Die Bildsteine von Gotland sind aufrecht gesetzte, bebilderte Kalksteinplatten, die auf der schwedischen Ostseeinsel zwischen etwa 400 und 1100 n. Chr. entstanden – heute kennt man rund 700 Steine und Bruchstücke. Sie zeigen Schiffe unter Segel, Reiter, Kämpfe, Frauen mit Trinkhorn und Szenen, die an Göttermythen und Heldensagen erinnern. Weil sie Jahrhunderte älter sind als die Edda, gelten sie als einzigartiges Bildarchiv des Nordens. Wir zeigen dir die berühmtesten Steine, ihre Datierung, ihr Material, die Farbfrage und was die neueste Forschung herausgefunden hat.
Stell dir eine Wiese im Norden Gotlands vor, irgendwann im 8. Jahrhundert. Neben einem Steinhügel ragt eine Platte fast vier Meter in die Höhe, oben gerundet wie ein Pilzkopf, bedeckt mit Bildern: Männer mit Schwertern, ein Pferd, ein Baum mit einem Gehängten, ganz unten ein Schiff mit geblähtem Segel. Kein einziges Wort steht darauf. Wer vorbeikam, kannte die Geschichte vermutlich. Wir kennen sie nur noch in Bruchstücken. Genau das macht die Bildsteine von Gotland so verführerisch und so tückisch zugleich.
Bei Glanz & Gravur arbeiten wir täglich mit Stein und Bild – und schauen deshalb mit besonderem Blick auf diese Platten. Hier trennen wir sauber, was belegt ist, was spätere Quellen erzählen und was moderne Deutung bleibt.
Ein Bildstein (schwedisch bildsten) ist eine aufrecht gesetzte Steinplatte, deren Vorderseite mit Bildern, Ornamenten oder beidem verziert ist. Die Rückseite blieb meist roh. Diese Denkmalgattung ist fast ausschließlich auf Gotland zu Hause; vereinzelte verwandte Stücke kennt man aus der Nachbarschaft, etwa von Öland und aus Kurland im heutigen Lettland. Im übrigen Skandinavien setzte man stattdessen Runensteine, bei denen die Schrift im Mittelpunkt steht und Bilder eher Beiwerk sind.
Die Größen schwanken enorm: Die monumentalen Steine erreichen drei bis vier Meter, die sogenannten Zwergsteine des 6. und 7. Jahrhunderts bleiben oft unter einem Meter. Die großen Steine waren keine Grabsteinchen, sondern Landmarken.
Die ehrliche Antwort: Die Zahl wächst. Der Archäologe Sune Lindqvist legte 1941/42 sein zweibändiges Grundlagenwerk Gotlands Bildsteine vor. Nach Angaben von Sigmund Oehrl erfasste Lindqvist darin rund 280 Steine und Fragmente; bekannt waren damals schon etwas mehr. Als das Forschungsprojekt Ancient Images 2.0 2019 begann, zählte man etwa 570 Bildsteine und Bruchstücke, bis 2024 stieg die Zahl auf rund 700. Die neue Online-Edition des Gotlands Museum vergibt inzwischen Nummern bis in den Bereich von etwa 750, wobei eine Nummer manchmal mehrere Fragmente umfasst.
Woher kommen die vielen Neufunde? Vor allem aus Kirchen. Beim Bau der über 90 mittelalterlichen Steinkirchen Gotlands wurden alte Bildsteine als Bodenplatten, Schwellen oder Mauersteine verbaut. Laut Forskning & Framsteg (2023) steckt fast die Hälfte der bekannten Steine in Kirchenbauten – jede Restaurierung kann einen neuen Fund bringen. Warum Christen heidnische Bilder so verbauten, ist inzwischen ein eigenes Forschungsthema.
