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Das Langschiff der Wikinger: Kriegsschiffe zwischen Fund, Saga und Mythos

Geschichte Das Langschiff der Wikinger: Kriegsschiffe zwischen Fund, Saga und Mythos

Das Wikinger-Langschiff war ein langes, schmales Kriegsschiff in Klinkerbauweise, das gesegelt und gerudert wurde und bis zu hundert Krieger trug. Die größten bekannten Funde messen rund 30 bis 37 Meter. Hier erfährst du, wie die Wikinger ihre Schiffe selbst nannten, was Skuldelev 2, Roskilde 6 und Haithabu 1 verraten, wie schnell Nachbauten wirklich sind, was hinter den Drachenköpfen steckt und welche Rolle der „Lange Wurm“ Olaf Tryggvasons spielt.

Ein Schiff, gebaut für den Überfall

Stell dir einen Morgen im Sommer vor, irgendwo an einer Flussmündung in England oder Friesland. Nebel über dem Wasser, dann ein Geräusch, das du nicht einordnen kannst: dutzende Ruderblätter, die gleichzeitig eintauchen. Wenige Minuten später liegt ein schmaler, dunkler Rumpf auf dem Strand, und sechzig Männer springen über die Bordwand. Genau für diesen Moment war das Langschiff gebaut. Nicht für Fracht, nicht für bequeme Überfahrten, sondern für Geschwindigkeit, Überraschung und viele Bewaffnete auf engem Raum.

In diesem Artikel geht es um das Langschiff als Kriegsschiff: um die Wörter, mit denen die Menschen der Wikingerzeit selbst über ihre Schiffe sprachen, um die großen Funde von Skuldelev, Roskilde und Haithabu, um Ruderer, Riemenpforten und Rekordfahrten moderner Nachbauten, um Drachenköpfe und das berühmteste Schiff der Sagas, den „Langen Wurm“ König Olaf Tryggvasons. Wie Klinkerplanken gespalten und vernietet wurden, erklären wir ausführlich im Beitrag zum Wikinger-Schiffbau. Und wie sich Kriegsschiff, Frachter und Boot unterscheiden, steht im Überblick zu den Schiffstypen der Wikinger. Hier bleiben wir beim Krieg.

Wikinger vernieten Planken in Klinkerbauweise
Planke auf Planke, vernietet wie Dachschindeln: die Klinkerbauweise. (Stimmungsbild)

Was ist ein Langschiff überhaupt?

Archäologisch lässt sich ein Langschiff ziemlich nüchtern beschreiben: ein langer, schmaler Rumpf in Klinkerbauweise, der sowohl gesegelt als auch gerudert werden konnte und deutlich mehr Menschen trug, als zum bloßen Bedienen von Segel und Steuer nötig waren. Das Verhältnis von Länge zu Breite liegt bei den großen Kriegsschiffen oft bei sieben zu eins oder noch schlanker. Zum Vergleich: Ein hochseetüchtiger Frachter wie der Knorr war viel bauchiger, hatte nur wenige Ruder für das Manövrieren im Hafen und lebte vom Segel.

Der Unterschied liegt also in der Aufgabe. Ein Frachter muss Laderaum haben und mit kleiner Besatzung auskommen. Ein Kriegsschiff braucht das Gegenteil: Platz für Ruderer, die zugleich Krieger sind, und einen Rumpf, der so flach geht, dass man direkt auf einen Strand auflaufen oder weit einen Fluss hinauffahren kann. Genau das machte die Angriffe auf Klöster und Handelsplätze so gefährlich.

Langskip, snekkja, skeið, dreki: was die Quellen sagen

Das altnordische Wort langskip bedeutet wörtlich „langes Schiff“ und ist in der Sagaliteratur des 13. Jahrhunderts der übliche Sammelbegriff für Kriegsschiffe, im Gegensatz zum Handelsschiff (kaupskip). Für die Wikingerzeit selbst sind wir aber vor allem auf zwei andere Quellengruppen angewiesen: auf Runeninschriften und auf Skaldenstrophen, also kunstvolle Preisgedichte, die oft schon im 10. und 11. Jahrhundert entstanden und später in den Sagas zitiert wurden. Judith Jesch hat diesen Wortschatz in ihrem Buch „Ships and Men in the Late Viking Age“ systematisch untersucht. Ihr Befund, grob gesagt: Die Dichter kannten viele Schiffswörter, benutzten sie aber nicht wie ein Marinehandbuch.

