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Freyja – weit mehr als Liebe

Götter Freyja – weit mehr als Liebe

Freyja ist weit mehr als die „nordische Liebesgöttin", zu der sie oft verkürzt wird. Sie ist Kriegsherrin, Meisterin der Zauberkunst und die begehrteste Gestalt der ganzen Mythologie – und sie nimmt sich die Hälfte aller ruhmvoll Gefallenen, noch vor Odin.

Freyja („Herrin") stammt von den Wanen, dem Göttergeschlecht der Fruchtbarkeit, und kam nach dem Wanenkrieg als Geisel zu den Asen. Tochter des Meeresgottes Njörd, Schwester des Freyr, wohnt sie in der Halle Sessrúmnir auf dem Feld Folkwang. Kaum ein Wesen – Gott, Riese oder Zwerg – das sie nicht begehrt; ihre Geschichten drehen sich immer wieder um Werbung, Raub und List.

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Herrin der halben Gefallenen

Ein Detail, das viele überrascht: Nicht nur Odin sammelt die tapferen Toten – und wenn wir „Totengöttin" hören, denken die meisten sofort an Hel. Doch Freyja ist eine ebenso echte Herrin des Todes. Ihr gehört das Feld Fólkvangr („Volksfeld" oder „Feld der Heere") mit ihrer Halle Sessrúmnir, „die viele Sitze fasst" – ein Gegenstück zu Odins Walhall, in dem gefallene Krieger einen Ehrenplatz finden.

Und mehr noch: Freyja hat das erste Recht. Jeden Tag wählt sie die Hälfte der auf dem Schlachtfeld Erschlagenen für ihre Halle, die andere Hälfte bleibt Odin. Dass ausgerechnet eine Wanin – eine Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit – noch vor dem Allvater über die glorreichen Toten verfügt, ist eine der erstaunlichsten Aussagen der Edda und zeigt, wie hoch ihr Rang wirklich war.

„Folkwang ist das neunte, da Freyja waltet / der Sitze Wahl im Saal; / halb erkiest sie die Erschlagnen täglich, / die andre Hälfte hat Odin.“— Grímnismál 14, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)

Warum Freyja eine Totengöttin ist – und wie sie sich von Hel unterscheidet

Der nordische Jenseitsglaube kannte nicht ein einziges Totenreich, sondern viele Ziele – und wohin man kam, hing davon ab, wie man starb. Das ist der Schlüssel, um Freyja und Hel auseinanderzuhalten.

Hel, die Tochter Lokis, herrscht über das gleichnamige Reich tief unter den Wurzeln des Weltenbaums. Zu ihr kommen die meisten Menschen: alle, die eines „Strohtodes" sterben – an Alter, Krankheit oder Unglück. Hel ist kein Ruhmes-Ort und keine Strafe, sondern das stille, neutrale Reich der gewöhnlichen Toten.

Freyja dagegen ist – genau wie Odin – eine Göttin der ehrenvoll Gefallenen, eine Wählerin der Toten. Sie sucht sich ihre Schar selbst aus, ganz wie die Walküren, deren Name „Wählerinnen der Erschlagenen" bedeutet – und die manche Quellen sogar in Freyjas Gefolge stellen. Damit rückt Freyja in die Rolle einer Seelenführerin, die Tote ins Jenseits geleitet.

Und ihr Totenbezug reicht über das Schlachtfeld hinaus. In der Egils saga weigert sich Egils Tochter Þorgerðr zu essen, um zu sterben – mit den Worten, sie werde nichts zu sich nehmen, „bis ich bei Freyja bin". Für sie, eine Frau, ist Freyjas Halle das erhoffte Jenseits. Viele Forscher schließen daraus, dass Freyja besonders die toten Frauen zu sich nahm – so wie Odin die Krieger. Dazu passt ihr wichtigstes Werkzeug, der Seidr: ein Zauber, der mit Schicksal, Geistern und den Toten verkehrt. Liebe, Zauber und Tod sind bei Freyja kein Widerspruch, sondern ein und dasselbe Gewebe.

Meisterin des Seidr

Freyja beherrscht den Seidr, jene ekstatische Zauberkunst, mit der man in Schicksal und Zukunft eingreift. Nach Snorri war sie es, die diese Kunst überhaupt erst zu den Asen brachte – und sie sogar Odin lehrte. Das ist bemerkenswert, denn Seidr galt für Männer als unmännlich; dass der höchste Gott ihn von Freyja lernt, zeigt ihren Rang.

Katzen, Falkengewand und das Brisingamen

Freyjas Wagen ziehen zwei Katzen; sie besitzt ein Falkengewand, mit dem sie (und geliehen auch Loki) durch die Welten fliegt, und reitet den Eber Hildisvíni. Ihr kostbarster Schatz ist das Halsband Brisingamen, das sie den Zwergen abrang. Um ihren verschwundenen Gatten Óðr weint sie Tränen aus rotem Gold – ein Bild, das bis heute berührt.

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Freyja bei den Wanen

Als Wanin verkörpert Freyja das Leben selbst: Wachstum, Begehren, Reichtum. Dass ausgerechnet sie zugleich über Gefallene gebietet, ist kein Widerspruch, sondern nordische Weltsicht – Liebe und Tod, Fruchtbarkeit und Schlacht liegen dicht beieinander.

Beleg & Quellen. Fólkvangr & halbe Gefallene, Halle Sessrúmnir: Grímnismál 14, Gylfaginning 24. Freyja empfängt Sterbende (Þorgerðr will „zu Freyja"): Egils saga, Kap. 78. Hel als Reich der Strohtoten: Gylfaginning 34. Seidr zu den Asen gebracht: Ynglinga saga 4. Katzen, Falkengewand, Hildisvíni: Gylfaginning 24, Hyndluljóð 7. Brisingamen & Óðr, Goldtränen: Gylfaginning 35, Skáldskaparmál. Standardwerk: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.

Mythos-Check. Freyja und Frigg werden oft verwechselt (und waren vielleicht einmal verwandte Gestalten), sind in der überlieferten Mythologie aber getrennt: Frigg ist Odins Gattin, Freyja die Wanin. Auch die beliebte Herleitung „Freitag = Freyjas Tag" ist umstritten – der Wochentag geht eher auf Frigg zurück (englisch Friday, lateinisch dies Veneris). Und „Liebesgöttin" greift zu kurz: Freyja ist ebenso Herrin über Zauber, Reichtum und Tod.

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Quellen & Literatur

Grímnismál, Hyndluljóð, Völuspá (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning, Skáldskaparmál, Ynglinga saga. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001); Britt-Mari Näsström, Freyja – the Great Goddess of the North (1995).

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