Lindqvist ordnete die Steine nach Form, Technik und Bildschmuck in fünf Abschnitte, die er mit Buchstaben bezeichnete. Diese Lindqvist-Gruppen sind bis heute das gemeinsame Vokabular der Forschung, auch wenn die Datierungen inzwischen angepasst wurden. Die aktuelle Online-Edition, an der Sigmund Oehrl und ein internationales Team gearbeitet haben, spricht deshalb ausdrücklich vom „Lindqvist-Typ“ und ordnet ihn so ein:
| Typ | Heutige Datierung | Form und Bildschmuck |
|---|---|---|
| A | ca. 400–600 | hoch, beilförmig mit leicht gewölbtem Abschluss; große Wirbel- oder Rosettenscheiben, Ruderboote, Tiere und Krieger in den Zwickeln |
| B | ca. 500–700 | meist niedrige „Zwergsteine“; Umrisslinien, Wasservögel, erste Schiffe |
| C/D | 8.–10. Jh. | große pilzförmige Steine mit Flachrelief in übereinanderliegenden Bildfeldern; Reiter, Kämpfe, Segelschiffe |
| E | 11. bis frühes 12. Jh. | runensteinähnlich, Schlangenband mit Inschrift, teils christliche Kreuze |
Die wichtigste Verschiebung betrifft die großen Erzählsteine. Lindqvist unterschied noch eine Gruppe C und eine Gruppe D und setzte manche Hauptwerke früh an, den großen Stein von Stora Hammars etwa um 700. Spätere Forscher kamen zu jüngeren Daten: Eshleman argumentierte für 790–840, Lisbeth Imer für die Zeit nach 750, andere für das 10. Jahrhundert. Heute fasst man C und D meist zusammen. Liest du in einem älteren Buch „um 700“, ist das eine Schätzung von vor über 80 Jahren.
Die frühen Steine verraten eine erstaunliche Weltläufigkeit. Ihre Wirbelscheiben, Rosetten und ein liegender Halbmond haben enge Parallelen auf römischen Grabmonumenten – doch die gotländischen Steinmetze deuteten um: Aus dem Halbmond wurde, so die Forschung, ein Ruderboot. Gotland war Drehscheibe des Ostseehandels, wovon auch die Silberschätze erzählen, über die wir bei den Gotländern und zum Spillings-Schatz berichten. Bilder reisten mit den Waren.
Gotland ist im Kern eine riesige Kalksteinplatte. Das Gestein entstand im Silur, vor rund 443 bis 419 Millionen Jahren, als das Gebiet nahe dem Äquator lag und von Riffen bedeckt war. Aus diesem Material sind die allermeisten Bildsteine gehauen. Eine geologische Untersuchung im Rahmen der neuen Edition hat mehr als hundert Steine beprobt. Ergebnis: Von über 570 damals erfassten Steinen bestehen nur 23 aus Sandstein, und alle diese Sandsteinplatten stammen aus der Gegend von Burgsvik im Süden der Insel.
Spannend für uns Steinleute ist die Auswahl. Die Handwerker griffen bevorzugt zu dickbankigem Riffschuttkalk; für die Zwergsteine der Gruppe B wurde vor allem Crinoidenkalk (aus Seelilien-Resten) genutzt. Für die Steine der Gruppen A und D wählte man eher feinkörnigen, für die großen C-Steine gröberen Kalk. Steinbrüche brauchte es dafür nach heutigem Wissensstand nicht: Geeignete Platten lagen an der Oberfläche, besonders an der Küste. Manche Steinmetze bauten sogar Fossilien bewusst in die Gestaltung ein. Wer Schiefer graviert, kennt das Gefühl: Der Stein redet mit.
Die kräftig roten oder schwarzen Linien, die du von Fotos kennst, sind modern. Schwedische Forscher haben die Steine um 1900 und vor allem in Lindqvists Arbeit ausgemalt, um die flachen Reliefs für Fotos sichtbar zu machen. Lindqvist selbst warnte, seine Ergebnisse seien nicht in jedem Detail als exakt zu betrachten. Sigmund Oehrl formulierte es 2023 deutlicher: Viele Forscher hätten offenbar nicht verstanden, dass diese Bemalungen Deutungen sind.
Waren die Steine ursprünglich farbig? Höchstwahrscheinlich ja. Die Online-Edition spricht von „wahrscheinlich bemalt“; auf einigen wenigen Steinen haben sich schwache Farbspuren erhalten. Von Runensteinen weiß man aus Pigmentanalysen, dass Schwarz, Weiß, Gelb, Rot und Blau verwendet wurden, und auch einige späte Mischformen aus Bild- und Runenstein zeigen Farbreste. Feine Ritzungen wie Gürtelschnallen auf manchen Figuren sprechen dafür, dass Farbe einst Details sichtbar machte, die heute im Relief untergehen.
