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Älteres und Jüngeres Futhark – der Vergleich

Runen & Schrift Älteres und Jüngeres Futhark – der Vergleich

Um das Jahr 700 schrieben die Leute im Norden mit vierundzwanzig Zeichen. Hundert Jahre später waren es sechzehn. In derselben Zeit hatte sich ihre Sprache so verändert, dass sie deutlich mehr Laute unterscheiden musste als vorher. Weniger Buchstaben für mehr Laute – das ist, als würde man einen Werkzeugkasten ausdünnen, kurz bevor die Arbeit anspruchsvoller wird. Genau das ist passiert, und es ist bis heute eine der merkwürdigsten Entscheidungen der europäischen Schriftgeschichte. Hier stehen beide Reihen nebeneinander: was sie können, wo sie herkommen, wie man sie unterscheidet.

Der Kylver-Stein mit der vollständigen Runenreihe
Der Kylver-Stein von Gotland, um 400: die älteste bekannte vollständige Reihe des Älteren Futhark, eingeritzt auf der Innenseite einer Grabplatte. Foto: Gunnar Creutz, CC BY-SA 3.0.

Vierundzwanzig und sechzehn

Runen sind keine einheitliche Schrift. Es gibt drei große Zweige, und wer sie nicht auseinanderhält, liest Inschriften falsch oder datiert sie um Jahrhunderte daneben.

Das Ältere Futhark hat vierundzwanzig Zeichen und läuft vom 2. bis ins 8. Jahrhundert. Das Jüngere Futhark hat sechzehn und beginnt um 800; es ist die Schrift der Wikingerzeit. Das angelsächsische Futhorc in England und Friesland geht den umgekehrten Weg und wächst auf achtundzwanzig bis dreiunddreißig Zeichen.

Der Name kommt jeweils von den ersten Zeichen der Reihe: f, u, þ, a, r, k. Dass die Angelsachsen ihre Reihe Futhorc nennen, liegt an einem Lautwandel – aus dem alten a-Zeichen wurde bei ihnen ein o. Eine Gesamtübersicht über beide nordischen Reihen mit allen Zeichen haben wir auf unserer Runenseite zusammengestellt.

Das Ältere Futhark: 24 Zeichen

Bekannt sind rund dreihundertfünfzig Inschriften im Älteren Futhark, etwa zweihundertsechzig davon aus Skandinavien. Der Rest verteilt sich über den germanischen Sprachraum bis nach Süddeutschland und Südosteuropa. Träger sind Fibeln, Kämme, Waffen, Brakteaten, Steine – selten längere Texte, meist Namen, Besitzvermerke, Formelwörter.

Die älteste einigermaßen sichere Inschrift steht auf einem Kamm aus dem Moorfund von Vimose in Dänemark und wird um 160 datiert. Ein einziges Wort: harja. Die älteste vollständige Reihe steht auf der Unterseite des Kylver-Steins aus Stånga auf Gotland, um 400, einer Grabplatte. Auf einigen Brakteaten ist die Reihe durch Punkte in drei Achtergruppen geteilt – die Gliederung, die man später ættir nennt.

Der berühmteste Satz dieser Schrift stand auf einem der Goldhörner von Gallehus, frühes 5. Jahrhundert:

ek hlewagastiz holtijaz horna tawido

„Ich, Hlewagast, der Holting, machte das Horn."Inschrift des zweiten Horns von Gallehus, Dänemark; Übertragung von uns. Die Deutung von holtijaz als Herkunfts- oder Vaternamen ist umstritten.

Die Sprache dieser Inschriften heißt Urnordisch. Sie hat volle Endsilben, und die vierundzwanzig Zeichen decken ihr Lautsystem ziemlich sauber ab. Ein Zeichen, ein Laut – so gut wie das bei einer Alphabetschrift eben geht. Wer die Zeichen einzeln durchgehen will, findet sie bei uns auf der Seite zum Älteren Futhark.

