Die Werkzeugkiste von Mästermyr ist der größte zusammenhängende Werkzeugfund der Wikingerzeit: eine Eichenkiste, die ein Bauer im Oktober 1936 beim Pflügen eines trockengelegten Moors im Süden Gotlands fand, gefüllt mit Hämmern, Zangen, Ambossen, Äxten, Löffelbohrern, Feilen, Sägen, Schlössern und Rohmaterial. Sie gehört einem Handwerker, der schmieden, zimmern und Bleche treiben konnte – und sie liegt heute in Stockholm. Hier erfährst du, was genau in der Kiste lag, wie alt sie ist, wem sie gehört haben könnte und was Nachbauten und Spurenvergleiche über die Arbeit dieses Mannes verraten.
Ein Pflug zieht zum ersten Mal durch einen Acker, der dreißig Jahre zuvor noch Sumpf war. Dann ein Ruck, ein Knirschen, Eisen auf Eisen. Was Hugo Kraft im Oktober 1936 aus der Erde holt, sieht zunächst aus wie ein verrosteter Klumpen. Tatsächlich ist es die vollständige Ausrüstung eines Handwerkers, der vor rund tausend Jahren gelebt hat – sauber verpackt, abgeschlossen, mit einer Kette umwickelt. Und dann nie wieder abgeholt.
Die berühmten Dinge der Wikingerzeit kennst du: Schwerter mit eingelegten Namen, Fibeln mit verschlungenen Tieren, Schiffe mit geschnitzten Steven. Was fast nie überliefert ist, sind die Werkzeuge, mit denen all das gemacht wurde. Genau deshalb ist Mästermyr so wertvoll. Wir schauen uns den Fund Stück für Stück an, trennen sauber zwischen Befund und Deutung und erzählen am Ende, warum gerade uns als kleiner Werkstatt diese Kiste so nahegeht.
Mästermyr ist ein ehemaliges Moor- und Seegebiet im Süden Gotlands, westlich des Ortes Hemse, zwischen den Kirchen von Silte und Sproge. Im Wort steckt schwedisch myr, „Moor, Sumpf“. In der Wikingerzeit lag hier offenes, flaches Wasser. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Gebiet durch Gräben entwässert und nach und nach in Ackerland verwandelt.
Im Oktober 1936 pflügte der Landwirt Hugo Kraft eine Fläche in der Gemarkung Sproge, die bis dahin noch nie unter dem Pflug gewesen war. Die Pflugschar traf auf die Kiste. Bemerkenswert: Sie war trotz des Treffers weitgehend unversehrt geblieben. Im schwedischen Fundregister trägt die Fundstelle heute die Bezeichnung Sproge 113:1, im Statens historiska museum in Stockholm die Inventarnummer SHM 21592.
Gotland ist für solche Überraschungen bekannt. Keine Region Skandinaviens hat so viele wikingerzeitliche Silberschätze geliefert, und auch die Bildsteine von Gotland stammen von dieser Insel. Mehr dazu in Die Gotländer – die Insel der Silberschätze. In Mästermyr aber lag kein Silber, sondern Eisen.
Schon der Behälter ist ein Stück Handwerksgeschichte. Die Kiste ist aus Eichenholz gefertigt und etwa 90 Zentimeter lang, 26 Zentimeter breit und 24 Zentimeter hoch. Sie hat einen leicht gewölbten Deckel und einen flachen Boden. Die Seitenbretter sind mit Holznägeln befestigt, die Stirnseiten über Zapfenverbindungen mit dem Boden verbunden. Eiserne Scharniere halten den Deckel, ein eisernes Schloss sicherte den Inhalt.
Um die Kiste war eine Kette aus 26 achtförmigen Gliedern gewickelt. Sie diente vermutlich zugleich als zusätzliche Sicherung und als Tragegriff. Das Bild ist sprechend: Hier hat jemand seine Werkzeuge nicht einfach in einen Sack geworfen, sondern sie in einer kompakten, abschließbaren, tragbaren Kiste untergebracht. So packt man, wenn man unterwegs ist.
