Odin ist kein gemütlicher Himmelsvater. Er ist Wanderer, Kriegsgott, Dichter, Zauberer und Herr der Toten – ein Gott, der für Wissen fast jeden Preis zahlt und dafür sogar seine eigenen Günstlinge dem Speer überlässt. Kein Gott des Nordens ist widersprüchlicher.
Odin (altnordisch Óðinn, auf dem Festland Wodan/Wotan) ist der Allvater der Asen – doch wer ihn für einen milden Himmelsgott hält, irrt gründlich. Sein Name selbst kommt von óðr: „Rausch, Wut, Ekstase, Dichtung". Adam von Bremen bringt es um 1075 auf den Punkt: „Wodan id est furor" – „Wodan, das heißt: die Raserei". Gott der Weisheit und der Dichtung, aber ebenso des Krieges, der Magie und des Todes.

Kein Gott des Nordens ist so vielschichtig, so faszinierend und so unheimlich wie Odin. Er ist der Allvater (Alföðr), das Oberhaupt der Asen – und doch kein gütiger Himmelsvater. Odin ist der Gott der Ekstase und der Weisheit, der Dichtung und des Todes, der Runen und der Raserei. Er verschenkt Sieg und nimmt ihn wieder; er hetzt Könige in die Schlacht, um die tapfersten Gefallenen für seine eigene Halle zu ernten. Wer den Norden verstehen will, muss diesen zwiespältigen Gott verstehen: klug bis zur List, edel bis zur Grausamkeit, ein Wanderer zwischen den Welten, der für jedes Stück Wissen einen Preis zahlt – und ihn auch von anderen einfordert.
Unsere Bilder von Odin stammen fast alle aus der Lieder-Edda und der Prosa-Edda Snorri Sturlusons – aufgeschrieben erst im 13. Jahrhundert, gut zweihundert Jahre nach der Christianisierung Islands. Doch sein Kult ist weit älter: Schon die Römer kannten ihn unter dem Namen Merkur, Runensteine und Goldbrakteaten nennen ihn, und Ortsnamen von Skandinavien bis an den Rhein tragen ihn bis heute. Dieser Artikel führt durch alles: Herkunft, Mythen, Kult, Nachleben – und trennt dabei sauber, was belegt ist und was Deutung bleibt.
Odin trägt mehr Namen als jeder andere germanische Gott – die Überlieferung kennt weit über 170 Beinamen (heiti). Allein das Eddalied Grímnismál reiht Dutzende aneinander. Jeder Name ist eine Maske, ein Aspekt seines Wesens: Alföðr („Allvater"), Yggr („der Schreckliche"), Bölverkr („Übeltäter"), Grímnir („der Maskierte"), Hangaguð („Gott der Gehängten"), Valföðr („Vater der Gefallenen"), Sigföðr („Vater des Sieges"), Gangleri („der Wandermüde"). Diese Namensfülle ist kein Zufall: Odin ist der Gott der Verwandlung und der Verstellung, der unter falschem Namen an fremde Höfe kommt, prüft, täuscht und verschwindet. Der Name selbst – altnordisch Óðinn, urgermanisch *Wōðanaz – geht auf die Wurzel *wōð- zurück: „Wut, Raserei, Ekstase, dichterische Besessenheit". Odin ist wörtlich der „Herr der Ekstase".
Odin stammt aus der Urzeit. Sein Vater war Borr, seine Mutter die Riesin Bestla, Tochter des Riesen Bölthorn – so trägt der oberste Ase mütterlicherseits Riesenblut in sich. Mit seinen Brüdern Vili und Vé bildet er die erste Göttertrias. Seine Gemahlin ist Frigg, die Herrin von Fensalir, die allein neben ihm auf dem Hochsitz Hlidskjalf sitzen darf. Seine Söhne sind die Größten des Pantheons: der Donnergott Thor (von der Erdgöttin Jörð), der leuchtende Baldr, dazu Vidar, Vali, Höd und der Skalde Bragi. Selbst der Unruhestifter Loki ist durch einen Blutsbrüderschwur mit Odin verbunden. So steht der Allvater im Zentrum eines weiten Geflechts – Gott, Ahnherr und Stammvater zugleich, auf den sich später sogar Königsgeschlechter zurückführten.
