Der Glavendrup-Stein (DR 209) ist ein Runenstein aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts auf der dänischen Insel Fünen – mit rund 210 Runen die längste Runeninschrift Dänemarks. Eine Frau namens Ragnhild setzte ihn für ihren Mann Alli, einen goði und Gefolgsmann; der Runenritzer Soti bat Thor, die Runen zu weihen, und belegte jeden mit einem Fluch, der den Stein beschädigt. Hier bekommst du den vollständigen Text, eine eigene Übertragung, das Steinschiff, die Grabungsgeschichte und die offenen Fragen der Forschung.
Die meisten Runensteine sind höflich: Sie nennen einen Toten, einen Stifter, und schweigen. Der Stein von Glavendrup ist anders. Er redet lange, er nennt Ämter und Titel, er spricht einen Gott an – und am Ende droht er. Wer diesen Stein beschädigt oder ihn fortschleppt, um damit einen anderen zu ehren, der soll zum ræte werden. Was genau das heißt, darüber streiten Runologen bis heute. Freundlich war es jedenfalls nicht gemeint.
Die Drohung steht auf einem Granitblock von geschätzt sechs bis sieben Tonnen am Ende einer Schiffssetzung im Norden Fünens. Er zeigt wie kaum ein anderer, wie heidnischer Kult, Totengedenken und Besitzanspruch im Dänemark vor der Christianisierung zusammengehörten. Und er gehört einer Frau: Ragnhild.
Glavendrup liegt im Kirchspiel Skamby in der heutigen Nordfyns Kommune, etwa zwölf Kilometer nordwestlich von Odense. Der Runenstein steht noch an seinem ursprünglichen Platz, eingebettet in einen kleinen Hain, den die Dänen Glavendruplunden nennen. Viele dänische Runensteine wurden verschleppt oder als Kirchenschwelle verbaut – Glavendrup gehört zu den wenigen, die man noch dort erlebt, wo ihre Stifter sie haben wollten.
Die Anlage ist ein Ensemble aus drei Zeitschichten. Am Ostende liegen zwei Grabhügel der Bronzezeit, Flinthøj und Rævehøj, rund zweieinhalb Jahrtausende älter als der Runenstein. Dazwischen erstreckt sich die Schiffssetzung der Wikingerzeit, eine schiffsförmige Reihe aufrecht gestellter Steine. Und am Westende, gewissermaßen am Heck, steht der beschriftete Stein. Dazu kommen Gedenksteine eines örtlichen Vereins aus dem 20. Jahrhundert.
Dass die Wikinger ihre Anlage bewusst neben die alten Hügel setzten, ist kein Zufall. Ältere Grabmonumente wurden in der Wikingerzeit häufig wieder aufgesucht und in neue Anlagen einbezogen – als Anknüpfung an Vorfahren und als Zeichen: Dieses Land gehört uns. Mehr zu dieser Bauform findest du in unserem Artikel über Steinschiffe.
Die Runen laufen in Bändern über drei Seiten des Steins. Geritzt sind sie im jüngeren Futhark, dem auf 16 Zeichen verkürzten Runenalphabet der Wikingerzeit (den Unterschied zum älteren 24er-Futhark erklären wir im Futhark-Vergleich). Die Textbänder enden gerade, ohne Schlangen- oder Tierköpfe – die Runologie nennt diesen schlichten, frühen Typ „RAK“. Die dänische Runendatenbank datiert die Inschrift aus Runenform und Sprache auf etwa 900 bis 950 und bewertet diese Datierung als „einigermaßen sicher“.
