Ragnarök ist in der nordischen Mythologie der Untergang der Götter und der Welt: Fimbulwinter, entfesselte Ungeheuer, die letzte Schlacht auf Vígríðr und ein Weltbrand – danach steigt eine neue Erde aus dem Meer. Die nordische Mythologie ist die einzige große Überlieferung, in der die Götter selbst dem Untergang geweiht sind – und in der sie das wissen. Ragnarök, das „Schicksal der Mächte“, ist ihr Ende: Fimbulwinter, der losgerissene Wolf, die letzte Schlacht, der Weltenbrand. Und doch endet das große Gedicht nicht im Dunkel.
Ragnarök (altnord. ragna rǫk, „Schicksal/Verhängnis der Mächte“; oft volkstümlich ragnarøkkr, „Götterdämmerung“) ist der Höhepunkt und das Ende der nordischen Mythen. Anders als in vielen Religionen sind die Götter hier nicht ewig. Auch sie haben ein vorbestimmtes Ende – und sie ziehen trotzdem in die Schlacht, von der sie wissen, dass sie sie nicht gewinnen. Diese Haltung, dem Unvermeidlichen aufrecht ins Auge zu sehen, ist der Kern der ganzen nordischen Geisteswelt.
Der Beitrag geht weit in die Tiefe. Wer nur eine Antwort braucht, findet sie hier – belegt wird alles weiter unten.
Was ist Ragnarök? Das vorhergesagte Ende der Götterwelt: ein dreifacher Winter ohne Sommer, das Losbrechen von Fenrir und Loki, eine letzte Schlacht auf der Ebene Vígríðr und der Weltenbrand durch Surtr aus Muspellsheim.
Was heißt das Wort? Ragna rök bedeutet „Schicksal der Mächte", nicht „Götterdämmerung". Die Dämmerungs-Variante ragnarøkkr ist eine spätere Umdeutung – über sie kam Wagner zu seinem Titel.
Wer stirbt? Odin im Rachen Fenrirs, Thor an Jörmungandrs Gift nach neun Schritten, Freyr durch Surtrs Schwert, Týr und der Hund Garmr gegenseitig, Heimdall und Loki ebenso.
Wer überlebt? Odins Söhne Víðarr und Váli, Thors Söhne Móði und Magni mit dem Hammer, dazu Hœnir. Baldr und Höðr kehren aus Hel zurück. Von den Menschen bleiben Líf und Lífþrasir, die sich in „Hoddmímis Holt" bergen.
Was kommt danach? Die Völuspá lässt die Erde grün wieder aus dem Meer steigen, die Felder tragen ungesät, und die überlebenden Asen finden im Gras die goldenen Spielsteine von einst wieder. Kein Nichts, sondern ein zweiter Anfang.
Fangen wir mit dem Wort an, denn hier beginnt das erste Missverständnis.
Altnordisch ragna rök setzt sich zusammen aus ragna, dem Genitiv Plural von regin „die Mächte, die ratenden Gewalten“ – gemeint sind die Götter – und rök. Dieses rök bedeutet Verhängnis, Schicksal, auch Grund und Ursache. Zusammen also: das Schicksal der Mächte. Oder härter: ihr Verhängnis.
Daneben steht eine zweite Form, ragnarøkkr. Das røkkr heißt Dämmerung, Dunkelwerden. Götterdämmerung also. Diese Form taucht in der Snorra-Edda auf und in den Handschriften teils nebeneinander mit der ersten.
Welche ist die ältere? Die Forschung neigt überwiegend zu ragna rök. Ragnarøkkr gilt vielen als jüngere volksetymologische Umdeutung – zwei Wörter, die sich fast gleich anhören, und das dunklere Bild setzte sich durch.
Verbreitet hat es dann ein Mann, der nie ein Wort Altnordisch schreiben musste: Richard Wagner nannte 1876 den Schlussteil seines Rings Götterdämmerung. Seitdem ist das im deutschen Sprachraum der geläufige Name für etwas, das im Original wahrscheinlich anders hieß.