Odin ist nicht nur Herrscher, sondern Schöpfer. Am Anfang, so die Völuspá und Snorri, töteten Odin und seine Brüder den Urriesen Ymir und formten aus seinem Leib die Welt: aus dem Fleisch die Erde, aus dem Blut das Meer, aus den Knochen die Berge, aus dem Schädel den Himmel. Am Strand fanden die drei Brüder zwei Baumstämme und schufen daraus das erste Menschenpaar, Ask und Embla. Odin gab ihnen das kostbarste Geschenk: den önd, den Atem und Lebensgeist. Damit ist Odin nicht nur der Vater der Götter, sondern im Wortsinn der Lebensspender der Menschheit – jeder Atemzug ein Nachhall seiner Gabe.
Odins größter Hunger gilt dem Wissen – und er zahlt dafür grausame Preise. Unter einer der Wurzeln von Yggdrasil liegt der Brunnen des weisen Mímir, in dem die Weisheit selbst verborgen ist. Um daraus trinken zu dürfen, gab Odin sein Auge als Pfand – für immer. Die Völuspá weiß: „Ich weiß, wo Odins Auge verborgen ist, im weitberühmten Brunnen Mímirs." Seither ist der Allvater einäugig, ein Gott, der buchstäblich einen Teil seiner selbst für die Erkenntnis geopfert hat. Als die Wanen Mímir später enthaupteten, konservierte Odin dessen Kopf mit Kräutern und Zaubersprüchen, sodass er ihm weiter Rat geben konnte – Weisheit über den Tod hinaus.
Noch dunkler ist Odins zweites großes Opfer. Um die Geheimnisse der Runen zu gewinnen, hängte er sich selbst neun Nächte lang an den windgepeitschten Weltenbaum, verwundet von seinem eigenen Speer – „geopfert, ich selbst mir selbst". Ohne Brot, ohne Horn, blickte er in die Tiefe, bis er schreiend die Runen aufnahm und wieder herabfiel. Diese Szene aus dem Hávamál (Strophen 138–139) ist einer der eindringlichsten Momente der ganzen germanischen Dichtung: der höchste Gott, der sich selbst opfert, um Wissen aus dem Abgrund zu holen. Die Runen sind für Odin keine bloße Schrift, sondern Macht – Zeichen, mit denen man heilen, binden, wecken und töten kann. Mehr dazu in unserem Beitrag über das Rúnatal.
Odin ist auch der Gott der Dichtung – und er hat sie gestohlen. Der Dichtermet, aus dem Blut des weisen Kvasir gebraut, lag tief im Berg Hnitbjörg, bewacht von der Riesin Gunnlöd. Unter dem Namen Bölverk verdingte sich Odin, bohrte sich als Schlange in den Fels, verbrachte drei Nächte bei Gunnlöd und leerte in drei Zügen die drei Gefäße Óðrœrir, Boðn und Són. Als Adler entkam er zurück nach Asgard und spie den Met in Gefäße – seither ist die Dichtkunst ein Geschenk Odins an alle, die er erwählt. Wer immer ein gutes Gedicht schafft, trinkt in diesem Bild vom Rest des Mets, den der Allvater einst raubte.
Odin ist der mächtigste Zauberer der Welt. Er beherrscht den Seiðr, jene Magie der Weissagung und Schicksalslenkung, die er von der Wanengöttin Freyja lernte. Er kann seine Gestalt wechseln, seinen Körper schlafend zurücklassen und als Tier durch die Welten fahren, Tote zum Sprechen bringen und Winde besänftigen. Snorri berichtet in der Ynglinga saga von all diesen Künsten – merkt aber an, der Seiðr sei mit so viel „ergi" (Unmännlichkeit) behaftet gewesen, dass er den Priesterinnen überlassen wurde. Genau hier zeigt sich Odins Grenzgängertum: Der oberste Kriegergott ist zugleich Meister einer Magie, die als weiblich galt. Er ist der Gott, der jede Grenze überschreitet – die zwischen Leben und Tod, Mann und Frau, Wahrheit und Täuschung.
