Die Germanen bauten ihren Göttern keine Tempel – sie verehrten sie in heiligen Hainen. Ihre Religion kennen wir vor allem aus römischen Berichten, Weihesteinen und Ortsnamen. Ein Überblick über den Glauben der Stämme vor der Wikingerzeit.
„Die germanische Religion" ist streng genommen kein einheitliches System, sondern ein Geflecht verwandter Vorstellungen vieler Stämme über Jahrhunderte. Weil die Germanen selbst kaum schrieben, kennen wir sie vor allem aus fremder Feder: aus Caesar und vor allem aus Tacitus' Germania, dazu aus Weiheinschriften, Ortsnamen, Moorfunden und – viel später und nordisch gefärbt – aus der Edda.
Die germanische Religion kannte kein heiliges Buch, kein Dogma und keine Priesterkaste wie die Kelten. Sie war ein Kult der Tat: gebunden an Ort, Sippe und Jahreslauf. Das macht sie so schwer zu fassen – und so faszinierend. Unser Wissen ruht auf drei Säulen: den antiken Autoren (allen voran Tacitus' Germania), den archäologischen Funden (Weihesteine, Mooropfer, Amulette) und der viel jüngeren nordischen Edda, die man nur vorsichtig rückblickend heranziehen darf. Wo diese Quellen zusammenklingen, wird ein Bild sichtbar.
An der Spitze standen die Götter, die die Römer mit eigenen Namen belegten (interpretatio Romana): Merkur = Wodan (Gott der Ekstase, Dichtung und Toten), Herkules = Donar (Donnergott und Schützer), Mars = Ziu/Tiwaz (der alte Himmels- und Rechtsgott). Dazu kamen mächtige Göttinnen: die Erdgöttin Nerthus, Frija (Namensgeberin des Freitags) und die rheinischen Matronen. Es war kein festes „Pantheon" wie bei Griechen und Römern, sondern eine bewegliche Welt regionaler Götter und Beinamen.
Tacitus überliefert den vielleicht wichtigsten Satz: Die Germanen hielten es für unwürdig, ihre Götter in Mauern zu bannen – sie weihten stattdessen Wälder und Haine. Der Semnonenhain war ein überregionales Heiligtum, das man nur gefesselt betreten durfte. Am eindrücklichsten ist der Bericht über die Erdgöttin Nerthus, deren verhüllter Wagen über das Land fuhr; solange sie unter den Menschen weilte, ruhten die Waffen.
Anders als im fernen Norden ist der festländische Glaube vor allem greifbar. Im Rheinland stehen hunderte römerzeitliche Weihesteine für germanische Götter unter römischen Namen; germanische Soldaten setzten am Hadrianswall Altäre für Mars Thingsus. In den Mooren versenkte man Waffen und Kostbarkeiten (Nydam, Illerup, Ejsbøl); aus demselben Milieu stammen einfache Holzidole (Braak, Broddenbjerg). Und in Ortsnamen wie Godesberg bei Bonn lebt der Götterglaube bis heute weiter – ein Stück Heimat direkt vor unserer Tür.
Geopfert wurde für ár ok friðr – „gutes Jahr und Frieden": Tiere, Speisen, Waffen, in Ausnahmen wohl auch Menschen. Das Fest hieß im Norden Blót, das Jahr war vom Jahreskreis geprägt. Die Zukunft befragte man durch Orakel – Losstäbchen, heilige Pferde, Vogelflug –, gedeutet von Priestern und Seherinnen wie der berühmten Veleda. Und über allem lag die Ahnenverehrung: Die Toten blieben Teil der Sippe.
Mit der Christianisierung verschwanden die Götter aus dem Kult – aber nicht aus der Kultur. Sie überlebten in den Wochentagen, in Ortsnamen, in Bräuchen wie den Rauhnächten und der Wilden Jagd. Der alte Glaube ist nicht tot; er ist unter der Oberfläche unseres Alltags eingesunken.
„Sie weihen Wälder und Haine und benennen mit Götternamen jenes Geheimnis, das sie allein in Ehrfurcht schauen."Tacitus, Germania 9, nach gemeinfreier Übersetzung

Tiwaz · Wodan, Donar & Ziu · Nerthus – die Erdgöttin · Der Hain der Semnonen · Die Matronen.
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