Wie viele Gegenstände es sind, hängt davon ab, wie man zählt. Das Museum hat den Fund unter 133 Unternummern inventarisiert; viele davon fassen mehrere Teile zusammen, etwa Nieten, Beschlagfragmente oder Schlossteile. Zählt man jedes Stück einzeln, kommt man auf über 200 Objekte. Beide Zahlen geistern durch die Literatur, beide sind richtig – sie meinen nur Verschiedenes.
Den Kern bildet ein komplettes Schmiedebesteck. Dazu gehören mehrere schwere Vorschlaghämmer und Handhämmer, eine große Schmiedezange und weitere Zangen, mehrere kleine Ambosse, Werkzeug zum Herstellen von Nägeln (ein sogenanntes Nageleisen, durch dessen Loch man den Nagelschaft steckt, um den Kopf anzustauchen), Stempel und Durchschläge, eine Ascheharke für das Schmiedefeuer sowie ein Paar Blechscheren. Hinzu kommen Feilen – eine runde und drei flache – und zwei Raspeln.
Auffällig ist, was fehlt: Ein großer, schwerer Standamboss, wie ihn eine feste Dorfschmiede braucht, ist nicht dabei. Die Ambosse von Mästermyr sind klein genug, um sie zu tragen. Auch der Blasebalg fehlt; er war aus Holz und Leder und wäre ohnehin kaum erhalten. Wer mit dieser Ausrüstung arbeitete, brauchte vor Ort nur eine Feuerstelle, Holzkohle und einen Klotz, in den er den Amboss setzen konnte. Wie Rennofen und Feuerschweißen funktionierten, steht in Die Schmiedekunst der Wikinger.
Mindestens ebenso stark vertreten ist das Holzwerkzeug. Dazu gehören mehrere kleinere Äxte, eine große Breitbeil-artige Axt zum Behauen von Balken, eine breite Dechsel (ein Querbeil, dessen Schneide quer zum Stiel steht und mit dem man Flächen abarbeitet), eine Handsäge und ein weiteres Sägeblatt, sechs Löffelbohrer unterschiedlicher Größe, Stechbeitel und ein Hohleisen, zwei Ziehmesser sowie ein sogenanntes Profileisen, mit dem man Zierrillen und Profile in Holzkanten ziehen kann.
Ein Löffelbohrer ist kein Spiralbohrer, wie du ihn aus dem Baumarkt kennst. Er hat eine löffelförmig ausgehöhlte Spitze, die beim Drehen Späne aus dem Loch hebt. Gedreht wurde mit einem Quergriff, vermutlich auch mit einer Brustplatte, gegen die man sich lehnte. Solche Bohrer brauchte man für Holznägel und Nieten – im Schiffbau ebenso wie im Hausbau.
Greta Arwidsson und Gösta Berg, die den Fund 1983 umfassend vorlegten, deuteten das Holzwerkzeug vor allem als Ausrüstung für Schiffbau und feine Zimmermannsarbeit. Sie stützten sich dabei auf den Vergleich mit traditionellen Handwerken, die auf Gotland und in Schweden bis ins 20. Jahrhundert mit sehr ähnlichen Werkzeugen gearbeitet hatten. Neuere Untersuchungen geben zu bedenken, dass wikingerzeitliche Handwerker ihre Werkzeuge vielleicht anders kombinierten als spätere Zünfte: Die scharfe Trennung zwischen Schiffbauer, Zimmermann und Tischler ist ein Kind späterer Jahrhunderte.
Der dritte große Block betrifft die Blech- und Buntmetallarbeit. Neben bzw. über der Kiste lagen Kessel – in den gängigen Beschreibungen drei – sowie drei Schellen und ein eiserner Feuerrost. Teile davon waren offenbar beschädigt oder in Arbeit: Blechstücke, Flicken, Nieten und Rohmaterial deuten darauf hin, dass der Besitzer Kessel nicht nur besaß, sondern reparierte und vielleicht auch herstellte. Ein Kesselflicker, im wörtlichsten Sinn.
