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Welche Rune soll ich gravieren lassen? – Bedeutung, Quellen und ehrliche Grenzen

Runen & Schrift Welche Rune soll ich gravieren lassen? – Bedeutung, Quellen und ehrliche Grenzen

Eine einzelne Rune, sauber in Schiefer oder Holz gelasert, ist ein starkes Motiv: reduziert, alt, voller Geschichte. Nur welche? Wir gehen die beliebtesten Zeichen durch und prüfen, was ihre Namen laut den drei mittelalterlichen Runengedichten bedeuten, wo die Gedichte sich widersprechen, welche Deutungen erst die Neuzeit erfunden hat und welche Zeichen politisch belastet sind. So entscheidest du dich mit offenen Augen, ohne Zauberversprechen und ohne Esoterik-Schaum.

Runen waren zuerst eine Schrift

Bevor es um einzelne Zeichen geht, lohnt ein Blick auf das, was Runen im Alltag der Wikinger und ihrer Vorfahren waren. Die älteste sicher datierte Runeninschrift steht auf einem Kamm aus dem dänischen Moor von Vimose, entstanden um 160 n. Chr., und lautet harja, was als Name, Beiname oder schlicht als Wort für „Kamm“ gedeutet wird. Ein Zauberspruch ist das nicht. Um 400 entstanden die goldenen Hörner von Gallehus mit der Inschrift ek hlewagastiR holtijaR horna tawido, „Ich, Hlewagast, Sohn des Holt (oder: aus Holt), machte das Horn“ (mehr im Beitrag zu den Goldhörnern von Gallehus). Und der Kylver-Stein von Gotland, ebenfalls um 400, trägt die gesamte Runenreihe, das „Futhark“, benannt nach den ersten sechs Zeichen F, U, Þ, A, R, K.

Runen dienten also zuerst dazu, Namen, Besitz, Machervermerke und Gedenkworte festzuhalten. Dass einzelne Inschriften magischen Charakter haben, ist ebenfalls belegt, etwa das Wort alu auf mehreren Fundstücken, die Bindrunenfolge auf dem Amulett von Lindholm in Schonen oder Fluchformeln auf späteren Runensteinen. Aber das ist ein kleiner Teil. Die große Mehrheit der Inschriften ist nüchtern, und die Runen im Bergener Hafenviertel Bryggen, wo seit den 1950er Jahren über 600 Inschriften meist auf Holzstäben gefunden wurden, zeigen: Man schrieb damit Handelsnotizen, Namen, Grüße. Runen waren Gebrauchsschrift.

Auch auf dem Festland schrieb man Runen. Die Fibel von Nordendorf bei Augsburg, um 600 entstanden, nennt in ihrer Inschrift die Namen Wodan und Wigithonar, einen Beinamen des Donar. Wie die Zeile genau zu deuten ist, ob als Anrufung, als Liste von Namen oder als Teil einer Weihe, bleibt unter Runologen umstritten. Sicher ist nur: Götternamen standen auf einem Schmuckstück, in Runen, im 6. oder 7. Jahrhundert. Zu den Göttern selbst siehe Wodan, Donar, Ziu.

Wer also eine Rune wählt, wählt zunächst einen Buchstaben mit einer Geschichte. Diese Geschichte ist reich genug, ohne dass man Zauberkraft dazuerfinden müsste. Wie die Zeichen im Einzelnen entstanden, behandelt unser Überblick zu den Runen und ihrer Geschichte; die wissenschaftliche Einordnung steht im Beitrag zur Runenforschung.

Drei Reihen, drei Stile: Welches Futhark?

Bevor du dich für eine Rune entscheidest, sollte klar sein, aus welcher Reihe sie stammt, denn die Reihen unterscheiden sich.

Das ist keine Spitzfindigkeit. Wer „Wikinger“ sucht, aber Wunjo graviert, hat ein Zeichen gewählt, das in der Wikingerzeit gar nicht mehr in der Reihe stand. Das ist kein Fehler, solange man es weiß. Wir kommen unten darauf zurück, auch bei der Frage der Namen. Der Vergleich der Reihen steht ausführlich im Beitrag Futhark im Vergleich.