Um Odin sammelt sich ein einzigartiges Gefolge. Auf seinen Schultern sitzen die Raben Huginn und Muninn („Gedanke" und „Erinnerung"), die jeden Tag über die Welt fliegen und ihm abends alles ins Ohr flüstern. Zu seinen Füßen liegen die Wölfe Geri und Freki, denen er alle Speise überlässt, während er selbst nur vom Wein lebt. Er reitet das achtbeinige Ross Sleipnir, das schnellste aller Pferde, ein Kind Lokis – es trägt ihn über Land, Meer und bis hinab ins Totenreich. Sein Speer Gungnir verfehlt nie sein Ziel; sein goldener Ring Draupnir tropft in jeder neunten Nacht acht neue Ringe. Von seinem Hochsitz Hlidskjalf überblickt er alle neun Welten auf einmal.
Als Valföðr, Vater der Gefallenen, herrscht Odin über Walhall, die Halle der erschlagenen Helden. Seine Walküren reiten über die Schlachtfelder und wählen die tapfersten Toten aus; die eine Hälfte kommt zu Odin, die andere zu Freyja nach Fólkvangr. In Walhall kämpfen die Einherjer jeden Tag bis zum Tod und erwachen abends zum Gelage. Doch dieses Paradies hat einen finsteren Zweck: Odin sammelt sein Totenheer nicht aus Güte, sondern für die letzte Schlacht. Er braucht die Besten für Ragnarök – und darum entfacht er Kriege, bricht Eide und lässt selbst Lieblinge fallen, wenn ihr Tod ihm nützt. Der Gott, der Sieg verleiht, ist zugleich der, der ihn im entscheidenden Moment entzieht.
Odins Verehrung hatte eine düstere Seite. Er war der Gott der Gehängten und Erstochenen: Kriegsgefangene und Opfer wurden ihm geweiht, indem man einen Speer über sie warf oder sie an Bäumen aufhängte – „ich gebe dich Odin". Der Chronist Adam von Bremen beschreibt (als feindliche Außensicht) den Hain von Uppsala, in dem Menschen und Tiere in den Bäumen hingen. So spiegelt der Kult den Mythos: Wie Odin sich selbst am Baum opferte, so empfing er Opfer am Galgen. Kein Wunder, dass er auch der Gott der Berserker war, jener Krieger, die in heiliger Wut („wōð") kämpften. Odin ist kein Gott für Zaghafte – er ist der Gott der Grenzerfahrung, des Rausches und des Todes.
Lange bevor die Wikinger ihn Óðinn nannten, verehrten die Festlandgermanen ihn als Wodan bzw. Wôden. Die Römer setzten ihn mit Merkur gleich (interpretatio Romana) – dem Gott der Reisenden, Händler und Seelengeleiter. Der zweite Merseburger Zauberspruch (althochdeutsch, 9./10. Jh.) zeigt Wodan als Heiler, der das verrenkte Pferdebein Balders bespricht. Bei den Langobarden entscheidet „Godan" über den Sieg (Paulus Diaconus). Und bis heute trägt der Mittwoch in England seinen Namen: Wednesday = „Wodans Tag" (nach dem römischen dies Mercurii). Mehr dazu in unserem Beitrag Wodan, Donar und Ziu.
Im Volksglauben lebte Odin am längsten weiter – als Anführer der Wilden Jagd. In den Stürmen der dunklen Jahreszeit, besonders in den Rauhnächten um die Wintersonnenwende, zieht ein geisterhaftes Heer durch die Lüfte, angeführt von einem einäugigen, hutbewehrten Reiter auf grauem Ross. Von Skandinavien bis in die deutschen Mittelgebirge kennt man diese Sage; die Forschung sieht darin ein Nachleben des alten Totengottes. Dass ausgerechnet der Sturm- und Totenführer bis in die Neuzeit überlebte, während die milderen Götter verblassten, sagt viel über Odins Macht über die Fantasie der Menschen.