Das Jüngere Futhark: 16 Zeichen ab etwa 800

Zwischen etwa 650 und 800 liegt eine Übergangszeit, in der Inschriften alte und neue Formen mischen. Am Ende steht eine Reihe aus sechzehn Zeichen, und die bleibt dann für vierhundert Jahre in Gebrauch: f, u, þ, ą, r, k – h, n, i, a, s – t, b, m, l, ʀ.

Diese sechzehn Zeichen stehen auf so gut wie allen Runensteinen der Wikingerzeit. Schweden hat je nach Zählung zwischen 1.700 und 2.500 Runensteine, allein in Uppland sind fast 1.200 Inschriften verzeichnet; Dänemark kommt auf rund 250, Norwegen auf etwa 50. Der Großteil stammt aus den Jahren 950 bis 1100. Ein früher Vertreter ist der Kälvesten-Stein in Östergötland, der von einer Ostfahrt erzählt; die bekanntesten sind die Jelling-Steine aus dem späten 10. Jahrhundert. Die Zeichen dort zu lesen, üben wir auf der Seite zum Jüngeren Futhark.

Die typische Inschrift ist kurz und folgt einer Formel: X ließ diesen Stein setzen nach Y, seinem Vater oder Bruder. Dann oft: wo der Tote blieb, welchen Rang er hatte, wer die Runen ritzte, und seit dem 11. Jahrhundert eine Bitte an Gott oder Michael. Runensteine sind Denkmäler und Erbnachweise, keine Erzählungen.

Weniger Zeichen für mehr Laute – warum?

Hier liegt der eigentliche Widerspruch. Während die Reihe schrumpfte, wurde das Urnordische zum Altnordischen: Unbetonte Endsilben fielen weg, es entstanden Umlaute, aus gastiz wurde gestr. Am Ende hatte die Sprache mehr unterscheidbare Vokale als vorher, nicht weniger.

Das Ergebnis ist eine Schrift, die massiv mehrdeutig ist. Ein Zeichen musste mehrere Laute tragen: das u-Zeichen stand für u, o, y, ø und w; das i-Zeichen für i und e; das k-Zeichen für k, g und ng; das t-Zeichen für t und d; das b-Zeichen für b und p. Lange und kurze Vokale wurden nicht getrennt. Dazu kam die Gewohnheit, dieselbe Rune nicht zweimal hintereinander zu schreiben, auch wenn der Laut doppelt gesprochen wurde.

Warum man das tat, weiß niemand sicher, und seriöse Runologie sagt das auch. Diskutiert werden mehrere Gründe: eine Reihe, die man schneller lernt und schneller schneidet; eine Anpassung an den tatsächlichen Gebrauch, bei dem der Leser den Rest aus dem Zusammenhang ergänzt; ein bewusster Standard, der sich durchsetzte, weil er einfach war. Belegt ist keiner dieser Gründe. Belegt ist nur das Ergebnis.

Praktisch heißt das: Eine wikingerzeitliche Inschrift lässt sich fast nie buchstabengetreu in eine einzige Lesung überführen. Runologen geben deshalb zuerst eine Transliteration Zeichen für Zeichen, dann eine normalisierte altnordische Form, dann die Übersetzung – drei Stufen, und die Unsicherheit steckt zwischen der ersten und der zweiten.

Langzweig, Kurzzweig, stablos

Die sechzehn Zeichen kommen in verschiedenen Formen vor. Der Lautwert bleibt gleich, das Aussehen nicht.

Langzweigrunen, auch dänische oder normale Runen genannt, haben volle, weit ausgezogene Zweige. Sie stehen typischerweise auf repräsentativen Steinen; die Jelling-Steine sind das Musterbeispiel.

