Sie ist keine zwei Zentimeter groß und wiegt neun Gramm – und doch löste sie eine der spannendsten Debatten der nordischen Archäologie aus. Eine winzige Silberfigur sitzt auf einem Thron, zwei Vögel an den Armlehnen, zwei Tierköpfe an der Rückenlehne. Sitzt hier Odin auf seinem Hochsitz, von dem er in alle Welten sieht? Oder ist es ganz jemand anders?
Am 2. September 2009 hob der Hobby-Archäologe Tommy Olesen bei einer Grabung des Roskilde-Museums in Gammel Lejre – „Alt-Lejre" – eine kleine gegossene Silberfigur aus der Erde. Der Ort ist mit Bedacht gewählt: Lejre gilt als sagenumwobener Königssitz der Skjöldunge, der Bühne des Beowulf-Epos. Die Figur stammt aus der Zeit um 900 nach Christus, ist gerade einmal 18 Millimeter hoch und mit schwarzem Niello und etwas Vergoldung verziert.
Was man sieht, ist auf den ersten Blick eindeutig: eine Gestalt auf einem prächtigen Hochsitz. Auf den Armlehnen sitzen zwei Vögel, und die Rückenlehne läuft in zwei Tierköpfe aus. Für den Ausgräber war die Deutung klar: Das ist Odin auf seinem Thron Hliðskjálf, von dem aus der Allvater in alle neun Welten blickt. Die beiden Vögel wären dann seine Raben Hugin und Munin, die für ihn die Welt durchfliegen und ihm alles zutragen; die Tierköpfe könnten seine Wölfe Geri und Freki sein. Ein Bild wie aus der Edda. Mehr über diesen Gott findest du in unserem Beitrag über Odin.
„Hliðskjálf heißt der Hochsitz; setzt sich Odin dort, so sieht er über alle Welten." nach Snorri, Gylfaginning (gemeinfreie Übersetzungstradition)
Und hier beginnt der Streit. Denn schaut man genauer hin, trägt die Gestalt ein bodenlanges Kleid, eine Schürze, gleich vier Perlenketten und einen Halsring – kurz: durch und durch weibliche Tracht. Fachleute für wikingerzeitliche Kleidung wandten ein: So kleidete sich kein Mann. Prompt entstanden neue Deutungen. Vielleicht ist es gar nicht Odin, sondern eine Göttin – seine Gemahlin Frigg oder die Liebesgöttin Freyja. Man verwies auf eine ganz ähnliche Silberfigur aus dem schwedischen Aska, die man oft als Freyja deutet.
Eine gründliche Studie von 2018 kam zu einem vorsichtigen Schluss: Die Person auf dem Thron trägt jedenfalls nicht die typische Männertracht der Zeit. Es könnte ebenso gut die Tracht einer hochgestellten Frau sein – oder sogar das Gewand eines christlichen Bischofs. Beides führt weg von Odin.
Das kleine Stück führt uns mitten hinein in ein grundsätzliches Problem: Wir lesen die Bilder der Wikingerzeit mit den Augen von Texten, die erst Jahrhunderte später aufgeschrieben wurden. „Zwei Vögel am Thron" heißt für uns sofort „Hugin und Munin". Doch die Menschen um 900 hatten kein Etikett dazugeschrieben. So bleibt die Figur schön, rätselhaft und offen – ein Hochsitz, auf dem vielleicht Odin sitzt, vielleicht eine Göttin, vielleicht ein Mächtiger dieser Welt.
Gerade dieses Offene macht sie so reizvoll. Sie zeigt, wie dicht Kunst und Glaube im Norden beieinanderlagen, und wie viel eine Handvoll Silber erzählen kann. Ob Gott oder Göttin: Es ist ein Herrscherbild, ein Wesen auf dem Hochsitz der Macht, umgeben von seinen Tieren. Und es erinnert daran, ehrlich zu bleiben – das schönste Bild verrät uns nicht immer, wen es zeigt.
Die „Silberfigur von Lejre" (auch „Odin aus Lejre") wurde 2009 in Gammel Lejre bei einer Grabung des Roskilde-Museums gefunden. Sie ist eine gegossene Silberfigur der Zeit um 900 n. Chr., 18 mm hoch, 9 g schwer, mit Niello-Einlagen und Vergoldung. Sie zeigt eine Gestalt auf einem Thron, zwei Vögel auf den Armlehnen, zwei Tierköpfe an der Rückenlehne. Die dargestellte Person trägt Kleid, Schürze, mehrere Perlenketten und einen Halsring. Die Figur steht im Roskilde-Museum.
Die Deutung als „Odin auf Hliðskjálf mit Hugin und Munin" ist naheliegend, aber nicht gesichert. Weil die Figur weibliche Tracht trägt, halten Fachleute auch Frigg oder Freyja für möglich; eine Studie von 2018 schließt die typische Männertracht aus und hält sogar ein Bischofsgewand für denkbar. Sicher ist nur der Befund: eine hochrangige Gestalt auf einem Thron mit Vögeln und Tieren. Wen genau sie zeigt, bleibt offen.

Odin · Tissø – der Königshof am See · Das nordische Pantheon · Der Vindelev-Goldhort · Hugin & Munin – Odins Raben.