Dazu kommen Schlösser. Drei Vorhängeschlösser, zwei Schlüssel sowie Federn, Platten und andere Schlossteile zeigen, dass der Mann sich auf Schließmechanik verstand. Die Vorhängeschlösser gehören zu einem Typ, der auf römische Vorbilder zurückgeht und auch in Birka belegt ist. Schlösser waren in der Wikingerzeit keine Massenware: Wer eine Truhe abschließen konnte, besaß etwas, das sich zu schützen lohnte. Dass der Schlüssel als Symbol der Hausherrin galt, ist in Gräbern gut belegt; das Schloss dahinter musste jemand bauen.
Außerdem lagen in der Kiste eine Schnellwaage (eine Hebelwaage mit verschiebbarem Gewicht), Wetzsteine, Messer, Ahlen, Klammern, Dreifüße, ein Spatel, ein Steinmeißel und eine Bügelsäge, die eher für Metall oder Knochen gedacht war als für Holz. Die Waage ist ein wichtiges Detail. In einer Wirtschaft, die vielfach mit gewogenem Silber bezahlte, brauchte ein reisender Handwerker eine Möglichkeit, Material und Lohn abzuwiegen. Mehr dazu, wie das funktionierte, in Hacksilber – als die Wikinger mit der Waage bezahlten.
Zu den spannendsten Teilen gehören die unscheinbarsten: Rohmaterial und Halbzeug. Eisenstücke, Blechreste, Nietvorrat, Beschläge in verschiedenen Stadien der Bearbeitung. Gerade sie zeigen, dass die Kiste kein Museumsschrank war, sondern ein laufender Betrieb. Wer Rohlinge mitnimmt, rechnet damit, unterwegs Aufträge zu bekommen.
Viele Werkzeuge tragen deutliche Gebrauchsspuren. Der Nacken der großen Behauaxt (Unternummer 61) ist von Schlägen stark gestaucht – jemand hat mit einem Hammer oder Schlägel auf die Axt geschlagen, um sie wie einen Keil durch Holz zu treiben. Die Augen der Äxte, also die Öffnungen für den Stiel, sind auf drei verschiedene Arten geschmiedet. Die Forscher, die das zuletzt untersucht haben, halten bestimmte Formmerkmale für eine Art persönliche Handschrift des Schmieds. Ob der Besitzer der Kiste seine Werkzeuge selbst gemacht hat, lässt sich daraus nicht beweisen – möglich ist es.
Hier wird es knifflig. Im Fund lag keine einzige Münze, nichts mit Inschrift, kein Stück, das sich auf das Jahrzehnt genau datieren ließe. Datiert wird deshalb typologisch: Man vergleicht Form und Machart der Gegenstände mit anderen, besser datierten Funden.
Ergebnis: Die Werkzeuge passen in die Wikingerzeit und das frühe Mittelalter. In populären Darstellungen liest du meist „um 1000“ oder einfach „Wikingerzeit“. Das ist eine vertretbare Faustformel, aber keine exakte Angabe. Die jüngste Untersuchung durch Gunnar Almevik, Bertil Pärmsten und Magnus Sjöholm hält fest, dass einzelne Stücke sogar älter sein könnten, aus der Vendelzeit vor 800, die Kiste als Ganzes aber eher ins frühe Mittelalter gehört – also an das Ende der Wikingerzeit oder kurz danach.
Schmied, Zimmermann, Kesselflicker, Schlosser – alles in einer Person? Genau das ist die am häufigsten vertretene Deutung: Die Kiste gehörte einem wandernden Handwerker, der von Hof zu Hof zog, Werkzeug und Kessel reparierte, Schlösser einbaute, Beschläge schmiedete und bei Bedarf auch Holz bearbeitete. Diese Lesart geht auf Arwidsson und Berg zurück und wurde unter anderem vom norwegischen Forscher Erik Fridstrøm aufgegriffen, der zugleich betonte, wie wenig sich die Formen solcher Werkzeuge bis ins frühe 20. Jahrhundert änderten.