Die snekkja (dänisch später snekke) gilt als das typische, mittelgroße Kriegsschiff. Das Wort lebt in Ortsnamen und in der dänischen Bootsbezeichnung bis heute fort. Die skeið war, soweit sich das aus den Texten ablesen lässt, ein großes, schnelles Kriegsschiff, das Schiff der Könige und großen Herren. Bemerkenswert ist, dass das Wort sogar ins Altenglische entlehnt wurde: Bischof Ælfwold von Crediton vermachte in seinem Testament, das zwischen 1008 und 1012 entstand, seinem König „ænne scegð“ mit 64 Rudern. Ein zeitgenössischer Beleg dafür, dass solche großen Riemenschiffe als Machtmittel galten und vererbt wurden.

Der dreki schließlich, „Drache“, ist ein Lehnwort aus dem lateinischen draco. In Skaldendichtung und Sagas bezeichnet es besonders prächtige große Schiffe, vermutlich jene mit Tierkopf am Steven. Ob „Drache“ dabei ein eigener Bautyp war oder eher ein Ehrenname für ein großes, geschmücktes Schiff, ist nicht sicher zu entscheiden. Vieles spricht für Letzteres.

Mythos-Check: Ein festes Typensystem mit klaren Grenzen zwischen Snekkja, Skeið und Dreki gab es nicht. Die Größe eines Kriegsschiffs gab man in den Quellen meist über die Zahl der Ruderplätze an: rúm (Raum zwischen zwei Spanten mit einem Ruderpaar) oder Komposita mit -sessa, wörtlich „-sitzer“, etwa ein Zwanzigsitzer für ein Schiff mit zwanzig Ruderbänken je Seite. Die saubere Einteilung, die du in vielen Büchern findest, ist eine Ordnungshilfe der Forschung.
Langschiff unter rot-weißem Rahsegel
Ein einziges großes Rahsegel aus Wolle, dazu die Kraft der Ruderer. (Stimmungsbild)

Skuldelev 2: das Kriegsschiff aus Dublin

Im Roskildefjord auf Seeland wurden in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts mehrere Schiffe absichtlich versenkt, um die Fahrrinne nach Roskilde zu sperren. Zwischen 1957 und 1962 wurden sie gehoben, darunter zwei Kriegsschiffe, datiert über die Jahresringe des Holzes (Dendrochronologie). Die ganze Geschichte der Sperre erzählen wir im Beitrag zu den Skuldelev-Schiffen.

Das große unter ihnen, Skuldelev 2, ist der Star der Sammlung. Das Schiff war rund 30 Meter lang und nur etwa 3,8 Meter breit. Es hatte Platz für 60 Ruder und eine Besatzung von 65 bis 70 Mann. Die eigentliche Überraschung brachte die Holzanalyse: Das Eichenholz wuchs in der Gegend von Dublin, gebaut wurde das Schiff dort um 1042. Ein Kriegsschiff aus dem skandinavischen Irland, das Jahrzehnte später im dänischen Fjord als Sperrmaterial endete.

Das kleinere Kriegsschiff, Skuldelev 5, ist mit rund 17 Metern deutlich bescheidener: ein Schiff für etwa 26 Ruderer, um 1030 in Dänemark gebaut und offensichtlich mehrfach mit gebrauchtem Holz repariert. Wahrscheinlich ist es genau die Art Schiff, die ein Dorf oder Bezirk für die Küstenwehr stellen konnte.

Roskilde 6: der Gigant aus dem Hafenbecken

1996 und 1997 sollte am Wikingerschiffsmuseum in Roskilde eigentlich nur das Gelände für eine Museumsinsel erweitert werden. Bei den Bauarbeiten stießen die Archäologen auf neun Schiffswracks. Eines davon, Roskilde 6, ist bis heute das längste bekannte Schiff der Wikingerzeit: rund 37 Meter, gebaut für 39 Ruderpaare und wohl über hundert Mann Besatzung.

