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Donar: Der Donnergott der Germanen, bevor er Thor hieß

Götter & Göttinnen Donar: Der Donnergott der Germanen, bevor er Thor hieß

Der Donnergott der Germanen hieß Donar – so die althochdeutsche Form. Die Sachsen nannten ihn Thunaer, die Angelsachsen Þunor, die Skandinavier Þórr, woraus unser Thor wurde. Alle Namen gehen auf urgermanisch *Þunraz zurück, und das heißt schlicht „Donner". Die Römer nannten ihn Herkules, der Donnerstag trägt bis heute seinen Namen, und Bonifatius fällte seine Eiche. Was wir über den Gott wirklich wissen und was erst die Edda hinzufügt, zeigen wir dir hier anhand der Belege.

Stell dir einen Sommerabend im 8. Jahrhundert vor, irgendwo in Hessen oder Westfalen. Über dem Wald baut sich eine schwarze Wand auf, das erste Grollen rollt über die Felder, und jeder auf dem Hof weiß, wer da unterwegs ist. Man musste ihm keinen Beinamen geben. Man sagte einfach seinen Namen, und der Name war das Geräusch.

Donar war nicht der höchste Gott der Germanen. Aber er war der, mit dem die meisten Menschen tatsächlich gelebt haben. Das lässt sich zählen: an Weihesteinen, Amuletten, Ortsnamen, Runen – und an den Mühen der Missionare, ihn loszuwerden. Wir gehen die Belege der Reihe nach durch und sagen dir, was sicher ist und was nur gut klingt.

Wie hieß der Donnergott der Germanen? Die Namensformen

Die Sprachwissenschaft erschließt eine urgermanische Form *Þunraz – das Sternchen bedeutet, dass das Wort nirgends aufgeschrieben ist, sondern aus den späteren Sprachen zurückgerechnet wurde. *Þunraz heißt schlicht „Donner". Daraus entwickelten sich die belegten Namen:

Dahinter liegt eine indogermanische Wurzel für „donnern", die auch im lateinischen tonare und in unserem Wort „Donner" steckt. Bei Göttern ist das eher die Ausnahme. Viele Götternamen sind alte Titel, deren Sinn schon zur Zeit der Quellen verblasst war; bei Odin streitet die Forschung über die Herleitung. Bei Donar nicht. Wer „Donar" sagte, sagte „Donner".

Deshalb haben Kreuzworträtsel bei „Grollen über Midgard" oder „germanischer Donnergott" meist vier oder fünf Kästchen: THOR oder DONAR. Beides stimmt, nur aus verschiedenen Ecken Europas. Anders als der ferne Himmelsgott Tiwaz ist Donar nah dran – am Feld, am Haus, an der Grenze. Wie die drei großen Festlandgötter zusammenhängen, steht in Wodan, Donar & Ziu.

Der Herkules der Germanen: was Tacitus schreibt

Die ältesten Schriftzeugnisse über germanische Götter stammen von Römern. Und die übersetzten fremde Götter in ihre eigenen – die Forschung nennt das interpretatio Romana, die „römische Deutung". Donar bekam dabei nicht den Namen Jupiters, sondern den des Herkules. Tacitus, der um 98 n. Chr. seine Germania schrieb, erwähnt ihn zweimal:

„Fuisse apud eos et Herculem memorant, primumque omnium virorum fortium ituri in proelia canunt." – Auch Herkules, so erzählen sie, sei bei ihnen gewesen, und wenn sie in die Schlacht ziehen, besingen sie ihn als den ersten aller tapferen Männer.Tacitus, Germania 3 (lateinisch; eigene Übertragung)

Im neunten Kapitel nennt er die Götter, denen die Germanen opfern: Merkur am meisten, an bestimmten Tagen sogar mit Menschenopfern, Herkules und Mars mit „erlaubten" Tieren. Hinter Merkur sieht die Forschung Wodan, hinter Mars Tiwaz – und hinter Herkules Donar.

