Schwarze Sonne, Kolovrat und Swastika – Mythos und Missbrauch
Aufklärung
Das Sonnenrad ist eines der ältesten Zeichen der Menschheit – rund um die Welt, seit der Steinzeit. Genau deshalb ist Vorsicht geboten: Zwei radförmige Symbole werden als „uralt und germanisch bzw. slawisch“ vermarktet und sind in Wahrheit beides nicht. Wir gehen dem auf den Grund – ehrlich und mit Belegen.
Vorweg, in eigener Sache. Uns liegt das echte Erbe unserer Vorfahren am Herzen – gerade deshalb trennen wir sauber. Das NS-Hakenkreuz und die rechtsextrem vereinnahmten Zeichen – die Schwarze Sonne als Erkennungssymbol der Szene, den heutigen Kolovrat als politische Marke – gravieren wir nicht. Das uralte Sonnenrad in seinem echten historischen Kontext dagegen – Radkreuze, Runen, die Sonnensymbole der Bronzezeit – gehört zur Menschheitsgeschichte und darf benannt und gezeigt werden. Es geht uns nicht um Verbote, sondern um die ehrliche Unterscheidung.
Die Schwarze Sonne – eine SS-Schöpfung
Die „Schwarze Sonne“ ist ihrem Ursprung nach kein germanisches Zeichen, sondern ein Bodenornament im Nordturm der Wewelsburg. Heinrich Himmler ließ die Burg ab 1935 zur SS-Kultstätte ausbauen; im sogenannten Obergruppenführersaal wurde ein dunkles, radförmiges Ornament mit zwölf Speichen in den Marmorboden eingelegt. Der Ausbau geschah unter Einsatz von KZ-Zwangsarbeit.
Beleg – die Geometrie. Die Figur besteht aus zwölf rechtwinklig geknickten Speichen und lässt sich als drei übereinandergelegte, gedrehte Hakenkreuze bzw. zwölf Sig-Runen lesen (3×4). Sie ist ein Einzelentwurf für Himmler ohne überliefertes antikes Vorbild. Wie das Ornament in der NS-Zeit hieß, ist nicht überliefert – die SS nannte es nachweislich nicht „Schwarze Sonne“.
Der Name ist ein Nachkriegsmythos. „Schwarze Sonne“ entstand erst nach 1945 im rechtsesoterischen Kreis um den früheren SS-Mann Wilhelm Landig, wurde ab 1971 in dessen „Thule“-Romanen literarisch verbreitet und erst 1991 in einem Roman ausdrücklich mit dem Wewelsburg-Boden verknüpft. Die „uralt-germanische“ oder „arische“ Deutung ist also frei erfunden – ein NS-Kunstprodukt plus moderne Esoterik.
Heute ist die Schwarze Sonne ein internationales Erkennungszeichen der rechtsextremen und rechtsesoterischen Szene – oft als Ersatz für das in Deutschland strafbare Hakenkreuz. Die Anti-Defamation League führt sie als Hasssymbol; der Attentäter von Christchurch (2019) trug sie sichtbar auf Manifest und Ausrüstung.
Rechtslage (Deutschland), vorsichtig eingeordnet. Die Schwarze Sonne ist – anders als das Hakenkreuz – nicht pauschal nach § 86a StGB verboten; ob ihre Verwendung strafbar ist, hängt vom Kontext ab (etwa als Kennzeichen einer verbotenen Organisation). Gesellschaftlich ist sie klar als rechtsextremes Zeichen geächtet. Das ist keine Rechtsberatung – im Zweifel gilt: Finger weg.
Die Swastika: ein uraltes Weltsymbol – vor dem Missbrauch
Um die Schwarze Sonne einzuordnen, muss man das gedrehte Kreuz selbst verstehen. Es ist eines der ältesten und am weitesten verbreiteten Zeichen der Menschheit – und wurde in vielen Kulturen unabhängig voneinander erfunden, lange bevor die Nazis es 1920 an sich rissen und für den Westen dauerhaft vergifteten.
Beleg – quer durch die Zeiten. Ein mäanderartiges Wirbelmuster ziert schon eiszeitliche Mammut-Elfenbeinfunde von Mezine (Ukraine, rund 12.000 Jahre alt – ob echte Swastika oder Mäander, ist umstritten). Es erscheint bei der neolithischen Vinča-Kultur, auf Indus-Siegeln aus Harappa und Mohenjo-Daro (um 2500 v. Chr.), in der griechischen Mäander- oder „Greek-Key“-Bordüre und auf römischen Mosaiken. Das Sanskrit-Wort svastika bedeutet sinngemäß „dem Wohlergehen förderlich“; in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus ist es bis heute ein Glückszeichen.
