Der Kälvesten-Runenstein (Ög 8) aus Östergötland gilt als ältester schwedischer Runenstein, der von einem Tod im Osten berichtet: Ein Mann namens Stigr oder Styggr setzte ihn für seinen Sohn Eyvindr, der „im Osten fiel, mit Eivísl“. Die Inschrift steht in Kurzzweigrunen und wird meist ins 9. Jahrhundert datiert, also Generationen vor den berühmten Ingvar-Steinen. Wir lesen die Runen Zeile für Zeile, zeigen, wo die Datierung wackelt, und ordnen den Stein in die frühe Geschichte der Rus und des Wegs nach Osten ein.
Östergötland, irgendwann im 9. Jahrhundert. Ein Sohn ist mit einer Schiffsmannschaft über die Ostsee gefahren und nicht zurückgekommen. Es gibt kein Grab, das man besuchen könnte, keinen Leichnam, nur die Nachricht, die irgendwann mit den Überlebenden eintrifft. Der Vater lässt einen fast zwei Meter hohen Granitblock behauen und darauf schreiben, was geschehen ist. Das Schlüsselwort der Inschrift hat nur fünf Runen: austr – „im Osten“.
Dieses kleine Wort macht den Kälvesten-Stein zu etwas Besonderem. Hunderte schwedische Runensteine erzählen später von Männern, die „im Osten“ waren, dort reich wurden oder dort starben. Die allermeisten stammen aus dem 11. Jahrhundert. Kälvesten aber steht, wenn die übliche Datierung stimmt, ganz am Anfang dieser Reihe. Der Runologe Sven B. F. Jansson nannte ihn in seinem Standardwerk Runes in Sweden die älteste Inschrift, die von einem Wikingerzug nach Osten spricht. Das Schwedische Reichsamt für Denkmalpflege (Riksantikvarieämbetet) bezeichnet ihn auf seiner Infotafel als „unsere älteste einheimische Quelle“ für Fahrten auf dem Ostweg.
Was genau steht auf dem Stein? Wer waren Stigr, Eyvindr und Eivísl? Und wie sicher ist das frühe Datum, mit dem der Stein so gern geschmückt wird? Wir trennen sauber, was die Runen sagen und was erst wir hineinlesen.
Der Stein trägt in der wissenschaftlichen Zählung die Signatur Ög 8: „Ög“ steht für Östergötland, die Nummer stammt aus dem Corpus Sveriges runinskrifter, dem großen Verzeichnis aller schwedischen Runeninschriften. Den Band für Östergötland legte Erik Brate vor. Heute steht der Stein auf dem Friedhof der Kirche von Västra Stenby in der Gemeinde Motala, an der Südseite der Kirche. Es ist ein grob vierkantiger Granitblock von knapp zwei Metern Gesamtlänge und etwa einem halben Meter Breite, ohne Bildschmuck, ohne Kreuz, ohne das Schlangenband, das spätere Runensteine so typisch macht.
Seinen Namen hat er von einem Kirchspiel, das es gar nicht mehr gibt. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts stand hier die Kirche von Kälvesten. Der Stein war schon im 17. Jahrhundert in ihrer Mauer verbaut. Als die Kirchspiele Kälvesten und Sten zusammengelegt und die alte Kirche 1811/12 abgerissen wurde, wanderte der Stein als Baumaterial in das Fundament der neuen Kirche von Västra Stenby – mit der bekannten Inschriftseite nach außen. Erst bei einer Restaurierung 1938 holte man ihn heraus und stellte ihn auf dem Kirchhof auf. Dabei bzw. in den Jahren danach wurde klar, dass auch eine zweite Seite Runen trägt, die bis dahin in der Mauer verborgen gewesen war. Ohne diese zweite Seite wüssten wir weder von Eivísl noch von den beiden Männern, die den Stein ausgeführt haben.
