Kein Gott war bei den einfachen Menschen so beliebt wie Thor. Mit Hammer, Kraftgürtel und Donnerwagen hält er die Mächte des Chaos in Schach – rotbärtig, jähzornig und mit einem Appetit, der selbst Riesen erschreckt.
Thor (altnordisch Þórr, festländisch Donar) ist der Gott des Donners und der wichtigste Beschützer von Göttern und Menschen. Sohn Odins und der Erdgöttin Jörd, verkörpert er Kraft, Verlässlichkeit und den unermüdlichen Kampf gegen die Riesen, die Mächte des Chaos. Wo Odin mit List und Zauber wirkt, wirkt Thor mit dem Hammer.

Seine wichtigste Waffe ist der Hammer Mjöllnir, der nie sein Ziel verfehlt und wie ein Bumerang in die Hand zurückkehrt. Geschmiedet wurde er von den Zwergen Sindri und Brokkr – sein Griff geriet nur deshalb zu kurz, weil Loki als Fliege den Blasebalg-Zwerg ins Lid stach. Dazu trägt Thor den Kraftgürtel Megingjörd, der seine Stärke verdoppelt, und die Eisenhandschuhe Járngreipr. Sein Wagen wird von den Ziegenböcken Tanngnjostr und Tanngrisnir gezogen, deren Hufe über den Himmel donnern – Thor kann sie abends schlachten und essen und am Morgen mit dem Hammer wieder zum Leben erwecken, solange kein Knochen zerbrochen wurde. Und der Hammer tötet nicht nur: Er weiht auch – Hochzeiten, Geburten und Scheiterhaufen.
Thors halbes Leben ist ein einziger Feldzug gegen die Riesen. Er zerschmettert den steinköpfigen Hrungnir im Zweikampf – ein Splitter von dessen Wetzstein bleibt für immer in Thors Schädel stecken. Er reist zu Utgard-Loki, wo ihn Sinnestäuschungen an seine Grenzen bringen, begegnet unterwegs dem gewaltigen Skrymir und schlägt drei Täler in einen Berg. Und in der Thrymskvida wird ihm der Hammer gestohlen; um ihn zurückzuholen, muss der bärtige Donnergott sich als Braut Freyja verkleiden – eine der komischsten Szenen der ganzen Edda.
Sein größter Gegner aber ist Jörmungandr, die Midgardschlange, die sich um die ganze Welt windet. Einmal fast hätte er sie schon aus dem Meer gezogen: Beim Angelausflug mit dem Riesen Hymir köderte Thor den Wurm mit einem Ochsenkopf und zog ihn bis an die Bordwand – da durchschnitt der erschrockene Hymir die Leine. Aufgeschoben, nicht aufgehoben: In Ragnarök treffen die beiden ein letztes Mal aufeinander. Thor erschlägt die Schlange, taumelt neun Schritte zurück und fällt dann selbst, vom Gift getötet.
„Da kommt der hehre Sohn der Hlodyn, / Odins Erbe, den Wurm zu bekämpfen; / im Zorn erschlägt ihn Midgards Segner – / neun Schritte geht Fjörgyns Sohn, / bevor er sinkt, vom Wurm gezeichnet.“— Völuspá 56, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Während Odin der Gott der Häuptlinge und Dichter war, stand Thor den einfachen Bauern und Seefahrern nahe. Das zeigt die Archäologie eindrucksvoll: Mehr als tausend Thorshammer-Amulette wurden gefunden – kein anderes Göttersymbol ist so häufig belegt. Manche Gussformen konnten sogar Kreuz und Hammer gleichzeitig gießen: Der Handwerker bediente beide Bekenntnisse. Der Hammer wurde in der Christianisierung zum trotzigen Gegenzeichen zum Kreuz.
Auf dem Festland hieß er Donar (urgermanisch Þunraz, „Donner"), und sein Baum war die Eiche. 723 fällte der Missionar Bonifatius bei Geismar in Hessen die Donareiche – blieb der erwartete Blitzschlag aus, galt das als Beweis für den neuen Glauben. Aus dem Holz baute er eine Kapelle. Bis heute trägt der Donnerstag den Namen des Gottes (englisch Thursday, von Thor).
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Völuspá, Thrymskvida, Hymiskvida, Harbardsljod (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning, Skaldskaparmal. Willibald, Vita Bonifatii (um 760). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl. 2006); Jan de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte; John Lindow, Norse Mythology (2001).