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Vinland – Amerika vor Kolumbus: was die Quellen sagen, was L'Anse aux Meadows beweist und wo das Weinland wirklich lag

Geschichte Vinland – Amerika vor Kolumbus: was die Quellen sagen, was L'Anse aux Meadows beweist und wo das Weinland wirklich lag

Vinland ist der Name, den Nordleute aus Grönland um das Jahr 1000 einem Küstenland in Nordamerika gaben – und dass sie dort waren, ist kein Mythos mehr: In L'Anse aux Meadows auf Neufundland steht der Beweis im Boden, und Holz von dort wurde nachweislich im Jahr 1021 mit Metallwerkzeug geschlagen. Hier erfährst du, welche Texte Vinland zuerst nennen, was die beiden Vinland-Sagas erzählen, was die Ausgrabungen zeigen, wo das „Weinland“ gelegen haben dürfte und welche berühmten Funde schlicht gefälscht sind.

Ein Name, der nach Wein klingt – und ein Land, das niemand fand

Stell dir vor, du stehst im Jahr 1075 in Bremen. Ein Domherr namens Adam schreibt etwas, das für seine Leser so fern klingt wie der Mond: Weit draußen im Ozean, jenseits von Grönland, liege eine Insel, auf der wilder Wein wachse und Getreide, das niemand gesät habe. Er habe das nicht aus Märchen, versichert er, sondern von den Dänen, aus sicherer Quelle. Der Name dieser Insel: Winland.

Fast neunhundert Jahre lang blieb dieses Vinland ein Rätsel. Gefunden wurde es erst 1960 – an einem windigen Ort an der Nordspitze Neufundlands, den kaum jemand auf dem Zettel hatte.

Dieser Artikel dreht sich um den Ort und um die Belege. Die Männer und Frauen hinter den Fahrten haben bei uns eigene Beiträge: Leif Eriksson, der Vinland seinen Namen gab, und sein Vater Erik der Rote, der Grönland besiedelte und damit das Sprungbrett schuf. Hier geht es um die Frage dahinter: Woher wissen wir, dass Nordleute in Amerika waren – und was davon ist sicher, was wahrscheinlich, was Legende?

Adam von Bremen: die erste Erwähnung (um 1075)

Die älteste schriftliche Nachricht über Vinland stammt nicht aus Island, sondern aus Norddeutschland. Adam von Bremen verfasste um 1075/76 seine Hamburgische Kirchengeschichte, die Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum. Ihr viertes Buch ist eine Beschreibung der Inseln des Nordens, und im Kapitel 39 heißt es (eigene Übertragung aus dem Lateinischen):

„Außerdem nannte er noch eine weitere Insel, die viele in jenem Ozean gefunden hätten; sie heißt Winland, weil dort von selbst Weinstöcke wachsen, die den besten Wein geben. Denn dass dort auch ungesätes Getreide reichlich gedeiht, wissen wir nicht aus fabelhafter Vermutung, sondern aus zuverlässigem Bericht der Dänen.“Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis IV, 39 (eigene Übertragung)

„Er“ – das ist der dänische König Sven Estridsen, mit dem Adam persönlich gesprochen hat und den er als Gewährsmann für vieles über den Norden nennt. Rund siebzig Jahre nach den Fahrten ist Vinland am dänischen Hof also ein Begriff – ausdrücklich als Land des Weins. Jenseits davon, so Adam, gebe es nur noch Eis und Nebel.

Natürlich ist Adam kein Augenzeuge. Er schreibt aus zweiter Hand, und sein Vinland ist eine Insel im Weltmeer, kein Kontinent. Aber die Stelle ist unabhängig von den isländischen Sagas und älter als sie. Wer behauptet, Vinland sei eine späte isländische Erfindung, muss an Adam vorbei.

Beleg: Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Buch IV, Kap. 39, geschrieben um 1075/76 – die älteste erhaltene Erwähnung Vinlands, mit der Namensdeutung „Weinland“.

