Der Snoldelev-Stein (DR 248) ist ein früher dänischer Runenstein aus Seeland, der heute im Nationalmuseum in Kopenhagen steht. Seine Inschrift lautet sinngemäß „Gunnvalds Stein, des Sohnes Hróalds, des þulr auf Salhaugar“. Dazu kommen drei Zeichen: ein Radkreuz, ein Hakenkreuz als altes Sonnenzeichen und eine Triskele aus drei verschlungenen Trinkhörnern. Wir zeigen dir, was auf dem Stein wirklich steht, was ein þulr gewesen sein könnte, warum die Runen so altertümlich aussehen und wo Salhaugar lag.
Stell dir einen grauen Granitblock vor, kaum größer als ein Kind, auf einer Hügelkuppe in Ostseeland. Kein Drachenband, keine Kreuzigung, kein König. Nur eine Zeile Runen, die quer über ein uraltes Kreisrad läuft, daneben ein Hakenkreuz und drei Trinkhörner, die sich ineinander verhaken wie die Finger zweier Männer beim Schwur. Dazu ein Name, ein Ort – und ein seltener Titel.
Der Snoldelev-Stein ist klein, aber er ist ein Schwergewicht. Er gehört zu den ältesten Runensteinen Dänemarks, er bewahrt die älteste sicher zuweisbare Schreibung eines heute noch existierenden dänischen Ortsnamens, und er nennt ein Amt, das wir sonst fast nur aus der Edda kennen: den þulr.
Bevor wir in die Deutungen gehen, die Fakten. Der Stein trägt in der wissenschaftlichen Zählung die Signatur DR 248 – „DR“ steht für Danmarks Runeindskrifter, das große Korpuswerk von Lis Jacobsen und Erik Moltke (1941–42), auf dem bis heute die Nummerierung der dänischen Runeninschriften beruht. Er ist rund 1,25 Meter hoch, aus Granit, und wurde in den 1770er-Jahren von Bauern auf steinigem Gelände zwischen den Dörfern Snoldelev und Salløv südlich von Roskilde gefunden. Die Angaben zum genauen Fundjahr schwanken in der Literatur zwischen 1770 und 1780; ein bestimmtes Jahr lässt sich nicht mit Sicherheit nennen.
Schon früh erregte der Stein gelehrtes Interesse. 1812 erschien in den Antiqvariske Annaler eine ausführliche Abhandlung über „den Snoldelevschen Runenstein“. Heute steht das Original im Nationalmuseet in Kopenhagen. Eine Kopie wurde im Freilichtzentrum Sagnlandet Lejre aufgestellt und dort zur Sommersonnenwende enthüllt, gestiftet von einem Förderverein des Zentrums.
Spannend ist auch die Umgebung. Bei Ausgrabungen in den 1980er-Jahren stießen Archäologen nahe dem Fundplatz auf ein Gräberfeld der Wikingerzeit, darunter ein reich ausgestattetes Frauengrab aus dem frühen Abschnitt der Epoche. Der Stein stand also sehr wahrscheinlich nicht irgendwo im Feld, sondern auf einem Bestattungsplatz – dort, wo Erinnerung ihren Ort hatte.
Die Runen werden in der Forschung so umschrieben (Transliteration nach der skandinavischen Runentextdatenbank Rundata; Großbuchstaben markieren Sonderformen, die runde Klammer eine nur ergänzte Rune):
kunuAlts stAin sunaR ruHalts þulaR o salhauku(m)Transliteration nach Rundata, DR 248
In altdänischer Normalform heißt das ungefähr Gunnwalds stæin, sunaR Hroalds, þulaR a Salhøgum. Wörtlich: „Gunnvalds Stein, des Sohnes Hróalds, des þulr auf (den) Salhügeln.“ Drei Personenangaben, ein Ort, ein Titel – mehr nicht.
