Nordgermanen

Die Völker des hohen Nordens – und die einzige germanische Religion, von der wir wirklich erzählen können.

Stammbaum

Wer „germanische Mythologie“ sagt, meint fast immer den Norden. Das ist kein Zufall: Während auf dem Festland das Christentum die alten Götter früh überschrieb, hielt sich das Heidentum in Skandinavien Jahrhunderte länger – und wurde dort später aufgeschrieben. Die Nordgermanen sind darum die Gruppe, von der wir am meisten wissen.

Sie sprachen das Altnordische, aus dem Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Isländisch und Färöisch wurden. Aus den Bauern, Händlern und Seefahrern dieser Region gingen ab dem späten 8. Jahrhundert die Wikinger hervor – nicht ein Volk, sondern eine Lebensweise: ausfahren, handeln, siedeln, manchmal plündern.

Fjordlandschaft im Morgenlicht
Skandinavien: rauer Norden, lange Winter – und der Glaube, der sich hier am längsten hielt.

Dänen

Jütland & Inseln · Eisenzeit bis Wikingerzeit

Aus den Stämmen Jütlands und der dänischen Inseln formte sich eines der ersten nordischen Königreiche. Harald Blauzahn einte um 960 das Land und ließ sich taufen – nachzulesen auf dem großen Jelling-Stein, Dänemarks „Geburtsurkunde“.

Svear & Gauten (Schweden)

Mittelschweden · Eisenzeit bis Wikingerzeit

Die Svear um den Mälarsee und die Gauten (Götar) weiter südlich verschmolzen allmählich zum schwedischen Reich. Das alte Heiligtum von Gamla Uppsala mit seinem Tempel und den großen Königshügeln war ihr religiöses Herz.

Norweger

Norwegen · Eisenzeit bis Wikingerzeit

Entlang der Fjorde lebten kleine Häuptlingstümer, die Harald Schönhaar um 900 zu einem Reich zwang. Von hier brachen Fahrten nach Island, Grönland und bis Vinland (Nordamerika) auf.

Gotländer & Inselleute

Gotland & Ostsee · Eisenzeit bis Wikingerzeit

Auf Gotland erzählten die Menschen ihre Sagen in Stein: Die berühmten Bildsteine zeigen achtbeinige Pferde, Langschiffe und Götter – Jahrhunderte vor der Edda.

Beleg: Unser Wissen über Odin, Thor, Freyja, Yggdrasil und Ragnarök stammt fast ausschließlich aus dem Norden – aus der Lieder-Edda (Codex Regius) und der Prosa-Edda Snorri Sturlusons (13. Jh., Island). Beides wurde erst im christlichen Island niedergeschrieben, lange nach der Heidenzeit.
Wichtig: Dieses reiche Pantheon ist die späteste Stufe germanischen Glaubens. Man darf es nicht einfach auf die Stämme zur Römerzeit zurückrechnen – die kontinentalen Germanen kannten die Namen (Wodan, Donar), aber nicht zwingend die voll ausgeformten Geschichten der Edda.

Mehr zu den Göttern und Sagen des Nordens findest du in unserem Blog und in der Götter-Übersicht der Bibliothek.

Was die Gene verraten

2020 erschien die bis dahin größte Erbgut-Studie zur Wikingerzeit: „Population genomics of the Viking world" (Margaryan u. a., Nature 585, 2020). Ein Team um Eske Willerslev entschlüsselte 442 alte Genome aus der ganzen Wikingerwelt – und räumte nebenbei mit ein paar Klischees auf.

Die spannendsten Befunde, locker zusammengefasst: Erstens waren „die Wikinger" genetisch kein reines Nordvolk – schon vor und während der Wikingerzeit floss Erbgut aus Südeuropa und Asien nach Skandinavien ein. Zweitens bestätigt die DNA die Reiserouten der Sagas verblüffend genau: dänische Wikinger zogen vor allem nach England, schwedische nach Osten ins Baltikum und zu den Rus, norwegische nach Irland, Island und Grönland. Drittens war „Wikinger" auch eine Kultur, keine reine Abstammung: Auf Orkney wurden Menschen mit rein britischen Genen als Wikinger bestattet – mit Schwert und Grabbeigaben. Und im Schiffsgrab von Salme (Estland) fielen vier Brüder am selben Tag – frühe Raubzüge waren oft Familiensache. Nebenbei: viele Wikinger hatten eher braunes als blondes Haar.

Beleg: Margaryan, A. u. a. (2020): „Population genomics of the Viking world." Nature 585, 390–396. DOI 10.1038/s41586-020-2688-8. Offene Zusammenfassung (CC BY) bei der University of Cambridge. (Die Karten der Studie selbst stehen unter „alle Rechte vorbehalten" und werden hier nicht abgebildet.)
Vorsicht vor Schlagzeilen: „Wikinger waren gar keine Skandinavier" ist übertrieben. Die meisten Untersuchten hatten sehr wohl überwiegend skandinavische Wurzeln – nur mit messbarem Einschlag von außen, und „Wikinger-Sein" war teils kulturell. Prozentzahlen wie „X % Wikinger-DNA heute" sind grobe Näherungen.
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