Sie trugen die Schlüssel zum Hof, erbten Land, ließen sich scheiden und gaben Runensteine in Auftrag. Und doch durften die meisten von ihnen vor Gericht nicht für sich selbst sprechen. Die Frauen der Wikingerzeit passen in kein Klischee – weder in das der stillen Hausfrau noch in das der Kriegerin mit Axt.
Wer über Frauen im Norden der Jahre 800 bis 1100 schreibt, steht vor einem Grundproblem: Fast alles, was wir über diese Zeit lesen können, haben Männer aufgeschrieben, und das meist Jahrhunderte später. Trotzdem lässt sich ein erstaunlich klares Bild zeichnen. Gräber, Runensteine, Gesetzbücher, Sagas und die Berichte fremder Reisender widersprechen sich zwar oft im Detail. In der Grundlinie aber stimmen sie überein: Frauen hatten im Norden eine Stellung, die im Europa ihrer Zeit auffällt. Gleichberechtigt im heutigen Sinn waren sie nicht.
Dieser Artikel geht der Sache Stück für Stück nach – von der Heirat über Arbeit und Erbe bis zu den Seherinnen, den reichsten Gräbern und der Frage, ob es Kriegerinnen gab. Wo die Belege dünn werden, steht das dabei.
Vier Quellengruppen tragen das Wissen über die Wikingerfrauen, und jede hat ihre eigene Schlagseite.
Die Archäologie ist die einzige Quelle aus der Zeit selbst. Frauengräber erkennt man in der Regel am Schmuck: an den paarigen Schalenfibeln (wegen ihrer Form oft „Schildkrötenfibeln“ genannt), mit denen das Trägerkleid an den Schultern gehalten wurde, an Perlenketten, Spinnwirteln, Webgewichten, Scheren und Schlüsseln. Seit einigen Jahren kommen Knochenanalysen, Isotopenmessungen und DNA hinzu. Sie haben manche alte Zuordnung umgestoßen, in beide Richtungen.

Die Runensteine, vor allem aus Schweden und Dänemark und überwiegend aus dem 10. und 11. Jahrhundert, sind zeitgenössische Inschriften. Frauen tauchen darauf als Verstorbene auf, aber auch als Auftraggeberinnen. Viele Steine nennen Erbfolgen, ohne es auszusprechen: Wer den Stein setzen ließ, war oft auch der, der erbte.
Die Gesetzbücher wie die isländische Grágás („Graugans“) oder die norwegischen Rechte von Gulaþing und Frostaþing sind erst im 12. und 13. Jahrhundert aufgeschrieben worden, also nach der Christianisierung. Sie bewahren zwar ältere Regeln, aber man weiß nie genau, welche Bestimmung alt ist und welche kirchlich überformt.
Die Sagas schließlich sind großartige Literatur des 13. und 14. Jahrhunderts. Ihre Frauen – Guðrún Ósvífrsdóttir, Hallgerðr, Bergþóra, Auðr – sind unvergesslich. Als historische Protokolle taugen sie aber nur bedingt. Sie zeigen, wie isländische Autoren des Hochmittelalters sich ihre Vorfahren vorstellten. Dazu kommen Berichte von außen, etwa der arabische Gesandte Ibn Faḍlān, der um 922 an der Wolga Rus beobachtete, und Chronisten aus England, dem Frankenreich und Byzanz.
Wer die vier Gruppen nebeneinanderlegt, kommt zu belastbaren Aussagen. Wer nur eine liest, landet schnell bei einem Zerrbild.
Eine Ehe war im Norden zunächst eine Abmachung zwischen zwei Sippen. Romantik spielte in den Verhandlungen keine große Rolle. Was zählte, waren Besitz, Bündnisse und Ansehen. Der Bräutigam oder seine Familie zahlte den mundr, den Brautpreis. Die Familie der Braut gab ihr die heimanfylgja mit, die Mitgift. Am Morgen nach der Hochzeit kam die morgingjöf hinzu, die Morgengabe des Mannes.
Entscheidend ist ein Detail, das man leicht übersieht: Diese Werte gingen nicht einfach in einem gemeinsamen Topf auf. Sie blieben der Frau zugeordnet. Ging die Ehe auseinander oder starb der Mann, konnte sie diese Anteile zurückfordern. Damit hatte eine verheiratete Frau ein eigenes wirtschaftliches Polster, und ihre Familie hatte einen Grund, über ihr Wohlergehen zu wachen.