So lautet die Transliteration, also die buchstabengetreue Umschrift der Runen, nach der Danske Runeindskrifter-Datenbank der Universität Kopenhagen:
In normalisiertem Altdänisch beginnt der Text: Ragnhildr satti stæin þannsi æft Alla Sǫlva, goða vīa, liðs hæiðverðan þegn. Daraus ergibt sich – in unserer eigenen Übertragung, die die unsicheren Stellen markiert:
„Ragnhild setzte diesen Stein nach Alli dem Bleichen (?), dem Goden der Heiligtümer, dem ehrenwerten Thegn des Gefolges. Allis Söhne machten dieses Denkmal nach ihrem Vater und seine Frau nach ihrem Mann. Und Soti ritzte diese Runen nach seinem Herrn. Thor weihe diese Runen. Zum Ræte werde, wer diesen Stein beschädigt (?) oder ihn fortzieht nach einem anderen.“Glavendrup-Stein, DR 209 – eigene Übertragung nach der Lesung der Danske Runeindskrifter-Datenbank
Æft heißt „nach, zum Gedenken an“. „Fortziehen nach einem anderen“ meint also: den Stein wegschleppen, um ihn für jemand anderen wiederzuverwenden – ein sehr praktisches Problem.
Der erste Satz stellt Alli dreifach vor – mit Beinamen, religiösem Amt und weltlichem Rang. Alles drei ist diskutiert.
Der Beiname. Die Runenfolge sauluakuþa ist die umstrittenste Stelle des ganzen Steins, weil die Runen hier nicht durch Trennzeichen geteilt sind. Die verbreitetste Lesung trennt Sǫlva goða und versteht Sǫlvi als Beinamen, etwa „der Bleiche“ oder „der Fahle“, zu einem Wort für eine blasse, gelbliche Farbe. Eine andere Deutung liest Sǫlva als Bezeichnung einer Gruppe oder eines Ortes – dann wäre Alli „Gode der Sølver“, also der Leute eines bestimmten Gebiets. Für diese Lesart gibt es eine Parallele auf Fünen.
Das Amt. goði (Plural goðar) ist abgeleitet von goð, „Gott“. In Island bezeichnet das Wort in den Sagas und Rechtstexten des 12. und 13. Jahrhunderts einen Häuptling, der eine goðorð innehatte – eine Machtstellung, die religiöse Aufgaben, Rechtsprechung am Thing und politische Gefolgschaft verband (mehr dazu bei den Isländern). Glavendrup zeigt, dass der Titel viel älter ist und auch in Dänemark existierte, Jahrhunderte vor den isländischen Schriftquellen. Das Wort vīa ist Genitiv Plural von vé, „Heiligtum, heiliger Platz“. Alli war also „Gode der Heiligtümer“ – offenbar zuständig für Kultstätten, wo Opfer und Feste stattfanden. Was das konkret bedeutete, sagt der Stein nicht (zu den Kultorten siehe Blót-Orte).
Der Rang. liðs hæiðverðan þegn heißt „ehrenwerter Thegn des lið“. Ein lið ist eine Kriegerschar oder Gefolgschaft, und þegn ist auf dänischen Runensteinen ein häufiger Ehrentitel. Ob damit ein freier Grundbesitzer, ein Königsgefolgsmann oder ein lokaler Großer gemeint ist, ist alte Streitfrage; die Lesung liðs selbst wird teils angezweifelt. Klar ist: Alli war ein Mann von Rang, der religiöse Autorität und weltliche Macht in einer Person vereinte.
Das Spannende: Glavendrup steht mit dem Godentitel nicht allein. Auf Fünen gibt es zwei weitere Steine, die einen goði nennen. Auf dem Helnæs-Stein (DR 190) heißt es: „Hróðulfr, Gode der nœrar, setzte den Stein nach Guðmund, seinem Bruderssohn. Sie ertranken …“ – der Text bricht dann ab, und am Ende nennt sich ein Ávarr, der die Runen „färbte“. Und auf dem Flemløse-Stein 1 (DR 192) steht: „Nach Hróðulf steht dieser Stein, der Gode der nœrar war. Söhne setzten ihn. Ávarr färbte.“ Derselbe Mann, derselbe Runenmeister.