Runologen geben eine Inschrift in drei Schritten wieder: als Transliteration (Rune für Rune in lateinischen Buchstaben), als Normalisierung (in einer standardisierten altnordischen Schreibung) und als Übersetzung. Die Samnordisk runtextdatabas, kurz Rundata, die an der Universität Uppsala gepflegte Datenbank aller skandinavischen Runeninschriften, liest Ög 8 so:
Übersetzt heißt das sinngemäß: „Stigr (oder Styggr) machte diese Denkmäler nach Eyvindr, seinem Sohn. Der fiel im Osten mit Eivísl. Víkingr schrieb (bemalte) und Grímulfr.“
stikuR – Der Name des Auftraggebers ist nicht eindeutig. Die Runen lassen sich als Stigr oder als Styggr lesen, weil die Kurzzweigrunen nicht zwischen g und k unterscheiden und auch die Vokale nur grob wiedergeben. Styggr wäre ein Beiname mit der Bedeutung „der Scheue, der Abweisende“, Stigr ein schlichter Männername. Beide Lesungen stehen in der Fachliteratur nebeneinander, keine ist gesichert.
kubl þau – Das Wort kuml bedeutet „Denkmal, Grabmal“; hier steht es in der Mehrzahl: „diese Denkmäler“. Das ist ein interessanter Fingerzeig. Möglicherweise gehörte zu dem Stein noch mehr – ein zweiter Stein, eine Steinsetzung oder ein Hügel. Riksantikvarieämbetet weist ausdrücklich auf diese Möglichkeit hin. Was es war, wissen wir nicht, denn der ursprüngliche Standort ist durch die Verbauung in der Kirche verloren.
sa fial austr – „Der fiel im Osten.“ Das Verb falla meint auf Runensteinen den gewaltsamen Tod, den Tod im Kampf. Von einer Krankheit oder einem Schiffbruch ist bei dieser Formel nicht die Rede.
miR aiuisli – „mit Eivísl“. Die Präposition með ist hier mit der sogenannten Yr-Rune am Ende geschrieben, einer Rune für einen r-artigen Laut, der aus einem alten s hervorgegangen ist. Der Name Eivísl steht im Dativ. Das kleine „mit“ ist entscheidend: Eyvindr fiel nicht allein, sondern als Teil einer Gruppe, die nach einem Mann benannt wurde.
uikikR faþi auk krimulfR – Die Signatur der Ausführenden. Darauf kommen wir gleich zurück.
Die Inschrift nennt fünf Menschen, und jeder steht für eine andere Rolle in der Welt des 9. Jahrhunderts.
Stigr oder Styggr ist der Vater und Auftraggeber. Er war offenbar jemand, der sich einen großen, sorgfältig gesetzten Granitblock und die Arbeit von Fachleuten leisten konnte. Runensteine waren nie Massenware; wer einen setzen ließ, gehörte zur Schicht der grundbesitzenden Familien. In der älteren Fassung unseres Artikels stand übrigens, Eyvindr sei von seiner Mutter betrauert worden – das war falsch. Die Inschrift sagt eindeutig son sinn, „seinen Sohn“, und der Setzer ist ein Mann.
Eyvindr ist der Tote. Mehr wissen wir über ihn nicht: kein Alter, kein Beruf, keine Heldentat. Die Runen sagen nur, dass er fiel – und wo und mit wem.
Eivísl ist die rätselhafteste Figur. Die Inschrift nennt ihn nicht ausdrücklich einen Anführer, aber die Formel „fiel mit X“ kennen wir aus späteren Steinen genau für diesen Fall: Man nennt den Mann, nach dem eine Fahrt oder eine Mannschaft benannt wurde. Auf den Ingvar-Steinen des 11. Jahrhunderts heißt es immer wieder, jemand sei „mit Ingvar“ gefahren oder gestorben. Es liegt deshalb nahe, Eivísl als Führer der Schar zu sehen, mit der Eyvindr unterwegs war – eine Deutung, keine Aussage des Steins. Der Name selbst ist sehr selten. Der Namenforscher Staffan Fridell leitet ihn von einer Form *Aiwa-gīslaR ab, zusammengesetzt aus einem Wort für „immer, ewig“ und dem Namenglied -gísl, das oft als „Geisel“ oder „Spross, Pfeilschaft“ erklärt wird. Andere Forscher haben im ersten Glied das Zahlwort „ein“ gesehen; Fridell hält das lautlich für ausgeschlossen.