Gefragt wurde die Braut vor allem bei der ersten Ehe nicht immer. Die Gesetze legen die Verlobung in die Hände des Vaters oder des nächsten männlichen Verwandten. Witwen dagegen hatten nach den isländischen und norwegischen Rechten deutlich mehr Mitsprache, und in den Sagas setzen sich verwitwete Frauen immer wieder durch. Die Literatur ist voller Frauen, die einen ungeliebten Mann ablehnen oder ihn ihre Verachtung spüren lassen. Ob das die Wirklichkeit der Wikingerzeit spiegelt oder die Vorlieben späterer Erzähler, lässt sich nicht sicher sagen.
Neben der Ehe gab es das Konkubinat. Eine frilla lebte mit einem Mann zusammen, ohne dass Brautpreis und Mitgift ausgehandelt waren. Vor allem Könige und Häuptlinge hatten neben der Ehefrau weitere Partnerinnen. Die Kinder solcher Verbindungen konnten erben, standen aber rechtlich schlechter da. Für die Frauen selbst war diese Stellung unsicherer als die einer Ehefrau.
Kaum ein Punkt überrascht heutige Leser so sehr wie dieser. Eine Ehe ließ sich im heidnischen Norden lösen, und zwar von beiden Seiten. In den Sagas genügt dafür eine förmliche Erklärung vor Zeugen, die oft an zwei Orten wiederholt wird: am Ehebett und an der Haustür. Damit war die Sache erledigt. Gestritten wurde danach vor allem ums Geld, also um mundr und Mitgift.
Berühmt ist eine Episode aus der Laxdæla saga. Guðrún Ósvífrsdóttir will ihren ersten Mann Þorvaldr loswerden. Auf Rat von Þórðr Ingunnarson näht sie ihm ein Hemd mit so weitem Ausschnitt, dass es als Frauenkleidung gelten kann – und erklärt die Scheidung. Wenig später trennt sich Þórðr seinerseits von seiner Frau Auðr mit der Begründung, sie trage Männerhosen. Die Geschichte ist eher Anekdote als Rechtsquelle. Aber sie zeigt, dass die Erzähler eine schnelle Scheidung für etwas Normales hielten.
In der Njáls saga verlässt Unnr ihren Mann Hrútr, weil die Ehe nicht vollzogen werden kann, und ihr Vater fordert danach die Rückgabe des Vermögens ein. Wieder steht das Geld im Mittelpunkt, nicht die Frage, ob eine Frau überhaupt gehen darf.
Mit der Kirche änderte sich das. Das kirchliche Eherecht kannte keine Scheidung im heidnischen Sinn, nur Trennung unter engen Bedingungen. Die späteren Gesetzbücher zeigen diesen Übergang. Das heißt aber auch: Die leichte Scheidung gehört in die vorchristliche Zeit und in die erste Generation danach, nicht ins ganze Mittelalter.
Innerhalb des Hofes hatte die Frau des Bauern, die húsfreyja, das Sagen. Sie verwaltete die Vorräte, teilte das Gesinde ein, kümmerte sich um Milchwirtschaft, Kleidung und Kranke. Auf großen Höfen war das kein kleines Amt, sondern die Leitung eines Betriebs mit Dutzenden Menschen und Tieren, der einen langen Winter überstehen musste.
Das Zeichen dieser Stellung waren die Schlüssel. In zahlreichen Frauengräbern der Wikingerzeit liegen Schlüssel am Gürtel oder an einer Kette an der Fibel. Manche davon passen zu Truhen und Kästchen, andere sind so klein oder so verziert, dass man sie eher als Abzeichen deutet. Wie selbstverständlich Schlüssel zur Frau gehörten, zeigt die Edda: Als Thor sich im Lied Þrymskviða als Freyja verkleidet, um seinen gestohlenen Hammer zurückzuholen, lassen die Götter Schlüssel an seinem Gürtel klirren. Ohne sie wäre die Verkleidung nicht vollständig gewesen.
Diese Macht hatte eine klare Grenze. Sie endete an der Hoftür. Draußen, auf dem Thing, im Bündnis mit Nachbarn, auf Fahrt, sprach in der Regel der Mann. Wenn er aber monatelang fort war – auf Handelsfahrt, im Krieg oder für immer –, lag alles bei ihr. Viele Frauen führten deshalb über lange Strecken einen Hof allein, nicht als Ausnahme, sondern als Teil des normalen Lebens.