Die nœrar werden meist als „Bewohner des Nes“, also einer Landzunge, gedeutet – Helnæs ist genau so eine Halbinsel. Hróðulfr war also Gode einer bestimmten Gemeinschaft. Wenn Sǫlva goða analog „Gode der Sølver“ bedeutet, hätten wir auf Fünen ein kleines Netz regionaler Goden, jeder einer Gruppe oder Landschaft zugeordnet. Eine attraktive Deutung, kein Befund.
Wer hat dieses Denkmal eigentlich gemacht? Der Stein ist da erstaunlich genau. Er nennt drei Parteien: Ragnhild „setzte“ den Stein. Allis Söhne – ihre Namen nennt die Inschrift nicht – „machten dieses Denkmal“, das Wort heißt kumbl und kann die ganze Anlage meinen, vielleicht also die Schiffssetzung. Und Ragnhild tat das Gleiche „nach ihrem Mann“. Schließlich ritzte Soti die Runen „nach seinem Herrn“ (dróttin).
Daraus ergibt sich eine Korrektur, die man in populären Texten oft falsch liest: Soti war nicht Allis Sohn. Er ritzte die Runen für seinen Herrn, war also offenbar ein Gefolgsmann oder Abhängiger Allis, der sein Können als Runenritzer in den Dienst des Gedenkens stellte. Auch seine Arbeit am Stein war eine Ehrbezeugung.
Ob es auch Ragnhilds Söhne waren, verrät der Text nicht; „Allis Söhne … und seine Frau“ lässt beides zu.
Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Ragnhild ganz vorn steht. Sie ist die Erste, die genannt wird, noch vor den Söhnen. Stifterinnen sind gut belegt, aber selten so prominent; Witwen konnten Besitz verwalten, Erbe sichern und öffentlich handeln. Hintergründe dazu findest du in unserem Artikel über Frauen in der Wikingerzeit. Auch ihr Name ist übrigens typisch: Ragnhildr verbindet regin („Götter, ratende Mächte“) und hildr („Kampf“), wie wir es in unserem Beitrag zu Wikinger-Namen erklären.
Dann folgt der Satz, wegen dem viele Menschen nach diesem Stein suchen: þur uiki þasi runaR, normalisiert Þórr vīgi þassi rūnaR – „Thor weihe diese Runen“. Das Verb vígja heißt „weihen, heiligen“ und steckt auch im Wort vé für das Heiligtum. Thor soll also die Inschrift unter seinen Schutz stellen und sie gewissermaßen unantastbar machen.
Das ist keine dichterische Floskel, sondern eine echte Formel, die auf mehreren Steinen vorkommt. In Dänemark sind zwei weitere sicher belegt:
In Schweden kennt man die Formel vom Velanda-Stein (Vg 150) in Västergötland, möglicherweise auch vom Korpbron-Stein (Sö 140); beim Rök-Stein ist eine Thor-Lesung umstritten (zum Rök-Stein haben wir einen eigenen Artikel). Auffällig ist: Thor ist der einzige Gott, der auf wikingerzeitlichen Runensteinen in einer solchen Anrufung namentlich auftaucht. Odin, Freyr oder Tyr werden nicht angerufen. Auf manchen Steinen steht statt der Worte ein eingemeißelter Hammer – ein Bildzeichen mit vermutlich ähnlicher Schutzabsicht. Was hinter dem Hammersymbol steckt und wie die Amulettfunde zu lesen sind, zeigen wir im Artikel über den Thorshammer Mjölnir.
Warum ausgerechnet Thor? In den Mythen schützt er Götter und Menschen gegen die Riesen – ein Denkmal, das Erinnerung sichern soll, ruft folgerichtig den Wächter an. Manche Forscher sehen in den Thor-Formeln des 10. Jahrhunderts auch eine Antwort auf christliche Gebetsformeln – plausibel, aber nicht beweisbar. Wie die Weihe von Runen überhaupt gedacht war, besprechen wir ausführlicher unter Runenweihe.