Alles, was wir über den Weltuntergang wissen, stammt aus sehr wenigen Texten. Es lohnt, sie einzeln zu kennen, weil sie sich stellenweise widersprechen.
Die Völuspá ist die Hauptquelle. Eine Seherin erzählt Odin die Geschichte der Welt von der Erschaffung bis über das Ende hinaus. Das Gedicht steht im Codex Regius, einer isländischen Handschrift von etwa 1270, und in einer zweiten Fassung in der Hauksbók, um 1302 bis 1310. Die beiden Fassungen unterscheiden sich in Strophenzahl und Reihenfolge – wer „die Völuspá“ zitiert, zitiert immer eine Entscheidung des Herausgebers.
Die Vafþrúðnismál geben die entscheidenden Ergänzungen: den Fimbulwinter, die Überlebenden Lif und Lifthrasir, die Tochter der Sonne. Der Text ist als Wissenswettstreit zwischen Odin und einem Riesen gebaut.
Snorris Gylfaginning, um 1220, ordnet das Material zu einer durchlaufenden Erzählung. Snorri kannte Strophen, die wir nicht mehr haben, und er füllt Lücken. Wo er Namen nennt, die sonst nirgends stehen, muss man vorsichtig sein.
Dazu kommen einzelne Skaldenstrophen und – das wird oft übersehen – Bilder auf Stein, die älter sind als jede dieser Handschriften.
Das Ende beginnt eigentlich mitten im goldenen Zeitalter der Götter – mit einem Mord. Baldr, der lichteste und beste der Asen, wird durch Lokis List getötet: Der blinde Höðr wirft, von Loki gelenkt, einen Mistelzweig, das einzige Ding der Welt, das Baldr nicht zu schonen geschworen hatte. Mit Baldrs Tod erlischt das Licht in Asgard, und die Götter fesseln Loki zur Strafe an drei Steine, eine Giftschlange über seinem Gesicht. Sein Zucken unter den Gifttropfen macht die Erdbeben. So liegt er – bis er sich bei Ragnarök losreißt. Baldrs Tod ist der erste Riss; alles Weitere folgt daraus.
Dem Untergang voraus geht der Fimbulwinter („der gewaltige Winter“): drei Winter hintereinander, ohne Sommer dazwischen. Die sittliche Ordnung zerfällt – „Bruder mordet Bruder aus Gier“, sagt die Völuspá; es ist eine Beilzeit, Schwertzeit, Windzeit, Wolfszeit vor dem Ende der Welt.
„Brüder befehden sich und werden sich zum Bane, / Geschwisterkinder brechen die Sippe; / hart ist die Welt, viel Hurerei, / Beilzeit, Schwertzeit, wo Schilde krachen, / Windzeit, Wolfszeit, eh die Welt zerstürzt.“Völuspá 45, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Die Wölfe Sköll und Hati, die seit Anbeginn Sonne und Mond jagen, holen ihre Beute endlich ein: Die Sonne wird verschlungen, der Mond zerrissen, die Sterne verlöschen. Erdbeben sprengen alle Fesseln. Und das Ende kündigt sich, so die Edda, dreifach durch Hahnenschrei an: In Walhall weckt der goldene Hahn Gullinkambi die gefallenen Krieger, im dunklen Wald kräht der rote Fjalar, und tief in der Totenwelt ein dritter, rußrot-brauner Hahn. Drei Welten, drei Rufe, ein Weltuntergang.
Vor dem Kampf kommt die Kälte. Die Vafþrúðnismál beschreiben den Fimbulwinter: drei Winter hintereinander, ohne Sommer dazwischen. Schnee aus allen Richtungen, Frost, scharfe Winde. Erst danach bricht alles auseinander.
Und hier wird es interessant, denn es gibt einen archäologisch und naturwissenschaftlich fassbaren Vorgang, der dazu passt.