Kurzzweigrunen, auch schwedisch-norwegische oder Rök-Runen, kürzen die Zweige und verzichten bei mehreren Zeichen auf den durchgehenden Stab. Sie sind schneller zu schneiden und finden sich häufig auf Holz und im Alltagsgebrauch. Der Rök-Stein in Östergötland trägt beide Varianten nebeneinander, dazu Geheimrunen und eine Passage im Älteren Futhark – ein Schaustück der Runenkunst und zugleich der beste Beleg dafür, dass die Formen keine getrennten Welten waren.

Stablose Runen, nach ihrem Hauptverbreitungsgebiet auch Hälsinge-Runen genannt, treiben die Verkürzung auf die Spitze und lassen den senkrechten Hauptstab ganz weg. Sie erscheinen vom 10. bis ins 12. Jahrhundert, vor allem in Mittelschweden, und sind ohne Übung kaum lesbar.

Punktierte Runen: die Reparatur

Die Mehrdeutigkeit wurde irgendwann als Mangel empfunden. Die Lösung war einfach: ein Punkt im Zeichen. Aus der i-Rune wurde mit Punkt ein e, aus der k-Rune ein g, aus der u-Rune ein y, später aus t ein d und aus b ein p. Diese stungnar rúnar, punktierten Runen, tauchen Ende des 10. und im 11. Jahrhundert auf und sind im frühen 13. Jahrhundert voll ausgebildet.

Das Ergebnis nennt man das mittelalterliche Futhark. Es hat für jeden Laut ein Zeichen und ist damit so leistungsfähig wie das lateinische Alphabet – nur dass zu diesem Zeitpunkt das lateinische Alphabet längst da war und die Kirche damit schrieb. Runen blieben trotzdem im Gebrauch, und zwar massenhaft.

Der Beweis liegt in Bergen. Nach einem Hafenbrand 1955 wurden am Bryggen über sechshundertfünfzig Inschriften gefunden, überwiegend auf Holzstäbchen, aus dem 12. bis 14. Jahrhundert: Warenanhänger, Schuldscheine, Botschaften, Gebete, Liebesbekundungen, Zoten. Sie zeigen eine Schriftlichkeit, die mit Denkmälern nichts zu tun hat – Runen als Alltagsschrift, neben Latein und Pergament. In abgelegenen Gegenden hielt sich runisches Schreiben noch sehr viel länger; in Dalarna wurden Runen bis ins 19. Jahrhundert benutzt.

Der dritte Zweig: das angelsächsische Futhorc

Auf den britischen Inseln und an der friesischen Küste ging die Entwicklung in die andere Richtung. Dort wuchs die Reihe: zuerst auf sechsundzwanzig Zeichen, dann auf achtundzwanzig, in nordenglischen Handschriften auf über dreißig. Grund waren Lautwandel im Altenglischen, vor allem die Aufspaltung des alten a in mehrere Laute, für die man neue Zeichen schuf.

Ob die Schrift zuerst nach England oder zuerst nach Friesland kam, ist offen; das Fundmaterial entscheidet es nicht. Die früheste Inschrift aus England steht auf dem Brakteaten von Undley und wird ins späte 5. Jahrhundert gesetzt. Das bekannteste Stück ist das Franks Casket aus dem frühen 8. Jahrhundert, ein Walbeinkästchen, das germanische Sage und christliche Motive nebeneinanderstellt und Runen und lateinische Schrift mischt. Das Kurzschwert von Beagnoth, im 19. Jahrhundert aus der Themse gezogen, trägt die vollständige Reihe.

In England verschwanden die Runen früher als im Norden. Nach der normannischen Eroberung 1066 sind sie praktisch aus dem Gebrauch; Gelehrte kannten sie noch, geschrieben wurde lateinisch.

Runennamen und das Problem mit den Runengedichten

Jede Rune hat einen Namen, und das ist die Stelle, an der am meisten schiefgeht. Für das Ältere Futhark sind diese Namen nicht überliefert. Kein einziger. Was in Büchern und Tabellen steht – fehu, uruz, þurisaz, ansuz – sind Rekonstruktionen ins Urgermanische, erschlossen aus drei Quellengruppen, die alle deutlich jünger sind.

