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Die Merseburger Zaubersprüche

Aufklärung Walkürenartige Frauen über dem Schlachtfeld – die Idisen des Ersten Merseburger Spruchs

Zwei kurze Strophen, eingekritzelt auf eine leere Seite eines Kirchenbuchs – und doch das kostbarste Zeugnis, das wir vom Glauben der heidnischen Germanen in deutscher Sprache besitzen. Die Merseburger Zaubersprüche sind ein Fenster in eine Welt, die die Kirche eigentlich längst ausgelöscht hatte.

Sie sind einzigartig: die einzigen überlieferten Texte in althochdeutscher Sprache, in denen die alten Götter noch mit Namen genannt werden und noch handeln – Wodan, Balder, Frija. Kein anderer deutscher Text der Zeit tut das.

Ein Fund, der die Gelehrten elektrisierte

1841 stieß der Historiker Georg Waitz in der Bibliothek des Merseburger Domkapitels auf eine unscheinbare theologische Sammelhandschrift, den Codex 136. Auf einer freien Seite (fol. 85r) fand er zwei Strophen in einer Sprache, die niemand hier vermutet hätte: Althochdeutsch, in Stabreim, voller heidnischer Götternamen. Waitz überließ den Fund Jacob Grimm, der ihn 1842 unter dem Titel „zwei Gedichte aus der Zeit des deutschen Heidentums" veröffentlichte. Die Sensation war perfekt.

Die Handschrift selbst entstand um das frühe 10. Jahrhundert, wahrscheinlich im Kloster Fulda – die Sprüche aber sind älter und wurden lange nur mündlich weitergegeben. Ein christlicher Mönch hat sie später aus dem Gedächtnis auf die leere Seite geschrieben. Wie so oft: Was man aufschreibt, ist meist schon im Verschwinden begriffen.

Die Merseburger Zaubersprüche in der Original-Handschrift (Codex 136, Domstiftsbibliothek Merseburg)
Die Merseburger Zaubersprüche in der Handschrift Codex 136 (fol. 85r), Domstiftsbibliothek Merseburg – nachträglich auf eine freie Seite eines lateinischen Kirchenbuchs eingetragen. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Wie ein germanischer Zauber funktioniert

Beide Sprüche folgen demselben, uralten Bauplan. Erst wird eine kleine Göttergeschichte erzählt – ein mythisches Vorbild, das die Forschung historiola nennt: „Damals gelang es den Göttern, also gelingt es auch jetzt." Darauf folgt die eigentliche Zauberformel, die dieses Vorbild auf den konkreten Fall überträgt. Erst die Erzählung, dann der Befehl. Genau dieses Muster findet sich in Zaubersprüchen von Indien bis Irland.

Der erste Spruch: Ketten sprengen

Der erste Spruch ist ein Lösezauber – gedacht, um einen Gefangenen aus seinen Fesseln zu befreien. Die historiola erzählt von den geheimnisvollen Idisen: übernatürliche Frauen, die sich auf das Schlachtfeld setzen. Manche binden die Feinde mit Fesseln, manche hemmen das anrückende Heer, manche lösen den eigenen Kriegern die Ketten.

Erster Merseburger Spruch – der Lösezauber

Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandun, inuar uigandun.


Einst saßen Idisen, setzten sich hierhin und dorthin.
Einige hefteten Fesseln, einige hemmten das Heer,
einige lösten (nestelten) an den Fesseln:
Entspring den Haftbanden, entflieh den Feinden!

Diese Idisen sind sonst nirgends greifbar – und doch vertraut. Das Wort idis (altsächsisch), itis (althochdeutsch), ides (angelsächsisch) meint eine „ehrwürdige Frau", verwandt mit den nordischen Dísir und den rheinischen Matronen. Rudolf Simek sieht in ihnen „offensichtlich eine Art Walküren" – und tatsächlich trägt eine nordische Walküre den Namen Herfjötur, „Heerfessel". Die Frauen, die Ketten binden und lösen, sind uralt.

Der zweite Spruch: Knochen fügen

Der zweite Spruch ist ein Heilzauber gegen die Verrenkung – wörtlich für ein Pferd, sinnbildlich für Mensch und Tier. Die Götter reiten in den Wald, ein Pferd verrenkt sich den Fuß, und eine ganze Reihe von Gottheiten versucht die Heilung – bis Wodan selbst, der mächtigste Zauberer, die richtige Formel spricht.

Zweiter Merseburger Spruch – der Heilzauber

Phol ende Uuodan uuorun zi holza.
du uuart demo balderes uolon sin uuoz birenkit.
thu biguol en Sinthgunt, Sunna era suister;
thu biguol en Friia, Uolla era suister;
thu biguol en Uuodan, so he uuola conda:
sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin.