Gerade diese Kürze hat eine pikante Folge. Grammatisch lässt sich nicht eindeutig entscheiden, wer der þulr war. Die Wortformen lassen beide Bezüge zu. Man kann also lesen „Gunnvalds Stein, des Sohnes Hróalds, des þulr“ (Hróaldr war der þulr) oder „Gunnvalds Stein – (Gunnvaldr,) Sohn Hróalds, þulr auf Salhaugar“ (Gunnvaldr selbst war es). Die meisten Übersetzungen beziehen den Titel auf Gunnvaldr, weil der Stein ja ihm gewidmet ist. Dänische Fachleute wie die Runologin Lisbeth Imer betonen aber ausdrücklich, dass die Inschrift das offenlässt. Wer dir also erzählt, Gunnvaldr sei „der Priester von Salløv“ gewesen, sagt mehr, als der Stein hergibt.
Ein zweites Detail: Die letzte Rune ist abgeplatzt. Erhalten ist salhauku, ergänzt wird ein m zur Dativ-Mehrzahl Salhøgum, „auf den Salhügeln“ – grammatisch stimmig, aber eine Ergänzung.
Wer die Runen der berühmten Jellingsteine kennt, stutzt vor Snoldelev. Manches sieht vertraut aus, manches fremd. Das liegt daran, dass der Stein in eine Übergangszeit gehört: Das Ältere Futhark mit seinen 24 Zeichen war im 7. und 8. Jahrhundert dabei, sich zum Jüngeren Futhark mit nur 16 Zeichen umzubauen. Snoldelev zeigt bereits das jüngere System, behält aber einzelne ältere Formen.
Am auffälligsten ist die Rune für a. Sie hat auf dem Stein die Gestalt eines senkrechten Stabs mit gekreuzten Zweigen (ᚼ) – genau die Form, die im späteren „Langzweig“-Futhark für das h steht. In der Transliteration wird sie deshalb mit großem A wiedergegeben. Dieselbe a-Form kennt man vom Björketorp-Stein in Blekinge, einer Inschrift aus der Übergangszeit.
Weitere Eigenheiten verraten, wie sparsam das neue System war:
Die kleine Präposition á schließlich wird mit der o-Rune geschrieben. Nach gängiger Erklärung gab diese Rune damals noch einen nasalierten a-Laut wieder – ein weiterer Hinweis auf das hohe Alter der Inschrift.
Hier lohnt ein genauer Blick, denn in Büchern und im Netz kursieren unterschiedliche Daten. Ältere Übersichten und viele englischsprachige Darstellungen setzen den Stein ins 9. Jahrhundert, also in die frühe Wikingerzeit. Neuere dänische Darstellungen gehen etwas weiter zurück: Das Namensforschungszentrum der Universität Kopenhagen datiert ihn auf etwa 700–800, die Runologin Lisbeth Imer spricht vom 8. Jahrhundert, also vom Ende der Eisenzeit.
Der Grund für die Frühdatierung: Die Runenformen stimmen mit denen eines berühmten Fundes aus Ribe überein, einem beschrifteten Schädelfragment, das wohl als Amulett diente und archäologisch in die Zeit um 725–750 gehört. Ehrlich formuliert heißt das: Der Snoldelev-Stein entstand im 8. oder frühen 9. Jahrhundert, mit derzeitiger Tendenz zum 8. Jahrhundert. Damit ist er deutlich älter als die Steine von Glavendrup und Tryggevælde oder die Jellingsteine aus dem 10. Jahrhundert und gehört in dieselbe frühe Liga wie der Rök-Stein in Schweden.
Was den Stein unter Dänemarks frühen Runensteinen so besonders macht, sind seine Bilder. Und hier wird es richtig interessant, denn sie stammen womöglich nicht alle aus derselben Zeit.