Seite C enthält die Drohung: at rita sa uarþi is stain þansi ailti iþa aft ąnąn traki. Wörtlich: „Zum ræte werde der, der diesen Stein ælti oder ihn nach einem anderen zieht.“ Zwei Wörter darin sind unsicher.
Das Verb ælti wird meist als „beschädigt“ oder „umstößt“ verstanden – die Bedeutung ist aus dem Zusammenhang erschlossen, nicht aus einem gut bezeugten Wort. Noch schwieriger ist ræte (geschrieben rita, auf anderen Steinen rata). Vorgeschlagen wurden „Elender“, „Ausgestoßener“ und „Zauberer“. Die Datenbank Rundata übersetzt mit „warlock“, also etwa „Hexer“. Gemeint wäre keine Zauberkraft, sondern Ächtung als Unnatürlicher. Die Dänin Anette Jensen hat 2008 das Dialektwort ræde („Vogelscheuche“) ins Spiel gebracht, das auch als Schimpfwort gebraucht wurde. Eine Sicherheit gibt es nicht.
Klarer wird der Ton durch eine Parallele aus Schweden. Auf dem Saleby-Stein (Vg 67) in Västergötland wünscht der Stifter dem Zerstörer, er möge zum rata werden und zu einem argr-Weib. Argr und das Substantiv ergi bezeichneten in der altnordischen Ehrvorstellung das Unmännliche, Feige, sexuell „Verkehrte“ – und eng damit verbunden die als schändlich geltende Zauberei, den Seiðr. Der Runologe Erik Moltke hielt argr für das Abscheulichste, was ein Runenritzer einem Menschen anhängen konnte. Auf Glavendrup steht das argr nicht, aber die Verwandtschaft der Formeln zeigt, in welche Richtung der Fluch zielt: Ehrverlust und Ausschluss aus der Gemeinschaft, in einer Gesellschaft, in der Ehre die eigentliche Währung war.
Ähnliche Fluchformeln stehen auf dem Tryggevælde-Stein (DR 230), auf dem Stein Sønder Vinge 2 in Jütland und auf dem Glemminge-Stein in Schonen, das damals zu Dänemark gehörte.
Der Runenstein ist nur ein Teil der Anlage. Ragnhild und die Söhne nennen das Ganze kumbl, und dazu gehört die Schiffssetzung: eine Reihe aufrecht gestellter Steine, die den Umriss eines Schiffes nachzeichnet. Der Runenstein steht an ihrem westlichen Ende. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde es durch Sandabbau stark gestört. Der Ausgräber Erling Albrectsen schätzte die ursprüngliche Länge nach der Grabung von 1958 auf etwa 55 bis 60 Meter, bei einer größten Innenbreite von rund 12 Metern. Ältere Angaben schwanken stark. Die heutige, restaurierte Setzung ist rund 50 Meter lang.
Gefunden wurde Allis Grab übrigens nie. Zwischen den Steinreihen kamen bei der Grabung mehrere kleine Gruben mit Brandspuren zum Vorschein, ohne Beigaben. Albrectsen hielt sie für wikingerzeitlich, andere Darstellungen ordnen die dort gefundenen Brandgräber der älteren Eisenzeit zu. Ob Alli unter dem Stein, in einem der Hügel oder ganz woanders bestattet wurde – oder ob die Anlage überhaupt in erster Linie Gedenk- und nicht Grabstätte war –, bleibt offen.
Die beiden Hügel am Ostende sind älter. Rævehøj hatte ursprünglich einen Durchmesser von etwa 14 Metern und einen Randsteinkranz; die Grabung von 1958 fand darin mehrere Bestattungen, darunter eine mit verbrannten Knochen und einem bronzenen Armring aus dem Ende der älteren Bronzezeit, dazu Gräber der jüngeren Bronzezeit. Unter Flinthøj fanden sich Pflugspuren.