Die Dendrochronologen Niels Bonde und Frans-Arne Stylegar haben das Holz untersucht. Ihr Ergebnis, 2011 in der dänischen Fachzeitschrift Kuml veröffentlicht: Das Schiff wurde um 1025/26 gebaut, aus Eichen aus der Umgebung des Oslofjords, wahrscheinlich in Norwegen selbst. Das fällt in die Zeit, in der Knut der Große um die Herrschaft über Norwegen rang. Ob Roskilde 6 tatsächlich zu seiner Flotte gehörte, lässt sich nicht beweisen, ist aber eine naheliegende Vermutung. Erhalten ist nur etwa ein Fünftel des Rumpfes. In der Wikinger-Ausstellung 2013/14 in Kopenhagen, London und Berlin lagen die Hölzer in einem Stahlgerüst, das die volle Länge nachzeichnete.

Kunstvoll geschnitzter Tierkopf-Pfosten aus dem Oseberg-Fund
Echte Schnitzkunst: der berühmte Tierkopf-Pfosten aus dem Oseberg-Grab. Museum der Wikingerzeit, Oslo. Foto: William Allen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0.

Haithabu 1: das Königsschiff, das als Brander endete

Auch in Deutschland liegt ein echtes Langschiff. Im Hafen der Handelsstadt Haithabu an der Schlei fanden Taucher 1953 Hölzer eines Wracks, ausgegraben wurde es 1979 und 1980 unter der Leitung von Ole Crumlin-Pedersen hinter einem Spundwandkasten. Haithabu 1 war rund 31 Meter lang, aber nur etwa 2,7 Meter breit, eines der schlanksten Langschiffe, die man kennt. Gebaut wurde es um 985, mit Holz aus der Umgebung von Haithabu selbst. Die sorgfältige Arbeit lässt vermuten, dass es für einen hochrangigen Auftraggeber entstand, vielleicht im Umfeld des dänischen Königs.

Sein Ende war dramatisch: Die Hölzer zeigen Brandspuren. Nach der Deutung der Ausgräber wurde das Schiff, vielleicht nur zehn bis zwanzig Jahre nach seinem Bau, bei einem Angriff auf Haithabu als Brander eingesetzt, also angezündet und gegen die Hafenanlagen getrieben. Wer da wen angriff, wissen wir nicht. Heute ist das Wrack im Wikinger Museum Haithabu zu sehen.

Ladby, Gokstad und Oseberg: Schiffe aus dem Grab

Die drei berühmten Schiffsgräber gehören dazu, mit einer Einschränkung: Sie sind keine reinen Kriegsschiffe. Es waren Schiffe von Herrschern, die sowohl repräsentieren als auch fahren mussten, und als Grabkammer wurden sie zusätzlich verändert. Mehr zum Brauch der Schiffsbestattung findest du im Beitrag zur Bootsbestattung.

Das Ladby-Schiff auf Fünen ist Dänemarks einziges bekanntes Schiffsgrab dieser Art. Um 925 wurde ein Mann darin beigesetzt, zusammen mit elf Pferden und mehreren Hunden. Erhalten ist vor allem der Abdruck des Schiffs im Erdreich mit seinen Eisennieten: knapp 22 Meter lang, rund drei Meter breit, für etwa 30 bis 32 Ruderer. Am Bug fanden sich eiserne Spiralen, die als Mähne eines Tierkopfs am Steven gedeutet werden. Das ist einer der wenigen archäologischen Hinweise auf einen echten Schiffsdrachen.

Das Gokstad-Schiff aus Vestfold ist knapp 24 Meter lang und gut fünf Meter breit, um 890 gebaut und wenige Jahre später als Grab genutzt. Es hat 16 Ruderpaare, die Riemen liefen durch runde Löcher in der Bordwand, die sich unter Segel mit kleinen Holzklappen verschließen ließen. Ein vielseitiges, seetüchtiges Schiff, aber mit 32 Ruderern kein Truppentransporter wie Skuldelev 2.

