Ein dänischer Stein aus dem frühen 9. Jahrhundert trägt zwei Rätsel auf einmal: ein Symbol aus drei ineinander verschlungenen Trinkhörnern und einen seltenen Titel – den des þulr.
Manche Runensteine sind wortkarge Grabmale, andere kleine Sensationen. Der Snoldelev-Stein aus Seeland, gehauen im frühen 9. Jahrhundert, gehört zur zweiten Sorte. Er trägt gleich zwei Rätsel auf einmal: ein rätselhaftes Symbol aus drei ineinander verschlungenen Trinkhörnern und einen seltenen, geheimnisvollen Titel. Kaum ein anderer Stein der frühen Wikingerzeit lässt uns so tief in die geistige Welt der heidnischen Gesellschaft blicken – und lässt uns zugleich so viel raten.
Das auffälligste Zeichen ist das Symbol der drei verschränkten Trinkhörner, die einander in einem gleichseitigen Muster durchdringen. Es ist dem berühmten „Valknut" verwandt und begegnet in ähnlicher Form auch anderswo, etwa auf den prächtigen gotländischen Bildsteinen. Trinkhörner waren im Norden nicht bloß Geschirr: Sie standen im Zentrum von Fest und Kult – beim Trankopfer an die Götter, beim feierlichen Eid über dem gefüllten Horn, beim Gedächtnismahl für die Toten.
Was genau die drei Hörner bedeuteten, wissen wir nicht sicher. Man hat sie mit dem Met der Dichtung, mit rituellen Trinkgelagen und immer wieder mit dem Odinskult in Verbindung gebracht – schließlich ist Odin der Gott, der den Dichtermet raubte. Doch jede eindeutige „Erklärung" geht über das hinaus, was der Stein selbst hergibt. Das Symbol bewahrt sein Geheimnis.
Noch spannender ist die Inschrift. Sie nennt einen Gunnvaldr, Sohn des Hróaldr, þulr in Salhaugar. Dieses Wort þulr ist kostbar, denn es begegnet nur selten. Ein þulr war offenbar ein hoch angesehener Sprecher heiligen Wissens – ein Bewahrer von Merkversen, Stammbäumen und Ritualformeln, vielleicht ein Kultvorsteher oder Weiser, der bei Festen das überlieferte Wissen vortrug. In einer Gesellschaft ohne Bücher war ein solcher Mann das lebendige Gedächtnis seiner Gemeinschaft.
Sprachlich gehört das Wort in eine vielsagende Nachbarschaft: Es ist verwandt mit dem Begriff þula (einer gereimten Merkvers-Liste) und sogar mit Odins Beinamen Fjǫlnir und Fimbulþulr, dem „großen þulr". Wissen und Wort waren im Norden heilig, und wer sie hütete, stand dem höchsten Gott, dem Herrn der Weisheit, nahe.
„Weise heißt, wer zu fragen weiß und zu sagen ebenso." — Hávamál 28, nach Simrock
Dieser Vers aus dem Hávamál beschreibt fast wörtlich, was ein þulr können musste: fragen und antworten, Wissen bewahren und weitergeben. Der Snoldelev-Stein gibt uns damit einen seltenen, kostbaren Blick auf ein geistliches Amt der heidnischen Welt – lange bevor Klöster und Schreiber das Wissen in Bücher bannten.
Der Snoldelev-Stein ist ein gutes Beispiel dafür, wie viel und wie wenig ein einziges Denkmal verraten kann. Er belegt sicher, dass es das Amt des þulr gab und dass ein Symbol aus drei Hörnern eine ernste, rituelle Bedeutung hatte. Doch die genaue Deutung – Odinszeichen? Metsymbol? – bleibt Spekulation, und ehrlicherweise muss man das sagen. Gerade diese Mischung aus festem Befund und offenem Geheimnis macht solche Steine so anziehend.
Für uns sind Runensteine wie dieser eine ständige Inspiration. Sie zeigen, dass die Menschen des Nordens schon vor über tausend Jahren den Wunsch hatten, Namen, Symbole und Wissen dauerhaft in Stein zu bannen – genau das, was auch unsere Arbeit ausmacht. Der Snoldelev-Stein ist im Grunde eine sehr alte Gravur mit einer sehr klaren Botschaft: Erinnere dich.

Runen · Der Valknut · Met & Trinkhorn · Odin.
Snoldelev-Stein (DR 248), Nationalmuseet Kopenhagen; Danmarks runeindskrifter. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie. Bild: gemeinfreie Zeichnung (George Stephens), Wikimedia Commons.