Ein großer Teil der Frauenarbeit war Textilarbeit, und die war wirtschaftlich alles andere als Nebensache. Wolle musste geschoren, gezupft, sortiert, gesponnen, gewebt, gewalkt und gefärbt werden. Spinnwirtel aus Stein, Ton oder Bein gehören zu den häufigsten Funden überhaupt. Am aufrechten Gewichtswebstuhl entstanden die Stoffe für Kleidung, Decken, Säcke und Zelte – und für die Segel.
Ein Segel für ein großes Langschiff umfasste viele Quadratmeter dichtes Wollgewebe. Rekonstruktionsversuche der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, wie viel Arbeit darin steckt: Je nach Schätzung brauchte es für ein einziges großes Segel Arbeitsjahre, nicht Wochen. Die genauen Zahlen schwanken stark, weil sie von Annahmen über Wollqualität und Arbeitstempo abhängen. Die Richtung aber ist eindeutig. Ohne die Arbeit vieler Frauen wäre keine Flotte ausgelaufen.
In Island wurde Wollstoff, das vaðmál, sogar zu einer Art Währung. Abgaben und Preise wurden in Ellen dieses Stoffs gerechnet. Wer webte, schuf also im wörtlichen Sinn Zahlungsmittel. Auch feine Arbeiten wie das Brettchenweben für Borten oder Stickereien mit Woll- und Seidenfäden waren Frauensache. Die schmalen Bildteppiche aus dem Oseberg-Grab sind das berühmteste Beispiel.
Wie hoch solches Können geschätzt wurde, zeigt ein Runenstein aus Norwegen. Auf dem Dynna-Stein aus Hadeland, um 1040 bis 1050 gesetzt, heißt es, Gunnvǫr, Tochter des Þryðríkr, habe eine Brücke bauen lassen zum Gedenken an ihre Tochter Ástríðr. Und weiter: Sie sei das geschickteste Mädchen in Hadeland gewesen. Vermutlich ist ihre Handarbeit gemeint. Das Lob, das eine Mutter für ihre Tochter in Stein meißeln ließ, galt nicht der Schönheit, sondern dem Können.

Daneben stand die übrige Hofarbeit: melken, buttern, Käse und Skyr bereiten, Fleisch und Fisch räuchern und trocknen, Bier brauen, Brot backen, Kräuter sammeln. Kinder großziehen kam dazu. Das klingt nach dem, was man „Hausarbeit“ nennt. In einer Welt ohne Läden war es die Grundlage dafür, dass ein Hof den Winter überlebte.
Waren Frauen auch im Handel tätig? Die Antwort ist vorsichtig ja. In einigen Frauengräbern, etwa in Birka am Mälaren und in Kaupang im Oslofjord, fanden sich Klappwaagen und Gewichte, wie man sie zum Abwiegen von Silber brauchte. Ob diese Frauen selbst Handel trieben, ob sie den Besitz eines Haushalts verwalteten oder ob die Waage ein Statussymbol war, lässt sich am einzelnen Grab nicht entscheiden. Dass Frauen mit Silber umgingen, steht aber außer Frage.
Ein Fremder hat dazu eine bemerkenswerte Beobachtung hinterlassen. Ibn Faḍlān, Gesandter des Kalifen von Bagdad, sah um 922 an der Wolga Kaufleute der Rus, die aus Skandinavien stammten oder skandinavische Wurzeln hatten. Er beschreibt, die Frauen trügen auf der Brust Dosen aus Eisen, Silber, Kupfer oder Gold, je nach dem Reichtum ihrer Männer, und um den Hals Ringe. Jeder Ring stehe für eine bestimmte Summe, die der Mann besitze. Ob diese Deutung stimmt oder ob Ibn Faḍlān sich etwas erklären ließ, was er nicht verstand, ist offen. Sicher ist: Der Reichtum einer Familie war am Körper ihrer Frauen sichtbar.
Mehr dazu, wie Silber, Waagen und Hacksilber den Handel bestimmten, steht im Artikel über den Handel der Wikinger; den Bericht des Gesandten haben wir im Artikel über Ibn Faḍlān ausführlich behandelt.
Ein Grundsatz zieht sich durch die nordischen Rechte: Söhne gingen vor Töchtern. Gab es Söhne, erbten Töchter weniger oder nichts vom Land. Gab es keine, konnten Töchter, Witwen und Mütter durchaus erben, auch Grund und Boden. Das unterscheidet den Norden etwa von der fränkischen Lex Salica, die Frauen vom sogenannten salischen Land ausschloss.