Das Oseberg-Schiff schließlich, rund 21,5 Meter lang, um 820 gebaut und 834 als Grab zweier Frauen genutzt, ist das prächtigste von allen. Mit seinem niedrigen Freibord und dem überreich beschnitzten Steven war es eher ein Prunkschiff für ruhige Küstengewässer als ein Kriegsschiff für die offene Nordsee.

Das Oseberg-Schiff im Museum der Wikingerzeit, Oslo
Der schönste Fund: das fast vollständige Oseberg-Schiff (Grabschiff, um 834). Museum der Wikingerzeit, Oslo. Foto: Larry Lamsa, Wikimedia Commons, CC BY 2.0.

Ruder, Riemenpforten und die Männer an Bord

Ein Kriegsschiff lebte von seinen Ruderern. Bei Gokstad und Oseberg liefen die Riemen durch Löcher in einer der oberen Planken, die sogenannten Riemenpforten. Feste Ruderbänke fanden die Archäologen nicht. Vermutlich saßen die Männer auf ihren Seekisten oder auf beweglichen Bänken. Jeder Ruderer war zugleich Krieger, die Zahl der Ruder entsprach im Grunde der Stärke der Truppe.

Das macht auch die Größenangaben der Sagas verständlich. Wenn ein Schiff „dreißig Räume“ hatte, wusste jeder Zuhörer, dass da gut sechzig Ruderer an Bord waren, dazu Steuermann, Anführer und vielleicht Ersatzleute. Geschlafen und gekocht wurde, wenn irgend möglich, an Land.

Wie schnell war ein Langschiff wirklich?

Zeitgenössische Messungen gibt es nicht. Was wir wissen, stammt aus der experimentellen Archäologie, also aus Nachbauten nach Funden. Der wichtigste von ihnen ist die Havhingsten fra Glendalough („Seehengst aus Glendalough“), ein Nachbau von Skuldelev 2, gebaut in der Bootswerft des Wikingerschiffsmuseums Roskilde und 2004 zu Wasser gelassen.

Die Daten, die das Museum für den Nachbau angibt: 29,3 Meter Länge, 3,8 Meter Breite, knapp ein Meter Tiefgang, 112 Quadratmeter Segelfläche, 60 Ruder und 60 bis 70 Mann Besatzung. Unter Segel lag die Durchschnittsgeschwindigkeit bei sechs bis acht Knoten, die Höchstgeschwindigkeit bei rund 17 Knoten. Gerudert schaffte die Mannschaft im Schnitt etwa 2,5 Knoten, in kurzen Spurts bis zu 4,2 Knoten. Das Segel war der Motor, die Ruder dienten für Flaute, Manöver, Flüsse und den Angriff.

2007 segelte die Havhingsten von Roskilde nördlich um Schottland herum nach Dublin, 2008 kehrte sie durch den Ärmelkanal und über die Nordsee zurück. Das Schiff erwies sich als schnell und hochseetauglich, für die Crew aber war die Fahrt eine Tortur aus Nässe, Kälte und Enge.

Eine andere Kategorie ist die Draken Harald Hårfagre, 2012 im norwegischen Haugesund vom Stapel gelaufen: 35 Meter lang, rund acht Meter breit, 260 Quadratmeter Segel, 25 Ruderpaare. 2016 überquerte sie den Atlantik über Shetland, die Färöer, Island und Grönland bis nach Neufundland und fuhr danach bis in die Großen Seen. Wichtig für die Einordnung: Die Draken ist keine Kopie eines Fundes, sondern eine moderne Konstruktion, die Proportionen des Gokstad-Schiffs vergrößert und auf norwegische Bootsbautradition und Sagabeschreibungen setzt. Als archäologischer Beleg taugt sie deshalb nicht.

Schon 1893 segelte der Gokstad-Nachbau Viking unter Magnus Andersen von Bergen zur Weltausstellung nach Chicago, mit gemeldeten rund zehn Knoten. Wie die Wikinger dabei ihren Kurs fanden, erklären wir im Beitrag zur Navigation der Wikinger.