Warum Herkules? Offenbar achteten die Römer auf das, was sie sahen: einen Gott mit Schlagwaffe, der gegen Ungeheuer kämpft und dem man vor der Schlacht ein Lied singt. Das ist eher der Keulenheld als der Göttervater auf dem Thron. In den Annalen (2,12) berichtet Tacitus außerdem, die Cherusker hätten sich im Jahr 16 n. Chr. jenseits der Weser in einem dem Herkules geweihten Wald versammelt.

Beleg: Tacitus, Germania 3 und 9; Annales 2,12. Die Gleichsetzung des taciteischen Herkules mit Donar ist die herrschende Deutung, aber ein Rückschluss – Tacitus nennt keinen germanischen Namen.

Hercules Magusanus: Donar am Niederrhein

Dieser Gott hat eine Adresse ganz in unserer Nähe. Im Gebiet der Bataver im heutigen Rheindelta und am Niederrhein begegnet auf Weihealtären ein Herkules mit einem Beinamen, den es in Rom nicht gab: Hercules Magusanus.

Bei Empel an der Maas grub man einen Tempelbezirk aus, verbunden mit einer Weiheinschrift für ihn; das älteste bekannte Altärchen aus Ruimel wird in die Mitte des 1. Jahrhunderts datiert. 2022 kam bei Herwen-Hemeling ein weiteres Heiligtum mit mehreren Altären zutage, die meisten ihm geweiht. Weitere Zeugnisse reichen bis Köln, Bonn, Rom und an den Antoninuswall in Schottland – mitgenommen von germanischen Hilfstruppen des römischen Heeres.

Was der Beiname bedeutet, ist umstritten: germanisch *Magus-naz, „der Kraftvolle"? Ein Bezug zu Noviomagus, also Nijmegen? Oder eine keltische Wurzel? Rudolf Simek hat erwogen, dass Magusanus ursprünglich ein Beiname des Donnergottes war. Mit allem Vorbehalt heißt das: Ein paar Dutzend Kilometer von unserer Werkstatt in Alsdorf stellten Menschen vor fast zweitausend Jahren Altäre für einen Gott auf, der sehr wahrscheinlich der Donnerer war – mit lateinischer Steinmetzschrift und römischem Namen.

Mythos-Check: „Hercules Magusanus war sicher Donar." Die Inschriften nennen nirgends einen germanischen Götternamen. Die Gleichsetzung folgt aus Tacitus und der allgemeinen Herkules-Deutung – plausibel, aber nicht bewiesen.

Donnerstag: warum der Tag nach ihm heißt – und trotzdem nach Jupiter

Jede Woche sprichst du seinen Namen aus. Donnerstag ist der Tag des Donar, Thursday der des Þunor, dazu niederländisch donderdag und skandinavisch torsdag. Vorlage war die römische Planetenwoche mit ihrem dies Iovis, dem Tag des Jupiter – französisch jeudi, italienisch giovedì. Als die Germanen die Siebentagewoche übernahmen, setzten sie für den Jupiter mit dem Blitzbündel ihren eigenen Donnergott ein.

Ein hübscher Widerspruch: Bei Tacitus ist Donar Herkules, im Kalender Jupiter. Ein Fehler ist das nicht. Solche Gleichungen suchten die nächstliegende Ähnlichkeit, und die hing davon ab, worauf man schaute – auf die Keule oder auf den Blitz. Wie die übrigen Tage zu ihren Göttern kamen, steht bei den germanischen Wochentagen.

Dass der Tag mehr war als ein Kalendername, zeigen kirchliche Quellen. Das Indiculus superstitionum et paganiarum, ein Verzeichnis heidnischer Bräuche aus dem 8. Jahrhundert, nennt unter Nummer 20 Feiern, „die man für Jupiter oder Merkur hält". Und der angelsächsische Abt Ælfric erklärt um 1000 in seiner Predigt über die falschen Götter, Jupiter heiße bei manchen Völkern Thor, die Dänen verehrten ihn am meisten – und verbindet ihn ausdrücklich mit dem Donnerstag.

Beleg: Althochdeutsch Donarestag, altenglisch Þunresdæg, altnordisch Þórsdagr – alle als Wiedergabe von dies Iovis. Indiculus superstitionum et paganiarum Nr. 20 (8. Jh.); Ælfric, De falsis diis (um 1000).

