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Die Runen – eine ehrliche Einführung

Runen Runen – das erste Alphabet des Nordens

Bevor die Runen zu Orakel-Steinchen im Beutel wurden, waren sie schlicht das erste Alphabet des Nordens – für Namen, Handel, Gedenken und, ja, auch für den einen oder anderen frechen Spruch auf einem Holzstäbchen. Wir trennen, was wirklich alt ist, von dem, was erst die Neuzeit erfunden hat.

Woher die Runen kommen

Das Ältere Futhark mit seinen 24 Zeichen ist das älteste germanische Schriftsystem, in Gebrauch etwa von 150 bis 800 n. Chr. Abgeleitet wurde es aus einer norditalisch-alpinen Alphabetschrift (welche genau – etruskisch, rätisch oder lateinisch –, ist wissenschaftlich umstritten). Der Name „Futhark“ kommt schlicht von den Lautwerten der ersten sechs Zeichen: f-u-þ-a-r-k, so wie „Alphabet“ aus Alpha und Beta.

Beleg – die ältesten Funde. Als eine der ältesten sicher datierbaren Runeninschriften gilt der Vimose-Kamm aus Dänemark (um 160 n. Chr.) mit dem Wort „harja“ – wohl ein Personenname. Die noch ältere Meldorf-Fibel (um 50 n. Chr.) ist ehrlicherweise umstritten – man weiß nicht sicher, ob es Runen oder lateinische Buchstaben sind. Das älteste vollständige Futhark in Reihenfolge trägt der Kylver-Stein von Gotland (um 400).
Das vollständige Ältere Futhark auf dem Kylver-Stein
Das älteste bekannte vollständige Ältere Futhark – die Runenreihe auf dem Kylver-Stein (Gotland, um 400). Abbildung: gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Drei Reihen – und ein Paradox

Runen sind nicht gleich Runen. Es gab drei große Reihen: das Ältere Futhark (24 Zeichen), das angelsächsische Futhorc (auf 29 bis 33 Zeichen erweitert, weil das Altenglische neue Laute entwickelte) und das Jüngere Futhark der Wikingerzeit mit nur noch 16 Zeichen.

Das Paradox. Ausgerechnet die Wikinger nutzten die wenigsten Zeichen – 16 Runen für über 20 Laute. Der Grund: Beim Sprachwandel vom Urnordischen zum Altnordischen entstanden neue Laute, doch die Schrift wurde vereinfacht statt erweitert. Eine Rune stand nun für mehrere Laute (etwa „ᛒ“ für B und P); den Rest musste der Leser aus dem Zusammenhang ergänzen.

Zuerst Schrift, dann Zauber

Das größte Missverständnis über Runen ist, sie seien in erster Linie magisch gewesen. Der wichtigste Fund des 20. Jahrhunderts sagt etwas anderes.

Beleg – die Bryggen-Inschriften. In Bergen (Norwegen) kamen über 670 mittelalterliche Runentexte ans Licht, meist auf Holzstäbchen und Knochen. Ihr Inhalt ist herrlich alltäglich: Besitzvermerke („X besitzt mich“), Geschäftsnotizen, Gebete, Namen, Liebesbotschaften – und der eine oder andere derbe Spruch. Kurz: Junge Männer haben sich seit dem Mittelalter nicht wesentlich geändert. Runen waren zuerst ein Schriftmedium für den Alltag.

Und die Magie?

Ehrlich bleibt: Eine magisch-religiöse Seite gab es durchaus.

Alt und belegt. Im Hávamál („Rúnatal“) opfert sich Odin neun Nächte am windigen Baum, vom Speer verwundet, und „nimmt die Runen auf“. Die Walküre in den Sigrdrífumál lehrt Runenarten (etwa „Geburtsrunen“). Und auf goldenen Brakteaten der Völkerwanderungszeit stehen Kurzformeln wie „alu“ oder „laukaz“ – ihre genaue Bedeutung ist bis heute unsicher.
Modern erfunden. Die populäre Idee, jede Rune sei ein festes Wahrsage-Symbol mit klarer „Bedeutung“, die man aus dem Beutel zieht, ist dagegen neuzeitlich. Das heutige Runen-Orakel geht vor allem auf Ralph Blums „Book of Runes“ (1982) zurück – eine moderne Schöpfung, die sich sogar stark am chinesischen I Ging orientierte, nicht an germanischen Quellen. Schön ist das Runenlegen trotzdem; nur uralt ist es eben nicht.