Víkingr und Grímulfr sind die Handwerker. Víkingr ist hier ein ganz normaler Personenname – auf schwedischen Runensteinen kommt er mehrfach vor. Das Verb fáði bedeutet ursprünglich „malte, färbte“, wird in Runeninschriften aber für das Herstellen einer Inschrift überhaupt gebraucht. Darin steckt ein schönes Detail: Runensteine waren bemalt. Reste von Farbe – Rot, Schwarz, Weiß – sind an etlichen Steinen nachgewiesen. Das Ritzen und das Ausmalen gehörten zusammen.
Dieselbe Signaturformel findet sich knapp 100 Kilometer weiter östlich auf der Oklunda-Inschrift bei Norrköping: Gunnarr fáði rúnar þessar, „Gunnar schrieb diese Runen“. Auch Oklunda ist eine frühe Inschrift aus Östergötland; Rundata datiert sie ins frühe 9. Jahrhundert. Die beiden Texte zeigen, dass in dieser Landschaft schon früh Menschen ihren Namen als Runenschreiber festhielten – lange bevor in Uppland die großen Runenmeister des 11. Jahrhunderts ihre Steine signierten.
Kälvesten ist in Kurzzweigrunen geschrieben, schwedisch kortkvistrunor. Das ist eine Variante des jüngeren Futharks, der 16-zeichigen Runenreihe der Wikingerzeit. Wie sich das jüngere aus dem älteren Futhark mit seinen 24 Zeichen entwickelte, zeigen wir in unserem Vergleich der beiden Runenreihen.
Innerhalb des jüngeren Futharks gab es zwei Hauptformen. Die Langzweigrunen, oft „dänische Runen“ genannt, haben lange, deutliche Seitenstriche und prägen die meisten Runensteine des 10. und 11. Jahrhunderts. Die Kurzzweigrunen dagegen reduzieren viele Zeichen auf einen senkrechten Stab mit kurzen Ansätzen, manche schrumpfen fast zu Strichen. Sie werden in der Literatur auch „Rök-Runen“ oder „schwedisch-norwegische Runen“ genannt. Ihr berühmtestes Denkmal ist der Rök-Stein, der ebenfalls in Östergötland steht und überwiegend in Kurzzweigrunen geschrieben ist.
Diese Schrift war vermutlich vor allem für den Alltag gedacht: für Holzstäbe, Botschaften, Eigentumsmarken. Sie ist schnell zu ritzen und sparsam. Jansson weist darauf hin, dass eine Zeichenform auf Kälvesten, die m-Rune, sich in Holz leichter ritzen lässt als in Granit – ein Indiz dafür, dass die Schreiber ihre Übung an weicherem Material erworben hatten. Dass aus dem 9. Jahrhundert so wenige Inschriften erhalten sind, erklärt sich wohl genau damit: Das meiste wurde auf Holz geschrieben und ist längst verrottet.
Für die Datierung ist die Runenform ein wichtiges Argument. Kurzzweigrunen sind auf Steinen besonders in der frühen Wikingerzeit belegt, kommen aber auch später noch vor, vor allem in Norwegen und auf manchen schwedischen Steinen. Die Schrift allein reicht deshalb nicht für eine genaue Jahreszahl. Wer tiefer in die Systematik einsteigen will, findet in unserer ehrlichen Einführung in die Runen den Überblick.
In vielen Büchern, auf Tafeln und Webseiten steht „um 800“ oder „9. Jahrhundert“. Auch die ältere Fassung dieses Artikels hatte „um 800“ als gesichert präsentiert. So einfach ist es nicht.
Für eine frühe Datierung sprechen mehrere Argumente. Erstens die Kurzzweigrunen und die Sprachformen der Inschrift, die zur frühen Wikingerzeit passen. Zweitens die Gestaltung: Die Runen laufen in geraden Zeilen über den Block, ohne Schlangenband, ohne Kreuz, ohne Tierornamentik. Drittens die Verbindung zum Sparlösa-Stein, der den seltenen Namen Eivísl ebenfalls nennt und allgemein um 800 datiert wird. Nach dem Bericht von Arthur Nordén aus den 1940er Jahren schlossen sich die Archäologen Birger Nerman, Holger Arbman und Almgren einer Datierung um 800 an, mit einem Spielraum von einem halben Jahrhundert in beide Richtungen. Jansson spricht vom 9. Jahrhundert, Riksantikvarieämbetet schreibt „800-talet“.