Woher kommen die Bedeutungen? Die Runengedichte

Die Namen und Grundbedeutungen der Runen kennen wir aus drei Quellen: dem altenglischen, dem norwegischen und dem isländischen Runengedicht. In jedem steht zu jeder Rune ein kurzer Merkvers. Dazu kommt ein früher Beleg der Namen, das Abecedarium Nordmannicum aus dem 9. Jahrhundert (Codex Sangallensis 878, Kloster St. Gallen), das Namen nennt, aber keine Erklärungen liefert.

Wie belastbar sind diese Gedichte? Weniger, als man glaubt. Das altenglische Runengedicht entstand wohl im 7. oder 8. Jahrhundert, aber es ist nur in einer Handschrift des 10. Jahrhunderts überliefert (Cotton Otho B.x), die 1731 beim Brand der Cotton-Bibliothek in London verbrannte. Wir kennen den Text nur, weil George Hickes ihn 1705 gedruckt hatte, und alle späteren Ausgaben beruhen auf diesem Druck. Das norwegische Runengedicht ist in einer Abschrift des 17. Jahrhunderts von einer verlorenen Handschrift des 13. Jahrhunderts erhalten. Das isländische steht in vier Handschriften, die älteste von etwa 1500, die zudem beschädigt ist, sodass manche Lesungen auf Vermutung beruhen.

Und noch etwas fällt auf: Die Gedichte sind christlich geprägt oder zumindest aus christlicher Zeit, und sie stimmen nicht überein. Die Bedeutung einer Rune hängt davon ab, welches Gedicht man liest. Das ist der Grund, warum wir bei jeder Rune sagen, aus welcher Quelle ihre Deutung stammt.

Gesicherter Befund. Es gibt drei Runengedichte (altenglisch, norwegisch, isländisch) und eine frühe Namensliste (Abecedarium Nordmannicum, 9. Jh.). Die Rekonstruktion der urgermanischen Runennamen beruht auf dem Vergleich dieser Quellen: *fehu „Vieh, Besitz“, *ūruz „Auerochse“, *ansuz „Gott“, *raidō „Ritt“, *sōwilō „Sonne“, *tīwaz „der Gott Tiu/Tyr“, *berkanan „Birke“, *ōþala- „Erbbesitz“. Bei einigen, etwa *þurisaz und *kaunan, ist die Rekonstruktion weniger sicher, bei *algiz ist der ursprüngliche Name unbekannt.

Fehu, Uruz, Thurisaz: Besitz, Auerochse, Riese

Fehu (ᚠ) steht am Anfang der Reihe. Der Name bedeutet „Vieh“ und damit beweglicher Besitz, Reichtum. Doch die Gedichte sind zwiespältig: Das altenglische Gedicht nennt Besitz einen Trost für jeden Menschen, den man aber freigebig teilen solle, wenn man vor Gott Ehre erlangen wolle. Das norwegische Gedicht sagt kurz, Besitz verursache Streit unter Verwandten (Fé vældr frænda róge), das isländische Ähnliches, nämlich Besitz sei „Streit unter Verwandten“. Fehu steht also nicht einfach für „Wohlstand“. Es ist die Rune des Besitzes mit allen Doppeldeutigkeiten.

„Reichtum ist Trost für jedermann; doch soll ein jeder ihn reichlich weggeben, will er vor dem Herrn Ehre gewinnen.“Altenglisches Runengedicht, Strophe zu feoh (Fehu), sinngemäß, gemeinfrei

Uruz (ᚢ) heißt „Auerochse“, so im Älteren Futhark und im altenglischen Gedicht, das den Ur als grimmiges Tier mit Hörnern beschreibt, das tapfer kämpft. Im Jüngeren Futhark ändert sich die Bedeutung: Das norwegische und isländische Gedicht lesen das Zeichen als úr, „Regen“, „Schauer“ oder „Schlacke“, und das isländische Gedicht nennt ihn „Weinen der Wolken“. Die Rune der rohen Kraft gehört also zum älteren Zeichensatz, nicht zur Wikingerzeit.

Thurisaz (ᚦ) bedeutet in den skandinavischen Gedichten „Riese“ (þurs): nach dem isländischen „Qual der Frauen, Felsenbewohner und Gatte einer Riesin“. Im altenglischen Gedicht heißt dasselbe Zeichen thorn, „Dorn“, sehr scharf und böse für jeden, der ihn berührt. Eine Verbindung zu Thor ist verbreitet, aber in den Gedichten nicht belegt. Sie stammt aus der Namensähnlichkeit und aus der modernen Rune-Literatur. Wer Thurisaz graviert, wählt also eine Rune, die in den Quellen eher gefährlich als schützend ist.