Im Jahr 536 n. Chr. verdunkelte sich der Himmel über weiten Teilen der Nordhalbkugel. Zeitgenössische Berichte aus dem Mittelmeerraum sprechen von einer Sonne ohne Glanz. Baumringe in Nordeuropa zeigen für die folgenden Jahre extrem schwaches Wachstum, Eisbohrkerne aus Grönland Schwefelspuren großer Vulkanausbrüche. 536, 540 und 547 folgten offenbar mehrere Ereignisse aufeinander. Die Forschung spricht vom kältesten Jahrzehnt der letzten zweitausend Jahre.
In Skandinavien fällt in dieselbe Zeit ein deutlicher Bruch im archäologischen Befund: aufgegebene Höfe, zurückgehende Siedlungsflächen, auffallend viele Goldhortfunde – Gold, das man in den Boden legt, wenn man etwas Großes abwenden will.
Die schwedischen Archäologen Bo Gräslund und Neil Price haben 2012 vorgeschlagen, dass die Erinnerung an dieses Jahrzehnt im Fimbulwinter weiterlebt. Das ist eine sorgfältig begründete These. Sie ist nicht bewiesen und lässt sich mit den vorhandenen Mitteln auch nicht beweisen – zwischen dem Ereignis und der Niederschrift liegen rund siebenhundert Jahre mündlicher Überlieferung.
Nun brechen die gebundenen Ungeheuer frei – allesamt Kinder Lokis. Der Wolf Fenrir, so lang genährt und gefürchtet, sprengt die Zauberfessel Gleipnir; sein aufgerissener Rachen reicht von der Erde bis zum Himmel. Die Midgardschlange Jörmungandr windet sich an Land und speit Gift; das Meer flutet über die Ufer. Und Loki selbst kommt frei und stellt sich an die Spitze der Chaosmächte.
Über die aufgewühlte See kommt das grauenvollste aller Schiffe: Naglfar, ganz aus den Finger- und Zehennägeln der Toten gebaut. An seinem Steuer steht der Riese Hrym (in anderer Fassung Loki selbst), an Bord die Scharen der Reifriesen. Aus dem Süden bricht Surt hervor, der Feuerriese, mit den Söhnen Muspells und einem Schwert, das heller strahlt als die Sonne; unter ihrem Anritt zerbricht die Regenbogenbrücke Bifröst. Der Höllenhund Garm heult vor der Gnipahöhle. Und der Wächter Heimdall hebt das Gjallarhorn an die Lippen und bläst zum letzten Mal – der Ruf, der die Götter zur Schlacht sammelt.
„Garm heult laut vor der Gnipahöhle, / die Fessel bricht und es rennt der Wolf.“Völuspá (Kehrvers), nach Karl Simrock (gemeinfrei)

Bevor irgendetwas geschieht, kräht es. Und zwar dreimal, an drei Orten.
Die Völuspá nennt sie nacheinander: Fjalar, der Hahn im Galgenholz, weckt die Riesen. Gullinkambi, Goldkamm, weckt in Walhall die Einherjer. Und ein dritter, rostrot, kräht unten in Hels Hallen. Drei Welten, drei Weckrufe, in derselben Strophengruppe.
Dann setzt Heimdall das Gjallarhorn an. Das Wort gehört zu gjalla „laut tönen, gellen“ – dasselbe Element wie im Totenfluss Gjöll. Snorri erzählt, das Horn stehe unter der Wurzel bei Mímirs Brunnen, und Mímir trinke daraus jeden Morgen. Odin hat für einen Schluck aus diesem Brunnen ein Auge gegeben.
Die Seherin sagt, der Ton gehe über alle Welten. Es ist das Signal, nach dem niemand mehr etwas rückgängig machen kann.
Dazu kommt Yggdrasils Zittern. Die alte Esche ächzt, der Baum, der bis dahin nur stand und litt, bewegt sich. Und der Wächterhund Garm bellt vor Gnipahellir – der Refrain, der in der Völuspá mehrfach wiederkehrt und die Erzählung gliedert wie ein Trommelschlag.
Und dann löst sich ein Schiff.
Naglfar heißt es, und es ist das größte aller Schiffe. Die Völuspá sagt nur, dass es flottkommt; Snorri erklärt, woraus es besteht: aus den Nägeln toter Menschen. Und er zieht daraus eine ganz praktische Folgerung. Wer stirbt, ohne dass ihm die Nägel geschnitten wurden, liefert Baumaterial. Deshalb, so Snorri, solle man einem Toten die Nägel kürzen – wer das versäumt, beschleunigt den Weltuntergang.
