Odin ist kein gemütlicher Himmelsvater. Er ist Wanderer, Kriegsgott, Dichter, Zauberer und Herr der Toten – ein Gott, der für Wissen fast jeden Preis zahlt und dafür sogar seine eigenen Günstlinge dem Speer überlässt. Kein Gott des Nordens ist widersprüchlicher.
Odin (altnordisch Óðinn, auf dem Festland Wodan/Wotan) ist der Allvater der Asen – doch wer ihn für einen milden Himmelsgott hält, irrt gründlich. Sein Name selbst kommt von óðr: „Rausch, Wut, Ekstase, Dichtung". Adam von Bremen bringt es um 1075 auf den Punkt: „Wodan id est furor" – „Wodan, das heißt: die Raserei". Gott der Weisheit und der Dichtung, aber ebenso des Krieges, der Magie und des Todes.

Kaum ein Wesen der Mythologie trägt so viele Namen: Über 170 Beinamen (heiti) sind überliefert, allein das Grimnismal reiht Dutzende aneinander – Grimnir („der Maskierte"), Ygg („der Schreckliche"), Hár („der Hohe"), Bölverk („Übeltäter"), Gangleri („der Wandermüde"). Jeder Name ist eine Rolle. Denn Odin tritt fast nie als er selbst auf, sondern verkleidet: als grauer Wanderer mit breitem Hut, Mantel und Stab, einäugig, der an fremde Höfe kommt, Rätsel stellt und wieder verschwindet. Schon die Römer erkannten in ihm ihren Merkur: Tacitus schreibt, die Germanen verehrten „vor allem Mercurius" – gemeint ist Wodan. Deshalb heißt bis heute der Mittwoch im Englischen Wednesday, „Wodans Tag" (lateinisch dies Mercurii).
Zwei Geschichten zeigen, wie weit Odin für Erkenntnis geht. Am Mimirbrunnen legte er ein Auge als Pfand in die Quelle der Weisheit, um daraus zu trinken. Und um die Runen zu gewinnen, opferte er das Höchste: sich selbst. Neun Nächte hing er, vom eigenen Speer verwundet, am Weltenbaum Yggdrasil, „dem Odin geweiht, ich selber mir selbst". Schon der Name des Baumes verrät die Szene: Yggdrasil heißt „Ross des Ygg" – das „Pferd", auf dem der Gehängte reitet, ist der Galgen.
„Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum / neun lange Nächte, / vom Speer verwundet, dem Odin geweiht, / mir selber ich selbst.“— Havamal 138, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Odin beherrscht den seiðr, eine ekstatische Zauberkunst, die eigentlich als „unmännlich" galt – in der Lokasenna hält Loki ihm genau das vor. Der Gott schert sich nicht darum; Wissen ist ihm mehr wert als Ehre. Ihm verdanken die Menschen auch die Dichtung: Als Riese verkleidet gewann er den Dichtermet, verführte die Riesin Gunnlöd, trank die drei Kessel in einem Zug leer und entkam in Adlergestalt nach Asgard. Seither ist gute Dichtung „Odins Fund".
Auf Odins Schultern sitzen die Raben Hugin („Gedanke") und Munin („Erinnerung"); jeden Morgen fliegen sie über die Welt und flüstern ihm abends alles zu – und der Gott bangt, sagt das Grimnismal, mehr um Munin als um Hugin: die Angst, die Erinnerung zu verlieren. Zu seinen Füßen liegen die Wölfe Geri und Freki, er reitet das achtbeinige Ross Sleipnir (ein Kind Lokis), sein Speer Gungnir verfehlt nie sein Ziel, und von seinem Hochsitz Hlidskjalf überblickt er alle neun Welten.

In seiner Halle Walhall sammelt Odin die im Kampf Gefallenen, die Einherjer, die seine Walküren vom Schlachtfeld holen – ein Heer für die letzte Schlacht. Doch der Preis ist dunkel: Wen Odin liebt, den lässt er fallen, denn nur die Gefallenen kommen zu ihm. Er schürt Kriege, bricht Eide und wählt die Toten schon, bevor die Klingen sich kreuzen. In Ragnarök verschlingt ihn der Wolf Fenrir; sein Sohn Vidar rächt ihn.
Odin ist auch ein Gott des Sturmes. Als Anführer der Wilden Jagd braust er mit einem gespenstischen Totenheer durch den Nachthimmel – vor allem in den Sturmnächten des Winters, in den zwölf Nächten der Weihnacht und zur Fastnacht; in manchen Überlieferungen reitet Frigg an seiner Seite. Dieses Bild des jagenden Sturmgottes hat sich tief im Volksglauben gehalten und Spuren bis in unsere Winterbräuche hinterlassen.
Odins Kult hatte eine unheimliche Seite. Ihm wurden die meisten Menschenopfer dargebracht – erhängt und erstochen zugleich, in Anlehnung an sein eigenes Selbstopfer am Weltenbaum; schon Tacitus berichtet, dass die Germanen ihrem „Mercurius" (gemeint ist Wodan) Menschen opferten. Seinen Speer Gungnir warf Odin über das Heer der Wanen und brachte so den Krieg in die Welt – ein über ein feindliches Heer geschleuderter Speer sollte dieses Odin weihen. Wer sich ihm ganz verschrieb, galt als feigr („dem Tod geweiht") und trug bisweilen den Valknut, den „Knoten der Erschlagenen", auf der Brust. Seine heiligen Orte waren vor allem Moore und Haine.
Und bei uns im Westen? Der Gott hat Spuren hinterlassen: In Ortsnamen wie Godesberg (Bad Godesberg) und Gudensberg steckt der Verdacht auf ein altes „Wodans-Berg". Magst du selbst ein Zeichen ziehen? Mit unserer Tagesrune erhältst du jeden Tag eine Rune samt Deutung.

Odins Auge am Mimirbrunnen · Odin & die Runen · Walhall · Die Walküren · Kvasir & der Dichtermet · Das Götter-Pantheon.
Völuspá, Havamal (Runatal 138–145), Grimnismal, Lokasenna, Vafthrudnismal (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning, Skaldskaparmal, Ynglinga saga. Tacitus, Germania 9; Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis IV 26. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl. 2006); Jan de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte; John Lindow, Norse Mythology (2001).