Auf der anderen Seite steht die Stilchronologie. Die Archäologin Anne-Sofie Gräslund hat die Ornamentik der schwedischen Runensteine in Gruppen eingeteilt. Steine ohne Tierkopf am Runenband fasst sie unter dem Kürzel RAK zusammen und datiert diese Gruppe grob auf etwa 980 bis 1015. Rundata ordnet Ög 8 stilistisch als RAK ein und gibt als Datierung nur allgemein „Wikingerzeit“ an. Manche Datenbanken und die Webseite der Kirchengemeinde übernehmen deshalb „980–1015“. Dieses Datum stammt aber aus einem Ornamentschema, das für die großen Runensteinfelder des 11. Jahrhunderts entwickelt wurde. Ein schmuckloser Stein mit Kurzzweigrunen fällt aus diesem System eher heraus, als dass er sich datieren ließe. Bezeichnend: Auch die Oklunda-Inschrift wird in Rundata stilistisch als RAK geführt und trotzdem ins frühe 9. Jahrhundert gesetzt.
Der Name Eivísl taucht in der gesamten Runenüberlieferung nur zweimal auf: auf Kälvesten und auf dem Sparlösa-Stein (Vg 119) in Västergötland, jenseits des Vättern. Sparlösa ist ein ganz anderes Monument: ein vierseitig beschriebener und mit Bildern bedeckter Stein, auf dem unter anderem ein Schiff, ein Gebäude, Vögel und ein Reiter zu sehen sind. Er wurde 1669 in der Kirchenmauer von Sparlösa entdeckt und 1937 herausgenommen. Seine Runen mischen Formen des älteren und des jüngeren Futharks; er gilt als Inschrift der Zeit um 800.
Die Lesung von Sparlösa ist an vielen Stellen unsicher. Sicher scheint, dass ein Eivísl als Sohn eines Eiríkr genannt wird und dass ein Alríkr eine wichtige Rolle spielt.
Sind die beiden Eivísl dieselbe Person? Das wäre verführerisch: Ein Anführer aus vornehmem Haus zieht mit Gefolge nach Osten, fällt dort, und zwei Familien setzen Gedenksteine – der eine prächtig, der andere schlicht. Nordén hat diese Verbindung in den 1940er Jahren weit ausgebaut, bis hin zu Kultplätzen und Ämtern; der Runologe Elias Wessén hat ihm dabei deutlich widersprochen. Jansson nennt die Identität beider Männer eine Möglichkeit, mehr nicht. Das ist auch unser Stand: Der seltene Name und die ähnliche Zeitstellung machen die Verbindung reizvoll, beweisen lässt sie sich nicht.
Die ältere Fassung dieses Artikels ließ Eyvindr gleich bis Byzanz und ins Kalifat ziehen. Das ist zu weit gegriffen. Der Stein sagt nur austr – „im Osten“. Für einen Schweden des 9. Jahrhunderts begann der Osten an der gegenüberliegenden Ostseeküste.
Und dort waren Skandinavier schon lange vor Eyvindr unterwegs. Archäologisch greifbar wird das an mehreren Orten:
Auf der estnischen Insel Saaremaa wurden bei Salme zwei Schiffe mit insgesamt über 40 bestatteten Männern gefunden, die nach Isotopen- und DNA-Analysen aus dem Raum Mittelschweden stammten und um 750 starben – offenbar eine Kriegerschar, die im Kampf fiel. Mehr dazu in unserem Artikel über die Salme-Krieger. Für Kälvesten ist Salme ein starker Vergleich: Es zeigt, dass „im Osten fallen“ schon zwei Generationen früher eine reale Erfahrung schwedischer Familien war.
Im heutigen Lettland gab es bei Grobiņa im 7. bis 9. Jahrhundert eine Siedlung mit Gräberfeldern skandinavischen Charakters. Und am Wolchow, wenige Kilometer vor seiner Mündung in den Ladogasee, entstand um die Mitte des 8. Jahrhunderts Staraja Ladoga. Dendrochronologische Daten weisen auf die 750er Jahre; die ältesten arabischen Silbermünzen, die man im europäischen Russland gefunden hat, stammen von dort und sind 786/787 geprägt. In den altnordischen Quellen heißt der Ort Aldeigjuborg. Hier mischten sich Skandinavier, Finnen und Slawen, hier begann der Weg über die Flüsse nach Süden.
