Nicht jeder Tote kam nach Walhall. Die meisten Menschen – alle, die an Krankheit und Alter starben – gingen zu Hel. Sie ist die Herrin der Totenwelt, Tochter Lokis, halb lebend und halb tot: eine der düstersten und zugleich würdevollsten Gestalten des Nordens – grausam zu den einen, sanft zu den anderen, jedem so, wie er es verdient.
Der Name Hel bedeutet ursprünglich „die Verbergende, die Verhüllende" (verwandt mit „hehlen" und „Halle") und bezeichnet zugleich die Göttin und ihr Reich, Helheim. Anders als das christliche Wort „Hölle", das sich lautlich davon ableitet, ist die nordische Hel kein Ort der Strafe, sondern schlicht das Reich der gewöhnlichen Toten – kühl, still, aber nicht qualvoll.

Hel ist die Tochter Lokis und der Riesin Angrboda – Schwester des Wolfs Fenrir und der Midgardschlange. Als die Götter diese unheimlichen Geschwister erblickten, warf Odin Hel hinab nach Niflheim und gab ihr Macht über neun Welten: Sie sollte allen Herberge geben, die an Krankheit und Alter sterben. So wurde aus dem verstoßenen Kind eine Königin.
Snorri beschreibt Hel als zur einen Hälfte fleischfarben und lebend, zur anderen dunkel und totenblau – ihr Körper selbst ist Sinnbild ihres Wesens: an der Grenze zwischen den Welten, weder ganz das eine noch das andere. „Grimm und finster" sei ihr Anblick, heißt es. Und doch ist sie keine Dämonin, sondern eine Verwalterin – gerecht, unbestechlich, unausweichlich.

Hier liegt das Faszinierendste an ihr: Hel hat zwei Gesichter. Für den, der voller Furcht und mit schlechtem Gewissen kommt, ist ihr Reich ein Ort der Kälte – ihre Halle trägt Namen, die einem das Blut gefrieren lassen. Für den aber, der in Würde und im Frieden mit seinem Leben zu ihr tritt, ist es eine stille, ehrenvolle Ruhestatt. Hel richtet nicht nach Gut und Böse wie ein Höllenfürst; sie gibt jedem, was seinem Leben entspricht – dem Harten das Harte, dem Sanften das Sanfte.
„Hunger heißt ihre Schüssel, Darbekraft ihr Messer, Säumig ihr Knecht und Säumerin ihre Magd, Sturzgatter die Schwelle, Kummerbett das Lager, bleicher Jammer der Vorhang.“— nach Snorri, Gylfaginning 34 (Übersetzung nach Karl Simrock, gemeinfrei)
Hels Halle heißt Eljudnir („die vom Regen Durchnässte"). Alles darin trägt jene grimmigen Namen – und doch ist es ein geordneter Hof mit Knecht und Magd, Herd und Lager. Wer hierher kommt, wird nicht gefoltert; er wird beherbergt. Es ist das Bild eines Wikinger-Hofes im Winter: karg, dämmrig, aber ein Dach über dem Kopf und ein Platz am langen Tisch.

Ihre größte Stunde ist der Tod Baldrs. Als der lichteste der Götter stirbt, landet selbst er in Hels Reich – und wird dort mit allen Ehren empfangen, auf dem Hochsitz, mit Met bewirtet. Der Bote Hermod reitet nach Helheim und bittet um Baldrs Rückgabe. Hel stellt eine einzige Bedingung: Wenn alle Wesen der Welt um Baldr weinen, gibt sie ihn frei. Fast alle Wesen weinen – nur eine Riesin in einer Höhle, die sich Thökk („Dank“) nennt, verweigert die Tränen: „Thökk weint trockene Tränen um Baldrs Tod.“ Damit bleibt Baldr bei Hel. Man munkelt, es sei Loki in Gestalt der Riesin gewesen – sicher ist das nicht: Schon Snorri sagt nur, „die Leute glauben“, es sei Loki gewesen. Hel jedenfalls hält Wort und behält ihn. Hart? Ja. Aber gerecht: Sie hatte ihre Bedingung genannt, und sie steht dazu.
Helheim · Loki · Fenrir · Balders Tod · Walhall · Das Götter-Pantheon.
Völuspá, Baldrs draumar (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001); Hilda R. Ellis Davidson, The Road to Hel (1943).