Gesicherter Befund: Die Geschwindigkeitswerte stammen aus Probefahrten von Nachbauten, nicht aus Quellen der Wikingerzeit. Sie zeigen, was mit dieser Rumpfform möglich ist. Wie schnell ein konkretes Schiff im Jahr 1000 tatsächlich fuhr, hing von Wind, Mannschaft und Ladung ab.
Langschiff im Fjord bei Sonnenlicht
Kurs halten ohne Kompass: Sonne, Sterne, Küstenlinien und Vögel waren die Instrumente. (Stimmungsbild)

Drachenköpfe: was belegt ist und was nicht

Kein Bild prägt die Vorstellung vom Wikingerschiff so stark wie der geschnitzte Drachenkopf am Steven. Umso überraschender ist die Fundlage: Echte, sicher wikingerzeitliche Stevenköpfe von Kriegsschiffen sind kaum erhalten. Die berühmten Tierkopfpfosten aus dem Oseberg-Grab sind keine Schiffsköpfe, ihre Funktion ist unklar. Der Steven des Oseberg-Schiffs endet in einer eingerollten Schlange, nicht in einem Kopf mit Maul. Beim Ladby-Schiff verweisen die Eisenspiralen auf eine Mähne, der hölzerne Kopf selbst ist vergangen.

Auch der berühmte geschnitzte Tierkopf aus der Schelde bei Appels in Belgien, heute im British Museum, wird oft als Wikinger-Drache gezeigt. Die Radiokarbondatierung des Museums weist ihn aber eher ins 5. bis 7. Jahrhundert, also deutlich vor die Wikingerzeit. Das Museum vermerkt selbst, dass er trotzdem oft wikingerzeitlich datiert veröffentlicht wird.

Besser belegt sind die Köpfe in Bildern und Texten. Der Bayeux-Teppich, wohl in den 1070er-Jahren entstanden, zeigt die normannische Flotte mit Tierköpfen an den Steven. Der Encomium Emmae Reginae, um 1041/42 für Königin Emma verfasst, schildert die Flotte Knuts mit goldglänzenden Löwen, Drachen, Stieren und Menschengestalten an Bord. Ein Hölzchen aus dem Hafenviertel Bryggen in Bergen, ins 13. Jahrhundert datiert, zeigt eine geritzte Flotte, darunter Schiffe mit Tierköpfen. Hinzu kommen die bronzevergoldeten Wetterfahnen, die vermutlich an Masten oder Steven saßen.

Und dann ist da das isländische Gesetz. In der Hauksbók-Fassung der Landnámabók, einer Handschrift des frühen 14. Jahrhunderts, wird der Anfang des heidnischen Gesetzes Úlfljóts wiedergegeben, das um 930 für Island gegolten haben soll. Dort heißt es sinngemäß (eigene Übertragung): Man solle keine Kopfschiffe auf See haben. Habe man doch eines, solle man die Köpfe abnehmen, bevor man Land in Sicht bekomme, und nicht mit gähnenden Köpfen und aufgesperrten Mäulern auf das Land zusegeln, damit die Landwächter nicht erschreckten.

Die Stelle ist wertvoll, weil sie zeigt, dass die Köpfe abnehmbar waren und als bedrohlich galten, nach außen wie nach innen. Aber Vorsicht: Ob der Wortlaut wirklich auf das 10. Jahrhundert zurückgeht oder eine spätere Ausschmückung ist, ist in der Forschung umstritten. Gesichert ist der Text für die Zeit um 1300.

Mythos-Check: Trug jedes Langschiff einen Drachenkopf? Nein. Die Belege sprechen für abnehmbaren Schmuck an besonders großen Schiffen von Königen und Großen, nicht für eine Standardausstattung. Viele Schiffe hatten schlicht einen hochgezogenen, geschwungenen Steven.