Phol und Wodan ritten in den Wald (zu Holze).
Da ward dem Fohlen Balders sein Fuß verrenkt.
Da besang ihn Sinthgunt, und Sunna, ihre Schwester;
da besang ihn Frija, und Volla, ihre Schwester;
da besang ihn Wodan, so gut er es verstand:
Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliedverrenkung:
Bein zu Bein, Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt (gefügt) wären.

Ein halber Götterhimmel steht hier auf einmal beieinander: Wodan (der nordische Odin), Balder, dessen Fohlen sich verletzt, dazu die Göttinnen Sinthgunt (rätselhaft, vielleicht mit den Gestirnen verbunden), ihre Schwester Sunna (die Sonne), Frija (= Frigg, Herrin des Freitags) und deren Schwester Volla (die nordische Fulla). Phol ganz am Anfang ist bis heute umstritten – vermutlich ein Beiname Balders oder ein eigener Gott. Kern der Formel ist der Heilspruch „Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern" – das Verletzte soll wieder zusammenwachsen, als wäre es geleimt.

Eine Formel, älter als die Götter

Und jetzt wird es richtig groß. Genau diese „Bein-zu-Bein"-Formel taucht fast wörtlich schon Jahrtausende früher auf – im indischen Atharvaveda (Hymne IV, 12), wo Mark zu Mark, Fleisch zu Fleisch und Knochen zu Knochen gefügt werden. Ähnliche Heilsprüche kennt man aus dem Gälischen, Lettischen und Finnischen. Der Sprachforscher Adalbert Kuhn erkannte darin schon im 19. Jahrhundert ein gemeinsames indogermanisches Erbe: eine Zauberformel, die von einer Ursprache abstammt und über Jahrtausende und halb Eurasien weitergereicht wurde. Der Merseburger Spruch ist damit nicht nur älter als das Manuskript – er ist womöglich älter als die germanischen Götter, die ihn sprechen.

Heidnisch – getarnt im Kloster

Die vielleicht schönste Ironie: Diese zutiefst heidnischen Zeilen sind nur deshalb erhalten, weil ein christlicher Mönch sie aufschrieb – auf die leere Seite eines lateinischen liturgischen Buches, zwischen Gebeten und Segensformeln. Ob aus Neugier, Nostalgie oder um sie „im Griff" zu behalten, wissen wir nicht. Klar ist: Die Formeln waren im Alltag noch lebendig genug, um erinnert zu werden. Das Christentum verdrängte den alten Glauben nicht mit einem Schlag – es überlagerte ihn, und in den Ritzen dieser Überlagerung haben Bruchstücke überdauert. Die Merseburger Sprüche sind so ein Bruchstück – und ein unbezahlbares dazu.

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Beleg & Quellen. Handschrift: Codex 136 (fol. 85r), Domstiftsbibliothek Merseburg, entstanden ~frühes 10. Jh. (Kloster Fulda). Entdeckt 1841 von Georg Waitz, erstveröffentlicht 1842 von Jacob Grimm. Beide Sprüche in althochdeutschem Stabreim; Struktur historiola + Zauberformel. Indogermanische Parallele der Heilformel: Atharvaveda IV,12 (Adalbert Kuhn). Idisen als walkürenartige Wesen: Rudolf Simek (Vergleich mit dem Walkürennamen Herfjötur). Text- und Übersetzungsgrundlage gemeinfrei (Grimm/Simrock).
Mythos-Check. Was gesichert ist: Die Sprüche sind echt, alt und der einzige althochdeutsche Text mit handelnden heidnischen Göttern. Offen bleibt vieles: Wer Phol ist, was Sinthgunt bedeutet und ob Balder hier schon der strahlende Gott der Edda ist oder nur „Herr/Gebieter" meint, ist umstritten. Auch die Deutung der Idisen als „Walküren" ist plausibel, aber nicht beweisbar. Und der genaue Zweck – reale Kriegs- und Heilmagie oder literarisches Spiel eines Mönchs – lässt sich nicht mehr sicher entscheiden. Faszinierend echt, aber voller ehrlicher Fragezeichen.

Weiterlesen bei uns

Odin / Wodan · Frigg & der Freitag · Sunna – die Sonne · Walküren · Nerthus & die Matronen · Runen-Lexikon.

Quellen & Literatur

Merseburger Zaubersprüche, Codex 136 (Domstiftsbibliothek Merseburg); Erstausgabe Jacob Grimm (1842); althochdeutscher Text und gemeinfreie Übertragungen (Grimm/Simrock). Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie. Adalbert Kuhn zur indogermanischen Herkunft der Heilformel (Atharvaveda IV,12). Bild: Wikimedia Commons (gemeinfrei).

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