Wie das in der Praxis aussah, erzählt kein Gesetzbuch so anschaulich wie ein Stein. Auf dem Hillersjö-Stein in Uppland (U 29), gesetzt im späten 11. Jahrhundert, hat der Runenmeister Þorbjǫrn Skald eine ganze Familiengeschichte eingeritzt. Sie beginnt mit der Aufforderung „Deute!“. Dann folgt: Geirmundr heiratete Geirlaug, als sie jung war. Sie bekamen einen Sohn, Geirmundr ertrank, später starb auch der Sohn. Geirlaug heiratete Guðríkr, von ihren Kindern überlebte nur die Tochter Inga. Inga heiratete Ragnfastr von Snottsta; als er und ihr gemeinsamer Sohn starben, erbte Inga den Hof. Sie heiratete erneut, starb kinderlos – und so erbte am Ende Geirlaug, die Mutter, von der Tochter.

Diese Inschrift ist mehr als eine Grabnotiz. Sie ist ein öffentlich aufgestelltes Beweisdokument: Wer hier vorbeikam, konnte nachlesen, warum dieser Besitz jetzt einer Frau gehörte. Inga selbst hat übrigens mehrere Steine für ihren Mann Ragnfastr setzen lassen, die zum Teil noch erhalten sind. Sie nennt sich darin als Erbin.
Frauen tauchen auf Runensteinen erstaunlich oft als Auftraggeberinnen auf – allein oder gemeinsam mit Söhnen und Brüdern. Die schwedische Historikerin Birgit Sawyer hat gezeigt, wie eng diese Steine mit Erbfragen verknüpft sind. Mit dem Christentum kam eine neue Form hinzu: Frauen ließen Brücken und Wege bauen „für die Seele“ eines Verstorbenen, wie Gunnvǫr auf dem Dynna-Stein. Ein solcher Brückenbau galt als frommes Werk.
Zwei berühmte Steine aus Dänemark gehen auf dieselbe Frau zurück: Ragnhildr ließ den Stein von Glavendrup für Alli, nach gängiger Deutung ihren ersten Mann, und den von Tryggevælde für ihren Mann Gunnulfr. Beide Inschriften drohen jedem, der den Stein zerstört, mit einem Fluch. Mehr dazu im Artikel über Glavendrup und Tryggevælde.
Hier wird das Bild nüchterner. Die Versammlungen, auf denen Recht gesprochen, Streit geschlichtet und Politik gemacht wurde, waren im Kern eine Sache der freien Männer. In Island konnte eine Frau kein goði sein, also keine Häuptlingswürde mit Sitz am Allthing innehaben, und sie saß auch nicht als Richterin. Die Grágás verlangt für die Führung einer Totschlagsklage einen freigeborenen Erben, der mindestens sechzehn Winter alt ist – und die Eyrbyggja saga sagt ausdrücklich, eine Frau oder ein Junge unter sechzehn könne eine solche Klage nie führen. Frauen mussten ihre Sache von einem männlichen Verwandten vertreten lassen.
In Norwegen lag die Grenze etwas anders, und daran sieht man, dass „die Wikingerfrau“ keine einheitliche Figur war. Nach dem älteren Recht von Gulaþing konnte eine Witwe mit denselben Rechten und Pflichten wie ihr verstorbener Mann zur Versammlung kommen. Wurde ein verheirateter Mann erschlagen, war es nach diesem Recht die Witwe, die das Thing einberufen musste, nicht seine männlichen Verwandten. Das Frostaþing-Recht erwartete von einer Frau, die einen Hof besaß, dass sie beim Aufgebot selbst erschien; nur mit gutem Grund durfte sie einen Mann schicken.
Das norwegische Recht kennt sogar ein eigenes Wort für eine Frau an der Spitze ihrer Sippe: baugrýgr, wörtlich etwa „Ringfrau“. Gemeint ist eine unverheiratete Frau, die als Erbin die Stellung des Familienoberhaupts übernommen hatte und Bußen in Ringen empfangen und zahlen durfte – bis sie heiratete. Die Forscherin Else Mundal hat daraus geschlossen, dass die Teilnahme von Frauen am öffentlichen Leben eher eine Frage der Praxis war als eine des Prinzips: Wo kein Mann da war, trat die Frau ein.
Unterm Strich bleibt: Frauen hatten Rechte, Besitz und Einfluss, aber keinen gleichen Zugang zur öffentlichen Macht. Wer heute von einer „gleichberechtigten Wikingergesellschaft“ spricht, überspringt diesen Teil. Wer umgekehrt behauptet, Frauen seien rechtlos gewesen, überspringt den anderen.