Runensteine – Botschaften in Stein

Die berühmten Runensteine sind vor allem ein Phänomen der Wikingerzeit in Schweden, mit einer Häufung in Uppland – meist Gedenksteine für Verstorbene. Der Rök-Stein in Östergötland trägt mit rund 760 Zeichen die längste bekannte Runeninschrift und gilt als ältestes Stück schwedischer Literatur. Manche Steine sind sogar signiert: Der Runenmeister Öpir („der Schreier“) ritzte im 11./12. Jahrhundert rund fünfzig Steine im eleganten Urnes-Stil. Geritzt wurde in Stein, Holz, Knochen und Metall.

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Ein Wort zum Missbrauch

Kurz und klar. Einige wenige Runen wurden im 20. Jahrhundert missbraucht – die Sig-/Sowilo-Rune (als SS-Doppelblitz), die Odal-Rune und die Tyr-Rune. Historisch sind ihre Namen harmlos: Sowilo heißt „Sonne“, Odal „ererbter Besitz“, Tyr ist ein Gott. Die Runen selbst sind über 1.800 Jahre alt und unpolitisch – wer ihre Geschichte kennt, kennt auch den Unterschied.

Du möchtest die Zeichen selbst kennenlernen? In unserem Runen-Lexikon findest du alle 24 Runen mit Bedeutung, und mit dem Runen-Namensgeber schreibst du deinen eigenen Namen in echten Runen.

Die drei Runenreihen im Überblick

„Die" Runen gibt es nicht. Über die Jahrhunderte entstanden mehrere Runenreihen, die man nicht durcheinanderwerfen sollte, wenn eine Gravur stimmig sein soll. Drei sind für uns die wichtigsten.

Das Ältere Futhark ist die Urform: 24 Zeichen, in Gebrauch etwa von 150 bis 800 n. Chr. Es ist die Runenreihe der frühen Germanen, lange vor der eigentlichen Wikingerzeit. Ihr Name kommt schlicht von den ersten sechs Zeichen: f, u, þ, a, r, k. Wer Runen wegen ihres archaischen Vollklangs mag, greift oft hierzu.

Das Jüngere Futhark ist die eigentliche Wikinger-Runenreihe. Zwischen etwa 800 und 1100 schrumpfte das Alphabet auf nur noch 16 Zeichen zusammen, obwohl die Sprache mehr Laute besaß, nicht weniger. Ein Zeichen musste also mehrere Laute abdecken. Auf der großen Mehrheit der erhaltenen Runensteine in Skandinavien steht genau diese Reihe.

Das Angelsächsische Futhorc ging den umgekehrten Weg: In England und im friesischen Raum wuchs die Reihe auf bis zu 33 Zeichen an, um zusätzliche Laute des Altenglischen abzubilden. Auch der Name verschob sich lautlich zu „Futhorc". Berühmte Zeugnisse sind das Franks Casket und das Ruthwell-Kreuz.

Wurden Runen für Magie benutzt?

Die ehrliche Antwort lautet: zuerst und vor allem waren Runen eine ganz normale Schrift. Der weitaus größte Teil aller erhaltenen Inschriften ist erstaunlich unspektakulär: Gedenksteine für Verstorbene, Besitzmarken („X besitzt diesen Kamm"), Handelsnotizen, Namen von Runenritzern, gelegentlich auch derber Alltagshumor. Wer im Museum vor einem Runenstein steht, liest meist einen Nachruf, keinen Zauberspruch.

Zugleich gibt es echte Hinweise auf rituelle und beschwörende Verwendung. Auf Amuletten und Brakteaten tauchen Formelwörter wie alu und laukaʀ auf, deren Sinn wohl segnend oder schützend gemeint war. Die Sigrdrífumál der Lieder-Edda widmen den „Siegrunen", „Bierrunen" und „Bergerunen" ganze Strophen. Und in der Egils saga zerkratzt Egill falsch geritzte Runen an einem Trinkhorn, das Gift anzeigen soll, und ritzt sie richtig neu. Runen als machtvolle Zeichen sind also keine reine Erfindung.