Ormr inn langi: der Lange Wurm Olaf Tryggvasons

Das berühmteste Langschiff der Überlieferung hat niemand je ausgegraben. Es ist der Ormr inn langi, der „Lange Wurm“ oder die „Lange Schlange“ des norwegischen Königs Olaf Tryggvason. Nach der Heimskringla des Snorri Sturluson, geschrieben um 1230, ließ Olaf das Schiff wenige Jahre vor seinem Tod, nach üblicher Zählung um 999, bei Nidaros, dem heutigen Trondheim, bauen. Baumeister war ein Mann namens Thorberg, der den Beinamen Skafhögg („Hobelhieb“) bekam: Der Saga zufolge hackte er Kerben in die fertige Bordwand und hobelte sie dann so geschickt aus, dass die Planke schöner wurde als zuvor.

Snorri gibt dem Schiff 34 Räume, also 34 Ruderpaare, was einer Länge in der Größenordnung von Roskilde 6 entsprechen würde. Kopf und Schwanz des Drachen seien vergoldet gewesen, die Bordwände hoch wie bei einem Hochseeschiff. Schon vorher hatte Olaf ein Schiff namens Kranich (Trana) bauen lassen und eines namens Ormr inn skammi, der „Kurze Wurm“, erbeutet.

Im Jahr 1000 kam es bei Svolder, einem Ort, dessen Lage bis heute umstritten ist, zur Seeschlacht gegen eine Koalition aus dem dänischen König Sven Gabelbart, dem schwedischen König Olof und dem norwegischen Jarl Erik Hákonarson. Nach Snorri ließ Olaf seine Schiffe aneinanderbinden, den Langen Wurm in der Mitte, sodass die Schlacht zu einem Kampf auf schwimmenden Plattformen wurde. Erik griff mit seinem Schiff Járnbarði („Eisenbart“) an, die Verteidiger wurden Schiff um Schiff überwältigt. Am Ende sprang Olaf über Bord und verschwand in den Wellen.

Einordnung: Die Heimskringla entstand gut 230 Jahre nach der Schlacht. Snorri stützte sich auf ältere Skaldenstrophen, etwa die Óláfsdrápa des Hallfreðr vandræðaskáld, aber Details wie die Kerben Thorbergs oder genaue Längenangaben sind literarisch ausgestaltet. Dass Olaf ein außergewöhnlich großes Schiff besaß und bei Svolder fiel, gilt als glaubwürdig. Die Zahlen sind Saga, keine Messung.

Auf den Färöern lebt die Geschichte in der Ballade „Ormurin langi“ von Jens Christian Djurhuus (19. Jahrhundert) bis heute fort.

Schiff aus dem Bayeux-Teppich, historische Darstellung
Ein Schiff aus dem Bayeux-Teppich (1066): Die normannischen Erben der Wikinger setzten mit derselben Bauweise nach England über. (Gemeinfrei)

Wer stellte die Flotte? Das Ledung-System

Ein einzelnes Langschiff war teuer, eine Flotte war eine Staatsaufgabe. In Skandinavien entstand dafür ein Aufgebotssystem, das altnordisch leiðangr hieß, dänisch leding, schwedisch ledung. Die Küstenlandschaften waren in Schiffsbezirke eingeteilt, in Norwegen skipreiða genannt. Jeder Bezirk musste ein Schiff mit Mannschaft, Waffen und Proviant für eine bestimmte Zeit stellen, wenn der König das Aufgebot rief. Zum System gehörten auch Signalfeuer auf Bergspitzen, über die das Aufgebot entlang der Küste alarmiert wurde.

Der Haken: Die Rechtstexte, die das System beschreiben, stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Wie weit es in die Wikingerzeit zurückreicht, ist umstritten. Wahrscheinlich gab es zunächst lockere Gefolgschaften von Königen und Jarlen, die erst nach und nach zu einer festen Pflicht der Bevölkerung wurden. Die Begriffe lið, hirð und leiðangr und ihre Entwicklung erklären wir ausführlich im Beitrag Lið, Hirð und Leiðangr.

Gerade Schiffe wie Skuldelev 5, mittelgroß, vielfach geflickt, aus gebrauchtem Holz, passen gut zu einem solchen Aufgebot: kein Prunkschiff, sondern ein Arbeitstier, das ein Bezirk instand halten musste. Giganten wie Roskilde 6 waren dagegen Königsschiffe.