Das Mäander-Band („Greek Key“) der griechischen Antike – der ornamentale Verwandte des gedrehten Kreuzes: ein endloses, verschränktes Band als Sinnbild von Ewigkeit und Sonnenlauf. Ein uraltes, unpolitisches Motiv.
Auch im Norden und Baltikum. Im lettischen Volksgut heißt das gedrehte Kreuz ugunskrusts (Feuerkreuz) oder pērkonkrusts (Donnerkreuz) und steckt tief in der Tracht. Und auf echten germanischen Funden taucht es als „Fylfot“ auf – etwa auf dem dänischen Snoldelev-Stein (9. Jh.) neben den drei Trinkhörnern, oder auf angelsächsischen Brandurnen und Fibeln (oft mit dem Donnergott verbunden). Kurz: ein uraltes Sonnen- und Glückszeichen – aber eben nicht die zwölfstrahlige „Schwarze Sonne“, die es so in der Antike nie gab.
Der dänische Snoldelev-Stein (DR 248, 9. Jh.): Neben Runen und der Triskele aus drei Trinkhörnern trägt er ein Fylfot (Hakenkreuz) – ein echtes, unpolitisches Sonnen- und Glückszeichen der Wikingerzeit. Zeichnung: George Stephens (1813–1895), gemeinfrei (Wikimedia Commons).
Die Swastika und Thor
Besonders eng verband man die Swastika mit dem Donnergott Thor. Die Forscherin Hilda Ellis Davidson vermutete, das Zeichen habe seinen Hammer Mjöllnir und den Blitz versinnbildlicht; der Ausdruck Þórshamar („Thorshammer") wurde später sogar auf das Sonnenrad bzw. die Swastika übertragen. Vorsicht bei der Datierung: Runologen wie MacLeod & Mees betonen, dass diese Gleichsetzung „Thorshammer = Swastika" teils erst frühneuzeitlich fassbar ist – die grundsätzliche Nähe zum Donnergott ist aber alt und gut belegt (Fylfots auf Graburnen, Fibeln und Runensteinen, oft mit Thor verbunden).
Mårten Eskil Winge, „Thors Kampf mit den Riesen" (1872), Nationalmuseum Stockholm. Schau dir Thors Gürtel genau an – dort sind Swastiken eingearbeitet. 1872 war das ein Sonnen- und Glückszeichen; erst später vereinnahmten es Extremisten. Gemälde: gemeinfrei (Wikimedia Commons).Detail von Thors Kraftgürtel Megingjörd: deutlich zu erkennen die Swastika als Sonnen- und Donnergott-Zeichen.
Finnland: eine blaue Swastika ganz ohne Nazi-Bezug
Wie sehr das Zeichen älter und unschuldiger ist als seine dunkelste Verwendung, zeigt ein verblüffendes Beispiel: Die finnische Luftwaffe führte ab 1918 – zwei Jahre vor der NSDAP und fünfzehn Jahre vor 1933 – eine blaue Swastika als Hoheitszeichen.
Beleg. Das Zeichen war das persönliche Glückssymbol des schwedischen Grafen Eric von Rosen, der 1918 der finnischen Seite ein Flugzeug mit seiner blauen Swastika spendete. Es hatte damals keinerlei NS-Bedeutung. Erst 2017–2020 entfernte Finnland das Zeichen aus seinen Emblemen – aus diplomatischen Gründen gegenüber Verbündeten, nicht weil es in Finnland je für Nationalsozialismus gestanden hätte. Ein sauberer Beleg dafür, dass Swastika nicht gleich Hakenkreuz ist – der Kontext macht den Unterschied.
