Drei große Völkerfamilien, tausend Jahre Wanderung und ein Glaube, von dem wir mehr ahnen als wissen. Mit interaktiver Karte, anklickbarem Stammbaum – und ehrlicher Trennung von Mythos und Beleg.
Stell dir Mitteleuropa vor zweitausend Jahren vor: kein Deutschland, kein Polen, keine festen Grenzen. Stattdessen ein Flickenteppich aus Stämmen, die kamen und gingen, sich verbündeten, zerstritten und neu erfanden. „Die Germanen" sind in Wahrheit kein Volk, sondern eine Schublade, die Fremde aufzogen. Genau das macht die Sache so spannend – und verlangt, dass wir ehrlich bleiben.
Ganz unten die gemeinsame indogermanische Wurzel, daraus drei mächtige Äste: Kelten, Germanen und Slawen. Tippe auf einen Zweig, und du landest auf einer eigenen, ausführlichen Seite mit den Völkern dieser Gruppe.
Stilisierter Stammbaum – die Verzweigungen sind vereinfacht. Die Balten (engste Verwandte der Slawen) und viele kleinere Gruppen sind hier nicht eigens aufgeführt.
Völker bleiben selten, wo sie sind. Schieb dich durch die Jahrhunderte und sieh, wie sich Kelten, Germanen und Slawen verschieben – von den Kimbern bis zu den Sorben an der Elbe.
Schematische Karte – Lage und Größe der Felder sind stark vereinfacht und dienen nur der Orientierung.
Fangen wir mit einer Enttäuschung an: Niemand stand am Rhein und rief „Wir sind Germanen!". Den Begriff brachten andere ins Spiel. Den frühesten Gebrauch schreibt man dem Griechen Poseidonios (um 80 v. Chr.) zu; zur großen Idee machte ihn Julius Caesar, der die Völker östlich des Rheins kurzerhand zu „Germanen" erklärte – auch, weil das gut erklärte, warum seine Legionen ausgerechnet am Rhein haltmachten.
Am meisten verdanken wir Tacitus (Germania, um 98 n. Chr.). Er verrät sogar, dass „Germani" ursprünglich nur der Name eines einzigen Stammes war (der Tungrer), den die Sieger dann allen überstülpten – „der Name eines Stammes, nicht eines Volkes". Woher das Wort kommt? Unklar, vermutlich keltisch – vielleicht „die Nachbarn" oder „die Schreier". Sicher ist nur: Es kam über keltische Münder zu den Römern.

Die Spur führt in den Norden. In der Nordischen Bronzezeit (ca. 2000–500 v. Chr.) entstand vermutlich die germanische Ursprache; klar fassbar wird das Germanische dann mit der Jastorf-Kultur (ab ca. 6. Jh. v. Chr.) und der ersten Lautverschiebung, die das Germanische erst „germanisch" klingen ließ. Faustregel der Forschung: ab etwa 500 v. Chr. darf man von germanischen Sprachen reden – auch wenn der Name „Germani" erst Jahrhunderte später fällt.
Caesar zog am Rhein einen sauberen Strich: Kelten links, Germanen rechts. Schön ordentlich – und ziemlich erfunden. Caesar selbst kannte „Germanen" westlich des Rheins, und das Wort „Germane" ist obendrein wohl keltisch. Über Jahrhunderte waren die hochentwickelten Kelten (Hallstatt-, dann La-Tène-Kultur) die großen Vorbilder ihrer nördlichen Nachbarn.
Wer waren die Kelten? Etwa die Helvetier, Häduer, Arverner (Vercingetorix!) und die Carnuten mit dem Druiden-Heiligtum. Mehr dazu auf der Seite Die Kelten.

Die Germanen erzählten sich selbst eine schöne Herkunftsgeschichte: Alle stammten vom Gott Mannus ab, Sohn des erdgeborenen Tuisto. Seine Söhne wurden zu Ahnen dreier Gruppen:
Ingaevonen (an der Küste) · Herminonen (im Binnenland) · Istaevonen (die Übrigen).
Hier nur die großen Linien – die ausführlichen Porträts findest du auf den Stammbaum-Seiten.
Nordgermanen – Dänen, Schweden, Norweger: aus ihnen wurden die Wikinger, und von ihnen stammt fast alles, was wir über die nordischen Götter wissen.
Westgermanen – die große Mitte: Sueben, Sachsen, Franken, Friesen, Chatten, Cherusker (Arminius!), Markomannen, Bataver, Ubier (Köln). Aus ihnen wurden Deutsche, Niederländer, Engländer.
Ostgermanen – die Wanderer: Goten, Vandalen, Burgunder, Gepiden, Rugier, Heruler. Sie gründeten glanzvolle, kurzlebige Reiche von Spanien bis Italien.
Berühmt-berüchtigt ist die Varusschlacht (9 n. Chr.), in der der Cherusker Arminius drei römische Legionen vernichtete – das Ende der römischen Träume östlich des Rheins.

Als die Germanen in der Völkerwanderung nach Westen und Süden abzogen, blieb im Osten Mitteleuropas Platz – und den füllten die Slawen. Im 6. und 7. Jahrhundert breiteten sie sich gewaltig aus, bis sie um 600 die Elbe-Saale-Linie erreichten. Plötzlich verlief mitten durch das heutige Deutschland eine germanisch-slawische Grenze.
Auch die Slawen sind kein Block, sondern drei große Zweige:
Westslawen – Polen, Tschechen, Slowaken und die Polaben/Wenden westlich der Oder: Sorben (in der Lausitz bis heute!), Obodriten, Lutizen, die Ranen von Rügen mit dem Tempel von Arkona.
Ostslawen – die Wurzeln von Russen, Ukrainern und Belarussen; aus ihnen wuchs die Kiewer Rus.
Südslawen – Serben, Kroaten, Slowenen und die slawisierten Bulgaren auf dem Balkan.