Am Ende kann selbst der Allvater seinem Schicksal nicht entgehen. In der letzten Schlacht, Ragnarök, reitet Odin mit seinen Einherjern gegen die Mächte des Chaos – und wird vom Wolf Fenrir verschlungen. All sein Wissen, all seine List, all das gesammelte Totenheer können den Untergang nur hinauszögern, nicht abwenden. Sein Sohn Vidar rächt ihn, indem er dem Wolf den Rachen zerreißt. In dieser Tragik liegt die tiefste Wahrheit des Odin-Mythos: Ein Gott, der alles weiß – auch seinen eigenen Tod – und trotzdem handelt, kämpft und sammelt. Nicht, weil er siegen kann, sondern weil er es muss. Nach dem Untergang aber, so die Völuspá, steigt eine neue Welt aus dem Meer, und die überlebenden Götter finden im Gras die goldenen Spielsteine der Alten wieder.
Odin ist nie ganz verschwunden. Er steht in jedem Kalender – als Wodans Tag im englischen Wednesday, als Merkurs Tag im romanischen mercredi. Er reitet durch die Sagen der Wilden Jagd, durch Wagners Opern und Tolkiens Gandalf (der graue Wanderer mit Hut und Stab ist ein direkter Nachfahr des Rosen-Odin). Er ist zum Sinnbild für die Suche nach Wissen geworden, für den Preis der Erkenntnis, für den Mut, ins Ungewisse zu blicken. Genau das macht ihn bis heute zu einem der beliebtesten Motive nordischer Kunst – der einäugige Wanderer mit Speer, Raben und Wolf, der graue Herr der Ekstase. Für uns als nordische Manufaktur ist Odin der Inbegriff dessen, wofür echte germanische Geschichte steht: kein platter Fantasy-Kitsch, sondern ein Gott voller Tiefe, Widerspruch und Würde. Wer seinen Namen, seinen Speer oder seine Raben in Schiefer oder Kristallglas gravieren lässt, trägt keine bloße Dekoration, sondern zweitausend Jahre Kult, Dichtung und Grenzerfahrung mit sich – vom Merkur der Römer über die Brakteaten der Völkerwanderung bis zum grauen Wanderer, der bis heute durch die Stürme der Rauhnächte reitet.
Odin steht auch am Beginn des ersten Krieges überhaupt. Die Völuspá schildert, wie er seinen Speer Gungnir über das Heer der Wanen schleuderte – die rituelle Kriegseröffnung, die den großen Konflikt zwischen Asen und Wanen entfachte. Nach langem, unentschiedenem Ringen tauschten die beiden Göttergeschlechter Geiseln aus: Njörd, Freyr und Freyja kamen zu den Asen, und mit ihnen der Seiðr, jene Zauberkunst, die Odin sich später aneignete. Dieser Mythos erklärt, warum im nordischen Pantheon zwei Götterfamilien nebeneinanderstehen – und warum ausgerechnet der Kriegsgott Odin zum Meister einer wanischen Magie werden konnte. Der Speerwurf über die Feinde wurde übrigens zum realen Ritus: Krieger weihten ein ganzes Heer dem Odin, indem sie einen Speer darüber warfen.
Als Träume den Tod seines Sohnes Baldr ankündigten, tat Odin, was kein anderer Gott wagte: Er sattelte Sleipnir und ritt hinab nach Niflheim, an die Tore von Hels Reich. Dort, so das Eddalied Baldrs draumar, weckte er mit Totenzauber eine längst verstorbene Völva aus ihrem Grab und zwang sie, ihm die Zukunft zu offenbaren: dass Baldr sterben werde, wer ihn töte und wer ihn räche. Die Szene zeigt Odin in seiner unheimlichsten Rolle – als Totenbeschwörer, der die Grenze zwischen Lebenden und Toten überschreitet, um Wissen zu erzwingen, das kein Lebender kennen darf. Selbst das Unabwendbare will er zuvor gewusst haben.
Odins Waffe ist nicht nur der Speer, sondern die Frage. Im Vafthrúðnismál tritt er verkleidet zum tödlichen Wissenswettstreit gegen den weisesten aller Riesen an. Beide beantworten alle Fragen über Ursprung und Ende der Welt – bis Odin die eine stellt, die keiner beantworten kann: „Was flüsterte Odin seinem toten Sohn ins Ohr, ehe er auf den Scheiterhaufen stieg?" Daran erkennt der Riese seinen Gegner – und hat verloren, denn nur Odin selbst kennt die Antwort. Dieselbe unlösbare Frage stellt er auch dem König Heidrek. Sie ist Odins Signatur: Der Gott des Wissens gewinnt am Ende nicht durch Stärke, sondern durch ein Geheimnis, das er allein besitzt.