Wie die Steine aber genau aussahen, weiß niemand. Eine multispektrale Untersuchung eines neu entdeckten frühen Steins fand keine Farbreste, obwohl alte Notizen welche erwähnten; als nächster Schritt war Röntgenfluoreszenzanalyse geplant. Oehrl hofft, die ursprüngliche Bemalung eines Tages digital rekonstruieren zu können. Bunte Repliken in Museen und Freilichtanlagen sind deshalb Vorschläge, keine Fotos aus der Vergangenheit.
Die Funktion hat sich über 700 Jahre gewandelt. Viele Steine standen in offenem Gelände an alten Wegen, weithin sichtbar. Andere wurden an Gräberfeldern und Grabhügeln errichtet, manche in Gruppen, die kleine Kult- oder Versammlungsplätze gebildet haben könnten – plausibel, aber nicht beweisbar.
Den direktesten Hinweis liefern Inschriften. Auf dem Stein von Tjängvide I (gefunden 1844, heute im Historischen Museum Stockholm) steht in Kurzzweigrunen, dass jemand den Stein „nach Hjörulf, seinem Bruder“ errichtete. Das ist dieselbe Gedenkformel, die wir von hunderten Runensteinen kennen. Die Steine der Gruppe E sind fast immer solche Gedenksteine für Verstorbene, gesetzt von Angehörigen. Für die früheren Gruppen fehlt die Schrift, aber der Fundzusammenhang spricht oft eine ähnliche Sprache: Steine der Gruppe B finden sich fast immer in der Nähe von Gräberfeldern, und auch für Gruppe A wird ein Grabbezug angenommen. Ein Stein aus Uddvide wurde in ein Grab mit Fibeln des 5. Jahrhunderts verbaut, was eine wichtige Stütze für die frühe Datierung ist.
Bemerkenswert ist die Wiederverwendung schon vor der Kirchenzeit: In der späten Wikingerzeit holte man ältere Bildsteine von Gräberfeldern und setzte sie in neue Grabbauten ein. Ein Kriegerstein aus der Zeit um 400–600 diente laut Forskning & Framsteg später in Väte als Grabdeckel. Die Forschung (u. a. Martin Rundkvist) sieht darin eine bewusste Verbindung zu den Ahnen.
Der Stein Lärbro Tängelgårda I gehört zur Gruppe C/D, ist rund zweieinhalb Meter hoch und steht heute im Historischen Museum in Stockholm. Er ist ein Lehrstück dafür, wie viel Deutung in einer Museumsbeschreibung stecken kann. Das Museum liest die Felder von oben nach unten so: oben eine Schlacht mit Raubvögeln über den Gefallenen, darunter ein Toter auf einem achtbeinigen Pferd als Bild für die Bahre, dann die Ankunft des Toten in Walhall, empfangen von einer Frau mit Trinkhorn, während er und andere Männer Ringe tragen, ganz unten ein Schiff.
Auffällig sind die Ringe, die als Eidringe gedeutet werden, und die ungewöhnlich vielen dreieckigen Knotenzeichen unter dem Pferd. Diese Zeichen kennen wir heute unter dem modernen Namen Valknut – ein Name, den es in der Wikingerzeit nicht gab. Ob die Szene wirklich Walhall meint, ist eine verbreitete und gut begründete Deutung, aber eine Deutung. Die Online-Edition zählt Tängelgårda I vorsichtiger zu den Steinen, die Bestattungsbräuche zeigen.
Der eindrucksvollste Stein Gotlands steht unter freiem Himmel. Stora Hammars I misst 3,91 Meter, davon sind heute 3,48 Meter sichtbar. Er wurde zusammen mit weiteren hohen Bildsteinen und drei Steinhügeln auf einer Wiese in Lärbro gefunden, zerbrochen und mit der Bildseite nach unten. Seit 1923 steht er im Freilichtmuseum von Bunge im Norden der Insel – als Leihgabe des Stockholmer Museums, weil die Gotländer sich gegen den Abtransport gewehrt hatten. Der Preis: Der Stein ist stark verwittert und nur im Winter gegen Frost geschützt.
