Auf der dänischen Insel Fünen steht der Glavendrup-Stein – er trägt die längste Runeninschrift Dänemarks, dazu eine Götteranrufung und einen Fluch. Und dahinter steht eine bemerkenswerte Frau.
Auf der dänischen Insel Fünen steht ein Denkmal, das gleich mehrere Rekorde und Rätsel vereint: der Glavendrup-Stein. Er trägt die längste erhaltene Runeninschrift Dänemarks, er ruft einen Gott an, er droht einen Fluch – und hinter allem steht eine bemerkenswerte Frau. Der Stein ist Teil einer größeren Anlage, eines Schiffssetzungs-Denkmals aus aufrecht gestellten Steinen, das den ganzen Ernst und Aufwand zeigt, mit dem die Wikingerzeit ihre Toten ehrte.
Errichtet wurde er im frühen 10. Jahrhundert von der Witwe Ragnhildr zum Gedächtnis an ihren Mann Alli, einen Anführer (die Inschrift nennt ihn einen Priester oder Vorsteher der Gefolgschaft). Schon dass eine Frau als Stifterin auftritt und ein so großes, teures Denkmal in Auftrag gibt, ist bezeichnend.
Die lange Inschrift endet mit zwei mächtigen Formeln, die uns tief in den heidnischen Glauben blicken lassen. Die erste ist eine Götteranrufung: Sie bittet den Donnergott, das Denkmal zu schützen und zu heiligen. Diese Formel begegnet fast wortgleich auf mehreren Runensteinen und ist damit ein seltener, echter Beleg für gelebten Thorskult – kein Dichterbild, sondern eine reale religiöse Schutzformel.
„Thor weihe diese Runen." — Glavendrup-Stein (DR 209), þur uiki þasi runar
Die zweite Formel ist ein Fluch. Er richtet sich gegen jeden, der den Stein zerstört oder ihn von seinem Platz fortschleppt, um ihn für ein anderes Denkmal zu missbrauchen. Ein solcher Mensch, so die Inschrift, solle ein rita oder Ächter werden – ein Verworfener, aus der Gemeinschaft Gestoßener. So verbindet der Glavendrup-Stein drei Dinge in einem: Gedächtnis, Kult und Rechtsschutz. Er ist Grabmal, Weihgabe und juristische Warnung zugleich.
Ragnhildr blieb es nicht bei einem Denkmal. Dieselbe Frau ließ einen zweiten großen Stein setzen, den Tryggevælde-Stein – und beide wurden aller Wahrscheinlichkeit nach vom selben Runenmeister gehauen, einem Mann namens Soti, der sich sogar selbst in der Inschrift nennt. Auch der Tryggevælde-Stein trägt eine Fluchformel. Zwei so aufwendige, teure Monumente von einer einzigen Stifterin – das ist ein starkes Zeugnis dafür, welche wirtschaftliche und rechtliche Macht Frauen der Oberschicht in der Wikingerzeit besitzen konnten.
Runensteine waren eben nicht nur Ausdruck von Trauer. Sie waren auch Anspruch: Sie sicherten Erbe, markierten Besitz, betonten die Stellung einer Familie und hielten den Namen der Toten wie der Stifter für die Nachwelt fest. Wer einen Stein setzte, schrieb sich selbst in die Geschichte ein. Ragnhildr tat das gleich zweimal – und ihr Name ist deshalb heute noch bekannt, mehr als tausend Jahre später.
Für uns vereint der Glavendrup-Stein fast alles, was die Runensteinkultur so faszinierend macht: die Kunst des Runenmeisters, die Anrufung eines Gottes, den Ernst des Fluchs und die starke Rolle einer Frau. Dass „Thor weihe die Runen" ein echter Schutzspruch war und kein bloßes Ornament, erinnert daran, wie unmittelbar Schrift, Glaube und Recht im Norden verbunden waren.
Genau diese Ehrfurcht vor dem eingeritzten Wort teilen wir. Eine Gravur ist auch heute mehr als Zierde – sie ist ein Festhalten, ein „dies soll bleiben". Wenn wir Runen und Namen in Schiefer oder Holz bannen, stehen wir in einer sehr langen Tradition, die über Ragnhildr und ihren Runenmeister Soti bis in die Wikingerzeit zurückreicht.

Runen · Thor & Mjöllnir · Frauen der Wikingerzeit · Bestattung & Gedenken.
Glavendrup (DR 209), Tryggevælde (DR 230); Danmarks runeindskrifter. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie. Bildnachweis Titelbild: Glavendrup-Stein, Foto Photophobia.dk, gemeinfrei (Wikimedia Commons).