Ansuz, Raido, Kaunan, Gebo, Wunjo

Ansuz (ᚨ) heißt „Gott“, genauer „Ase“, im Jüngeren Futhark óss. Das isländische Gedicht deutet es auf Odin: „alter Gautr, Fürst von Asgard, Herr von Walhall“. Das altenglische Gedicht, das den Lautwert abwandelt, liest das Zeichen als lateinisch os, „Mund“, und lobt den Ursprung aller Rede und die Stütze der Weisheit. Vermutlich ersetzte ein christlicher Verfasser den heidnischen Gott durch das gleichlautende lateinische Wort. Die Verbindung von Ansuz mit Sprache und Weisheit hat also auch einen mittelalterlichen Anteil.

Raido (ᚱ), „Ritt“, „Reise“, ist dagegen eindeutig. Das altenglische Gedicht sagt, Reiten sei dem Krieger in der Halle leicht, aber hart für den, der auf dem Rücken eines starken Pferdes weite Wege zieht. Das isländische Gedicht nennt es „Freude der Sitzenden und rasche Fahrt und Mühsal des Rosses“. Der Gedanke von Reise und Weg trägt also, auch mit seiner Mühe.

Kaunan (ᚲ) wird heute oft „Fackel“ übersetzt, und tatsächlich heißt das Zeichen im altenglischen Gedicht cen, „Fackel“, die dort brennt, wo Edelinge sitzen. In Skandinavien aber heißt die Rune kaun, „Geschwür“. Das isländische Gedicht nennt sie „das Leid der Kinder“, und das norwegische sagt, ein Geschwür sei den Kindern verderblich. Die Rekonstruktion des urgermanischen Namens bleibt daher unsicher. Wer „Licht und Erkenntnis“ als Bedeutung wählt, folgt der englischen Tradition und nicht der nordischen.

Gebo (ᚷ), „Gabe“, steht im Älteren Futhark und im altenglischen Futhorc (gyfu), fehlt aber im Jüngeren Futhark. Wer ein Geschenk graviert, kann das Zeichen sinnvoll als Gabe lesen. Es ist als schlichtes X leicht zu erkennen.

Wunjo (ᚹ), „Freude“, „Wonne“, steht ebenfalls im Älteren Futhark und im Futhorc (wynn), wo das Gedicht sagt, Wonne genieße, wer Leid, Sorge und Kummer nicht kenne. Im Jüngeren Futhark gibt es kein eigenes Zeichen mehr dafür. Als Rune der Freude ist sie gut belegt, nur eben nicht in der Wikingerzeit.

Algiz: die beliebteste Schutzrune und ihre dünne Quellenlage

Algiz (ᛉ) ist vermutlich die Rune, nach der am häufigsten gefragt wird, meist mit dem Wunsch „Schutz“. Hier muss man ehrlich sein: Der ursprüngliche Name der Rune ist unbekannt. Die Rekonstruktion *algiz beruht auf einer verderbten Form in der angelsächsischen Überlieferung, wo das Zeichen eolh oder eolhx heißt. Das Gedicht beschreibt eine Pflanze, den eolh-secg, die Sumpfsegge, die im Moor wächst und „grimm verwundet“, wer sie anfasst. Das wird teils mit „Elch“ in Verbindung gebracht, teils als Schilfgras gelesen. Eine Schutzbedeutung steht in keinem der drei Gedichte. Im Jüngeren Futhark trägt die Form ᛉ einen anderen Wert und einen anderen Namen.

Die Deutung als Schutzzeichen ist neuzeitlich und beruht im Wesentlichen auf der Form, die an eine erhobene Hand oder an Geweih erinnert, sowie auf einer Wortverwandtschaft, die manche Forscher vorschlagen: Das Wort *alhs bedeutet im Gotischen „Tempel, Heiligtum“, und manche leiten daraus eine Bedeutung wie „Schutz“ ab. Sicher ist das nicht. Wer Algiz wählt, wählt also ein in der Gegenwart gewachsenes Symbol. Das ist erlaubt, nur sollte man es nicht als alte Überlieferung verkaufen. Außerdem teilt Algiz seine Form mit der „Lebensrune“, die im Nationalsozialismus verwendet wurde (siehe unten).