Bonifatius und die Donareiche bei Geismar

Der bekannteste Auftritt Donars in der Geschichte ist sein Sturz – überliefert, weil die Gegenseite ihn aufgeschrieben hat. Der angelsächsische Missionar Bonifatius zog in den 720er Jahren durch Hessen. Bei Geismar nahe Fritzlar stand nach seinem Biografen Willibald ein Baum „von wunderbarer Größe", den die Heiden robur Iobis nannten, Eiche des Jupiter. Bonifatius ließ ihn fällen. Kaum hatte er angeschlagen, so Willibald, packte ein göttlicher Windstoß den Baum und zerbrach ihn in vier gleich lange Stücke. Die Heiden, die eben noch geflucht hatten, priesen nun den Herrn. Aus dem Holz entstand ein Bethaus zu Ehren des Apostels Petrus.

Meist wird das Ereignis auf 723 datiert, manche nennen 724; Willibald selbst gibt kein Jahr an. Geschrieben hat er die Vita Bonifatii erst nach dem Tod des Missionars 754, vermutlich in den 760er Jahren.

Jetzt der kritische Blick. Ein Heiligenleben ist kein Protokoll. Es will zeigen, dass der alte Gott machtlos ist. Der Windstoß, die vier gleichen Teile, die sofort bekehrte Menge sind typische Motive solcher Texte. Ob die Szene so ablief, weiß niemand.

Belastbar bleibt: Es gab benannte heilige Bäume, ihre Zerstörung war eine geplante öffentliche Machtdemonstration, und der Text nennt den Gott Jupiter – wie der Wochentag. Dass Donar gemeint ist, schließen wir aus dieser Gleichung. Zwei Generationen später ließ Karl der Große die Irminsul der Sachsen zerstören: dasselbe Muster, diesmal mit Heer. Die ganze Geschichte erzählen wir bei der Donareiche von Geismar.

Mythos-Check: „Die Eiche war Donars heiliger Baum." Für Geismar ist das gut belegt. Dass die Eiche generell sein Baum war, ist eine Verallgemeinerung der Forschung, gestützt auf Vergleiche mit anderen indogermanischen Donnergöttern wie dem baltischen Perkūnas. Ein germanischer Text, der das allgemein sagt, existiert nicht.

Thunaer, Woden, Saxnot: was die Sachsen abschwören mussten

In einer Handschrift der Vatikanischen Bibliothek (Codex Palatinus latinus 577) steht ein kurzes Taufgelöbnis in altsächsischer Sprache, entstanden im Umfeld der fränkischen Sachsenmission um 800. Der Täufling entsagt dem Teufel – und dann drei Göttern mit Namen:

„end ec forsacho allum dioboles uuercum and uuordum, Thunaer ende Uuôden ende Saxnôte ende allum them unholdum the hira genôtas sint" – und ich entsage allen Werken und Worten des Teufels, Thunaer und Woden und Saxnot und allen Unholden, die ihre Genossen sind.Altsächsisches Taufgelöbnis, um 800 (eigene Übertragung)

Damit jemand einem Gott abschwören kann, muss die Kirche dessen Namen kennen und ernst nehmen. Niemand schreibt eine Abschwörung gegen Götter, an die keiner mehr glaubt. Der Text ist damit einer der zuverlässigsten Hinweise, welche Götter bei den Sachsen um 800 wirklich zählten. Thunaer steht an erster Stelle.

Der dritte Name ist ein Rätsel. Saxnot taucht sonst nur als Seaxnēat in der Stammtafel der Könige von Essex auf; meist sieht man in ihm einen Stammesgott der Sachsen. Die Formel gehört in den Zusammenhang der Sachsenkriege: Der alte Glaube verschwand nicht von selbst, er wurde mit Gesetzen, Heeren und solchen Sätzen verdrängt – mehr dazu bei der Christianisierung der Germanen.