Ari der Weise und die Skrælingar

Die zweite Quelle ist knapper, aber fast ebenso wichtig. Der isländische Priester Ari Þorgilsson, genannt der Weise, schrieb zwischen etwa 1122 und 1133 die Íslendingabók, das „Isländerbuch“, eine nüchterne Kurzgeschichte Islands. Im Kapitel über die Besiedlung Grönlands erwähnt er, Erik der Rote und seine Leute hätten dort Spuren von Menschen gefunden: Wohnplätze, Bootsreste und Steinarbeiten. Daraus, so Ari sinngemäß, sei zu ersehen, dass dort dieselbe Art Menschen gelebt habe wie die, die Vinland bewohnten und die die Grönländer Skrælingar nennen.

Ari erzählt Vinland also nicht – er setzt es voraus. Und er liefert das Wort, mit dem die Nordleute die Einheimischen Amerikas bezeichneten: Skrælingar. Die Herkunft ist unsicher; man hat an skrá („getrocknete Haut“) oder an ein Wort für „schreien“ gedacht. Freundlich gemeint war es jedenfalls nicht.

Die isländischen Annalen, die mittelalterlichen Jahreschroniken, vermerken unter 1121, Bischof Eiríkr Gnúpsson von Grönland sei aufgebrochen, um Vinland zu suchen. Mehr erfahren wir nicht – aber auch hier ist Vinland ein realer Ort, den man suchen kann.

Zwei Sagas, zwei Versionen

Die farbigen Geschichten stammen aus zwei Texten, die man zusammen die Vinland-Sagas nennt: die Grænlendinga saga (Grönländer-Saga) und die Eiríks saga rauða (Saga von Erik dem Roten). Beide gehören zum weiten Feld der Isländersagas, wurden im 13. Jahrhundert verfasst, also rund 200 bis 250 Jahre nach den Ereignissen, und sind nur in noch späteren Handschriften erhalten: die Grönländer-Saga in der Flateyjarbók vom Ende des 14. Jahrhunderts, die Eiríks saga in der Hauksbók (frühes 14. Jahrhundert) und der jüngeren Skálholtsbók.

Beide erzählen im Kern dasselbe: Von Grönland aus fuhren Nordleute nach Westen und Süden, fanden drei Länder, die sie Helluland („Steinplattenland“), Markland („Waldland“) und Vinland nannten, versuchten sich niederzulassen, trafen auf Einheimische und gaben auf. In den Details widersprechen sie sich deutlich.

Die Grönländer-Saga beginnt mit einem Irrtum: Bjarni Herjólfsson wird um 986 auf dem Weg nach Grönland abgetrieben und sieht fremde, bewaldete Küsten, betritt sie aber nicht. Leif kauft später sein Schiff, segelt die Strecke nach und überwintert in Häusern, den Leifsbúðir („Leifs Hütten“). Sein alter Gefährte Tyrkir, ein „Südländer“, findet Weintrauben – daher der Name. Es folgen weitere Fahrten: Leifs Bruder Thorvald wird im Kampf mit Einheimischen von einem Pfeil getroffen und an einem Kap begraben; Thorfinnr Karlsefni kommt mit Siedlern, Frauen und Vieh, treibt zunächst Handel mit den Skrælingar und muss nach Kämpfen abziehen; zuletzt fährt Leifs Halbschwester Freydís und lässt am Ende ihre Partner ermorden.

Die Saga von Erik dem Roten erzählt anders. Hier findet Leif das Land zufällig, als er auf der Rückfahrt von Norwegen vom Kurs abkommt, und kehrt gleich nach Grönland zurück. Die große Expedition ist die des Karlsefni mit seiner Frau Guðríðr: Man überwintert in einem Ort namens Straumfjörðr („Strömungsfjord“), zieht im Sommer weiter südwärts nach Hóp („Lagune“), wo Weinreben und wilder Weizen wachsen, handelt mit Einheimischen, die in Fellbooten kommen, und wird schließlich angegriffen. Thorvald stirbt hier durch den Pfeil eines „Einfüßlers“ – mittelalterliche Wundergeografie, kein Reisebericht.

Und dann ist da Freydís, die in den beiden Sagas zwei völlig verschiedene Rollen spielt: in der Eiríks saga die hochschwangere Frau, die die Angreifer mit nackter Brust und einem Schwert in der Hand in die Flucht schlägt, in der Grönländer-Saga die Anstifterin eines Massakers. Der Kontrast zeigt, wie viel Literatur in den Texten steckt.

