Die nordische Mythologie ist die einzige große Überlieferung, in der die Götter selbst dem Untergang geweiht sind – und in der sie das wissen. Ragnarök, das „Schicksal der Mächte“, ist ihr Ende: Fimbulwinter, der losgerissene Wolf, die letzte Schlacht, der Weltenbrand. Und doch endet das große Gedicht nicht im Dunkel.
Ragnarök (altnord. ragna rǫk, „Schicksal/Verhängnis der Mächte“; oft volkstümlich ragnarøkkr, „Götterdämmerung“) ist der Höhepunkt und das Ende der nordischen Mythen. Anders als in vielen Religionen sind die Götter hier nicht ewig. Auch sie haben ein vorbestimmtes Ende – und sie ziehen trotzdem in die Schlacht, von der sie wissen, dass sie sie nicht gewinnen. Diese Haltung, dem Unvermeidlichen aufrecht ins Auge zu sehen, ist der Kern der ganzen nordischen Geisteswelt.
Das Ende beginnt eigentlich mitten im goldenen Zeitalter der Götter – mit einem Mord. Baldr, der lichteste und beste der Asen, wird durch Lokis List getötet: Der blinde Höðr wirft, von Loki gelenkt, einen Mistelzweig, das einzige Ding der Welt, das Baldr nicht zu schonen geschworen hatte. Mit Baldrs Tod erlischt das Licht in Asgard, und die Götter fesseln Loki zur Strafe an drei Steine, eine Giftschlange über seinem Gesicht. Sein Zucken unter den Gifttropfen macht die Erdbeben. So liegt er – bis er sich bei Ragnarök losreißt. Baldrs Tod ist der erste Riss; alles Weitere folgt daraus.
Dem Untergang voraus geht der Fimbulwinter („der gewaltige Winter“): drei Winter hintereinander, ohne Sommer dazwischen. Die sittliche Ordnung zerfällt – „Bruder mordet Bruder aus Gier“, sagt die Völuspá; es ist eine Beilzeit, Schwertzeit, Windzeit, Wolfszeit vor dem Ende der Welt.
„Brüder befehden sich und werden sich zum Bane, / Geschwisterkinder brechen die Sippe; / hart ist die Welt, viel Hurerei, / Beilzeit, Schwertzeit, wo Schilde krachen, / Windzeit, Wolfszeit, eh die Welt zerstürzt.“Völuspá 45, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Die Wölfe Sköll und Hati, die seit Anbeginn Sonne und Mond jagen, holen ihre Beute endlich ein: Die Sonne wird verschlungen, der Mond zerrissen, die Sterne verlöschen. Erdbeben sprengen alle Fesseln. Und das Ende kündigt sich, so die Edda, dreifach durch Hahnenschrei an: In Walhall weckt der goldene Hahn Gullinkambi die gefallenen Krieger, im dunklen Wald kräht der rote Fjalar, und tief in der Totenwelt ein dritter, rußrot-brauner Hahn. Drei Welten, drei Rufe, ein Weltuntergang.
Nun brechen die gebundenen Ungeheuer frei – allesamt Kinder Lokis. Der Wolf Fenrir, so lang genährt und gefürchtet, sprengt die Zauberfessel Gleipnir; sein aufgerissener Rachen reicht von der Erde bis zum Himmel. Die Midgardschlange Jörmungandr windet sich an Land und speit Gift; das Meer flutet über die Ufer. Und Loki selbst kommt frei und stellt sich an die Spitze der Chaosmächte.
Über die aufgewühlte See kommt das grauenvollste aller Schiffe: Naglfar, ganz aus den Finger- und Zehennägeln der Toten gebaut. An seinem Steuer steht der Riese Hrym (in anderer Fassung Loki selbst), an Bord die Scharen der Reifriesen. Aus dem Süden bricht Surt hervor, der Feuerriese, mit den Söhnen Muspells und einem Schwert, das heller strahlt als die Sonne; unter ihrem Anritt zerbricht die Regenbogenbrücke Bifröst. Der Höllenhund Garm heult vor der Gnipahöhle. Und der Wächter Heimdall hebt das Gjallarhorn an die Lippen und bläst zum letzten Mal – der Ruf, der die Götter zur Schlacht sammelt.
„Garm heult laut vor der Gnipahöhle, / die Fessel bricht und es rennt der Wolf.“Völuspá (Kehrvers), nach Karl Simrock (gemeinfrei)

Auf dem Feld Vigrid, das hundert Rasten in jede Richtung misst, treffen die Heere aufeinander: die Asen und die gefallenen Einherjer aus Walhall gegen Riesen, Ungeheuer und die Söhne Muspells. Die Kämpfe sind seit Anbeginn vorbestimmt – jeder Gott hat seinen Gegner, und die meisten fallen:
Odin reitet mit goldenem Helm gegen Fenrir – und wird vom Wolf verschlungen. Doch sein schweigsamer Sohn Vidar rächt ihn sofort: Er setzt den Fuß in den Unterkiefer des Wolfs und zerreißt ihm den Rachen. Thor erschlägt die Midgardschlange mit dem Hammer – geht neun Schritte zurück und fällt tot um, vergiftet von ihrem Geifer. Freyr, der einst sein Schwert für die Liebe zur Riesin Gerd weggab, steht dem Feuerriesen Surt waffenlos gegenüber und fällt. Tyr, der einhändige Gott des Rechts, und der Höllenhund Garm töten einander. Heimdall und Loki, Wächter und Widersacher, geben sich gegenseitig den Tod. Es ist ein Ende ohne Sieger.
Zuletzt schleudert Surt das Feuer über die ganze Welt. Alles verbrennt; die Sterne stürzen; die Erde sinkt ins Meer.
„Die Sonne dunkelt, die Erde sinkt ins Meer, / vom Himmel schwinden die heiteren Sterne; / Glutwirbel umwühlt den allnährenden Weltbaum, / hohe Hitze spielt bis zum Himmel hinauf.“Völuspá, nach Karl Simrock (gemeinfrei)

Die Völuspá endet nicht im Dunkel. Aus dem Meer steigt eine neue, grüne Erde empor; einige Götter kehren wieder, ein Menschenpaar hat im Weltenbaum überlebt, und eine neue Sonne – die Tochter der alten – scheint. Ragnarök ist im Norden kein blosses Ende, sondern ein Kreislauf: Untergang und Wiedergeburt. Diesem hoffnungsvollen Ausgang widmen wir einen eigenen Beitrag: „Was kommt nach Ragnarök – Ende oder neuer Anfang?“.
Was kommt nach Ragnarök? · Das Götter-Pantheon · Loki · Tyr & Fenrir · Thor · Heimdall · Yggdrasil · Ginnungagap · Ymir & die Weltentstehung.
Lieder-Edda (Codex Regius): Völuspá (Str. 42–66), Vafþrúðnismál. Snorri Sturluson, Prosa-Edda / Gylfaginning (Kap. 51), um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Archäologie: Gosforth-Kreuz (St Mary’s, Cumbria, 10. Jh.); Thorwald-Kreuz, Kirk Andreas (Isle of Man). Forschung: Bo Gräslund & Neil Price, „Twilight of the gods? The ‚dust veil event‘ of AD 536 in critical perspective“, Antiquity 86 (2012), 428–443; Clive Oppenheimer u. a., „The Eldgjá eruption …“, Climatic Change 147 (2018); Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001). Beleg und Deutung sind im Text getrennt gehalten.