Ob das Schiffsmotiv eine „Fahrt ins Jenseits“ meint, wie oft behauptet, sagen die Quellen nicht ausdrücklich – mehr dazu unter Bootsbestattungen.
Die Neuzeit hat es dem Monument nicht leicht gemacht. Im 18. Jahrhundert wurde in der Umgebung Sand gegraben, und der Stein steckte großenteils im Boden. 1804 entstand eine erste Zeichnung. 1806 ließ der Altertumsforscher Lauritz Vedel Simonsen den Stein freilegen und aufrichten; nach seinem eigenen Bericht arbeiteten zwanzig Männer zwei Tage daran. Im selben Jahr veröffentlichte Rasmus Nyerup die Inschrift. Manche Darstellungen nennen 1794 als Fundjahr; die Angaben schwanken.
Die erste weitgehend richtige Lesung lieferte 1826 der Sprachforscher Rasmus Rask. 1864 vermaß Magnus Petersen die Anlage; 1873 fand der Runologe Ludvig Wimmer das Steinschiff stark beschädigt. 1892 wurde das ganze Areal offiziell unter Denkmalschutz gestellt, und Vilhelm Boye restaurierte es für das Nationalmuseum; dabei bekam der Runenstein einen neu aufgeschütteten Hügel.
Die bislang gründlichste Untersuchung führte das Fyns Stiftsmuseum vom 8. Oktober bis 27. November 1958 unter Erling Albrectsen durch. Der Runenstein wurde dafür vorübergehend herausgenommen und anschließend sorgfältig wieder aufgestellt; vom modernen Hügel trug man die oberen 60 Zentimeter ab. Der Hügel unter dem Stein ist also modern.
Weiter östlich, im Osten Seelands, stand bis in die frühe Neuzeit ein zweiter Stein, der eine Ragnhild nennt: der Tryggevælde-Stein (DR 230). Erstmals erwähnt wird er 1597 im Hof des Gutes Tryggevælde, wohin ihn ein Lehnsmann um 1550 von einem unbekannten Platz gebracht hatte. Heute steht der etwa 3,25 Meter hohe Granit in der Runenhalle des Nationalmuseums in Kopenhagen. Seine Inschrift lautet in unserer eigenen Übertragung:
„Ragnhild, Ulfs Schwester, setzte diesen Stein und machte diesen Hügel nach Gunnulf, ihrem Mann, einem lauten (?) Mann, Sohn des Nærfi, und dieses Schiff. Wenige werden nun geboren, die besser sind als er. Zum Ræte werde, wer diesen Stein beschädigt (?) oder ihn von hier fortzieht.“Tryggevælde-Stein, DR 230 – eigene Übertragung nach der Danske Runeindskrifter-Datenbank
Die Parallelen sind auffällig. Wieder eine Ragnhild als Stifterin. Wieder ein Steinschiff, hier skæið genannt (ein Kriegsschiff). Wieder der fast wortgleiche ræte-Fluch. Runenform und Sprache datieren auch diesen Stein auf etwa 900–950. Die Kopenhagener Datenbank hält beide für eng verwandt, womöglich von derselben Hand.
War es dieselbe Frau? Viele Forscher nehmen das an: Ragnhild wäre dann zweimal verheiratet gewesen, einmal mit Alli auf Fünen, einmal mit Gunnulf auf Seeland, und hätte beiden Männern ein Denkmal gesetzt. Beweisen lässt sich das nicht. Ragnhildr war ein gängiger Name, und die Formelsprache der Steine kann auch eine regionale Werkstatt- oder Schultradition widerspiegeln. Dass Soti beide Inschriften ritzte, wie man gelegentlich liest, ist eine Zuschreibung nach Stil und Formulierung: Namentlich nennt er sich nur in Glavendrup.