Beleg: Altsächsisches Taufgelöbnis (Abrenuntiatio diaboli), Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 577, Ende 8./Anfang 9. Jahrhundert. Nennt Thunaer, Uuôden und Saxnôte. Herkunft und Mundart des Textes werden diskutiert.
Die Runeninschrift der Fibel Nordendorf I
Die Runeninschrift der ersten Fibel von Nordendorf mit dem Wort wigiþonar. Abbildung von 1904, gemeinfrei.

Sein Name in Runen: die Fibel von Nordendorf

Tacitus, Willibald, Taufgelöbnis: alles Texte von außen. Es gibt aber einen Fund, auf dem Donars Name in der eigenen Schrift der Germanen steht.

1843 kam auf einem alemannischen Gräberfeld bei Nordendorf nördlich von Augsburg eine Bügelfibel zutage, eine Gewandspange, wie Frauen sie paarweise trugen; ein Jahr später folgte die zweite aus demselben Grab. „Nordendorf I" wird in die Mitte des 6. bis ins frühe 7. Jahrhundert datiert und trägt auf der Rückseite zwei Inschriften im älteren Futhark, der germanischen Runenreihe: awa leubwini – wohl die Namen Awa und Leubwini – und, kopfüber dazu, logaþore / wodan / wigiþonar.

Wigiþonar wird als „Weihe-Donar" gelesen, von einem Verb für „weihen", oder als „Kampf-Donar". Für logaþore wurden Loki, Lóðurr oder ein Wort für „Zauberer, Betrüger" vorgeschlagen. Und was will die Zeile? Ruft jemand Wodan und Donar um Schutz an? Oder steht da, wie Klaus Düwel vorschlug, „Zauberer sind Wodan und Donar" – ein frühchristlicher Spruch gegen die alten Götter? Die Alemannen wurden gerade damals christianisiert. Die Debatte ist offen.

So oder so: Hier steht der Name des Donnergottes im 6. Jahrhundert in Süddeutschland, geritzt von jemandem aus dieser Welt – Jahrhunderte bevor in Island die Edda aufgeschrieben wurde.

Beleg: Bügelfibel Nordendorf I, Lkr. Augsburg, gefunden 1843, Mitte 6. bis frühes 7. Jahrhundert. Inschriften awa leubwini und logaþore wodan wigiþonar. Die Lesung ist weitgehend gesichert; Deutung von logaþore und Sinn der Inschrift sind umstritten.

Keulen am Hals: Herkuleskeulen und Donar-Amulette

Im Römischen Reich trug man im 2. und 3. Jahrhundert kleine Anhänger in Form einer Keule, meist aus Gold, nachgebildet der knorrigen Keule des Herkules; ein Stück aus Köln-Nippes trägt die Aufschrift DEO HER[culi]. Später, etwa im 5. bis 7. Jahrhundert, tauchen im germanischen Raum ähnliche Keulenanhänger auf, nun meist aus Hirschgeweih, Knochen oder Holz. Der Archäologe Joachim Werner hat 1964 den Weg von der römischen „Herkuleskeule" zum germanischen „Donar-Amulett" nachgezeichnet: Die Germanen hätten ein römisches Herkuleszeichen übernommen und auf den eigenen Donnergott bezogen.

Sicher ist das nicht, die germanischen Anhänger tragen keine Beschriftung. Aber die Kette ist auffällig: Keule in der Spätantike, Hammer in der Wikingerzeit, beides klein, beides am Hals, beides die Waffe eines Gottes, der schlägt und schützt.

Kleines Thorshammer-Amulett aus der Wikingerzeit
Thorshammer-Anhänger, Wikingerzeit. Foto: Statens historiska museum Stockholm, CC BY 2.0

Tausend Hämmer im Boden: die Thorshammer-Amulette

Im Norden wird aus der Keule der Hammer. Aus der Wikingerzeit kennt man nach dem dänischen Nationallexikon rund tausend Thorshammer-Amulette aus Skandinavien, von den Britischen Inseln, aus dem Baltikum und Russland – oft aus Frauengräbern, dazu aus Silberhorten. Kein anderes Götterzeichen ist annähernd so häufig. Mehr zu Formen und Typen beim Thorshammer Mjölnir.