Die meisten Frauen der Wikingerzeit sind namenlos geblieben. Einige wenige aber treten aus dem Dunkel, mal durch einen Stein, mal durch eine Chronik, mal nur durch eine Saga.
Thyra ist die erste Frau der dänischen Geschichte, die wir sicher greifen können. König Gorm ließ in Jelling einen Stein für sie setzen und nennt sie tanmarkaR but, „Dänemarks Zierde“ oder „Dänemarks Stärkung“ – die Deutung ist umstritten. Ihr Sohn Harald Blauzahn erwähnt sie auf dem großen Jelling-Stein erneut. Was sie selbst getan hat, wissen wir nicht. Die späteren Legenden, sie habe das Danewerk gebaut, stammen aus dem Hochmittelalter. Mehr dazu im Artikel über Thyra Danebod.
Auðr die Tiefsinnige (Auðr djúpúðga) gehört zu den großen Gestalten der isländischen Landnahme. Nach dem Landnámabók und der Laxdæla saga verlor sie Mann und Sohn auf den Britischen Inseln, ließ ein Schiff bauen, segelte mit ihrem Gefolge über Orkney und die Färöer nach Island, nahm am Breiðafjörður Land, verteilte es an ihre Leute und ließ Unfreie frei. Wie viel davon Legende ist, lässt sich nicht genau sagen. Dass die Isländer des 13. Jahrhunderts einer Frau diese Gründerrolle zuschrieben, sagt viel. Ihre Geschichte steht im Artikel über Auðr die Tiefsinnige.
Guðríðr Þorbjarnardóttir ist die vielleicht weitestgereiste Frau des Mittelalters. Nach den beiden Vinland-Sagas lebte sie in Island und Grönland, fuhr nach Nordamerika, bekam dort einen Sohn namens Snorri und pilgerte später nach Rom. Die Details unterscheiden sich zwischen Grænlendinga saga und Eiríks saga rauða. Dass Frauen mit nach Vinland fuhren, stützt ein unscheinbarer Fund: In L'Anse aux Meadows auf Neufundland kam ein Spinnwirtel aus Speckstein zutage. Gesponnen wurde dort also auch.
Freydís Eiríksdóttir, Tochter Eriks des Roten, ist die dunkle Gegenfigur. Die Sagas schildern sie einmal als furchtlose Frau, die hochschwanger das Schwert eines Gefallenen aufhebt, es gegen ihre entblößte Brust schlägt und damit die Angreifer in die Flucht treibt, einmal als Anstifterin eines Massakers an den eigenen Gefährten. Beides sagt mehr über die Erzähler als über die historische Person. Mehr im Artikel über Freydís.
Olga von Kiew regierte im 10. Jahrhundert das Reich der Rus für ihren minderjährigen Sohn Swjatoslaw. Ihr Name ist eine slawische Form des nordischen Helga. Die Nestorchronik beschreibt ihre Rache an den Drewljanen, die ihren Mann Igor getötet hatten, in grausamen Einzelheiten, die eher nach Sage als nach Bericht klingen. Gesichert ist ihr Besuch in Konstantinopel, den der byzantinische Kaiser Konstantin VII. selbst festhielt, und ihre Taufe.
Andere berühmte Namen stehen auf schwankendem Boden. Gunnhildr, die Frau Erik Blutaxts, erscheint in den Sagas als machtgierige Zauberin – ein Bild, das norwegische Geschichtsschreiber einer politischen Gegnerin angehängt haben dürften. Sigrid die Stolze ist so widersprüchlich überliefert, dass manche Forscher bezweifeln, ob es sie als eine Person überhaupt gab. Und Lagertha kennen wir nur aus Saxo Grammaticus, der um 1200 schrieb.
In einem Bereich überragten Frauen die Männer: im Umgang mit dem Verborgenen. Die Völva, die Seherin, war eine geachtete und zugleich gefürchtete Gestalt. Sie zog von Hof zu Hof, wurde bewirtet und befragt, wie der Winter werde, wie eine Ehe ausgehe, ob ein Unglück drohe. Ihre Kunst hieß seiðr, eine Form von Zauber und Weissagung, die als weiblich galt. Männer, die sie ausübten, setzten sich dem Vorwurf der Unmännlichkeit aus – selbst Odin muss sich in der Edda diesen Spott von Loki anhören.