Jetzt wird es heikel. Wer ein fertiges „germanisches Pantheon" erwartet, wird enttäuscht: Das gibt es so nur für den nordischen Glauben – und der wurde erst im christlichen Island aufgeschrieben, Jahrhunderte nach der Heidenzeit. Für die Festland-Germanen und erst recht für die Slawen haben wir nur Bruchstücke: ein paar Götternamen, ein paar Rituale, beschrieben von Leuten, die diese Götter gerade abschaffen wollten.
Tacitus benennt die germanischen Götter mit römischen Namen (das nennt man interpretatio romana): Mercurius = Wodan, Hercules = Donar, Mars = Tiw. Den schönsten Beweis tragen wir wöchentlich mit uns herum – die Wochentage: Dienstag (Tiw/Ziu), Mittwoch (Wodan, engl. Wednesday), Donnerstag (Donar/Thor), Freitag (Frija/Frigg).

Viele kennen wir nur aus einer einzigen Zeile: Nerthus, die Erdmutter, deren Wagen sieben Stämme gemeinsam verehrten; die „Isis" der Sueben mit dem Schiffssymbol; die göttlichen Zwillinge Alcis; die Göttinnen Tamfana und Baduhenna. Hart belegt sind dagegen die rheinischen Matronen – dreifache Muttergöttinnen auf Hunderten Altären, am dichtesten um Köln, Bonn und in der Eifel. Und die Merseburger Zaubersprüche, die einzigen heidnischen Verse in deutscher Sprache, in denen tatsächlich Wodan, Frija und Volla genannt werden.

Bei den Slawen ist die Lage noch dünner – eine slawische „Edda" gibt es nicht. Trotzdem ragen ein paar Gestalten heraus: Perun, der Donner- und Himmelsgott (Eiche, Blitz), bei den Ostslawen an der Spitze; Veles, der Vieh-, Eid- und Unterweltsgott; dazu Svarog, Dazhbog (Sonne), Stribog (Wind) und die Göttin Mokosch. Eine Besonderheit: Die Westslawen bauten Tempel und schnitzten vielköpfige Götterbilder – der viergesichtige Svantevit von Arkona, der dreiköpfige Triglav von Stettin. In Arkona weissagte man mit einem heiligen weißen Pferd.

Erstaunlich viele Götter sind über die Sprachgrenzen hinweg dieselben – sie tragen nur andere Kleider. Hier die wichtigsten Entsprechungen (rekonstruierte urgermanische Formen mit *):
| Rolle | Römisch | Urgermanisch | Festland (Wodan-Welt) | Nordisch | Slawisch | Baltisch |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Götterchef / Magie / Tod | Mercurius | *Wōðanaz | Wodan / Wôden | Óðinn (Odin) | — | — |
| Donner / Schutz | Hercules / Jupiter | *Þunraz | Donar / Thunar | Þórr (Thor) | Perun | Perkūnas |
| Himmel / Recht / Krieg | Mars | *Tīwaz | Tiw / Ziu | Týr | (Svarog?) | Dievas |
| Liebe / Ehe (Göttin) | Venus | *Frijjō | Frija / Frîja | Frigg | Mokosch (Göttin) | Laima |
| Fruchtbarkeit / Ahnherr | — | *Ingwaz | Ing (Ingaevonen) | Yngvi-Freyr | (Dazhbog, Sonne) | — |
| Erde / Mutter | (Terra Mater) | *Nerþuz | Nerthus | Njörðr (männl.!) | Mat Syra Zemlya | Žemyna |
Quer durch Germanen, Slawen und Balten zieht sich ein gemeinsames indogermanisches Erbe – am deutlichsten der Donnergott mit der Eiche. Vieles andere aber ist regional und spät: Die Aufteilung in Asen und Wanen, der Weltenbaum Yggdrasil und das fein ausgemalte Ragnarök sind vor allem nordisch und stark von Snorri (13. Jh.) geformt. Die Slawen wiederum sind Meister der vielköpfigen Tempelgötter – etwas, das Germanen und Norden fremd war. Kurz: Es gab nie eine germanische (oder slawische) Religion, sondern viele Spielarten. Darum besser: Religionen, im Plural.
Und was bleibt? Eine Menge: gemeinsame Götternamen vom Rhein bis zur Wolga, eine geteilte Sagenwelt, heilige Bäume und das ehrliche Staunen darüber, wie viel im Nebel liegt. Genau dieses Stück vergessene Heimat gravieren wir – mit Respekt vor den Vorfahren, nicht mit Pathos.

Antike: Tacitus, Germania und Annalen; Caesar, De bello Gallico; Plinius; Jordanes; für die Slawen Prokop, Thietmar von Merseburg, Helmold von Bosau, Saxo Grammaticus, die Nestorchronik. Forschung u. a.: Rudolf Simek, Jan de Vries, H. R. Ellis Davidson, Walter Pohl, Walter Goffart, Heiko Steuer, Sebastian Brather; zur slawischen Religion Gieysztor und die kritische Diskussion um Ivanov/Toporov. Überblicke: Britannica und die einschlägigen Wikipedia-Artikel (mit dortiger Fachliteratur). Alle strittigen Punkte sind oben als „Mythos" bzw. als unsicher gekennzeichnet.