Ja, nach allem, was die Fachliteratur sagt. Das dänische Nachschlagewerk lex.dk gibt rund 210 Runen an und nennt Glavendrup die längste Runeninschrift Dänemarks; auch die Universität Süddänemark und die dänische Kulturbehörde bezeichnen sie so. Zum Vergleich: Die berühmten Jellingsteine von Gorm und Harald Blauzahn sind die bekannteren, nicht aber die längeren Texte. Glavendrup ist älter als der große Harald-Stein, auf dem sich Harald rühmt, die Dänen zu Christen gemacht zu haben. Zwischen Ragnhilds Thor-Weihe und Haralds Taufschein liegt vielleicht nur ein Menschenleben. (Mehr bei Gorm dem Alten.)
Im gesamten Norden hält den Rekord übrigens nicht Glavendrup, sondern der schwedische Rök-Stein mit seinen mehr als 700 Runen. „Längste Runeninschrift“ gilt für Dänemark.
Die Anlage liegt in Glavendruplunden bei Skamby, am Stenagervej, und ist ein frei zugänglicher Hain. Auf dem Lageplan der dänischen Kulturbehörde sind Parkplatz, Toilette, eine Grillhütte und ein Feuerplatz verzeichnet.
Drei Tipps:
Für Fotos der Runen: tief stehende Sonne von der Seite. Streiflicht macht Kerben sichtbar – das wissen wir aus der eigenen Werkstatt.
Wir arbeiten jeden Tag mit eingravierten Worten, und Glavendrup erinnert uns an etwas, das man leicht vergisst: Eine Inschrift ist immer auch ein Anspruch. Ragnhild wollte, dass Alli nicht vergessen wird – und dass jeder weiß, wer ihn ehrte.
Dieselben Fragen stellen sich, wenn heute jemand bei uns eine Gedenktafel oder eine Rune in Schiefer gravieren lässt: Für wen? Was soll bleiben? Die Grundlagen findest du in unserer ehrlichen Einführung in die Runen.
Eine Witwe, ein Gefolgsmann mit dem Meißel, Söhne ohne Namen, ein Gott als Wächter und ein deutlicher Hinweis an die Nachbarn, die Finger vom Granit zu lassen. Über tausend Jahre später steht er noch. Die Drohung scheint gewirkt zu haben.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Was steht auf dem Glavendrup-Stein? Ragnhild setzte den Stein für ihren Mann Alli, einen Goden und Gefolgsmann; Allis Söhne und Ragnhild errichteten das Denkmal, Soti ritzte die Runen für seinen Herrn. Dann: „Thor weihe diese Runen“ – und ein Fluch gegen Steinräuber.
Wie alt ist der Glavendrup-Stein? Er wird nach Runenform und Sprache auf etwa 900–950 datiert, also in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts.
Was bedeutet „Thor weihe diese Runen“? Die Formel Þórr vígi þessar rúnar bittet Thor, die Inschrift zu heiligen und zu schützen. Sie steht auch auf den Steinen von Virring und Sønder Kirkeby.
Ist Glavendrup die längste Runeninschrift Dänemarks? Ja. Mit rund 210 Runen gilt sie in der dänischen Fachliteratur als längste Runeninschrift Dänemarks. Die längste Runeninschrift überhaupt trägt der schwedische Rök-Stein.
Was ist ein Gode? Ein goði war ein Mann mit religiöser Verantwortung für Kultstätten, der zugleich Ansehen und Macht besaß. In Dänemark ist der Titel nur auf drei Runensteinen von Fünen belegt: Glavendrup, Helnæs und Flemløse 1.
Wo steht der Glavendrup-Stein? Im Glavendruplunden bei Skamby im Norden Fünens, etwa 12 km nordwestlich von Odense, noch an seinem ursprünglichen Platz am Westende einer Schiffssetzung. Der Hain ist frei zugänglich.
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