Das Radkreuz. Unter der Runenzeile liegt ein Kreis mit eingeschriebenem Kreuz, ein sogenanntes Radkreuz. Die Runen laufen teilweise darüber hinweg. Daraus schließen die Fachleute: Das Rad war zuerst da, der Runenritzer hat einen bereits bearbeiteten Stein wiederverwendet. Lisbeth Imer deutet das Radkreuz als religiöses Zeichen der Bronzezeit – ein Motiv, das man aus der Zeit kennt, in der man im Norden auch den Sonnenwagen von Trundholm schuf und Sonnenscheiben in Felsen ritzte.
Das Hakenkreuz. Daneben steht ein Hakenkreuz, im Dänischen hagekors, in der Forschung neutral Swastika genannt. Für die Menschen der Eisen- und Wikingerzeit hatte es eine ganz andere Bedeutung als für uns heute: Es war ein altes, weit verbreitetes Heils- und Sonnenzeichen, ein drehendes Rad, das man auf Goldbrakteaten, Waffen, Fibeln und Gefäßen findet – von Indien bis Skandinavien. Auf dem Snoldelev-Stein steht es in dieser vorchristlichen Tradition, zwischen Sonnenrad und Trinkhörnern.
Die Hörner-Triskele. Das dritte Zeichen ist das berühmteste: drei Trinkhörner, deren Spitzen sich so ineinander verschränken, dass eine dreiarmige, drehende Figur entsteht – eine Triskele. Ob es sich um Trinkhörner handelt, ist nicht völlig sicher, aber die Form mit weiter Mündung und gebogener Spitze spricht sehr dafür. Das Motiv steht in einer Familie mit anderen Dreiheitszeichen der Wikingerzeit, etwa der Triquetra und dem Valknut. Ein ähnliches Hörnermotiv wird von einem gotländischen Bildstein aus Lillbjärs genannt, auf dem auch ein Valknut erscheint; ob beides bedeutungsmäßig zusammenhängt, ist offen.
Trinkhörner waren im Norden kein bloßes Geschirr. Sie gehörten zum Herzstück der Hallenkultur: zum gemeinsamen Gelage, zum Gelöbnis über dem vollen Horn, zum Gedächtnistrunk für Verstorbene. Die Sagas erzählen von Eiden und Trinksprüchen beim sumbl, dem feierlichen Trinkritual, und die Goldhörner von Gallehus aus dem frühen 5. Jahrhundert zeigen, mit welchem Aufwand man solche Gefäße schmücken konnte. Lisbeth Imer erinnert daran, dass das Darreichen eines Trunks zum moralischen Kodex der Eisen- und Wikingerzeit gehörte – Gastfreundschaft als Pflicht, nicht als Kür – und das Getränk darin war oft Met.
Wofür genau die drei Hörner auf dem Stein stehen, wissen wir nicht. Zwei Vorschläge stehen im Vordergrund, daneben die schlichte Deutung als allgemeines Heilszeichen wie die Swastika:
Zum einen das Hallen- und Festmotiv: Die Hörner stehen für das Trinkritual selbst, für Gemeinschaft, Gastrecht und Eid – passend zu einem Ort, der „Salhügel“ heißt, also nach Hallen benannt ist.
Zum anderen der Dichtermet: Nach Snorri Sturluson (Skáldskaparmál, 13. Jahrhundert) wurde der Met der Dichtkunst, gebraut aus dem Blut des weisen Kvasir, in drei Gefäßen aufbewahrt – dem Kessel Óðrerir und den Bottichen Boðn und Són. Odin gewann ihn durch List bei Gunnlöd zurück. Drei Hörner, drei Gefäße, und daneben ein Mann mit einem Titel, der mit dem Vortrag von Wissen zu tun hat: Die Verbindung ist reizvoll. Sie ist aber eine moderne Deutung, die einen Text aus dem 13. Jahrhundert auf ein Bild des 8. Jahrhunderts überträgt.