Snorri, das erste europäische Kind Amerikas

Eine Figur verbindet beide Fassungen: Snorri Þorfinnsson, Sohn von Karlsefni und Guðríðr. Nach beiden Sagas wurde er in Vinland geboren. Damit wäre er das erste Kind europäischer Eltern, das auf amerikanischem Boden zur Welt kam. Belegt ist das nur durch die Sagas; die Grönländer-Saga führt aber mehrere isländische Bischöfe auf ihn und seine Mutter zurück.

Guðríðr selbst überquert den Nordatlantik mehrfach, lebt in Vinland und pilgert nach der Grönländer-Saga im Alter nach Rom – eine Frau, die das ganze Netz von Amerika bis Europa abgelaufen hat (mehr dazu bei den Frauen in der Wikingerzeit). Für die Ortsfrage liefern die Sagas Landschaften, Segeltage und Ressourcen, aber keine Seekarten.

Beleg: Die Vinland-Sagas (Grænlendinga saga, Eiríks saga rauða) sind Erzählungen des 13. Jahrhunderts. Ihre Grundaussage – Fahrten von Grönland nach Westen um 1000, Kontakt mit Einheimischen, Rückzug – wird durch Adam von Bremen, Ari und die Archäologie gestützt; viele Einzelheiten bleiben literarisch.

L'Anse aux Meadows: der Beweis im Boden

Im Jahr 1960 kam der norwegische Abenteurer und Autor Helge Ingstad an die Nordspitze Neufundlands. Er war überzeugt, dass Vinland weiter nördlich liege, als die meisten glaubten. Im Fischerdorf L'Anse aux Meadows führte ihn der Einheimische George Decker zu überwachsenen Bodenwellen nahe einer Bucht.

Die Archäologin des Paares war Anne Stine Ingstad, Helges Frau. Sie leitete von 1961 bis 1968 die Ausgrabungen mit einem internationalen Team aus Norwegen, Island, Schweden und den USA. Freigelegt wurden Torfmauern über Holzgerüsten, gebaut wie in Island und Grönland. Ab 1973 setzte Parks Canada die Arbeiten fort, zuerst unter Bengt Schönbäck, dann unter Birgitta Wallace, die die Deutung des Fundplatzes bis heute prägt.

Gefunden wurden die Reste von acht Gebäuden: drei große Wohnhallen, eine Schmiede und mehrere kleinere Werkstatthütten. Dazu kommen rund 800 Objekte aus Holz, Bronze, Knochen und Stein. Die entscheidenden Stücke sind unscheinbar, aber eindeutig nordisch:

Ohne Eisen kein Klinkerboot, ohne Boot kein Heimweg. Wie diese Schiffe gebaut waren, erklären unsere Beiträge zu den Drachenschiffen und zur Schmiedekunst der Wikinger.

Wie viele Menschen hier lebten? Die Hallen boten Platz für etwa 70 bis 90 Personen. Zum Vergleich: Die ganze grönländische Kolonie zählte um diese Zeit vielleicht 400 Menschen. Die Abfallschichten sind dünn, Umbauten fehlen; die Forschung rechnet mit einer kurzen Nutzung von etwa einem Jahrzehnt. Zurück blieb vor allem Verlorenes und Zerbrochenes.

Seit 1978 steht L'Anse aux Meadows auf der Liste des UNESCO-Welterbes. Die originalen Fundamente wurden zum Schutz wieder zugedeckt; daneben stehen nachgebaute Torfhäuser, wie du sie aus unserem Beitrag über das Langhaus kennst.

Die Butternüsse: Spuren aus dem Süden

Das vielleicht wichtigste Fundstück wiegt nur ein paar Gramm. Im feuchten Boden neben den Häusern lagen drei Butternüsse und ein Stück bearbeitetes Butternussholz. Die Butternuss (Juglans cinerea) ist eine nordamerikanische Walnussart – und sie wächst nicht auf Neufundland. Ihre Nordgrenze liegt im Osten von New Brunswick und am Sankt-Lorenz-Strom.

Das heißt: Jemand hat diese Nüsse aus dem Süden mitgebracht, mindestens aus dem Gebiet des Sankt-Lorenz-Golfs. Und dort, wo Butternüsse wachsen, wächst auch wilder Wein. Birgitta Wallace hat die Nüsse deshalb einmal als „rauchende Pistole“ bezeichnet: Sie verbinden den Fundplatz im Norden mit der Landschaft der Sagas, in der Trauben reifen.