Das ist eine der wenigen Stellen, an denen ein Mythos direkt in eine Handlungsanweisung übergeht. Und es klingt sehr nach echtem Brauch.
Nur: Ob die Nägel im Namen wirklich Fingernägel sind, ist umstritten. Altnordisch nagl heißt Fingernagel, nagli dagegen Eisennagel, Niete. Ein Schiff aus Nieten wäre schlicht ein genietetes Schiff – und genau so wurden Wikingerschiffe gebaut, mit Tausenden von Eisennieten in klinkergelegten Planken.
Ein Teil der Forschung hält die Fingernagel-Deutung deshalb für eine Volksetymologie, die Snorri vorfand oder selbst ausformulierte. Ein anderer Teil verweist darauf, dass Vorstellungen über den Umgang mit Nägeln und Haaren von Toten weit verbreitet sind und der Brauch älter sein könnte als der Text.
Wer steuert das Schiff? Auch hier gehen die Quellen auseinander. Die Völuspá nennt den Riesen Hrym am Steuer, Snorri setzt Loki dorthin. Beides steht schwarz auf weiß in je einer Quelle.
Die Schlacht ist kein Getümmel. Sie ist eine Reihe von Zweikämpfen, und fast jeder davon wird lange vorher vorbereitet.
Odin gegen Fenrir. Der Wolf verschlingt ihn. Damit geht die Fesselung auf, die in Tyrs Geschichte begann – die Götter haben den Wolf gebunden, aber nicht beseitigt. Vidar, Odins schweigsamer Sohn, rächt ihn: Er setzt den Fuß in den Rachen des Wolfes und reißt ihn auf. Snorri erklärt sogar, woher der Schuh kommt – aus allen Lederresten, die Menschen beim Zuschneiden wegwerfen.
Thor gegen die Midgardschlange. Er erschlägt sie und geht neun Schritte, bevor ihn ihr Gift niederwirft. Auch das hat eine Vorgeschichte: Thor hatte sie schon einmal an der Angel, und Hymir kappte die Schnur.
Freyr gegen Surtr. Freyr fällt, und die Skírnismál sagen, warum: Er hatte sein Schwert weggegeben, um Gerd zu bekommen. Eine Liebesgeschichte, deren Preis erst am Ende der Welt fällig wird.
Heimdall gegen Loki. Sie töten einander. Die beiden waren schon vorher aneinandergeraten, in einer Erzählung um Freyjas Halsband, von der wir nur Bruchstücke haben.
Tyr gegen Garm – so Snorri. Die Völuspá nennt Garm, aber keinen Gegner. Ob Tyr gegen den Hund kämpft oder gegen den Wolf, den er einst fütterte, ist eine der Stellen, an denen Snorri ordnet, wo die ältere Quelle schweigt.
Auf dem Feld Vigrid, das hundert Rasten in jede Richtung misst, treffen die Heere aufeinander: die Asen und die gefallenen Einherjer aus Walhall gegen Riesen, Ungeheuer und die Söhne Muspells. Die Kämpfe sind seit Anbeginn vorbestimmt – jeder Gott hat seinen Gegner, und die meisten fallen:
Odin reitet mit goldenem Helm gegen Fenrir – und wird vom Wolf verschlungen. Doch sein schweigsamer Sohn Vidar rächt ihn sofort: Er setzt den Fuß in den Unterkiefer des Wolfs und zerreißt ihm den Rachen. Thor erschlägt die Midgardschlange mit dem Hammer – geht neun Schritte zurück und fällt tot um, vergiftet von ihrem Geifer. Freyr, der einst sein Schwert für die Liebe zur Riesin Gerd weggab, steht dem Feuerriesen Surt waffenlos gegenüber und fällt. Tyr, der einhändige Gott des Rechts, und der Höllenhund Garm töten einander. Heimdall und Loki, Wächter und Widersacher, geben sich gegenseitig den Tod. Es ist ein Ende ohne Sieger.