Jetzt zum eigentlichen Rätsel. Das Wort þulr (gesprochen etwa „thulr“, auf dem Stein noch altertümlich þulaR) ist im Altnordischen gut bekannt – aber fast nur aus der Dichtung. Es gehört zum Verb þylja, „murmeln, (feierlich) aufsagen, rezitieren“, und zum Substantiv þula, eine Merkvers-Liste. Solche þulur kennen wir aus den Handschriften der Snorra-Edda: lange, gereimte Aufzählungen von Namen für Götter, Riesen, Schwerter, Schiffe, Pferde – Lernstoff für Dichter, gebaut wie ein mündliches Lexikon. Auch das Eddalied Rígsþula trägt das Wort im Titel.
Ein þulr ist also, vom Wort her, jemand, der etwas aufsagt. Was genau er aufsagte und in welchem Rahmen, ist die große Frage. Die Altnordisch-Wörterbücher übersetzen meist mit „Redner, Weiser, Sprecher“, die Datenbank Rundata wählt für Snoldelev das englische reciter. Das dänische Lexikon lex.dk vermutet, das Amt könne weltliche und religiöse Aufgaben verbunden haben.
Die eddischen Belege sind wenige, aber sie haben es in sich. In den Hávamál, der großen Spruchsammlung, die Odin in den Mund gelegt wird, heißt es in Strophe 111:
It is time to chant from the chanter's stool; By the wells of Urth I was, I saw and was silent, I saw and thought, And heard the speech of Hor.Hávamál 111, Übersetzung Henry Adams Bellows 1923
Im Original steht Mál er at þylja þular stóli á – „Zeit ist es zu rezitieren auf dem Stuhl des þulr“. Der þulr hat hier einen festen Platz, einen Sitz, von dem aus er spricht, und dieser Sitz steht in der Nähe des Urdbrunnens, an dem das Schicksal gesponnen wird. Ob das eine reale Institution spiegelt, bleibt offen – aber ein „Redner-Stuhl“ verrät Rang.
Gleich zweimal nennen die Hávamál einen fimbulþulr, einen „gewaltigen þulr“, der die Runen „färbte“, während die Götter sie schufen (Strophen 80 und 142 der altnordischen Zählung). Meist wird dieser große Redner mit Odin gleichgesetzt, dem Gott, der die Runen errang und das Wissen sammelt. Und Strophe 134 mahnt: at hárum þul hlæ þú aldregi – über den grauhaarigen þulr sollst du nie lachen, denn aus welker Haut kommt oft kluger Rat.
Auch die Riesen kennen das Wort. In der Vafþrúðnismál, dem tödlichen Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir, fällt in Strophe 9 die Wendung inn gamli þulr, „der alte þulr“ – gemeint ist der Riese, der Herr des Wissens in seiner Halle. Und in den Fáfnismál (Strophe 34) raten die Vögel Sigurd, er solle inn hára þul, den grauhaarigen þulr, zur Hel schicken: gemeint ist der Schmied Reginn, Sigurds listiger Ziehvater. Der þulr ist alt, klug, wortmächtig – und nicht immer harmlos.
Das Wort ist nicht nur nordisch. Im Altenglischen gibt es die Entsprechung þyle, und sie taucht an prominenter Stelle auf: Im Beowulf trägt Unferð, der am Hof des Dänenkönigs Hrothgar zu dessen Füßen sitzt, diesen Titel. Ausgerechnet er stellt den jungen Beowulf mit einer spöttischen Rede über ein verlorenes Wettschwimmen zur Rede – Amtspflicht oder Neid? Darüber streitet die Forschung seit Langem, etwa seit Norman E. Eliason (1963).
In altenglischen Glossen erscheint þyle außerdem als Übersetzung lateinischer Wörter für Redner und Bühnenleute. Für Snoldelev ist das wichtig, weil der Beowulf ausgerechnet am Hof dänischer Könige in Seeland spielt – in der Dichtung bei Heorot, das viele Forschende mit Lejre verbinden, keine 20 Kilometer vom Fundort entfernt. Mehr als ein schönes Echo sollte man daraus aber nicht machen: Der Beowulf ist ein englisches Gedicht, dessen Datierung selbst umstritten ist.