Schriftlich tauchen die Männer aus dem Norden im Osten erstmals 839 auf. Die fränkischen Annalen von Saint-Bertin berichten von Gesandten, die sich Rhos nannten und mit einer byzantinischen Gesandtschaft an den Hof Ludwigs des Frommen nach Ingelheim kamen. Bei näherer Prüfung stellte man fest, dass sie zum Volk der Schweden gehörten. Wie aus solchen Händlern und Kriegern die herrschende Schicht eines neuen Reichs wurde, erzählen wir im Artikel über die Rus, die Wikinger im Osten. Und wer die Begriffe auseinanderhalten möchte, findet in Wikinger, Normannen, Waräger, Rus die Unterschiede.
Wohin Eyvindr fuhr, bleibt offen: an die baltische Küste, zum Ladogasee, vielleicht schon weiter. Der Stein verrät auch nicht, ob die Fahrt ein Handelszug, ein Tributzug oder ein Kriegszug war. Im 9. Jahrhundert ließ sich das ohnehin selten trennen. Wer mit Pelzen und Sklaven handelte, kam mit Waffen. Gewiss ist nur das Verb: Eyvindr fiel.
Zwischen Kälvesten und der großen Welle der Ostfahrt-Steine liegt eine lange Pause. Aus dem 9. und 10. Jahrhundert kennen wir in Schweden nur wenige Runensteine überhaupt. Erst um 1000 und im 11. Jahrhundert, in der Zeit der Christianisierung, schwillt die Zahl an – vor allem in Uppland und Södermanland. Dutzende dieser Steine erwähnen Fahrten nach Osten. Sie nennen Gårdarike (das Land der Rus), Holmgard (Nowgorod), Grikkland (das Byzantinische Reich), Serkland (die islamische Welt) oder einfach austr. Riksantikvarieämbetet zählt allein für Östergötland etwa ein Dutzend Steine für Männer, die in der Fremde starben, rund die Hälfte davon im Osten – fast alle aus dem Ende der Wikingerzeit.
Den bekanntesten Block bilden die rund 26 Ingvar-Steine. Sie erinnern an Männer, die um 1036 bis 1041 mit Ingvarr, später „der Weitgereiste“ genannt, nach Osten zogen; viele erwähnen Serkland, kaum einer kehrte zurück. Der Vergleich mit Kälvesten ist aufschlussreich:
| Kälvesten (Ög 8) | Ingvar-Steine | |
|---|---|---|
| Zeit | wahrscheinlich 9. Jh. | um 1040 und kurz danach |
| Runen | Kurzzweigrunen | meist Langzweigrunen |
| Schmuck | keiner, gerade Zeilen | meist Schlangenband, oft Kreuz |
| Formel | „fiel im Osten mit Eivísl“ | „starb im Osten mit Ingvar“ |
| Religion | kein christliches Zeichen | häufig Gebet „Gott helfe seiner Seele“ |
| Ziel | nur „Osten“ | oft konkret: Serkland |
Das Grundmuster bleibt über zwei Jahrhunderte erstaunlich stabil: Ein Angehöriger setzt einen Stein, nennt den Toten, sagt, dass er im Osten starb, und mit wem. Die Mannschaft wird nach ihrem Anführer benannt. Neu sind im 11. Jahrhundert das Kreuz, das Gebet für die Seele, die genaueren Ortsangaben und die prächtige Ornamentik. Kälvesten zeigt das Grundgerüst schon fertig, nur nüchterner.
Viele Männer, die später im Osten dienten, landeten in Byzanz, in der berühmten Leibgarde der Kaiser. Diese Geschichte erzählen wir in Miklagard und die Warägergarde. Und den Weg dorthin, über Düna, Wolchow und Dnjepr, mit den gefährlichen Stromschnellen, beschreiben wir in Von den Warägern zu den Griechen. Für Eyvindrs Zeit ist das alles noch Zukunft.