Die ausführlichste Schilderung steht in der Eiríks saga rauða. In einer Hungersnot in Grönland wird die Seherin Þorbjǫrg, genannt „die kleine Völva“, auf einen Hof geholt. Die Saga beschreibt ihre Kleidung bis ins Detail: einen blauen Mantel mit Steinen besetzt, eine Kapuze aus schwarzem Lammfell mit weißem Katzenfell gefüttert, Handschuhe aus Katzenfell, einen Stab mit Messingknauf, einen Beutel mit Zaubermitteln. Man setzt sie auf einen erhöhten Sitz, eine junge Frau singt die nötigen Lieder, und die Seherin sagt das Ende der Not voraus. Die Saga ist zweihundert Jahre jünger als die Ereignisse. Und doch: Mehrere Einzelheiten haben in Gräbern ihr Gegenstück gefunden.
Das bekannteste Beispiel liegt bei der Ringburg Fyrkat in Nordjütland. Dort wurde eine Frau in einem Wagenkasten bestattet, in kostbarer Kleidung mit Goldfäden. Sie trug silberne Zehenringe, die sonst aus Skandinavien nicht bekannt sind. In einem kleinen Beutel lagen Samen des Bilsenkrauts, einer giftigen, berauschenden Pflanze. Dazu kamen ein Metallstab mit Bronzebeschlägen, ein Kästchen mit Eulengewöllen und kleinen Knochen, ein silbernes Amulett in Form eines Stuhls. Das dänische Nationalmuseum deutet sie vorsichtig als mögliche Seherin. Der Stuhl erinnert an den erhöhten Sitz der Völva, der Stab an die Stäbe der Sagas. Beweisen lässt sich die Deutung nicht, aber sie ist gut begründet. Mehr dazu im Artikel über das Bilsenkraut und das Grab von Fyrkat.
Eisenstäbe dieser Art sind inzwischen aus einer ganzen Reihe von Frauengräbern bekannt, in Skandinavien wie in den Siedlungsgebieten im Osten. Der Archäologe Neil Price hat sie in seinem Buch The Viking Way als Zauberstäbe gedeutet. Die junge Frau, die in der Saga für Þorbjǫrg die Lieder singt, ist übrigens Guðríðr – dieselbe, die später nach Vinland fuhr. Diese Deutung ist heute verbreitet, aber nicht unumstritten.
Auch im Kult hatten Frauen ihren Platz. Die Göttinnen Frigg und Freyja standen den Göttern an Rang kaum nach, und Freyja galt als Lehrmeisterin des seiðr. Weibliche Schutzgeister, die Dísir, erhielten eigene Opfer. Ob Frauen bei den großen Blóts auch als Leiterinnen auftraten, ist schlecht belegt. Bei häuslichen Riten dürften sie eine zentrale Rolle gespielt haben. Ausführlich zur Seherin siehe den Artikel über die Völva und über Seiðr.
Ein Blick auf die Gräber stellt eine verbreitete Annahme auf den Kopf: Das prächtigste Grab der ganzen Wikingerzeit gehört nicht einem König, sondern zwei Frauen.
Im Herbst des Jahres 834 – so genau datieren die Jahresringe der Hölzer in der Grabkammer – wurden in Oseberg am Oslofjord zwei Frauen in einem prachtvollen Schiff beigesetzt. Die ältere war um die achtzig Jahre alt und litt an schwerer Arthrose. Die jüngere wurde lange auf 25 bis 30 geschätzt, neuere Untersuchungen der Zähne sprechen für etwa 50 bis 55 Jahre. Mitgegeben wurden ihnen der einzige vollständig erhaltene Wagen der Wikingerzeit, vier verzierte Schlitten, Betten, Truhen, Küchengeräte, Webgerät, Seide aus dem Osten und die schmalen Bildteppiche mit Prozessionen von Menschen und Wagen. Edelmetall fand sich keines, weil das Grab schon früh beraubt worden war.

Wer die beiden waren, weiß niemand. Die alte Vermutung, die ältere sei Königin Åsa, die Großmutter Harald Schönhaars, lässt sich nicht beweisen. Andere sehen in ihr eine Priesterin oder Seherin. Eine frühe DNA-Analyse, die der jüngeren Frau Vorfahren aus dem Schwarzmeerraum zuschrieb, konnte von späteren Studien nicht bestätigt werden. Fest steht nur: Eine Gesellschaft, die so viel Aufwand für zwei Frauen trieb, sah in ihnen keine Nebenfiguren. Mehr dazu im Artikel über das Oseberg-Schiff.