Mythos-Check: Das populäre Bild vom durchgängig magischen „Runenorakel", bei dem jede Rune eine feste esoterische Bedeutung und Ziehung hat, ist in dieser Form jung. Systematische Runen-Wahrsagesets und feste Deutungstabellen stammen wesentlich aus der romantischen und esoterischen Wiederbelebung des 19. und 20. Jahrhunderts, nicht aus der Wikingerzeit. Die Wikinger kannten Losorakel, doch dass sie unsere heutigen Deutungskärtchen benutzten, lässt sich nicht belegen. Das macht Runen nicht weniger faszinierend, nur ehrlicher.

Wie schreibe ich meinen Namen in Runen?

Der häufigste Anfängerfehler: Buchstabe für Buchstabe aus dem lateinischen Alphabet ersetzen. Runen bilden aber Laute ab, nicht unsere Schreibweise. „Christian" wird also nicht mit einem stummen „h" gebaut, sondern nach dem Klang übertragen. Ein „c" wird je nach Aussprache zu k oder s, ein „v" oft zu f. Wer es historisch stimmig will, wählt außerdem bewusst die Reihe: das Jüngere Futhark für einen Wikinger-Bezug, das Ältere Futhark für den archaischen Vollklang mit mehr Zeichen.

Wenn Sie Ihren Namen ausprobieren möchten, hilft unser Runenorakel beim Kennenlernen der Zeichen. Für ein fertiges Schmuckstück oder eine Platte übernehmen wir die lautliche Übertragung und gravieren sie sauber per Laser: über Individuelle Gravur oder Sie stellen Ihren Entwurf selbst im Gravur-Konfigurator zusammen. So landen am Ende die richtigen Runen auf dem Material, nicht die naheliegenden falschen.

Häufige Fragen

Welche Runenreihe benutzten die Wikinger?

Das Jüngere Futhark mit 16 Zeichen, in Gebrauch etwa von 800 bis 1100. Es steht auf der großen Mehrheit der skandinavischen Runensteine. Das Ältere Futhark mit 24 Zeichen ist deutlich älter (rund 150–800) und gehört zu den frühen Germanen, das Angelsächsische Futhorc nach England und Friesland.

Kann man moderne Wörter in Runen schreiben?

Ja, sinnvollerweise lautlich übertragen und nicht Buchstabe für Buchstabe. Man richtet sich nach dem Klang des Wortes und wählt eine Runenreihe. Das ist genau die Übertragung, die wir für eine Gravur vornehmen, damit das Ergebnis stimmig und lesbar wird.

Sind Runen ein Orakel?

In erster Linie waren sie Schrift. Es gibt Hinweise auf rituelle Verwendung und Formelwörter, aber das feste Runen-Wahrsageset mit Deutungstabelle ist überwiegend eine neuzeitliche Idee des 19. und 20. Jahrhunderts. Man darf Runen gern als besinnlichen Denkanstoß nutzen, sollte sie aber nicht mit einer belegten Wikinger-Praxis verwechseln.

Quellen & Studien

  • Vimose-Kamm („harja“, um 160) und Kylver-Stein (um 400) – älteste sichere Inschrift bzw. ältestes vollständiges Futhark.
  • Zur Reduktion auf 16 Zeichen: Younger Futhark / Lautwandel Urnordisch–Altnordisch (u. a. Hurstwic, „Runes and Sounds in the Viking Age“).
  • Bryggen-Inschriften, Bergen – über 670 mittelalterliche Alltagstexte auf Holz und Knochen.
  • Hávamál (Rúnatal) und Sigrdrífumál – die magisch-religiöse Dimension; Brakteaten-Formeln „alu/laukaz“.
  • Ralph Blum, „The Book of Runes“ (1982) – Ursprung des modernen Runen-Orakels.
  • Rök-Stein (Östergötland) – längste Runeninschrift; Runenmeister Öpir (Uppland). Jelling-Steine – Nationalmuseet Dänemark.

Grundsatz: Runen waren zuerst Schrift. Wo Fund und Text eine magische Nutzung zeigen, sagen wir das; wo das Orakel neuzeitlich ist, sagen wir das auch.

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