Sowilo, Tiwaz, Berkano, Othala

Sowilo (ᛊ), die Sonne, ist gut belegt. Das altenglische Gedicht sagt, die Sonne sei den Seefahrern stets Hoffnung, wenn sie über das Bad der Fische ziehen, bis das Meerespferd sie an Land bringt. Das isländische nennt sie „Schild der Wolken, leuchtender Strahl, Zerstörer des Eises“. Eine schöne Wahl, mit einer Warnung: Zwei Sowilo-Runen nebeneinander in der spitzen Form (ᛊᛊ) ergeben das Doppel-Sig-Zeichen der SS und sollten nie so gesetzt werden.

Tiwaz (ᛏ) ist die Rune des Gottes Tiu oder Tyr. Im norwegischen Gedicht steht, Tyr sei der einhändige unter den Asen, im isländischen „einhändiger Ase, Überrest des Wolfs und Fürst der Tempel“. Das spielt auf die Geschichte an, in der Tyr dem Fenrir die Hand in den Rachen legt, damit die Götter den Wolf fesseln können. Im altenglischen Gedicht hingegen ist tir ein Leitzeichen oder Leitstern, das den Edlen die Treue hält und nie versagt. Beide Lesarten passen zu Mut und Verlässlichkeit. Mehr dazu in unseren Beiträgen zu Tyr und Tiwaz.

Berkano (ᛒ) ist die Birke. Das altenglische Gedicht beschreibt einen Baum, der ohne Samen Triebe hervorbringt, hoch und prächtig; das isländische nennt die Birke „laubreiches Zweiglein, kleinen Baum und jungen Strauch“. Im norwegischen Gedicht taucht überraschend Loki auf, der „in seinem Betrug Glück gehabt“ habe. Die Verbindung zu Geburt und Neubeginn ist eine Deutung, die von Wachstum und Frische des Baumes ausgeht. Sie ist plausibel, aber nicht überliefert.

Othala (ᛟ) bedeutet „Erbbesitz“, „Heimaterbe“. Das altenglische Gedicht sagt, ein Erbgut sei jedem Mann sehr lieb, wenn er dort in seinem Haus Recht und Sitte genießen könne. Die Skandinavier haben das Zeichen im Jüngeren Futhark nicht mehr. Wegen der Bedeutung „Erbhof“ griffen völkische Gruppen im 20. Jahrhundert das Zeichen auf, nannten es Odal-Rune und verbanden es mit „Blut und Boden“. Die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ führte die Odal-Rune als Abzeichen, und sie taucht bis heute in rechtsextremen Zusammenhängen auf. Historisch ist Othala eine Rune des Erbes; wer sie graviert, muss den Kontext kennen und sie bewusst wählen.

Weitere Zeichen: Jera, Mannaz, Dagaz

Drei weitere Zeichen werden häufig gewünscht und sind gut belegt. Jera (ᛃ), „Jahr“ oder „Ernte“, wird im isländischen Gedicht ár genannt, „Wohltat für die Menschen, gutes Sommerjahr, reifes Feld“, und im altenglischen ger: Das Jahr sei eine Hoffnung der Menschen, wenn Gott die Erde ihre Früchte geben lasse. Mannaz (ᛗ), „Mensch“, heißt im isländischen Gedicht „Freude des Menschen, Mehrer der Erde und Schmuck der Schiffe“. Dagaz (ᛞ), „Tag“, steht im Älteren Futhark und im Futhorc, wo das Gedicht den Tag als Boten des Herrn und Licht der Schöpfung preist. Sie sind weniger bekannt, aber gute Wahlen, wenn es um Jahreszeit, Menschlichkeit oder Neubeginn geht.

Welche Rune für welchen Anlass?

Wenn du eine Rune verschenken willst, ist die einfachste Frage nicht „welche ist die schönste“, sondern „was soll sie sagen“. Die folgenden Zuordnungen sind Vorschläge auf Grundlage der Namen und Gedichte, nicht überliefertes Brauchtum:

Für Schutz-Wünsche gilt: Eine Gravur kann ein Zeichen sein, das an einen Menschen erinnert, mehr nicht. Eine Schutzwirkung können und wollen wir nicht versprechen. Tiefer in die Frage von Wunsch und Rune führen unsere Beiträge Runen für Schutz, für Liebe und für Erfolg.