Auch abseits der Fürstengräber zeigen Bestattungen, wie Frauen gesehen wurden. Reiche Frauengräber enthalten Pferde, Wagen, Bronzeschalen, Glasperlen in großer Zahl, manchmal Silber aus dem Kalifat. Die Grabsitte unterschied klar zwischen Männern und Frauen, aber nicht nach dem Schema „wichtig“ und „unwichtig“. Sie unterschied nach Rollen.
Das ist die Frage, die heute fast jeder stellt, und sie verdient eine ehrliche Antwort in zwei Teilen.
Der erste Teil ist ein Fund. 1878 grub Hjalmar Stolpe in Birka das Kammergrab Bj 581 aus. Darin lag, um die Mitte des 10. Jahrhunderts bestattet, ein Mensch mit Schwert, Axt, zwei Speeren, Sax, 25 Pfeilspitzen, zwei Schilden, zwei gezäumten Pferden und einem Spielbrett mit Spielsteinen und Würfeln. Über ein Jahrhundert lang galt es als Musterbeispiel eines Kriegergrabs. 2017 zeigte eine Untersuchung um Charlotte Hedenstierna-Jonson, dass die bestattete Person genetisch weiblich war. 2019 legte das Team um Neil Price in der Zeitschrift Antiquity eine ausführlichere Deutung nach und setzte bewusst ein Fragezeichen in den Titel: „Viking warrior women?“

Der zweite Teil ist die Diskussion darüber. Kritikerinnen wie die britische Wikinger-Forscherin Judith Jesch halten die Deutung als ranghohe Kriegerin für weitergehend, als die Befunde tragen. Waffen im Grab bedeuten nicht automatisch, dass jemand gekämpft hat; sie können Rang, Familie oder Ideal ausdrücken. Auch Männer wurden mit Waffen bestattet, die sie nie benutzt hatten. Umgekehrt gilt: Hätte man bei einem Mann mit derselben Ausstattung je gezweifelt? Das ist das stärkste Argument der Befürworter. Ausführlich nachgezeichnet ist der Fall im Artikel über Bj 581.
Was die Schriftquellen angeht, wird es dünn. Saxo Grammaticus erzählt um 1200 von Schildmaiden wie Lagertha und Hetha, die ganze Heere angeführt haben sollen – in einem Werk voller Sagenstoff. Die isländischen Sagas kennen bewaffnete Frauen fast nur in Ausnahmesituationen oder in der Heldendichtung, etwa die Hervör, die ihren toten Vater um sein Schwert bittet. Der byzantinische Geschichtsschreiber Johannes Skylitzes berichtet, nach einer Schlacht der Rus gegen Byzanz 971 habe man unter den Gefallenen bewaffnete Frauen gefunden. Das ist eine der wenigen zeitnahen Nachrichten, aber auch sie ist nur ein einzelner Satz.
Daraus ergibt sich ein abgestuftes Bild. Dass einzelne Frauen gekämpft haben, ist möglich und für manche Fälle wahrscheinlich. Dass es eine Kriegerinnenkultur mit vielen Schildmaiden gab, wie Serien es zeigen, dafür gibt es keine belastbaren Belege. Die Schildmaid ist in erster Linie eine literarische Figur, die ihre Kraft gerade daraus bezog, dass sie ungewöhnlich war. Mehr dazu im Artikel über die Schildmaid und über die Walküren.
Alles bisher Gesagte gilt für freie Frauen, meist aus wohlhabenden Familien. Ein erheblicher Teil der Frauen im Norden war aber unfrei. Sklavinnen, altnordisch ambáttir, arbeiteten an der Mühle, im Stall, am Webstuhl. Sie hatten keine Rechte an ihrem Körper, und die Quellen machen keinen Hehl daraus, dass sie sexuell ausgebeutet wurden.
Viele von ihnen stammten von den Raubzügen, besonders aus Irland und Schottland. Die Genetik hat dazu eine bemerkenswerte Spur geliefert: Eine Studie um Agnar Helgason kam 2001 zu dem Ergebnis, dass die mütterliche Abstammung der heutigen Isländer – gemessen an der mitochondrialen DNA – zu rund 60 Prozent auf die Britischen Inseln zurückgeht, die väterliche dagegen zu rund 80 Prozent auf Skandinavien. Das heißt nicht, dass all diese Frauen Sklavinnen waren; manche kamen als Ehefrauen aus gemischten Familien der Wikingersiedlungen in Irland und Schottland. Aber es zeigt, wie viele Frauen ihr Leben fern der Heimat ihrer Mütter verbrachten.