Daraus folgt eine Deutung, die heute viele Fachleute teilen: L'Anse aux Meadows ist nicht „Vinland“ im Sinne eines einzigen Punktes auf der Karte, sondern ein Stützpunkt, eine Art Tor. Hier überwinterte man, reparierte Schiffe und lagerte Güter; im Sommer fuhr man südwärts in das Gebiet, das die Sagas Hóp nennen und das man im Osten New Brunswicks vermutet. Wallace sieht in L'Anse aux Meadows das Straumfjörðr der Eiríks saga; Leifs Hütten könnten dieselbe Basis meinen.

Unumstritten ist das nicht, doch die Richtung ist klar: Vinland war eher eine Region als ein Punkt – die Küsten rund um den Sankt-Lorenz-Golf, mit Neufundland als Eingang.

Das Jahr 1021: Ein Sonnensturm als Zeitstempel

Radiokarbonmessungen ergaben lange nur „um das Jahr 1000“. Im Oktober 2021 änderte sich das. Ein Team um die Forscherin Margot Kuitems und den Archäologen Michael Dee von der Universität Groningen veröffentlichte in der Fachzeitschrift Nature ein Ergebnis, das wirklich ein Jahr nennt: 1021.

Im Jahr 993 traf ein starker Schauer kosmischer Strahlung die Erde, vermutlich ausgelöst durch einen gewaltigen Sonnensturm. Der Anteil von Kohlenstoff-14 stieg sprunghaft, sichtbar weltweit im selben Jahresring. Wer in einem Holzstück diesen Ring entdeckt, hat einen festen Anker und kann von dort aus die Ringe bis zur Rinde abzählen.

Die Forscher untersuchten Holzstücke aus den Grabungen, die mit Metallwerkzeugen bearbeitet worden waren – erkennbar an glatten, flachen Schnitten, die die Einheimischen mit Steinwerkzeugen so nicht erzeugen konnten. Bei drei Stücken von drei verschiedenen Bäumen, darunter Tanne, war der äußerste Ring unter der Rinde erhalten. Alle drei zeigten dasselbe Fälldatum: 1021.

Beleg: Kuitems u. a., „Evidence for European presence in the Americas in AD 1021“, Nature 601 (2022), S. 388–391, online seit 20. Oktober 2021. Gesichert ist: Im Jahr 1021 haben Nordleute in L'Anse aux Meadows Bäume gefällt. Es ist das früheste sicher datierte Jahr europäischer Anwesenheit in Amerika.

Was die Studie nicht sagt, ist ebenso wichtig: 1021 ist nicht das Jahr, in dem die Siedlung gegründet wurde, und auch nicht automatisch das Jahr von Leifs Fahrt. Es ist ein Jahr, in dem dort gearbeitet wurde – gut vereinbar mit der Saga-Chronologie.

Wein oder Weide? Der Streit um ein Wort

Altnordisch vín mit langem í bedeutet „Wein“. Es gibt aber auch ein altes Wort vin mit kurzem i, das „Weide, Wiese“ bedeutet und in norwegischen Ortsnamen steckt, etwa in Namen auf -vin. Um 1900 schlug der schwedische Sprachforscher Sven Söderberg vor, Vinland heiße eigentlich „Weideland“. Das hätte ein Problem gelöst: Wein wächst auf Neufundland nicht, Gras sehr wohl. Auch Helge Ingstad hielt diese Deutung für plausibel.

Die meisten Sprachwissenschaftler und Historiker lehnen sie heute ab, und das aus guten Gründen:

Auch die Ausweichdeutung, die „Trauben“ seien Johannis- oder Moosbeeren gewesen, hält Wallace für unhaltbar. Eine Prise Werbung war vielleicht dabei: Erik hatte Grönland schon „Grünland“ genannt, damit Siedler kommen. Ein „Weinland“ verkauft sich ebenfalls gut.

Wer waren die Skrælingar?

Die Sagas schildern die Einheimischen als zahlreich, in Fellbooten unterwegs, handelsbereit und gefährlich. Sie tauschen Pelze gegen rotes Tuch oder Milchprodukte und greifen später an. Auf Neufundland und in Labrador lebten um das Jahr 1000 Gruppen, die die Forschung als Vorfahren der späteren Beothuk und Innu ansieht; weiter südlich, am Golf, die Vorfahren der Mi'kmaq. Der Platz von L'Anse aux Meadows selbst war über Jahrtausende immer wieder von Indigenen genutzt.