Zwei Funde stechen heraus. Bei Trendgården in Nordjütland fand man eine Gussform aus Speckstein, in der sich Kreuz und Hammer nebeneinander gießen ließen, datiert in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts: ein Handwerker, der beide Kundschaften bediente. Und 2014 kam bei Købelev auf Lolland ein kleiner Bronzehammer mit Resten von Versilberung und Vergoldung ans Licht, der in Runen sagt, was er ist: hmar is – „(dies) ist ein Hammer". Er ist der bislang einzige Thorshammer mit Runeninschrift.

Mythos-Check: Die Zunahme der Hammeramulette im 10. Jahrhundert gilt oft als „heidnische Trotzreaktion" auf das Kreuz. Das vertreten viele Forscher, bewiesen ist es nicht. Ebenso gut kann die Mode dem Vorbild des Kreuzes gefolgt sein. Die Gussform von Trendgården zeigt vor allem: Für den Markt war beides Ware.

„Thor weihe diese Runen": der Gott, der heiligt

Dann gibt es Inschriften, die den Gott direkt anrufen. Auf dänischen und schwedischen Runensteinen steht die Formel Þórr vígi, „Thor weihe": auf dem Stein von Glavendrup auf Fünen („Thor weihe diese Runen"), in Virring („Thor weihe dieses Denkmal"), in Sønder Kirkeby und in Velanda. Ein Kupferamulett aus Kvinneby auf Öland bittet, Thor möge seinen Träger mit dem Hammer schützen. Mehr zu solchen Formeln in Die Runenweihe.

Dieselbe Rolle hat der Hammer in der Dichtung. In der Þrymskviða der Lieder-Edda lässt der Riese Þrymr die vermeintliche Braut – den verkleideten Thor – mit dem Hammer weihen:

Bringt den Hammer, die Braut zu weihen, / legt Mjölnir der Maid in den Schoß, / weiht uns zusammen mit Wárs Hand.Þrymskviða 30, sinngemäß, eigene Übertragung

Der Hammer schlägt also nicht nur, er macht gültig: Ehe, Grab, Stein. Und Adam von Bremen beschreibt um 1075 den Tempel von Alt-Uppsala: Thor stehe in der Mitte zwischen Wodan und Fricco, herrsche über Donner und Blitz, Wind, Regen und Feldfrucht, und drohten Seuche oder Hunger, opfere man ihm. Nicht für den Sieg. Für Ernte und Gesundheit.

Beleg: Glavendrup (DR 209), Virring (DR 110), Sønder Kirkeby (DR 220), Velanda (Vg 150); Amulett von Kvinneby; Þrymskviða 30; Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum IV,26–27.

Donnerkeile unter der Türschwelle: Belemniten und Steinbeile

Über Jahrhunderte fanden Bauern beim Pflügen geschliffene Steinbeile aus der Jungsteinzeit. Man erklärte sie sich als das, was der Blitz im Boden zurückließ, und nannte sie Donnerkeile oder Donneräxte. Man legte sie unter Türschwellen, mauerte sie in Wände oder verwahrte sie im Dachgebälk – als Schutz gegen Blitz und Feuer. Solche Beile tauchen in mittelalterlichen und neuzeitlichen Hausbefunden Skandinaviens, Norddeutschlands und der Britischen Inseln oft genug auf, um von einer echten Gewohnheit zu sprechen; Volkskundesammlungen belegen den Glauben bis ins 19. Jahrhundert.

Ähnlich erging es den Belemniten, den fingerförmigen Versteinerungen urzeitlicher Kopffüßer. Im Volksmund heißen sie bis heute Donnerkeile oder Teufelsfinger und galten ebenfalls als Gewitterspuren mit Schutzkraft.

Ein Haken: Ob die Bauern des 17. oder 19. Jahrhunderts dabei noch an Donar dachten, ist mehr als fraglich. Geblieben war die Vorstellung, dass der Donner Geschosse wirft – und dass man sie gegen ihn einsetzen kann. Nicht jeder Donnerkeil ist ein „heidnisches Relikt".