Mythos-Check: Schilde an der Reling auf See?

Das Bild ist fest eingebrannt: ein Langschiff unter vollem Segel, an beiden Bordwänden eine Reihe bunter Rundschilde. Und ganz erfunden ist es nicht. Im Gokstad-Grab lagen 64 Schilde, 32 je Seite, gelb und schwarz bemalt, die überlappend an einer Leiste außen an der Bordwand befestigt waren. Eine Neuuntersuchung, 2023 in der Fachzeitschrift Arms & Armour veröffentlicht, deutet sogar darauf hin, dass diese Schilde mit Rohhaut bezogen und kampftauglich gewesen sein könnten.

Aber: Die Schilde saßen bei Gokstad so, dass sie die Riemenpforten teilweise verdeckten. Mit aufgehängten Schilden konnte man nicht rudern. Unter Segel auf offener See hätten sie Wasser und Wind abbekommen und wären leicht verloren gegangen. Die wahrscheinlichste Deutung: Die Schildreihe war eine Schaustellung im Hafen, bei der Ankunft, bei Zeremonien, vielleicht auch zum Schutz der Besatzung im Nahkampf vor Anker. Auch der Bayeux-Teppich zeigt Schilde an der Bordwand fahrender Schiffe, aber er ist eine Bilderzählung, kein technisches Protokoll. Mehr zum Schild selbst findest du im Beitrag zum Wikinger-Schild.

Mythos-Check: Bunte Schildreihen auf hoher See unter Segel? Eher nicht. Schilde an der Bordwand sind archäologisch belegt, ihr Einsatz beim Rudern und auf hoher See dagegen nicht. Wahrscheinlicher ist eine Paradeordnung für Hafen und Landung.

Wo du Langschiffe heute sehen kannst

Skuldelev 2 und 5 stehen in Roskilde, Haithabu 1 im Wikinger Museum Haithabu, Ladby in seinem eigenen Museum auf Fünen, Gokstad und Oseberg in Oslo.

Wer vor diesen schmalen, flachen Rümpfen steht, versteht vielleicht die größte Wahrheit des Langschiffs: Es war kein Ungeheuer aus der Sage, sondern ein meisterhaft gebautes, empfindliches Werkzeug, in dem sechzig Männer mit nassen Füßen saßen.

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Häufige Fragen

Wie lang war ein Wikinger-Langschiff? Die gefundenen Kriegsschiffe reichen von rund 17 Metern (Skuldelev 5) bis zu rund 37 Metern (Roskilde 6). Typische große Kriegsschiffe wie Skuldelev 2 oder Haithabu 1 lagen um 30 Meter.

Wie viele Männer passten auf ein Langschiff? Das hing von der Zahl der Ruder ab. Skuldelev 2 hatte 60 Ruder und wohl 65 bis 70 Mann Besatzung, Roskilde 6 vermutlich über hundert.

Wie schnell war ein Wikinger-Langschiff? Der Nachbau Havhingsten fra Glendalough erreichte unter Segel im Schnitt sechs bis acht und in der Spitze rund 17 Knoten. Gerudert waren es im Schnitt etwa 2,5 Knoten.

Hatten alle Wikingerschiffe einen Drachenkopf? Nein. Abnehmbare Tierköpfe sind in Texten und Bildern belegt, aber vor allem für große Prunk- und Königsschiffe. Archäologisch erhaltene Drachenköpfe sind sehr selten.

Was ist der Unterschied zwischen Langschiff und Drachenboot? „Drachenboot“ oder „Drachenschiff“ ist ein moderner Sammelbegriff. Altnordisch hieß ein besonders prächtiges Langschiff dreki, „Drache“, das allgemeine Wort für Kriegsschiffe war langskip.

Was war der Ormr inn langi? Das Kriegsschiff König Olaf Tryggvasons, das nach der Heimskringla 34 Ruderpaare hatte und in der Schlacht bei Svolder im Jahr 1000 verloren ging. Bekannt ist es nur aus der Saga, nicht aus Funden.

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Quellen & Literatur

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