Den härtesten Blick auf diese Wirklichkeit wirft Ibn Faḍlān. Er schildert die Bestattung eines Rus-Anführers an der Wolga, bei der eine Sklavin getötet und mit ihm verbrannt wurde. Ob man den Bericht in allen Einzelheiten glauben darf, ist umstritten; als Zeugnis eines Augenzeugen hat er trotzdem großes Gewicht. Auch in einigen skandinavischen Gräbern liegen zwei Menschen, von denen einer offenbar geopfert wurde. Die Geschichte der Wikingerfrauen ist also nicht nur eine Geschichte starker Hausherrinnen. Mehr dazu im Artikel über die Sklaverei bei den Wikingern.
Lange galt die Wikingerfahrt als reine Männersache. Das stimmt für die meisten Raubzüge. Für die Besiedlung neuer Länder stimmt es nicht. Wer in England, Irland, auf den Orkneys, den Färöern, in Island oder Grönland Höfe gründete, brachte Familien mit. In England fanden Archäologen Frauengräber mit skandinavischem Schmuck, und Untersuchungen von Gräbern im Gebiet des Danelag legen nahe, dass deutlich mehr skandinavische Frauen über die Nordsee kamen, als man lange dachte.
Die Chroniken bestätigen das indirekt. Die Angelsächsische Chronik berichtet zum Jahr 893, das dänische Heer habe seine Frauen, seine Schiffe und seinen Besitz nach East Anglia in Sicherheit gebracht, bevor es weiterzog. Ein Heer mit Familie im Tross ist kein Raubtrupp mehr, sondern eine Wanderung.
In Island und Grönland schließlich waren Frauen unverzichtbar. Ohne sie keine Kleidung, keine Milchwirtschaft, keine nächste Generation. Dass mit Auðr eine Frau zu den bekanntesten Landnehmern gehört und mit Guðríðr eine Frau zu den bekanntesten Amerikafahrern, ist kein Zufall der Überlieferung.
Frauen gehörten im Norden oft zu den frühen Christinnen. Viele Runensteine mit Kreuzen und Gebetsformeln wurden von Frauen gesetzt, und die Brückensteine sind ein typisches Zeichen dieser neuen Frömmigkeit. Manche Forscher vermuten, das Christentum habe Frauen einen eigenen Raum geboten, etwa durch die Sorge für das Seelenheil der Toten. Das lässt sich nicht für jede Region belegen.
Rechtlich brachte die neue Religion beides. Sie verbot das Aussetzen von Neugeborenen, das Mädchen besonders getroffen haben dürfte, und forderte die Zustimmung der Braut zur Ehe. Zugleich schränkte sie die Scheidung ein und band Frauen fester an Ehe und Haus. Ob die Stellung der Frau sich insgesamt verbesserte oder verschlechterte, ist in der Forschung bis heute umstritten. Wahrscheinlich hängt die Antwort davon ab, welche Frau man fragt: die Witwe mit eigenem Hof, die junge Braut oder die Unfreie.
„Wikingerfrauen waren gleichberechtigt.“ Nein. Sie hatten Eigentum, Erbrecht und Scheidungsrecht, aber keinen gleichen Zugang zu Thing, Gericht und Herrschaft. Gemessen an anderen Teilen Europas war ihre Stellung stark, gemessen an heutigen Maßstäben nicht.
„Frauen hatten nichts zu sagen.“ Ebenso falsch. Innerhalb des Hofes führten sie das Regiment, und als Witwen, Erbinnen und Auftraggeberinnen von Runensteinen traten sie öffentlich in Erscheinung.
„Es gab viele Schildmaiden.“ Dafür fehlen die Belege. Gesichert ist ein umstrittenes Waffengrab einer Frau und eine Handvoll knapper Schriftnotizen; der Rest ist Sage und Serie.
„Die Sagas zeigen, wie es war.“ Sie zeigen, wie Isländer des 13. Jahrhunderts sich die Vergangenheit vorstellten. Viele Details passen zu Funden, viele nicht. Jede Saga-Szene ist zuerst Erzählung.
„Die Schalenfibel war Wikingerschmuck für alle.“ Die paarigen Fibeln sind typisch für freie, meist wohlhabende Frauen in Skandinavien und in den Siedlungsgebieten. Wer sie trug, zeigte damit Herkunft und Stand. Mehr zur Tracht im Artikel über Wikinger-Kleidung und über Wikinger-Schmuck.
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