Sechs Bildfelder liegen übereinander. Ganz oben flankieren zwei Bewaffnete eine sitzende Gestalt, wohl eine Frau. Das dritte Feld ist das meistdiskutierte: ein Mann mit Schlinge unter einem gebogenen Baum, ein Raubvogel, verschlungene Dreiecke, eine Art Altar und vier Bewaffnete – allgemein gelesen als Hängung oder Menschenopfer. Wer an Odin als „Gott der Gehängten“ und an die Berichte über germanische Opfer denkt, liegt nicht falsch, doch der Stein nennt keinen Gott. Darunter folgen ein Schiff mit Kriegern und einer Frau, ein Pferd mit einem liegenden Mann und als größtes Feld ein Segelschiff, fast einen Meter hoch. Das Schiffsfeld mit Frau hat übrigens eine fast genaue Parallele auf dem Stein Stenkyrka Smiss I – ein Hinweis auf feste Bildformeln.
Für das Gesamtprogramm wird am häufigsten die Sage von Hildr vorgeschlagen, die Geschichte vom ewigen Kampf der Hjaðningar, den Hildr jede Nacht durch Zauber neu entfacht. Sie ist aus Bragis Ragnarsdrápa und Snorris Skáldskaparmál bekannt. Andere Forscher wie Karl Hauck und Anders Andrén dachten an die Wölsungensage, eine Lesung als Trojanischer Krieg hat sich nicht durchgesetzt. Lindqvist hat seine eigenen Lesungen über die Jahre mehrfach geändert. Mehr kann man über diesen Stein nicht ehrlich sagen – und das ist schon eine ganze Menge.
In der Kirche von Ardre lagen über Jahrhunderte zehn Bildsteine als Fußbodenplatten unter dem Holzboden. Erst bei der Restaurierung um 1900 kamen sie wieder ans Licht. Der größte und berühmteste ist Ardre VIII, datiert ins 8. oder 9. Jahrhundert, Oehrl spricht von etwa 800. Er steht heute im Historischen Museum in Stockholm.
Auf diesem Stein drängen sich mehrere Szenen, die man mit Erzählungen der viel jüngeren Edda verbinden kann. Am sichersten gilt die Darstellung der Wielandsage: eine Schmiede, die enthaupteten Söhne des Königs und der Held, der in Vogelgestalt entkommt – genau die Motive der eddischen Völundarkviða. Oehrl hält Ardre VIII für möglicherweise den ältesten Beleg der Wielandsage überhaupt und den einzigen aus Ostskandinavien. Das berühmte angelsächsische Gegenstück aus Walbein stellen wir im Beitrag zum Franks Casket vor.
Weitere Szenen werden als Thors Fischzug nach der Midgardschlange, als Lokis Bestrafung nach Balders Tod und als Ritt auf einem achtbeinigen Pferd gedeutet. Eine Frau mit zwei Schwertern auf der rechten Seite passt zu keinem bekannten Mythos – ein freundlicher Hinweis darauf, wie viele Geschichten verloren sind.
Der Name Smiss taucht in der Bildsteinforschung gleich mehrfach auf, denn es gibt Höfe dieses Namens in mehreren Kirchspielen. Am bekanntesten ist der kleine Stein aus Smiss im Kirchspiel När, in der Forschung als När Smiss 3 geführt, populär „Schlangenhexe“ (schwedisch Ormhäxan) genannt. Er ist nur 82 Zentimeter hoch, wurde auf einem Gräberfeld gefunden und gehört zu den frühen Steinen, meist ins 5. bis 6. Jahrhundert datiert; andere setzen ihn in die Vendelzeit. Heute ist er im Gotlands Museum in Visby zu sehen.