Was also war Gunnvaldr – oder sein Vater Hróaldr? Die Forschung bietet mehrere Antworten an, die sich nicht gegenseitig ausschließen:
Kultredner oder Priester. Weil der þulr in der Edda neben Runen, Schicksalsbrunnen und Odin auftaucht, sehen manche in ihm einen kultischen Funktionsträger, der bei Opferfesten Formeln, Gebete oder Mythen vortrug. In der religionsgeschichtlichen Literatur ist die Übersetzung „Kultredner“ deshalb verbreitet. Der Religionshistoriker Olof Sundqvist hat das Wort im Zusammenhang mit Odins Runenerwerb in den Hávamál behandelt und den þulr als Träger heiligen Wissens diskutiert. Mehr zum Thema findest du in unserem Beitrag über germanische Priester und Seherinnen.
Dichter und Wissensbewahrer. Andere betonen die Nähe zu den þulur und zum Rezitieren überhaupt: Der þulr wäre dann eine Art Hofdichter oder Gelehrter, der Genealogien, Merkverse und Geschichten im Kopf trug. Lisbeth Imer formuliert es so, dass ein þul wohl dafür zuständig war, die Gesetze, Regeln, Mythen und Sagen der Gesellschaft im Gedächtnis zu behalten und bei Bedarf vorzutragen. In einer Welt fast ohne Schrift war das keine Nebensache.
Rechtsredner. Daraus ergibt sich eine dritte Lesart: Der þulr als Vorläufer des späteren Gesetzessprechers, der auf dem Thing das Recht aus dem Gedächtnis vortrug. Diese Deutung ist allerdings am wenigsten direkt belegt – sie folgt aus der Logik einer mündlichen Gesellschaft, nicht aus einer Quelle, die den þulr auf dem Thing zeigt.
Was alle Thesen verbindet: Ein þulr war jemand, dessen Macht im Wort lag. Ob dieses Wort sakral, juristisch, poetisch oder alles zugleich war, lässt der Stein offen – und wahrscheinlich hätten die Leute von Salhaugar die Frage gar nicht verstanden.
Es lohnt sich, Snoldelev neben andere dänische Steine zu stellen, die Ämter nennen. Auf Fünen erscheint im 9. und 10. Jahrhundert gleich mehrfach der Titel goði: Der Stein von Helnæs nennt einen Hróulfr als goði der „Nærer“, und auf dem großen Stein von Glavendrup lässt Ragnhildr ihren Mann Alli als goði der Sǫlvar und Gefolgsmann ehren. Der goði war, nach späteren isländischen Verhältnissen zu urteilen, ein Häuptling mit kultischen und rechtlichen Aufgaben.
Der þulr von Snoldelev ist älter als diese goði-Steine, und sein Titel ist unter den dänischen Runeninschriften eine große Ausnahme. Er zeigt, dass es im frühwikingerzeitlichen Dänemark neben Kriegern und Herren ausdrücklich benannte Wort- und Wissensämter gab – und dass man stolz genug darauf war, sie in Stein zu meißeln.
Bleibt der Ort. Salhaugar setzt sich zusammen aus salr, „Saal, Halle“, und haugr, „Hügel, Grabhügel“. Die Inschrift bietet die Dativform Salhøgum, „auf/bei den Salhügeln“. Dieser Ort lebt im heutigen Dorf Salløv fort, nur wenige Kilometer vom Fundplatz entfernt. Darauf weist das Namensforschungszentrum der Universität Kopenhagen hin: Trotz des Anscheins enthält Salløv nicht die häufige Endung -lev, sondern eben -høj, „Hügel“. Der Snoldelev-Stein bietet damit die älteste schriftliche Form eines dänischen Ortsnamens, die sich sicher mit einem heutigen Ort verbinden lässt.