Die Argumente sind gut: die tragbare Größe der Kiste, die kleinen Ambosse, die Kette als Griff, das Nebeneinander verschiedener Gewerke, Rohmaterial für unterwegs. Auf einem großen Hof oder in einem Handelsplatz wie Haithabu spezialisierten sich Handwerker stärker; auf dem Land, wo nicht jeder Hof eine eigene Schmiede hatte, war jemand, der vieles konnte, Gold wert (mehr in Berufe und Handwerk der Wikinger).
Aber: Wir kennen weder Namen noch Herkunft dieses Mannes. Wir wissen auch nicht, ob die Kiste einer einzelnen Person gehörte oder vielleicht einer Werkstatt, einem Hof, einer Familie. „Der Schmied von Mästermyr“ ist eine nützliche Figur zum Erzählen – mehr nicht.
Die Frage, wie die Kiste in den See kam, ist offen – und seit Jahrzehnten Gegenstand der Forschung. Grob gibt es drei Erklärungen:
Für die Opferdeutung wird angeführt, dass Werkzeugfunde aus Gewässern und Mooren in Skandinavien kein Einzelfall sind und dass Schmiede in der Vorstellungswelt des Nordens eine besondere Stellung hatten. Die mythischen Schmiede der Edda – Zwerge, die Göttern Kleinode schmieden, oder der rachsüchtige Völund, den die Angelsachsen als Wieland kannten und den das Franks Casket zeigt – sind ein Hinweis darauf, dass Metallarbeit als etwas Mächtiges, auch Unheimliches galt. Ein direkter Schluss von diesen Erzählungen auf eine Kiste in Gotland ist allerdings nicht möglich. Gegen eine Opfergabe spricht, dass die Kiste so pragmatisch verpackt wirkt: Wer opfert, zerbricht oft, verbiegt oder legt einzeln nieder; wer reist, schließt ab.
Gefunden wurde die Kiste 1936, vollständig publiziert erst fast fünfzig Jahre später. 1983 legten die Archäologin Greta Arwidsson und der Ethnologe Gösta Berg den Band The Mästermyr Find. A Viking Age Tool Chest from Gotland vor, herausgegeben von der Königlich Schwedischen Akademie der Literatur, Geschichte und Altertümer (Kungl. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademien) in Stockholm.
Das Buch ist schmal – rund 90 Seiten –, aber es hat Generationen von Schmieden, Holzhandwerkern und Reenactors geprägt. Es enthält einen Katalog aller Objekte mit Fotos und Zeichnungen, Maßangaben und Vergleiche, unter anderem mit römischen Werkzeugen, wie sie etwa aus dem Kastell Saalburg im Taunus bekannt sind. Die Beobachtung, dass viele Werkzeugformen der Wikingerzeit auf römische Vorbilder zurückgehen, ist eine der Kernthesen: Das Werkzeug des Nordens war nicht isoliert, sondern Teil einer europäischen Tradition.
Die aufregendste neue Forschung zu Mästermyr kommt nicht aus dem Labor eines Metallurgen, sondern aus einer Kirche. Rund acht Kilometer von der Fundstelle entfernt steht die romanische Steinkirche von Hemse. Bei ihrer Restaurierung im Jahr 1896 fand man im Fußboden wiederverwendete Bretter und Planken einer älteren hölzernen Stabkirche, die wohl ins frühe 12. Jahrhundert gehört.
Gunnar Almevik, Bertil Pärmsten und Magnus Sjöholm von der Universität Göteborg stellten eine kühne Frage: Wurden diese Kirchenteile mit Werkzeugen wie denen aus Mästermyr gebaut – vielleicht sogar mit genau diesen? Sie scannten zehn Werkzeuge aus der Kiste in 3D, druckten und schmiedeten Nachbildungen, arbeiteten damit in Eichenholz und verglichen die entstandenen Spuren mit den Bearbeitungsspuren an den Hemse-Planken.