Wie gefährlich Odins Prüfungen sind, zeigt der Rahmen des Grímnismál. Odin und Frigg wetten vom Hochsitz Hlidskjalf aus über zwei Ziehsöhne. Frigg bringt durch eine List den König Geirröd dazu, einen Fremden – Odin unter dem Namen Grímnir – für einen Zauberer zu halten. Geirröd lässt ihn fesseln und acht Nächte zwischen zwei Feuern schmoren, ohne Trank. Erst als Geirröds junger Sohn ihm ein Horn reicht, beginnt Grímnir zu sprechen: Er offenbart in großen Strophen den Bau der Welt, die Hallen der Götter, die Bäche und Bäume – und nennt am Ende seine wahren Namen. Der entsetzte Geirröd springt auf, stürzt über sein eigenes Schwert und stirbt. Die Lehre ist bitter: Wer Odin misshandelt, dessen Ende ist besiegelt, sobald der Gott seine Maske fallen lässt.
Odin ist der Schutzherr der Krieger – aber ein launischer. Dem Geschlecht der Völsungen stieß er als einäugiger Greis ein Schwert in den Stamm der Halle, das nur der Würdigste ziehen konnte: Sigmund gewann es. Doch Jahre später, in Sigmunds letzter Schlacht, trat Odin ihm mit erhobenem Speer entgegen – das Königsschwert zersprang, und Sigmund fiel. Odin gibt und Odin nimmt: Er schenkt Sieg, solange es ihm dient, und entzieht ihn, wenn er den Helden zu sich in die Halle holen will. Genauso ließ er den greisen König Harald Kampfzahn in der Schlacht von Bråvalla fallen. Königsgeschlechter von Skandinavien bis England führten sich stolz auf Odin zurück – der Allvater war der Ahnherr der Mächtigen, aber nie ihr verlässlicher Verbündeter.
Einer von Odins Namen ist Jólnir – „der zum Jul Gehörige". Das mittwinterliche Julfest, die längste Nacht des Jahres, gehörte dem Gott der Toten und der Ekstase in besonderem Maße; hier berührt sein Kult die Wilde Jagd, die gerade in den zwölf Rauhnächten durch die Stürme braust. Aus diesem Bündel aus Jólnir, Wildem Heer und dem grauen, geschenkebringenden Wanderer haben spätere Jahrhunderte manches gesponnen – bis hin zur populären, aber unbelegten Gleichsetzung Odins mit dem Weihnachtsmann. Sicher ist nur: Die dunkelste Zeit des Jahres war seit jeher seine Zeit. Wer in den Rauhnächten den Sturm ums Haus heulen hört, hört einen Nachhall des alten Allvaters.
Kaum ein Gott ist so eng mit seinen Tieren verwoben wie Odin. Die Raben Huginn und Muninn sind mehr als Boten – sie sind Odins ausgelagerter Geist. „Um Huginn (Gedanke) sorge ich mich, dass er nicht heimkehrt, doch mehr noch bange ich um Muninn (Erinnerung)", lässt ihn das Grímnismál sagen: Ein Gott, der fürchtet, sein Gedächtnis zu verlieren – zutiefst menschlich. Die Wölfe Geri und Freki („der Gierige" und „der Gefräßige") verkörpern die andere Seite: den Krieg, das Schlachtfeld, den Aasfresser. Und Sleipnir, das achtbeinige Ross, geboren aus Loki in Stutengestalt, trägt ihn schneller als jeder Wind über See, Feuer und die Grenze des Todes. Rabe, Wolf und Ross – Gedanke, Gier und Geschwindigkeit: In seinem Gefolge spiegelt sich Odins ganzes Wesen.