Donnersberg, Thursley, Torslunda: sein Name auf der Landkarte

Ortsnamen sind wertvoll, weil sie nicht von Leuten stammen, die etwas beweisen wollten – und weil sie Religionswechsel überleben. In Skandinavien ist Thor der Gott mit den meisten Ortsnamen: Torslunda („Thors Hain"), Torsåker („Thors Acker") und viele mehr, dazu Tórshavn auf den Färöern. In England stehen Thundersley in Essex und Thursley in Surrey, beide aus altenglisch Þunres lēah, „Lichtung oder Hain des Þunor". Die Namen hängen an Feldern, Hainen und Hügeln, nicht an Schlachtfeldern.

Auf dem Festland wird es dünn. Der bekannteste Kandidat ist der Donnersberg in der Pfalz, meist auf Donar bezogen. Es gibt aber auch keltische Herleitungen, und ein Berg kann schlicht nach dem Donner heißen, ohne dass ein Gott gemeint ist. Mehr dazu in Götter in Ortsnamen.

Donar und Thor: derselbe Gott?

Fast, aber nicht ganz. Gleich sind Name, Rolle als Schützer und Weiher, die Schlagwaffe und die Gleichung mit Jupiter im Wochentag. Das reicht, um von einem gemeinsamen germanischen Gott zu sprechen.

Aber alle Geschichten, die du von Thor kennst – Mjölnir aus der Zwergenschmiede, die Ziegenböcke, das Angeln der Midgardschlange, die Verkleidung als Braut –, stammen aus isländischen Handschriften des 13. Jahrhunderts. Zwischen der Nordendorfer Fibel und diesen Handschriften liegen rund sieben Jahrhunderte und weit über tausend Kilometer. Wer Thors Abenteuer auf Donar überträgt, zieht einen Rückschluss, keinen Beleg.

Was wir über Donar nicht wissen

Das klingt ernüchternd, ist es aber nicht. Was wir haben, ist echt: Steine, Spangen, Taufformeln, Kalendertage, Ortsnamen. Sie zeigen einen Gott, der nicht in Heldenliedern lebte, sondern im Alltag. Odin war der Gott der Fürsten und Dichter, launisch und unberechenbar. Donar war der, den man rief, wenn das Gewitter über der Ernte stand. Wer einen der tausend Hämmer trug, hatte sich für den Beschützer entschieden.

Aus der Werkstatt. Der Hammer ist unser meistgefragtes Motiv – und wir gravieren ihn nach Fundvorlagen, nicht nach Filmentwürfen. Wer eine bestimmte Form möchte oder eine Runenzeile dazu: Wunschgravur. Den eigenen Namen im Älteren Futhark zeigt der Runen-Namensgeber.

Häufige Fragen

Wie hieß der Donnergott der Germanen? Bei den Festlandgermanen Donar, bei den Sachsen Thunaer, bei den Angelsachsen Þunor, im Norden Þórr, also Thor. Alle Formen gehen auf urgermanisch *Þunraz „Donner" zurück.

Ist Donar dasselbe wie Thor? Derselbe Gott unter verschiedenen Namen – aber die bekannten Thor-Mythen stammen aus isländischen Quellen des 13. Jahrhunderts. Für Donar ist keine Geschichte überliefert.

Warum heißt der Donnerstag Donnerstag? Er ist der Tag des Donar, gebildet nach lateinisch dies Iovis, dem Tag des Jupiter, dessen Platz der germanische Donnergott einnahm.

Was war die Donareiche? Eine heilige Eiche bei Geismar in Hessen, die Bonifatius um 723 fällen ließ. Willibald nennt sie robur Iobis, Eiche des Jupiter; dass Donar gemeint war, ergibt sich aus der Gleichsetzung.

Welche Lösung hat „Grollen über Midgard" im Kreuzworträtsel? Meist THOR, je nach Kästchenzahl auch DONAR.

Welches Symbol hatte Donar? Im Norden den Hammer, belegt durch rund tausend Amulette. Für das Festland gibt es ältere Keulenanhänger, die als Donar-Amulette gedeutet werden – gut begründet, aber nicht beweisbar.

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