Eine ganz andere Spur führt über die Genetik: Eine mitochondriale Linie in isländischen Familien könnte auf indigene Vorfahren Amerikas hindeuten – umstritten. Mehr dazu: Indigene DNA in Island – eine Spur bis Vinland?

Point Rosee: die zweite Siedlung, die keine war

Im Frühjahr 2016 schien ein zweiter Fundort gefunden: Die amerikanische Archäologin Sarah Parcak, bekannt für ihre Suche nach Fundstellen mit Satellitenbildern, hatte auf Aufnahmen von Point Rosee im Südwesten Neufundlands rechteckige Strukturen entdeckt. Eine Fernsehdokumentation präsentierte eine mögliche Torfmauer und eine Feuerstelle zum Rösten von Raseneisenerz.

Die Ernüchterung kam schnell. Die vermeintliche Schlacke stellte sich als natürliches Raseneisenerz heraus, die „Torfmauer“ als natürliche Bodenbildung. Im Abschlussbericht vom November 2017 schrieben Parcak und ihr Kollege Gregory Mumford selbst, es gebe keinerlei Hinweis auf nordische Anwesenheit oder überhaupt menschliche Tätigkeit vor der historischen Zeit. Ein ehrliches Ergebnis – aber kein Vinland.

Mythos-Check: „2016 wurde eine zweite Wikingersiedlung in Kanada entdeckt.“ – Falsch. Point Rosee wurde von den Ausgräberinnen und Ausgräbern selbst widerlegt. L'Anse aux Meadows ist bis heute der einzige gesicherte nordische Siedlungsplatz in Nordamerika.

Fälschungen und Mythen: Karte, Stein und Turm

Kaum ein Thema hat so viele Fälschungen und Wunschdeutungen hervorgebracht wie Vinland. Drei Klassiker:

Die Vinland-Karte. 1965 stellte die Yale University eine Weltkarte vor, die angeblich aus dem 15. Jahrhundert stammte und im Westen eine Insel „Vinilanda“ zeigte; Zweifel gab es von Anfang an. Im September 2021 gab die Beinecke-Bibliothek von Yale nach neuen Analysen bekannt: In den Linien und Beschriftungen steckt eine Titanverbindung, die in Tinten erst seit den 1920er-Jahren verwendet wird. Eine Notiz auf der Rückseite wurde zudem mit moderner Tinte überschrieben. Die Karte ist damit als bewusste Fälschung des 20. Jahrhunderts bestätigt.

Der Kensington-Runenstein. 1898 in Minnesota gefunden, berichtet er von einer Fahrt im Jahr 1362. Sprache, Runenformen und Zahlzeichen passen ins Skandinavien des 19. Jahrhunderts, nicht ins 14. Die ganze Geschichte erzählen wir im Beitrag über den Kensington-Runenstein.

Der Newport Tower. Der runde Steinturm in Newport, Rhode Island, wurde im 19. Jahrhundert zum „Wikingerturm“ erklärt. Radiokarbonmessungen am Kalkmörtel, 1997 von Jan Heinemeier und Högne Jungner veröffentlicht, ergaben dagegen ein Baudatum im 17. Jahrhundert, mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 1635 und 1698. Das passt zu einer Windmühle, wie sie im Testament des Kolonialgouverneurs Benedict Arnold von 1677 erwähnt wird.

Mythos-Check: „Die Wikinger kamen bis Minnesota und Rhode Island.“ – Dafür gibt es keinen belastbaren Beleg. Karte, Stein und Turm sind entweder Fälschungen oder Bauwerke der Kolonialzeit. Eine einzelne norwegische Silbermünze aus der Zeit Olafs Kyrre, 1957 an einem indigenen Fundplatz in Maine gefunden, wird teils als Hinweis auf Kontakte gesehen; ihre Fundumstände sind aber umstritten, und selbst wenn sie echt ist, kam sie wohl über indigene Tauschwege dorthin.