Was mit dem „Saal“ gemeint ist, bleibt offen. Die Vorschläge reichen von einer großen Halle über einen Kultplatz, einen Herrensitz oder einen vorübergehenden Aufenthaltsort bis hin zu einer Bude oder einem Viehstall. Lisbeth Imer liest den Namen als „die Hügel mit den Hallen“ und denkt an Anlagen, wie man sie aus Lejre kennt, dem nahen Herrschaftszentrum mit seinen großen Hallen. Das Namensforschungszentrum bringt – ausdrücklich als Spekulation – eine ganz andere Idee ins Spiel: Vielleicht stellte man sich die Grabhügel selbst als Hallen vor, als Herberge der Toten auf ihrer Reise.
Über Lejre und seine Hallen erfährst du mehr im Beitrag zur Silberfigur von Lejre. Der Nachbarort Snoldelev wiederum trägt nach derselben Quelle den Personennamen Snāldi und die alte Endung -lev, typisch für Namen aus etwa 300–800.
Übrigens steht der Stein am Anfang einer Tradition. Die großen dänischen Gedenksteine des 10. Jahrhunderts folgen fast immer der Formel „X setzte diesen Stein nach Y“. Snoldelev kennt diese Formel noch nicht. Er sagt schlicht, wessen Stein er ist – eine ältere, knappere Art, Erinnerung festzuhalten.
Für uns in der Werkstatt ist der Snoldelev-Stein eine Art Urahn. Hier hat jemand vor rund 1.200 Jahren einen Stein gesucht, der schon eine Geschichte hatte, und ihm eine neue hinzugefügt: einen Namen, eine Herkunft, ein Amt, drei Zeichen. So arbeiten auch wir mit Schiefer, Holz und Glas – nur mit geduldigerem Werkzeug. Wenn du selbst ein Zeichen oder einen Namen in Stein haben möchtest, schau gern bei unserer Wunschgravur vorbei; und wer die Runen dafür sauber setzen will, sollte vorher die Eigenheiten früher Inschriften kennen.
Vielleicht ist das die schönste Lehre dieses kleinen Steins: Er gibt nicht alles preis. Er sagt uns, dass es einen þulr gab, aber nicht, was er sprach. Er zeigt drei Hörner, aber nicht, wer daraus trank.

Was steht auf dem Snoldelev-Stein? Die Inschrift lautet sinngemäß „Gunnvalds Stein, des Sohnes Hróalds, des þulr auf Salhaugar“. Ob Gunnvaldr oder sein Vater Hróaldr der þulr war, lässt die Grammatik offen.
Was bedeutet þulr? Das Wort gehört zu þylja, „rezitieren“. Ein þulr war ein Sprecher oder Weiser; diskutiert werden Kultredner, Dichter, Wissens- und Rechtsbewahrer oder ein Sprecher an einem Herrenhof.
Warum ist auf dem Snoldelev-Stein ein Hakenkreuz? Das Hakenkreuz (Swastika) war in der Eisen- und Wikingerzeit ein verbreitetes Heils- und Sonnenzeichen. Auf dem Stein steht es neben einem älteren Radkreuz und einer Triskele aus drei Trinkhörnern.
Was bedeuten die drei Trinkhörner? Sicher weiß das niemand. Gedeutet werden sie als Zeichen von Fest, Eid und Hallengemeinschaft oder als Anspielung auf den Dichtermet in drei Gefäßen; eine Verbindung zu Odin ist nicht belegt.
Wo steht der Snoldelev-Stein heute? Im Nationalmuseet in Kopenhagen. Eine Kopie steht im Freilichtzentrum Sagnlandet Lejre.
Wie alt ist der Snoldelev-Stein? Er stammt aus dem 8. oder frühen 9. Jahrhundert. Neuere dänische Forschung datiert ihn wegen der Runenformen eher ins 8. Jahrhundert.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Runen · Der Valknut · Met & Trinkhorn · Odin.
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