie die Konturen eines Bildsteins. Dass dieses Holz aus Südostasien kommt und nicht aus dem Norden, sagen wir ungeschönt dazu; die Bildsprache ist nordisch, das Material nicht.
Das Motiv will nichts versprechen außer dem, was es ist: ein Erinnerungsstück an eine Geschichte, die seit anderthalb Jahrtausenden erzählt wird. Wer mehr über die Figuren dahinter wissen will, findet sie in unseren Beiträgen zu Brynhild, Sigurd und den Burgundern.
„Besitz stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie; doch der Nachruhm stirbt nimmermehr, den ein jeder sich Gutes erwirbt.“Hávamál 76, Übertragung nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Die Strophe passt zu Gunnar und Högni, die für den Nachruhm starben. Sie passt auch zu der bitteren Beobachtung der Atlakviða: Den Hort hat am Ende niemand.
Wer war Atli? Atli ist der altnordische Name des Hunnenherrschers Attila, der 453 starb. In der Edda und der Völsunga saga ist er ein Sagenkönig, der die Burgunderkönige Gunnar und Högni in eine Falle lockt, um ihr Gold zu gewinnen. Mit dem Attila der Chronisten hat diese Figur nur den Namen gemeinsam.
Was erzählt die Atlakviða? Atli lädt seine Schwäger Gunnar und Högni ein, nimmt sie gefangen und lässt Högni das Herz herausschneiden. Gunnar verrät das Versteck des Goldes nicht und stirbt im Schlangenhof. Seine Schwester Gudrun, Atlis Frau, rächt die Brüder, indem sie Atli die Herzen der gemeinsamen Söhne vorsetzt, ihn tötet und die Halle anzündet.
Gab es die Burgunder wirklich, und wurden sie von den Hunnen vernichtet? Ja, der Burgunderkönig Gundahar fiel nach Prosper und der Chronica Gallica von 452 im Jahr 436 mit Volk und Sippe, und hunnische Truppen waren beteiligt. Dass Attila selbst dabei war, sagt keine Quelle.
Wie unterscheiden sich Atlakviða, Atlamál und Nibelungenlied? Die Atlakviða (um 900) ist kurz und hart, die Atlamál (wohl 12. Jahrhundert) sind länger und psychologischer, und das Nibelungenlied (um 1200) macht Etzel zum milden Gastgeber, während Kriemhild die Rache betreibt. Alle drei kennen den Untergang der Burgunder bei den Hunnen und das im Rhein versunkene Gold.
Zeigen Bildsteine Atli? Eine sichere Darstellung Atlis aus der Wikingerzeit kennt die Forschung nicht. Die gotländischen Bildsteine zeigen Schiffe, Reiter und Szenen, die sich teils auf Mythen beziehen lassen; Sigurd-Bilder gibt es dagegen in Schweden, Norwegen und England, etwa am Ramsund-Felsen.
Was zeigt das Atli-Motiv von Glanz & Gravur? Es ist ein eigener Entwurf im Stil der Bildsteine mit Reiter, Schiff und Figuren, mit dem Laser auf Teak graviert. Es kopiert keinen bestimmten Stein, sondern greift die Idee auf, eine Sage in ein Bild zu fassen.
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