Ein Runenstein ist knapp. Gerade deshalb lädt er dazu ein, ihn mit Geschichte aufzufüllen. Ein paar Dinge, die man über Kälvesten liest, gehören in die Kategorie „schöne Erzählung“:
„Eyvindr fuhr nach Byzanz oder ins Kalifat.“ Der Stein sagt nur „im Osten“. Für das 9. Jahrhundert ist das Baltikum oder der Raum um Ladoga deutlich wahrscheinlicher als Konstantinopel.
„Eyvindr fiel im Kampf um Silber.“ Die arabischen Silbermünzen, die in jener Zeit nach Norden strömen, sind eine starke Triebkraft der Ostfahrten. In unserem Artikel über die großen Silberhorte zeigen wir, wie viel davon in der Erde Skandinaviens liegt. Ob Eyvindrs Zug damit zu tun hatte, wissen wir aber nicht.
„Der Stein erzählt den Anfang der Rus.“ Er erzählt den Tod eines Mannes. Dass dieser Tod in eine Bewegung gehört, aus der später das Reich der Rus hervorging, ist unsere nachträgliche Einordnung. Für Stigr ging es um seinen Sohn.
Neben dem Rök-Stein mit seinen rund 760 Zeichen wirkt Kälvesten fast stumm. Keine Rätsel, keine Heldensage, kein Ornament. Und doch hat dieser Block etwas, das viele prächtigere Steine nicht haben: Er ist ganz bei dem einen Menschen, um den es geht. Ein Vater, ein Sohn, ein Ort, ein Gefährte. Dazu die Namen der beiden Männer, die die Runen gehauen und bemalt haben, damit sie gelesen werden.
Uns als Werkstatt berührt genau das. Wenn wir heute einen Namen und ein Datum in Schiefer oder Holz gravieren, ist das im Kern dieselbe Geste: Erinnerung, die man anfassen kann. Die Leute von Kälvesten hatten Granit, Meißel und Farbe. Wir haben einen Laser. Am Bedürfnis, dass ein Name bleibt, hat sich in elfhundert Jahren nichts geändert.
Wenn du einmal in Östergötland bist: Der Stein steht frei zugänglich auf dem Friedhof von Västra Stenby, nicht weit von Motala und vom Göta-Kanal. Nimm dir Zeit für beide Seiten – auf der lange vermauerten steht Eivísl.

Was steht auf dem Kälvesten-Runenstein? Sinngemäß: „Stigr (oder Styggr) machte diese Denkmäler nach Eyvindr, seinem Sohn. Der fiel im Osten mit Eivísl. Víkingr schrieb (bemalte) und Grímulfr.“ Die Inschrift verteilt sich auf zwei Seiten des Steins.
Wie alt ist der Kälvesten-Stein? Die meisten Runologen datieren ihn ins 9. Jahrhundert, manche genauer um 800. Eine rein stilistische Einordnung ergäbe etwa 980–1015, passt aber schlecht zu den Kurzzweigrunen. Eine naturwissenschaftliche Datierung gibt es nicht.
Ist Kälvesten der älteste Runenstein über Fahrten nach Osten? Nach verbreiteter Ansicht ja: Jansson und das schwedische Denkmalamt nennen ihn das älteste einheimische Zeugnis einer Ostfahrt. Diese Aussage hängt allerdings an der frühen Datierung.
Wo steht der Kälvesten-Runenstein? Auf dem Friedhof der Kirche von Västra Stenby in der Gemeinde Motala, Östergötland, Schweden. Er trägt die Signatur Ög 8.
Wer war Eivísl? Wahrscheinlich der Anführer der Schar, mit der Eyvindr nach Osten zog – das legt die Formel „fiel mit“ nahe. Der Name kommt sonst nur auf dem Sparlösa-Stein vor; ob beide Steine denselben Mann meinen, ist offen.
Was sind Kurzzweigrunen? Eine vereinfachte Form des jüngeren Futharks mit sehr kurzen Seitenstrichen, wohl vor allem für den Alltag auf Holz gedacht. Der Rök-Stein und Kälvesten sind die bekanntesten Beispiele auf Stein.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Langschiffe · Runen · Haithabu & Handel · Gedenken & Bestattung.
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