Zum Fylfot (Hakenkreuz) auf diesen Abbildungen. Das hier gezeigte Fylfot – auf dem Snoldelev-Stein (9. Jh.) und auf Thors Gürtel in Winges Gemälde von 1872 – ist ein historisches Sonnen- und Glückszeichen, kein NS-Symbol. Wir bilden es ausschließlich zu Zwecken der Wissenschaft, Forschung und Lehre ab und distanzieren uns ausdrücklich und in aller Klarheit von jeder rechtsextremen, verherrlichenden oder verharmlosenden Verwendung. Genau das erlaubt § 86a StGB über die sogenannte Sozialadäquanzklausel (§ 86 Abs. 4): Kunst, Wissenschaft, Forschung, Lehre und staatsbürgerliche Aufklärung sind zulässig, sofern der ablehnende, aufklärende Zweck – wie hier – eindeutig ist. Das NS-Hakenkreuz, die Schwarze Sonne und den heutigen politischen Kolovrat zeigen und gravieren wir nicht. Das ist keine Rechtsberatung.
Der Kolovrat – altes Motiv, junger Kult
Der Kolovrat (von kolo = Rad/Kreis + vrat = drehen; wörtlich etwa „das sich Drehende“, historisch auch schlicht das Spinnrad) ist ein radförmiges Zeichen mit meist acht gebogenen oder rechtwinkligen Armen. In der heutigen slawischen Naturreligion (Rodnovery) gilt er als Sonnensymbol für den ewigen Kreislauf des Lebens, für Licht, Kraft und den Schutz des Gottes Swarog. Entscheidend ist die saubere Trennung zwischen dem Motiv (alt) und seiner heutigen Deutung (jung).
Beleg – das Motiv ist wirklich alt. Das mehrarmige Sonnenrad ist eindeutig eine Variante des gedrehten Kreuzes mit mehr als vier Armen und taucht seit rund drei Jahrtausenden sporadisch in der europäischen Sachkultur auf. Die ältesten bekannten Darstellungen stammen aus dem antiken Griechenland, aus der geometrischen Keramik (900–700 v. Chr.) – etwa Terrakotten aus Theben und Amphoren mit achtarmigen, linksdrehenden Zeichen. Auch aus einst slawisch besiedelten Regionen gibt es Funde – für Tschechien z. B. zwei Keramikfunde aus Zabrušany und der Burgstätte Bílina, dazu Beispiele aus Polen, Russland und der Ukraine sowie Zeichen dieser Art an mittelalterlichen Kirchen in Russland. Da viel in Holz gearbeitet wurde und dieses selten überdauert, ist die Überlieferung dünner, als man erwarten würde.
Aber nicht „das“ slawische Hauptsymbol. In allen Epochen, aus denen wir solche Räder kennen, war das gewöhnliche vierarmige Hakenkreuz deutlich häufiger; die Verdopplung zum mehrarmigen „Kolovrat“ lässt sich als Verstärkung derselben Kraft lesen, blieb aber selten. Von einem zentralen altslawischen Zeichen – vergleichbar einem festen „germanischen Sonnenrad“ – kann man deshalb nicht sprechen: Es war eines von vielen Symbolen, immer zweckgebunden verwendet (für gutes Wetter, reiche Ernte, gesundes Vieh), und erinnerte an den ewigen Kreislauf von Leben und Tod. Zum Hauptsymbol wurde der Kolovrat erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, im Zuge der Rekonstruktion des slawischen Heidentums – ein modern imaginiertes Leitsymbol, nicht ein überliefertes.
Politische Vereinnahmung – warum wir ihn nicht gravieren. Parallel zur neuheidnischen Nutzung wird der Kolovrat stark von rechtsextremen und ultranationalistischen Gruppen in Osteuropa als Ersatz-Hakenkreuz benutzt – von der russischen Neonazi-Band „Kolovrat“ über die „Russische Nationale Einheit“ bis zu paramilitärischen Einheiten; der russische Neuheide Alexej „Dobroslav“ Dobrowolski betonte die Nähe zur NS-Swastika sogar ausdrücklich. Zugleich gilt: nicht jeder, der den Kolovrat trägt, ist Neonazi – viele unpolitische Rodnovery-Anhänger nutzen ihn als reines Sonnenzeichen. Weil sich die Milieus aber überschneiden und die extremistische Nutzung so verbreitet ist, ist das Symbol heute stark belastet – deshalb gravieren wir den modernen politischen Kolovrat nicht.
Wie echte Sonnensymbole aussehen
Sonnenräder gibt es wirklich – und sie sind uralt und unpolitisch. Der Sonnenwagen von Trundholm (Dänemark, um 1400 v. Chr., heute im Nationalmuseet Kopenhagen) zeigt eine vergoldete Sonnenscheibe auf einem Wagen: ein echtes Zeugnis bronzezeitlicher Sonnenverehrung. Auch das schlichte Radkreuz gehört zu den ältesten Symbolen Europas.