Die erste sind die Runengedichte, drei Texte, die je eine Reihe durchgehen und zu jedem Zeichen eine knappe Strophe bringen. Das altenglische Runengedicht stand in einer Handschrift, die 1731 im Brand der Cotton-Bibliothek verbrannte; es ist nur erhalten, weil George Hickes es 1705 gedruckt hatte. Das norwegische Runengedicht kennen wir aus einer Abschrift des 17. Jahrhunderts nach einer verlorenen mittelalterlichen Vorlage. Das isländische steht in Handschriften ab etwa 1500, die älteste ist stellenweise beschädigt und wird unterschiedlich gelesen.

Die zweite Quelle sind die Namen der gotischen Buchstaben, überliefert in einer Handschrift des 9. Jahrhunderts aus dem Umkreis Alkuins. Die dritte ist das Abecedarium Nordmannicum, ebenfalls 9. Jahrhundert, in einer St. Galler Handschrift: die sechzehn Zeichen des Jüngeren Futhark mit Namen in einer Mischung aus Altnordisch, Altsächsisch und Althochdeutsch. Dieser Text wurde im 19. Jahrhundert durch ein chemisches Reagenz zerstört und ist im Kern nur noch über eine Zeichnung erhalten, die Wilhelm Grimm 1828 anfertigte.

Daraus folgt eine unbequeme Rechnung: Die ältesten Namenszeugnisse liegen mehrere Jahrhunderte nach dem Ende des Älteren Futhark, die vollständigen Gedichte sogar sechs bis elf Jahrhunderte. Sie stammen aus christlicher Zeit, sie widersprechen einander, und die norwegische und die isländische Fassung deuten dieselben Zeichen verschieden. Dass die Namen grundsätzlich alt sind, macht der Gleichklang zwischen den Sprachzweigen wahrscheinlich. Was ein einzelner Name in der Zeit von Gallehus bedeutete, lässt sich nicht belegen. Wer eine Rune mit einer festen, mystischen Bedeutung ausstattet, beruft sich auf einen Text, der jünger ist als vieles, was er erklären soll. Wie wir das insgesamt einordnen, steht in unserer Einführung zu den Runen.

Beleg, Überlieferung, Deutung – sortiert

Zeitgenössisch belegt sind die Inschriften selbst: rund 350 im Älteren Futhark, mehrere tausend im Jüngeren, dazu die Holzfunde des Mittelalters. Sie sind das einzige Material, das aus der Zeit stammt, über die es Auskunft gibt.

Archäologisch belegt sind Fundort, Fundschicht und Trägerobjekt – und damit die Datierung. Ein Kamm im Moor, eine Grabplatte, ein Stab im Hafenschlamm: Der Kontext datiert die Schrift, nicht umgekehrt.

Spätere Überlieferung sind die Runengedichte, das Abecedarium Nordmannicum, die gotischen Buchstabennamen und alles, was mittelalterliche isländische Handschriften über Runen sagen. Nützlich, aber jünger als der Gegenstand.

Moderne Deutung sind die Gründe für die Reduktion auf sechzehn Zeichen, die Herkunft der Runen aus einem mediterranen Alphabet, die Frage nach Friesland oder England – und erst recht jede Zuordnung fester Bedeutungen zu einzelnen Zeichen.

Wir gravieren Runen, seit es uns gibt, und wir sagen unseren Kunden jedes Mal dasselbe: Welche Reihe, das ist keine Geschmacksfrage. Ein Name in vierundzwanzig Zeichen gehört ins 5. Jahrhundert, derselbe Name in sechzehn Zeichen in die Wikingerzeit. Wer das weiß, trägt kein Dekor, sondern ein Datum. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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