Odins mächtigste Kleinode entstammen der Kunst der Zwerge. Der Speer Gungnir, geschmiedet von den Söhnen Ivaldis, ist so vollkommen ausbalanciert, dass er jedes Ziel trifft und einen Eid unverbrüchlich macht, wenn man ihn darauf schwört. Der Armring Draupnir („der Tröpfelnde"), ein Werk der Zwerge Brokkr und Sindri, lässt in jeder neunten Nacht acht gleich schwere Goldringe von sich tropfen – ein nie versiegender Quell des Reichtums, Sinnbild königlicher Freigebigkeit. Odin legte ihn Baldr auf den Scheiterhaufen; von dort sandte Baldr ihn aus Hels Reich zurück. Diese Schätze sind nicht bloß Ausrüstung, sondern Zeichen: Der Speer steht für unfehlbare Macht, der Ring für unerschöpfliche Gabe – die zwei Säulen, auf denen die Herrschaft eines nordischen Königs ruhte.
Im Streitgedicht Hárbarðsljóð stehen sich Vater und Sohn gegenüber – und könnten kaum verschiedener sein. Odin, als Fährmann Hárbarð verkleidet, verspottet den heimkehrenden Thor vom anderen Ufer: Während er selbst, so prahlt er, bei edlen Frauen lag und Fürsten in den Krieg trieb, habe Thor nur Trolle und Riesenweiber erschlagen. „Odin bekommt die Edlen, die im Kampf fallen – Thor bekommt das Geschlecht der Knechte." Hinter dem Spott steckt eine echte soziale Wahrheit: Odin war der Gott der Anführer, Skalden und Könige, der listigen Elite; Thor der Gott des freien Bauern und Kriegers, verlässlich, geradlinig, geliebt vom einfachen Volk. Zwei Götter, zwei Menschenbilder – und Odin lässt keinen Zweifel, welchen er für den seinen hält.
Am liebsten erscheint Odin nicht in Herrlichkeit, sondern als grauer Fremder: ein alter Mann im weiten Mantel, mit tief ins Gesicht gezogenem Hut, der das fehlende Auge verbirgt, einen Wanderstab oder Speer in der Hand. So tritt er an die Höfe der Menschen – als Gast, der Rätsel stellt, Rat gibt, Gaben verteilt und Prüfungen auferlegt. Mal heißt er Grímnir, mal Gestumblindi, mal Gangleri. Wer ihn ehrt, gewinnt; wer ihn kränkt, ist verloren. Noch die spätere Sagatradition lässt ihn als einäugigen Wanderer bei König Olaf Tryggvason auftauchen und wieder verschwinden. Aus genau diesem Bild – der geheimnisvolle Alte, der aus dem Nichts kommt und alles weiß – ist ein ganzer Strang der Weltliteratur gewachsen, bis hin zu Gandalf. Der Wanderer ist Odins wahrste Gestalt: der Gott, der niemals bleibt.
Anders als die späten Sagas ist der Kult Odins auch materiell greifbar. Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit (5./6. Jh.) zeigen immer wieder einen Kopf mit Vogel und Pferd – nach heutiger Deutung Odin als Heiler und Herr der Tiere. Der spektakuläre Hort von Vindelev (2020 in Dänemark entdeckt) trägt eine Runeninschrift, die Odin ausdrücklich nennt – der bislang älteste sichere Beleg seines Namens, rund 150 Jahre älter als bisher bekannt. Kleine silberne Amulette und der Valknut auf Bildsteinen und im Schiffsgrab von Oseberg verbinden ihn mit Tod und Opfer. Und der Bildstein von Ardre zeigt schon im 8. Jahrhundert den Reiter auf dem achtbeinigen Ross. Odin ist also kein bloßes Literaturprodukt Snorris, sondern ein Gott, den man über Jahrhunderte in Gold, Silber und Stein verewigte.
„Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum neun volle Nächte, vom Speer verwundet und Odin geweiht, ich selbst mir selbst."Hávamál 138, nach Karl Simrock (gemeinfrei)


Odins Auge am Mimirbrunnen · Odin & die Runen · Walhall · Die Walküren · Kvasir & der Dichtermet · Das Götter-Pantheon.
Völuspá, Havamal (Runatal 138–145), Grimnismal, Lokasenna, Vafthrudnismal (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning, Skaldskaparmal, Ynglinga saga. Tacitus, Germania 9; Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis IV 26. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl. 2006); Jan de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte; John Lindow, Norse Mythology (2001).
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