Fast tausend Jahre bevor die Edda niedergeschrieben wurde, zogen germanische Stämme im Frühling eine verhüllte Göttin auf einem Ochsenwagen über die Felder – und legten die Waffen nieder, solange sie unter ihnen weilte. Es ist die älteste ausführlich beschriebene Kulthandlung des germanischen Nordens: der Kult der Nerthus, der Mutter Erde.
Nerthus ist eine Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin aus dem Geschlecht der Wanen. Ihr Name bedeutet so viel wie „die Erde" bzw. „die Unterirdische". Beschrieben hat sie der römische Senator Tacitus um 98 n. Chr. in seiner Germania – als gemeinsame Gottheit mehrerer Stämme an der Nord- und Ostsee.
Tacitus schildert einen eindrücklichen Ritus: Auf einer Insel im Ozean stehe ein heiliger Hain mit einem verhüllten Wagen, den nur der Priester berühren dürfe. Erkenne er die Anwesenheit der Göttin, werde der ochsenbespannte Wagen durch die Lande gefahren. Wo Nerthus einkehrt, herrschen Fest, Frieden und Freude – jede Waffe wird weggeschlossen. Danach werden Wagen, Tuch und Göttin in einem einsamen See gewaschen; die Sklaven, die das besorgen, verschlingt sogleich derselbe See.
„Es folgen Tage der Freude, festlich geschmückt jeder Ort, den sie ihres Besuches würdigt. Dann führen sie keinen Krieg, greifen zu keiner Waffe; alles Eisen ist weggeschlossen.“— Tacitus, Germania 40 (gemeinfrei, nach dt. Übersetzung)
Nerthus verkörpert die Erde selbst: Sie ruht im Winter im See und kehrt im Frühling aus dem Schoß der Erde zurück, um die Felder zu segnen. Damit gehört sie in denselben Kreis wie die Wanen Freyr und Freyja – Gottheiten des Wachstums, des Friedens und des Reichtums.
Sprachlich ist Nerthus dieselbe wie der spätere Meergott Njörðr: Nerthus ist die exakte germanische Vorform von altnordisch Njörðr. Nur ist Nerthus eine Göttin, Njörðr ein Gott. Wie aus der Erdgöttin des 1. Jahrhunderts der Meergott der Wikingerzeit wurde, ist eines der spannendsten Rätsel der germanischen Religionsgeschichte – vielleicht ein göttliches Geschwister- oder Elternpaar, das sich im Lauf der Jahrhunderte aufspaltete.
Tacitus nennt „eine Insel im Ozean", aber keinen Ort. Oft wird die Insel Rügen vorgeschlagen, wo es tatsächlich einen „Herthasee" gibt – doch dieser Name ist eine romantische Zuschreibung der Neuzeit, kein antiker Beleg. Auch spätere Umzugsbräuche – Schiffs- und Karnevalsumzüge, die Maikönigin – werden gern mit solchen alten Fruchtbarkeitskulten in Verbindung gebracht.
Njörðr · Freyr · Freyja · Die Wanen · Germanen & Stämme.
Tacitus, Germania 40. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Jan de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte; Anders Hultgård, „Nerthus und Nerthuskult" (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde); Lotte Motz, The Goddess Nerthus.