Die Völker des hohen Nordens – und die einzige germanische Religion, von der wir wirklich erzählen können.
Wer „germanische Mythologie“ sagt, meint fast immer den Norden. Das ist kein Zufall: Während auf dem Festland das Christentum die alten Götter früh überschrieb, hielt sich das Heidentum in Skandinavien Jahrhunderte länger – und wurde dort später aufgeschrieben. Die Nordgermanen sind darum die Gruppe, von der wir am meisten wissen.
Sie sprachen das Altnordische, aus dem Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Isländisch und Färöisch wurden. Aus den Bauern, Händlern und Seefahrern dieser Region gingen ab dem späten 8. Jahrhundert die Wikinger hervor – nicht ein Volk, sondern eine Lebensweise: ausfahren, handeln, siedeln, manchmal plündern.

Aus den Stämmen Jütlands und der dänischen Inseln formte sich eines der ersten nordischen Königreiche. Harald Blauzahn einte um 960 das Land und ließ sich taufen – nachzulesen auf dem großen Jelling-Stein, Dänemarks „Geburtsurkunde“.
Die Svear um den Mälarsee und die Gauten (Götar) weiter südlich verschmolzen allmählich zum schwedischen Reich. Das alte Heiligtum von Gamla Uppsala mit seinem Tempel und den großen Königshügeln war ihr religiöses Herz.
Entlang der Fjorde lebten kleine Häuptlingstümer, die Harald Schönhaar um 900 zu einem Reich zwang. Von hier brachen Fahrten nach Island, Grönland und bis Vinland (Nordamerika) auf.
Auf Gotland erzählten die Menschen ihre Sagen in Stein: Die berühmten Bildsteine zeigen achtbeinige Pferde, Langschiffe und Götter – Jahrhunderte vor der Edda.
Mehr zu den Göttern und Sagen des Nordens findest du in unserem Blog und in der Götter-Übersicht der Bibliothek.
2020 erschien die bis dahin größte Erbgut-Studie zur Wikingerzeit: „Population genomics of the Viking world" (Margaryan u. a., Nature 585, 2020). Ein Team um Eske Willerslev entschlüsselte 442 alte Genome aus der ganzen Wikingerwelt – und räumte nebenbei mit ein paar Klischees auf.
Die spannendsten Befunde, locker zusammengefasst: Erstens waren „die Wikinger" genetisch kein reines Nordvolk – schon vor und während der Wikingerzeit floss Erbgut aus Südeuropa und Asien nach Skandinavien ein. Zweitens bestätigt die DNA die Reiserouten der Sagas verblüffend genau: dänische Wikinger zogen vor allem nach England, schwedische nach Osten ins Baltikum und zu den Rus, norwegische nach Irland, Island und Grönland. Drittens war „Wikinger" auch eine Kultur, keine reine Abstammung: Auf Orkney wurden Menschen mit rein britischen Genen als Wikinger bestattet – mit Schwert und Grabbeigaben. Und im Schiffsgrab von Salme (Estland) fielen vier Brüder am selben Tag – frühe Raubzüge waren oft Familiensache. Nebenbei: viele Wikinger hatten eher braunes als blondes Haar.