Mythos-Check: „Jede Rune hat eine feste Orakel-Bedeutung, die schon die Wikinger kannten.“ Die Namen und Grundbedeutungen sind überliefert, die ausgefeilten Deutungssysteme („Rune der Heilung“, „Rune des Kriegers“ usw.) dagegen sind neuzeitlich. Sie stammen im Wesentlichen aus Büchern des 20. Jahrhunderts. Eine geschlossene Runenwahrsagung kennt keine mittelalterliche Quelle.

Name in Runen statt Einzelrune

Nicht jeder will ein Symbol, viele wollen einen Namen. Das geht, aber anders, als man denkt. Runen sind eine Lautschrift, man überträgt einen Namen nicht Buchstabe für Buchstabe, sondern nach dem Klang. Im Jüngeren Futhark mit nur 16 Zeichen standen mehrere Laute für dasselbe Zeichen: Das i-Zeichen deckte auch e ab, und stimmhafte und stimmlose Konsonanten wurden nicht unterschieden. Man vermied, dasselbe Zeichen zweimal hintereinander für denselben Laut zu schreiben. Ein sauber transkribierter Name sieht darum anders aus als eine mechanische Zeichen-für-Zeichen-Ersetzung, und er wirkt echter.

Dazu kommt die Frage der Reihe. Ein Name im Älteren Futhark liest sich anders als einer im Jüngeren oder im angelsächsischen Futhorc. Bei einer Namensgravur sollte deshalb vorab feststehen, welche Zeitstufe gewünscht ist. Wie altnordische Namen überhaupt gebaut waren, mit Rufname, Vatername und Beiname, zeigt der Beitrag zu Wikinger-Namen und ihrer Bedeutung; Vorschläge für Vornamen gibt es bei den nordischen Vornamen.

Zum Ausprobieren gibt es unser Runenorakel und den Gravur-Konfigurator, in dem du Runen und Namen setzen und die Wirkung auf der Platte sehen kannst. Wenn es ganz persönlich werden soll, gravieren wir ein eigenes Motiv über die individuelle Gravur in Schiefer, Holz oder Glas. Das Runenorakel ist ein Spiel- und Deutungssystem der Gegenwart, ausdrücklich keine historische Wahrsagepraxis.

Bindrunen: Monogramm statt Zauberformel

Eine Bindrune verschmilzt zwei oder mehr Runen zu einem Zeichen, indem sie gemeinsame Stäbe nutzen. Sie sind historisch belegt, schon im Älteren Futhark, meist als platzsparende Schreibung oder Kürzel für Namen, gelegentlich in magischem Zusammenhang wie auf dem Lindholm-Amulett. Als persönliches Monogramm aus Initialen funktionieren sie gut, ästhetisch und historisch. Die Vorstellung einer frei erfundenen „Wunsch-Bindrune“ mit garantierter Wirkung dagegen ist modern und durch keine Quelle gedeckt.

Orakel und Runen: was die Quellen tatsächlich sagen

Der Gedanke, Runen zur Wahrsagung zu benutzen, hat eine lange, aber lückenhafte Geschichte. Der römische Autor Tacitus beschreibt um das Jahr 98 in der Germania (Kap. 10) ein Losverfahren der Germanen: Sie schneiden einen Zweig von einem fruchttragenden Baum in Stücke, kennzeichnen sie mit bestimmten Zeichen und streuen sie auf ein weißes Tuch; der Priester oder Hausvater hebt dreimal ein Stück auf und deutet es. Ob es sich bei den „Zeichen“ (notae) um Runen handelt, ist umstritten. Der Dichter Venantius Fortunatus erwähnt im 6. Jahrhundert, dass die „barbarische Rune“ auf Eschenhölzer gemalt werde. Mehr zu diesen Praktiken findest du im Beitrag zu den germanischen Orakeln.

Eine fertige Runenwahrsagung mit festen Bedeutungen kennen die Quellen nicht. Sie entstand später. Der österreichische Mystiker Guido von List schuf 1902 die 18 „Armanen-Runen“, die er 1908 im Buch Das Geheimnis der Runen beschrieb. Die ersten 16 folgen dem Jüngeren Futhark, zwei Zeichen fügte er hinzu, eines davon ohne historisches Vorbild. Das System prägte den deutschen Okkultismus und wurde von völkischen Gruppen und später von der SS aufgegriffen. Der Amerikaner Ralph Blum schließlich machte 1982 mit The Book of Runes das Runenorakel populär, einschließlich einer leeren Rune, die im historischen Futhark keine Entsprechung hat. Wer solche Systeme nutzt, nutzt moderne Schöpfungen.