Er zeigt eine hockende Gestalt, die in jeder Hand eine Schlange hält, darüber drei ineinander verschlungene Tiere. Die Deutungen sind ein Panorama der Forschungsgeschichte: Vergleiche mit dem keltischen Gundestrup-Kessel, mit Daniel in der Löwengrube, mit dem Gott Cernunnos, mit einer Zauberin, mit Odin in Frauengestalt, mit der Ahnfrau Hvitastjerna aus der gotländischen Gutasaga. Oehrl schlug 2010 einen nordischen Heilgott nach Art des Asklepios vor. Einig ist man sich nur darin, dass das Motiv in der antiken Welt weit verbreitet war und auf Gotland einzigartig ist.
Schiffe sind das häufigste Motiv überhaupt. Auf den frühen Steinen sind es Ruderboote, auf den Steinen der Vendel- und Wikingerzeit Segelschiffe mit karierten Segeln, Takelage und Wellen. Diese Bilder gehören zu den frühesten Darstellungen nordischer Segelschiffe und sind deshalb auch für die Schiffsforschung wichtig – mehr dazu in unserem Beitrag über Drachenschiffe. Gedeutet werden sie meist als Totenschiff, als Bild für die Reise ins Jenseits. Das passt zu Bootsgräbern und Steinschiffen, bleibt aber eine Deutung, denn ein Schiff kann auch schlicht Seefahrt und Ansehen bedeuten.
Der Reiter, der von einer Frau mit Trinkhorn empfangen wird, gehört zu den häufigsten Szenen der Wikingerzeit. Die meisten Forscher verbinden die Frau mit den Walküren und die Szene mit der Ankunft in der Halle der Gefallenen, wie sie das Gedicht Eiríksmál aus dem 10. Jahrhundert schildert. Oehrl weist darauf hin, dass die Bildformel auf ein spätrömisches Vorbild zurückgeht, die feierliche Ankunft des Herrschers (adventus). Es gibt Gegenlesungen: Auf Tjängvide I wurde die Szene auch als Sigurd auf Grani gedeutet oder als lebender Mann, den seine Frau begrüßt. Das achtbeinige Pferd dort und auf Ardre VIII halten die meisten für Sleipnir; eine Minderheit liest die acht Beine als Bild für Schnelligkeit. Zum Vergleich mit den Texten lohnt unser Beitrag über die Einherjer.
Opferszenen zeigen neben Stora Hammars I auch der Stein von Garda Bote, auf dem außerdem ein Lanzenreiter einem achtstrahligen Stern folgt – ein Motiv, das an spätantike Kriegerheilige erinnert. Daneben gibt es Pferdekämpfe, zeremonielles Trinken und Eidleistung, Bestattungen und Prozessionen. Als Hauptthema der späteren Steine sieht die Forschung den Weg der Toten. Weitere Szenen werden mit dem ewigen Kampf der Hjaðningar, Gunnar in der Schlangengrube und möglicherweise Sigurd verbunden. Und weil die Reliefs oft unter einem Millimeter tief sind, ändern sich Lesungen: Wo Lindqvist auf Klinte Hunninge I eine geflügelte Gestalt sah, zeigt eine ältere Zeichnung eine Schlange, und auf dem neuen 3D-Modell fand Oehrl die Figur nicht. Die Texte, mit denen man vergleicht, entstanden zudem erst im 13. Jahrhundert – mehr dazu bei der Edda.
Das Herz der Sammlung schlägt in Visby. Das Gotlands Museum, auf der Insel meist Fornsalen genannt, wurde 1875 auf Initiative von Pehr Arvid Säve gegründet und liegt an der Strandgatan. Sein ältestes Gebäude beherbergt die Bildstenshallen, die Bildsteinhalle, eine der wichtigsten Dauerausstellungen des Museums. Dort stehen Steine aus allen Epochen nebeneinander, darunter die „Schlangenhexe“ aus Smiss. Wer den Wandel von der Wirbelscheibe zum Segelschiff an einem Nachmittag sehen will, ist hier richtig.
Mehrere Hauptwerke stehen in Stockholm: Im Historischen Museum findest du Tjängvide I, dessen Reiter das Museum als Logo nutzt, Ardre VIII und Tängelgårda I. Stora Hammars I steht im Freilichtmuseum Bunge im Norden Gotlands, viele weitere Steine in der Landschaft und an Dorfkirchen. Reisetipps sammelt unser Überblick Wikinger erleben.
