Im Norden ist der Mond ein Mann. Máni, der Bruder der Sonne, lenkt Nacht für Nacht sein Gestirn über den Himmel, misst mit ihm die Zeit – und hat, wie seine Schwester, einen Wolf im Nacken. Ein Junge und ein Mädchen begleiten ihn: die ersten Gestalten, die je im Mond zu sehen waren.
Während die Sonne dem Norden weiblich ist, ist der Mond männlich – genau umgekehrt zur römischen Welt mit ihrer Luna und ihrem Sol. Diese Umkehr ist einer der schönsten Eigen-Züge des germanischen Himmels.
Wie bei der Sonne (altnordisch Sól, festländisch Sunna) gibt es auch für den Mond zwei Namen. Altnordisch heißt er Máni; auf dem Festland, bei den Süd- und Westgermanen, ist es Māno (althochdeutsch) bzw. Mōna (altenglisch). Alle stammen aus urgermanisch *mēnô – und dieselbe Wurzel steckt bis heute im deutschen „Mond", im englischen „moon" und im Montag / „Monday", dem Tag des Mondes. Mond und Monat sind Geschwister desselben Wortes: Der Mond war der älteste Kalender der Menschheit.
Máni ist Sohn des Mundilfari und Bruder der Sól. Ihr Vater fand seine Kinder so schön, dass er sie nach Sonne und Mond benannte – eine Anmaßung, für welche die Götter die beiden an den Himmel setzten, damit sie fortan die Gestirne lenken.
Wie Sól in ihrem Sonnenwagen zieht auch Máni in einem Wagen über das Firmament – nur eben bei Nacht. Er „lenkt den Gang des Mondes und bestimmt sein Wachsen und Schwinden", sagt Snorri. Auffällig: Während die Rosse der Sonne Namen tragen – Arvakr („der Frühe") und Alsvidr („der Schnelle") –, bleiben die Pferde des Mondwagens ungenannt. Der Mond fährt stiller, verborgener als seine strahlende Schwester.
Eine der zauberhaftesten Geschichten der Edda: Máni nahm einst zwei Kinder von der Erde zu sich, den Jungen Hjúki und das Mädchen Bil, als sie gerade vom Brunnen Byrgir Wasser holten – mit der Stange Simul auf den Schultern und dem Eimer Sæg zwischen sich. Seither folgen sie dem Mond und sind, so heißt es, von der Erde aus zu sehen. Hier haben wir den nordischen „Mann im Mond": die Schatten auf der Mondscheibe, gedeutet als zwei Kinder mit einem Wassereimer. Manche Forscher sehen darin ein uraltes Bild für das Zu- und Abnehmen des Mondes – und tatsächlich klingt das englische Kinderlied von „Jack and Jill", die den Hügel hinauf Wasser holen, wie ein ferner Nachhall dieser Geschichte.

Auch Máni flieht. Der Wolf Hati – von Snorri auch Mánagarmr, „Mondhund", genannt – jagt ihm ewig nach. Bei einer Mondfinsternis, glaubte man, war der Wolf ihm gefährlich nahe. Und am Ende, im Ragnarök, holt er ihn ein und verschlingt den Mond, während sein Bruder Sköll die Sonne frisst. Die ganze Geschichte dieser Jagd erzählen wir im Hauptartikel: Sköll & Hati – die ewige Jagd.
„Mundilfari heißt, der des Mondes Vater / und auch der Sonne ist; / am Himmel wandeln sie jeden Tag, / den Menschen die Zeit zu zählen.“— nach Vafþrúðnismál 23, Karl Simrock (gemeinfrei)
Sunna / Sól – die Sonne · Sköll & Hati – die ewige Jagd · Ragnarök · Die Merseburger Zaubersprüche · Das Götter-Pantheon.
Vafþrúðnismál, Grímnismál, Völuspá (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851); Snorri Sturluson, Gylfaginning, Skáldskaparmál. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Jacob Grimm, Deutsche Mythologie (Bil & Hjúki).