Mythos-Check: „Vegvísir und Ægishjálmr sind Wikinger-Runen.“ Beide Zeichen sind keine Runen und stammen nicht aus der Wikingerzeit. Sie finden sich in isländischen Zauberbüchern der Frühen Neuzeit. Mehr dazu im Beitrag zu Vegvísir und Ægishjálmr, einen weiteren Überblick gibt der Beitrag Nordische Symbole: echt oder erfunden?

Belastete Zeichen: Kontext schlägt Ästhetik

Einige Runen und Rune-Kombinationen wurden im 20. Jahrhundert politisch besetzt. Das gilt für die Odal-Rune (Othala), für die Doppel-Sigrune der SS, für die sogenannte „Lebensrune“ (in der Form von Algiz) und für die „Todesrune“. Der Gebrauch einzelner Zeichen kann in Deutschland in bestimmten Zusammenhängen strafbar sein (§ 86a StGB, Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen), das gilt besonders für die doppelte Sigrune. Im Zweifel solltest du dich vor dem Verschenken informieren. Das ist keine Rechtsberatung, aber ein Rat: Wer eine Rune sucht, findet in den hier genannten Zeichen reichlich unbelastete Alternativen.

Ehrlich bleiben: schön und bedeutungsvoll, nicht magisch

Wir versprechen keine Magie, kein Glück auf Knopfdruck und keinen Schutz aus dem Laser. Was eine gravierte Rune kann, ist etwas anderes, und es ist viel: Sie ist schön, sie ist reduziert, und sie trägt über tausend Jahre Schrift- und Kulturgeschichte mit sich. Ein Zeichen, das man bewusst wählt und dessen Herkunft man kennt, bedeutet seinem Träger mehr als ein austauschbares Modemotiv. Der Wert liegt im Persönlichen, nicht im Übernatürlichen. Wer das weiß, kann beides genießen: die belegte Geschichte und die eigene Deutung, solange man sie nicht verwechselt.

Einen Einstieg in die weiteren Hintergründe bietet der Runenkunde-Überblick. Wer wissen will, wie Runen im Alltag der Wikinger standen, liest den Beitrag zum Rúnatal.

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Häufige Fragen

Welche Rune steht für Schutz? Am häufigsten wird Algiz (ᛉ) so gedeutet. Das ist eine neuzeitliche Deutung: Der ursprüngliche Name der Rune ist unbekannt, und keines der Runengedichte nennt eine Schutzbedeutung. Thurisaz wird mit Thor verbunden, bedeutet in den Gedichten aber „Riese“ oder „Dorn“.

Kann ich mehrere Runen kombinieren? Ja, als Bindrune, die gemeinsame Stäbe nutzt. Historisch belegt sind sie als Kürzel und Monogramme. Eine Wirkung versprechen wir damit nicht.

Sind Runen-Bedeutungen historisch belegt? Teilweise. Die Namen und Grundbedeutungen stammen aus den Runengedichten und aus der Sprachwissenschaft, die Deutungssysteme moderner Runenorakel sind neuzeitlich.

Welches Futhark soll ich wählen? Das Ältere Futhark (24 Zeichen) ist am bekanntesten und bietet die meisten Zeichen, das Jüngere (16) ist die Schrift der Wikingerzeit. Wer historische Treue sucht, wählt das Jüngere, wer das bestimmte Zeichen will, das Ältere.

Kann ich meinen Namen in Runen schreiben lassen? Ja. Man schreibt ihn nach dem Klang, nicht Buchstabe für Buchstabe, und wählt vorab die Zeitstufe der Runenreihe.

Welche Runen sollte ich meiden? Solche, die im 20. Jahrhundert politisch besetzt wurden: besonders die Doppel-Sigrune der SS, außerdem die Odal-Rune und die „Lebens-“ und „Todesrune“, sofern sie im entsprechenden Zusammenhang gesetzt werden. Im Zweifel nimm ein unbelastetes Zeichen.

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