Lindqvists Edition war 80 Jahre lang die Grundlage fast aller Arbeiten. Damit ist sie Segen und Fluch zugleich, denn seine ausgemalten Fotos sind nicht neutral. Bereits 2012 legte das Gotlands Museum mit dem Sammelband Gotland’s Picture Stones. Bearers of an Enigmatic Legacy einen internationalen Forschungsstand vor, der Fragen wie Werkstätten, Steinmetzspuren, Chronologie und Deutung neu aufrollte. Die Archäologin Laila Kitzler Åhfeldt hat in mehreren Arbeiten die Werkzeugspuren einzelner Steinmetze und Werkstätten untersucht.
Den großen Sprung brachte Sigmund Oehrl. In einer Pilotstudie (2013–2016) dokumentierte er Steine mit RTI (Reflectance Transformation Imaging: Aufnahmen aus vielen Lichtrichtungen, am Rechner frei „beleuchtbar“) und mit Photogrammetrie. Seine Habilitation Die Bildsteine Gotlands. Probleme und neue Wege ihrer Dokumentation, Lesung und Deutung erschien Ende 2019 in zwei Bänden. Im selben Jahr startete das Projekt Ancient Images 2.0 unter Leitung der Universität Stockholm, mit dem Gotlands Museum als Hauptpartner und der Firma Viospatia in Visby für Fotografie und Scans, gefördert vom schwedischen Forschungsrat.
Das Team erstellte hochauflösende 3D-Modelle, sogenannte digitale Zwillinge, die man drehen, vergrößern und virtuell aus jeder Richtung beleuchten kann. Damit muss niemand mehr Farbe auf die Steine streichen, um etwas zu erkennen. Zugleich wurden Archivnotizen und alte Fotos digitalisiert. Seit 2025 ist das Ergebnis als frei zugängliche, zweisprachige Online-Edition beim Gotlands Museum abrufbar, mit einem Profil, einem 3D-Modell und Fundortangaben für jeden Stein. Parallel laufen Untersuchungen zu Gesteinsherkunft und Farbresten sowie ein Projekt zur Frage, warum heidnische Bildsteine in mittelalterlichen Kirchen landeten.
Wir arbeiten mit dem Laser, nicht mit dem Meißel. Aber das Grundprinzip ist dasselbe: Eine Fläche, ein Bild, eine Geschichte, die ohne viele Worte verstanden werden will. Diese Idee steckt in unserem Motiv nach dem Atli-Stein, und sie begleitet uns bei jeder Gravur auf Schiefer. Wenn wir nordische Motive gestalten, schauen wir deshalb auf die Originale – und auf das, was die Forschung über sie sagt, nicht auf das, was eine Fernsehserie daraus gemacht hat.
Wie alt sind die Bildsteine von Gotland? Sie entstanden etwa zwischen 400 und 1100 n. Chr., also von der Völkerwanderungszeit bis ins frühe Mittelalter. Die großen Erzählsteine mit Schiffen und Reitern gehören meist ins 8. bis 10. Jahrhundert.
Wie viele Bildsteine gibt es? Bekannt sind heute rund 700 Steine und Fragmente (Stand 2024). Bei Kirchenrestaurierungen kommen laufend neue hinzu.
Zeigen die Bildsteine Odin und Walhall? Manche Szenen lassen sich gut mit Odins Pferd Sleipnir oder der Ankunft in Walhall verbinden. Auf den Steinen selbst steht aber kein Name; diese Lesungen sind begründete Deutungen mithilfe späterer isländischer Texte.
Waren die Bildsteine bemalt? Sehr wahrscheinlich ja, auf wenigen Steinen gibt es schwache Farbspuren. Die rote und schwarze Farbe, die du heute auf vielen Steinen siehst, ist aber modern und wurde zur besseren Sichtbarkeit aufgetragen.
Wo kann man die Bildsteine sehen? In der Bildsteinhalle des Gotlands Museum (Fornsalen) in Visby, im Historischen Museum in Stockholm, im Freilichtmuseum Bunge sowie in und an vielen Kirchen auf Gotland.
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