Zuletzt schleudert Surt das Feuer über die ganze Welt. Alles verbrennt; die Sterne stürzen; die Erde sinkt ins Meer.
„Die Sonne dunkelt, die Erde sinkt ins Meer, / vom Himmel schwinden die heiteren Sterne; / Glutwirbel umwühlt den allnährenden Weltbaum, / hohe Hitze spielt bis zum Himmel hinauf.“Völuspá, nach Karl Simrock (gemeinfrei)

Der Untergang ist keiner. Das ist der Punkt, an dem sich die nordische Erzählung von fast allem unterscheidet, was man sonst unter Weltuntergang versteht.
Vidar und Vali überleben, Odins Söhne. Modi und Magni, Thors Söhne, nehmen Mjöllnir auf – der Hammer geht weiter. Baldr und sein Bruder Höd kommen aus Hel zurück, der Getötete und der, der ihn tötete, gemeinsam. Hönir ist da und wählt die Losstäbe.
Und dann kommt ein Bild, das man nicht vergisst. Die Seherin sagt: Im Gras werden sie die goldenen Spielsteine wiederfinden, die sie in der Frühzeit besaßen.
Kein Thron, kein Sieg, keine neue Ordnung. Ein Brettspiel, das im Gras liegt. Die Götter der Vorzeit hatten es, es ging verloren, und die Überlebenden finden es wieder. Wer je etwas nach einem Umzug oder einem Brand wiedergefunden hat, kennt diese Geste.
Auch die Menschen bleiben. Lif und Lifthrasir haben sich in Hoddmímis holt verborgen und vom Morgentau gelebt; von ihnen stammen die neuen Geschlechter. Und die Tochter der Sonne fährt den Weg ihrer Mutter weiter.
Die Erde steigt grün aus dem Wasser, Adler fliegen, Fische werden gefangen. Ungesäte Felder wachsen. Die Welt macht weiter, mit anderem Personal.
Das stärkste Argument gegen den Verdacht, Ragnarök sei eine christlich gefärbte Spätkonstruktion, liegt nicht in einer Handschrift. Es liegt auf Steinen.
Das Gosforth-Kreuz in Cumbria, Nordwestengland, entstand um 930 bis 950 – also rund drei Jahrhunderte vor dem Codex Regius. Es ist ein christliches Steinkreuz, und auf seinem Schaft stehen Szenen, die man seit langem auf Ragnarök bezieht: eine gefesselte Gestalt mit einer Frau darüber, gelesen als Loki und Sigyn; ein Reiter, der einem Ungeheuer einen Speer in den Rachen stößt, gelesen als Vidar.
Thorvalds Kreuz in Kirk Andreas auf der Isle of Man, etwa 940, zeigt einen Mann mit Speer und einem Raben, dessen Fuß im Maul eines großen Tieres steckt – Odin und Fenrir. Auf der Rückseite steht eine christliche Szene. Beides auf demselben Stein.
Der Ledberg-Stein in Östergötland und der Tullstorp-Stein in Schonen zeigen ähnliche Motive, der Altuna-Stein in Uppland Thors Fischzug mit der Schlange.
Was das leistet und was nicht: Diese Bilder belegen, dass die Motive im 10. Jahrhundert im nordischen Kulturraum bekannt waren – vor Snorri, vor den Handschriften, teils in schon christlicher Umgebung. Sie belegen nicht, dass die Erzählung genau so lief, wie die Völuspá sie erzählt. Ein Bild ohne Text lässt sich nicht gegenlesen.
Die Völuspá endet nicht im Dunkel. Aus dem Meer steigt eine neue, grüne Erde empor; einige Götter kehren wieder, ein Menschenpaar hat im Weltenbaum überlebt, und eine neue Sonne – die Tochter der alten – scheint. Ragnarök ist im Norden kein bloßes Ende, sondern ein Kreislauf: Untergang und Wiedergeburt. Diesem hoffnungsvollen Ausgang widmen wir einen eigenen Beitrag: „Was kommt nach Ragnarök – Ende oder neuer Anfang?“.