Ein echtes Sonnensymbol: der Sonnenwagen von Trundholm (Nordische Bronzezeit, um 1400 v. Chr.), Nationalmuseet Kopenhagen. Abbildung: gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Der Kern. Das Problem ist nicht das uralte Sonnenrad-Motiv an sich, sondern die moderne politische Aufladung bestimmter Formen. Und ganz klar: Weder die zwölfstrahlige Schwarze Sonne noch der Kolovrat stehen auf echten Wikinger- oder Germanenfunden. Wer sie als „nordisch“ verkauft, erzählt eine Legende.
Und die Runen? Sig und Othala
Ähnlich verhält es sich mit einzelnen Runen. Die Sig-/Sowilo-Rune (als SS-Doppelblitz), die Othala-/Odal-Rune und die Tyr-Rune wurden im 20. Jahrhundert vereinnahmt.
Wichtig und oft missverstanden. Diese Runen sind uralt und für sich genommen nicht verboten. Ihre Namen sind harmlos: Sowilo heißt „Sonne“, Othala „ererbter Besitz/Heimat“, Tyr ist ein Gott. Strafbar wird ihre Verwendung erst im Zusammenhang mit ihrer Vereinnahmung – als Kennzeichen des NS-Regimes oder einer heute verbotenen Organisation. Die NS-Deutung („Sig“ = „Sieg“) stammt zudem nicht aus der echten Überlieferung, sondern aus den frei erfundenen „Armanen-Runen“ Guido von Lists um 1900. Wer die Geschichte kennt, kennt den Unterschied – und kann eine echte Sonnenrune von einem politischen Missbrauch trennen.
Uns geht es genau um diese Klarheit. Wir arbeiten mit echter nordischer und germanischer Bildwelt – Runen, Radkreuze, Sonnenwagen, historisch belegte Motive –, weil sie zur Geschichte unserer Vorfahren gehört. Und wir sagen ehrlich dazu, was alt ist, was neuzeitlich erfunden wurde und was politisch belastet ist. Mehr davon in unserem Beitrag über echte und erfundene Wikingersymbole.
Quellen & Belege
Kreismuseum Wewelsburg – Geschichte des Nordturm-Ornaments; Begriffsgeschichte „Schwarze Sonne“ (Nachkriegsprägung Landig-Kreis, literarisch ab 1971, Wewelsburg-Bezug ab 1991); N. Goodrick-Clarke, Black Sun (2002).
Anti-Defamation League (ADL), Hate Symbols Database, „Sonnenrad/Black Sun“; Bundesamt für Verfassungsschutz, Broschüre zu rechtsextremen Symbolen (2022).
US Holocaust Memorial Museum, „History of the Swastika“; Britannica – Swastika als uraltes, weltweites Glückssymbol; Mezine (Ukraine), Vinča-Zeichen, Indus-Siegel (Harappa/Mohenjo-Daro).
Finnische Luftwaffe (Ilmavoimat) – blaue Swastika ab 1918, Herkunft Eric von Rosen, Entfernung 2017–2020 (Wikipedia „Finnish Air Force“, „Eric von Rosen“).
Kolovrat – Motiv & Fundlage: Z. Váňa, Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker (1992) & Die Welt der alten Slawen (1996); A. Buko, The Archaeology of Early Medieval Poland (2008); P. J. Šafařík, Slawische Alterthümer (1843/44); D. Kushnir, Slavic Light Symbols (2014); M. Handwerg, Die slawischen Götter in Pommern und Rügen (2010); P. Grimal (Hrsg.), Mythen der Völker (1967). Griechische geometrische Keramik (900–700 v. Chr.); Keramikfunde Zabrušany & Bílina. Moderne Deutung & politische Nutzung: Rodnovery-Forschung (u. a. K. Aitamurto); Reporting Radicalism; Projekt Forlǫg (Vlasatý).
Nationalmuseet Kopenhagen – Sonnenwagen von Trundholm. § 86a und § 86 Abs. 4 StGB (gesetze-im-internet.de); BGH 15.03.2007 (3 StR 486/06).
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Aufklärung und Abgrenzung. Er ist keine Rechtsberatung; die Strafbarkeit einzelner Darstellungen hängt vom Kontext ab.