Das Ergebnis ist bemerkenswert. Spuren an den Hemse-Hölzern passen in Größe, Form und Arbeitsweise zur großen Behauaxt (61), zu zwei Dechseln (63 und 64), zur Säge (41) und zu einem Ziehmesser (55), dessen beschädigte Schneide eine passende Rippe in einer Nut hinterlassen haben könnte. Ein Bankprofil in Hemse entspricht dem Profileisen (57). Die Sägespuren an den Stabkanten gelten den Autoren als die ältesten bekannten Sägespuren an einem historischen Bauwerk in Skandinavien.
Wichtig ist die Vorsicht, mit der die Autoren selbst formulieren: Bewiesen ist nicht, dass genau diese Werkzeuge in Hemse benutzt wurden. Das Ziehmesser ist korrodiert, eine ähnliche Klinge könnte ähnliche Spuren hinterlassen. Belegt ist, dass die Erbauer Werkzeuge derselben Art benutzten – und dass die Möglichkeit, die Kiste habe einem der Bauleute gehört, „nicht von der Hand zu weisen“ ist. Die Studie erschien 2020 auf Schwedisch in der Zeitschrift META und 2021 auf Englisch als filmische Forschungsarbeit in FormAkademisk.
Kaum ein Fund der Wikingerzeit wurde so oft nachgebaut wie dieser. Schmiede in Skandinavien, Großbritannien und Nordamerika haben ganze Sätze der Mästermyr-Werkzeuge rekonstruiert, oft mit Methoden, die denen der Originale nahekommen: Feuerschweißen, Härten, Anlassen, Stiele aus gespaltenem statt gesägtem Holz.
Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Im Mai 2024 bot die Vesterheim Folk Art School, angeschlossen an das norwegisch-amerikanische Museum in Decorah (Iowa), eine dreiteilige Kursreihe an, in der Teilnehmende eine Kiste nach den Maßen und Zeichnungen von Arwidsson und Berg bauten – aus Eiche, die aus dem Stamm gespalten, behauen und gehobelt wurde, mit Zapfen und Holznägeln, dazu geschmiedeten Scharnieren, Nägeln, Schloss und Schlüssel. Die Kursleiter wiesen ausdrücklich darauf hin, dass die Eisenteile des Originals schlecht erhalten sind und manche Details deshalb Vermutung bleiben.
Mästermyr ist der größte, aber nicht der einzige Werkzeugfund dieser Zeit. Zwei jüngere Entdeckungen zeigen, wie selten und wie wertvoll solche Ensembles sind.
In Borgring auf Seeland, einer Ringburg, die König Harald Blauzahn zugeschrieben und um 980 datiert wird, fanden Archäologen 2016 im Bereich des östlichen Tores mindestens 14 eiserne Handwerkzeuge, darunter Löffelbohrer, eine Zange, ein Klinkernagel und ein Zieheisen zur Drahtherstellung. Der Arbeitsraum war im späten 10. Jahrhundert eingestürzt und hatte das Werkzeug unter sich begraben.
In Nordheim im Sogndal an der norwegischen Westküste kam 2014 unter Steinplatten in einem Garten ein Schmiedegrab der frühen Wikingerzeit zum Vorschein, mit Hammer und Zange und insgesamt rund 60 Beigaben, darunter Waffen und landwirtschaftliches Gerät.
Im Vergleich wird deutlich, was Mästermyr besonders macht: kein Grab, also keine Auswahl für das Jenseits, und keine eingestürzte Werkstatt, sondern eine von ihrem Besitzer selbst zusammengestellte und gepackte Ausrüstung. Hier sehen wir, was ein Handwerker für nötig hielt, um arbeiten zu können.
Kann man mit den Werkzeugen aus Mästermyr ein Spitzenschwert schmieden? Theoretisch braucht ein Schwertschmied ähnliche Grundwerkzeuge: Hammer, Zange, Amboss, Feile. Praktisch ist eine Klinge wie die berühmten Ulfberht-Schwerter eine andere Liga. Für sie brauchte es sehr reinen, kohlenstoffreichen Stahl, der wohl zum Teil importiert wurde, und eine Werkstatt mit viel Erfahrung. Die Mästermyr-Ausrüstung spricht eher für einen vielseitigen Gebrauchshandwerker als für einen Waffenschmied.