Wo genau lag Vinland? Eine Bilanz

Helluland, das Steinplattenland, wird meist mit Baffin Island gleichgesetzt, Markland, das Waldland, mit Labrador. Vinland umfasst nach heutiger Mehrheitsmeinung die Nordspitze Neufundlands mit L'Anse aux Meadows als Basis und die Küsten am Sankt-Lorenz-Golf, wo Butternüsse und Wein wachsen. Weiter südlich, etwa in Neuengland, gibt es keine gesicherten Spuren.

Interessant ist, wie die Isländer selbst Vinland verstanden. Für sie war es kein „neuer Kontinent“. Mittelalterliche isländische Erdbeschreibungen dachten sich die Länder im Westen als Fortsetzung der bekannten Welt; in manchen Texten um 1300 hängt Vinland sogar mit Afrika zusammen. Noch die Karte des Isländers Sigurður Stefánsson aus dem späten 16. Jahrhundert zeigt ein „Promontorium Winlandiae“, ein Vinland-Kap, ungefähr auf der Breite Nordneufundlands.

Wie man ohne Kompass dorthin fand, erklärt unser Beitrag zur Navigation der Wikinger.

Warum blieben sie nicht – und wann endeten die Fahrten?

Die Siedlung bei L'Anse aux Meadows wurde nach kurzer Zeit aufgegeben. Die Sagas nennen den wichtigsten Grund offen: die Skrælingar. Die Nordleute waren wenige, Verstärkung lag Wochen entfernt, und Grönland mit seinen wenigen hundert Einwohnern konnte keine zweite Kolonie tragen. Was es brauchte, war vor allem Holz.

Aufgehört haben die Fahrten nach Westen damit aber nicht ganz. Unter dem Jahr 1347 verzeichnen isländische Annalen ein kleines grönländisches Schiff, das nach Markland gefahren war und auf der Rückfahrt von Stürmen nach Island verschlagen wurde; die Besatzung wird mit rund siebzehn Mann angegeben, das Schiff hatte seinen Anker verloren. Die Beiläufigkeit spricht Bände: Eine Markland-Fahrt musste man offenbar nicht erklären. Wahrscheinlich holten Grönländer dort über Generationen Bauholz.

Dazu passen nordische Gegenstände wie Kettenhemdreste und Schiffsnieten an Fundplätzen der Thule-Kultur in der kanadischen Arktis. Wie die grönländischen Siedlungen schließlich selbst im 15. Jahrhundert erloschen, erzählt unser Beitrag über die Grönländer; den großen Rahmen der Expansion über das Meer findest du bei den Wikingern im Nordatlantik.

Was bleibt, ist eine Geschichte, die von drei Seiten bestätigt wurde: von einem Bremer Domherrn, von isländischen Erzählern und von einer Archäologin in Neufundland. Und ein Baum, der 1021 unter einer eisernen Axt fiel, lieferte die Jahreszahl. Wir in der Werkstatt wissen, wie viel ein Schnitt in Holz erzählen kann – selten so viel wie hier.

Häufige Fragen

Wo lag Vinland? Nach heutigem Forschungsstand umfasste Vinland die Nordspitze Neufundlands mit dem Stützpunkt L'Anse aux Meadows und die Küsten rund um den Sankt-Lorenz-Golf. Butternüsse aus der Grabung belegen Fahrten bis in Gebiete, in denen wilder Wein wächst, etwa ins östliche New Brunswick.

Wann waren die Wikinger in Amerika? Die Sagas setzen die Fahrten um das Jahr 1000 an. Sicher datiert ist das Jahr 1021: Damals wurden in L'Anse aux Meadows nachweislich Bäume mit Metallwerkzeugen gefällt.

Was bedeutet der Name Vinland? Die meisten Fachleute übersetzen ihn mit „Weinland“, so wie schon Adam von Bremen um 1075. Die Deutung als „Weideland“ gilt heute als sprachlich unwahrscheinlich.

Ist L'Anse aux Meadows die einzige Wikingersiedlung in Amerika? Ja, es ist der einzige gesicherte nordische Siedlungsplatz in Nordamerika. Point Rosee wurde 2017 widerlegt, Kensington-Runenstein und Vinland-Karte sind Fälschungen.

Wer entdeckte L'Anse aux Meadows? Helge und Anne Stine Ingstad fanden den Platz 1960; seit 1978 ist er UNESCO-Welterbe.

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