Diese Frage begleitet die Völuspá seit über hundert Jahren, und sie ist nicht entschieden. Wir stellen beide Seiten hin, ohne eine davon zur Wahrheit zu erklären.
Was für christlichen Einfluss spricht: Das Gedicht wurde in einem seit rund zweihundert Jahren christlichen Island aufgeschrieben, von christlichen Schreibern. Einzelne Züge haben Entsprechungen in der Offenbarung des Johannes: ein Weltenbrand, die Sterne, die vom Himmel fallen, ein Strafort für Meineidige und Mörder, eine erneuerte Erde, ein Mächtiger, der am Ende kommt und über alles richtet – Völuspá 65, eine Strophe, die nur in der Hauksbók steht. Auch das althochdeutsche Muspilli aus dem 9. Jahrhundert, ein christliches Gedicht über das Weltende, teilt mit der Edda das Wort Muspilli/Múspell, dessen Herkunft ungeklärt ist.
Was dagegen spricht: Die Bilder auf den Steinkreuzen des 10. Jahrhunderts zeigen die Motive, bevor irgendjemand sie aufschrieb. Der Aufbau der Erzählung – Zweikämpfe nach Paaren, Eidbruch als Auslöser, ein wiederkehrender Refrain der Seherin – folgt keiner christlichen Vorlage. Und zentrale Elemente wie der Fimbulwinter, die verschlungene Sonne oder die überlebenden Söhne haben in der Apokalypse keine Entsprechung.
Die heute verbreitete Position liegt dazwischen: ein heidnischer Kern, in christlicher Zeit aufgeschrieben und dabei stellenweise gefärbt. Welche Strophe zu welcher Schicht gehört, lässt sich nicht sauber trennen.
„Alle Götter sterben.“ Nein. Odin, Thor, Freyr, Heimdall und Loki fallen. Vidar, Vali, Modi und Magni überleben, Baldr und Höd kehren zurück, Hönir ist da. Die Vorstellung vom vollständigen Ende der Götterwelt ist eine Verkürzung, die den Schluss der Völuspá einfach wegschneidet.
„Ragnarök ist das nordische Jüngste Gericht.“ Es wird niemand gerichtet. Es gibt keine Prüfung, keine Trennung von Guten und Bösen, keinen Lohn. Es gibt ein Verhängnis, das eintritt, weil Eide gebrochen wurden und weil es so bestimmt ist. Die Nornen stehen näher an dieser Logik als jedes Gericht.
„Ragnarök hat am 22. Februar 2014 stattgefunden.“ Das war eine Werbeaktion. Das Jorvik Viking Centre in York kündigte 2013 dieses Datum an, um sein Festival zu bewerben – ein gut gemachter Gag, der von Nachrichtenseiten weltweit als angebliche Wikingerprophezeiung weitergereicht wurde. Es gibt in keiner Quelle ein Datum für Ragnarök. Nicht eines.
Was kommt nach Ragnarök? · Das Götter-Pantheon · Loki · Tyr & Fenrir · Thor · Heimdall · Yggdrasil · Ginnungagap · Ymir & die Weltentstehung.
Lieder-Edda (Codex Regius): Völuspá (Str. 42–66), Vafþrúðnismál. Snorri Sturluson, Prosa-Edda / Gylfaginning (Kap. 51), um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Archäologie: Gosforth-Kreuz (St Mary’s, Cumbria, 10. Jh.); Thorwald-Kreuz, Kirk Andreas (Isle of Man). Forschung: Bo Gräslund & Neil Price, „Twilight of the gods? The ‚dust veil event‘ of AD 536 in critical perspective“, Antiquity 86 (2012), 428–443; Clive Oppenheimer u. a., „The Eldgjá eruption …“, Climatic Change 147 (2018); Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001). Beleg und Deutung sind im Text getrennt gehalten.
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Die Welt taucht neu und grün aus dem Meer auf. Die Menschen Líf und Lífþrasir überleben, Baldr kehrt zurück, und eine jüngere Göttergeneration bleibt.