Im Dezember 2020 piepte ein Metalldetektor in einem Acker bei Vindelev, nur wenige Kilometer von Jelling entfernt. Was zutage kam, war ein Goldschatz von Weltrang: fast ein Kilogramm Gold, darunter die größten je gefundenen Goldbrakteaten – und auf einem von ihnen eine winzige Runenzeile, die Forscher aufhorchen ließ. Sie könnte die älteste bekannte Nennung des Gottes Odin sein.
Der Sondengänger Ole Ginnerup Schytz hatte das Gerät erst wenige Stunden, als es zum ersten Mal anschlug. Kaum zehn Zentimeter unter der Oberfläche lag ein Ensemble aus 23 Goldgegenständen der Völkerwanderungszeit – gefertigt im 5. und frühen 6. Jahrhundert, lange vor der Wikingerzeit. Zusammen wogen die gereinigten Stücke rund 794 Gramm. Später zeigte die Grabung, dass das Gold einst im Inneren eines großen Langhauses lag, dem Herrenhof eines mächtigen, bis dahin unbekannten Fürsten.
Der Schatz vereint römische Goldmünzen (Solidi der Kaiser Konstantin, Constans, Valentinian und Gratian), sechzehn goldene Brakteaten – dünne, einseitig geprägte Goldmedaillen zum Umhängen – und die Goldbeschläge einer Schwertscheide. Und diese Brakteaten sind außergewöhnlich: Das größte Stück, X10, misst fast 14 Zentimeter im Durchmesser und wiegt über 120 Gramm – der größte Goldbrakteat der Welt. Der Archäologe Morten Axboe stellte den Fund auf eine Stufe mit den Goldhörnern von Gallehus.
Das eigentliche Wunder aber ist winzig. Auf einem der Brakteaten läuft eine Runeninschrift im älteren Futhark um das Bild. 2023 entzifferten die Runologin Lisbeth Imer und der Sprachwissenschaftler Krister Vasshus einen Teil davon:
„… iz Wōd[a]nas weraz" – „Er ist Wodans (Odins) Mann." Inschrift eines Vindelev-Brakteaten, um 500 n. Chr. (Lesung Imer/Vasshus 2023)
Wenn die Lesung stimmt, ist das die älteste bekannte Nennung des Gottes Odin überhaupt – älter als die berühmte Fibel von Nordendorf aus dem 6. Jahrhundert. Damit rückt der Odin-Glaube viele Generationen weiter zurück, tief in die Zeit vor den Wikingern. Auf anderen Brakteaten stehen die Zauberwörter alu und laþu, die man mit Kult und Anrufung verbindet. Mehr zu den Runenreihen findest du in unserem Runen-Überblick.
Interessant ist, was Imer und Vasshus aus der Inschrift folgern. Lange galt die Lehrmeinung, die gekrönten Köpfe auf den Brakteaten zeigten Götter, allen voran Odin. Doch „er ist Odins Mann" klingt eher nach einem Menschen, der sich zu Odin bekennt – nach einem Gefolgsmann, nicht nach dem Gott selbst. So könnten die Bilder Fürsten oder Könige meinen, die sich mit göttlichem Glanz umgaben. Ein ehrlicher Zwischenstand: Der Name Odin ist da, aber wer auf dem Gold abgebildet ist, bleibt umstritten.
Warum legte man einen solchen Schatz in die Erde? Manche Brakteaten waren vor dem Vergraben sorgfältig gefaltet – das spricht für eine bewusste Opfergabe. Der Fund fällt in eine unruhige Zeit: Um 536 verdunkelten Vulkanausbrüche jahrelang die Sonne, es folgten Missernten und Hunger. Diese Katastrophe hallt vielleicht im Mythos vom Fimbulwinter nach, dem großen Winter vor Ragnarök. Vielleicht opferte man das kostbarste Gold, um bessere Zeiten zu erflehen. Sicher ist: Hier vergrub ein Mächtiger sein halbes Vermögen – und einen Gottesnamen dazu.
Der Vindelev-Hort wurde 2020 bei Vindelev (nahe Jelling, Ostjütland) gefunden: 23 Goldgegenstände der Völkerwanderungszeit (5./6. Jh.), rund 794 g, darunter 16 Brakteaten (X10 = größter der Welt, ~14 cm/123 g), vier römische Solidi und eine Schwertscheiden-Zier. Das Gold lag im Bereich eines Langhauses/Herrenhofs. 2023 lasen Imer und Vasshus auf einem Brakteaten „iz Wōd[a]nas weraz" – „Er ist Odins Mann" –, die bislang älteste bekannte Nennung Odins. Andere Brakteaten tragen die Formelwörter alu und laþu.
„Man hat den ältesten Odin gefunden" stimmt im Kern, ist aber zu verkürzen: Belegt ist der Gottesname in einer Inschrift, nicht ein Bild des Gottes. Gerade weil dort „Odins Mann" steht, argumentieren die Entdecker, dass die Köpfe auf den Brakteaten eher Fürsten als Götter zeigen. Auch die Lesung ist Fachdebatte: Andere lesen die Runen als „horaz" (der Geliebte). Sicher ist der Fund und die Formelwörter – die genaue Deutung bleibt in Bewegung.

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