Ähnlich verhält es sich mit Schmuck. Feine Fibeln, Filigran und Granulation, wie wir sie in Die Goldschmiedekunst der Wikinger beschreiben, verlangen Gussformen, Tiegel, feine Punzen und Lötmittel – nichts davon liegt in der Kiste. Mästermyr zeigt eben nicht „das“ Wikinger-Handwerk, sondern ein bestimmtes: das des Mannes, der Dinge in Gang hält.
Der Fund gehört zur Sammlung des Statens historiska museum (Historiska museet) in Stockholm. Laut der Hemse-Studie war ein großer Teil des Ensembles in der Ausstellung They call us Vikings zu sehen, einer Wanderausstellung des Museums. Welche Teile gerade in Stockholm oder auf Reisen gezeigt werden, wechselt. Wenn du extra wegen Mästermyr hinfährst, prüfe vorher auf der Website des Museums oder frag direkt nach. Weitere Ziele findest du in Wikinger erleben: Museen und Fundorte.
Ehrlich gesagt: weniger, als ein Werbetext behaupten würde. Wir sind kein wikingerzeitlicher Wanderschmied, und in unserer Werkstatt in Alsdorf arbeiten heute auch ein Laser und ein Computer. Wir treiben keine Kesselbleche und schmieden keine Schlösser.
Aber eins verbindet uns mit dem Mann von Mästermyr doch, und das ist kein Marketing: Ein Handwerk lebt von seinem Werkzeug und davon, dass man es kennt, pflegt und richtig einsetzt. Bevor ein Motiv auf eine Schieferplatte, ein Glas oder eine Baumscheibe kommt, wird Holz geschliffen, Schiefer ausgesucht, Material geprüft. Welches Werkzeug wir dafür einsetzen und warum, zeigen wir auf unserer Seite Unsere Werkzeuge, und wie wir mit Holz arbeiten, unter Holzschilder & Baumscheiben.
Wenn wir die Zeichnungen aus Arwidsson und Berg durchblättern, sehen wir vor allem eines: abgenutzte Schneiden, gestauchte Nacken, geflickte Kessel. Das sind die Spuren eines Menschen, der jeden Tag gearbeitet hat. Die Kiste ist ein Denkmal für die Leute, die selten in Sagas vorkommen und ohne die es keine einzige Saga-Szene gäbe.

Was ist die Werkzeugkiste von Mästermyr? Eine Eichenkiste mit über 200 Werkzeugen und Werkstücken aus der späten Wikingerzeit bzw. dem frühen Mittelalter, gefunden 1936 auf Gotland. Sie gilt als größter zusammenhängender Werkzeugfund dieser Epoche.
Wo wurde die Mästermyr-Kiste gefunden? In einem trockengelegten Moor bei Mästermyr im Kirchspiel Sproge, westlich von Hemse im Süden Gotlands. Ein Landwirt stieß beim ersten Pflügen der Fläche darauf.
Wie alt ist die Werkzeugkiste von Mästermyr? Eine genaue Jahreszahl gibt es nicht, weil Münzen fehlen. Typologisch gehört sie in die späte Wikingerzeit oder das frühe Mittelalter; „um 1000“ ist eine grobe Faustformel.
Welche Werkzeuge waren in der Mästermyr-Kiste? Hämmer, Zangen, kleine Ambosse, Nageleisen, Feilen, Raspeln, Blechscheren, Äxte, eine Dechsel, Löffelbohrer, Sägen, Ziehmesser, Meißel, Schlösser, eine Schnellwaage und Rohmaterial; dazu lagen Kessel und Schellen bei der Kiste.
Wem gehörte die Kiste? Das ist unbekannt. Die verbreitete Deutung sieht einen wandernden Handwerker, der schmiedete, Holz bearbeitete und Kessel flickte – das ist eine gut begründete Annahme, kein Befund.
Wo ist die Mästermyr-Kiste heute? In der Sammlung des Statens historiska museum in Stockholm (Inventarnummer SHM 21592). Ob sie gerade ausgestellt ist, solltest du vor einem Besuch beim Museum erfragen.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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