Stell dir eine Schmuckdose von der Groesse eines dicken Buches vor, geschnitzt aus dem Knochen eines gestrandeten Wals, und auf jeder Seite prallen Welten aufeinander: ein rachsuechtiger Schmied aus der germanischen Sagenwelt, die Woelfin von Rom, die Heiligen Drei Koenige und die Eroberung Jerusalems durch die roemische Armee. Dazu ringsherum Runen, die teils erklaeren, teils ein Raetsel aufgeben. Willkommen beim Franks Casket, dem vielleicht dichtesten Bilderbuch, das uns aus dem fruehen Mittelalter erhalten geblieben ist.

Das Franks Casket, auch Auzon-Kaestchen genannt, ist ein kleines Schmuck- oder Aufbewahrungskaestchen, das um das Jahr 700 im angelsaechsischen Northumbria entstand, also im Norden des heutigen England. Es misst nur rund 23 Zentimeter in der Laenge und ist aus den Knochen eines Wals geschnitzt – kein exotisches Elfenbein aus fernen Laendern, sondern ein Material, das die Nordsee an den Strand spuelte. Genau davon erzaehlt das Kaestchen sogar selbst, aber dazu spaeter mehr.
Die fuenf erhaltenen Tafeln (Deckel und vier Seiten) sind ueber und ueber mit Reliefbildern und Runenbaendern bedeckt. Es ist ein Objekt der Oberschicht, wahrscheinlich in einem kloesterlichen oder hoefischen Umfeld gefertigt, wo man lesen konnte und wo germanische Ueberlieferung, roemische Bildung und christlicher Glaube gleichzeitig zu Hause waren. Und genau das macht das Kaestchen so besonders: Es zeigt alle drei Welten – oft direkt nebeneinander.
Die Vorderseite ist das beruehmteste Stueck. Links sieht man eine Szene aus der germanischen Heldensage: Wieland den Schmied, im Altnordischen Voelund, gefangen und zur Rache getrieben. Er steht an seinem Amboss, zu seinen Fuessen liegt kopflos einer der Koenigssoehne, an denen er furchtbar Vergeltung uebt; eine Frauengestalt tritt hinzu, Voegel spielen eine Rolle. Es ist eine der aeltesten Bilddarstellungen dieser Sage ueberhaupt. Wer die ganze Geschichte kennenlernen will, findet sie bei uns im Deep-Dive ueber Voelund den Schmied.
Direkt rechts daneben – ohne Trennlinie, im selben Bildstreifen – knien die Heiligen Drei Koenige vor Maria und dem Jesuskind, ueber ihnen ausdruecklich das Wort „maegi", also die Magier. Der rachsuechtige heidnische Schmied und die Anbetung des Christuskindes teilen sich eine einzige Bildflaeche. Diese Nachbarschaft ist kein Zufall, sondern der Schluessel zum ganzen Kaestchen – und zugleich der Punkt, an dem die Forschung bis heute streitet.
Die uebrigen Seiten weiten den Blick. Eine Tafel zeigt Romulus und Remus mit der saeugenden Woelfin – der Gruendungsmythos Roms, in Northumbria in Knochen geschnitzt. Eine andere zeigt Titus und die roemische Eroberung Jerusalems im Jahr 70, komplett mit Kampf, Flucht und Gericht, beschriftet in einer Mischung aus lateinischer Schrift und Runen. Rom als Weltmacht und als Traeger des Glaubens – beides steckt in diesen Bildern.
Und dann ist da die Rueckseite, die sogenannte Hos-Tafel. Sie zeigt eine sitzende, tierartige oder pferdekoepfige Gestalt, eine Kriegergestalt und eine Figur namens „Hos" – und niemand weiss bis heute sicher, welche Geschichte hier eigentlich erzaehlt wird. Die Inschrift ist teilweise verschluesselt, die Szene laesst sich keiner bekannten Sage eindeutig zuordnen. Es ist die grosse offene Frage des Kaestchens, an der sich schon Generationen von Fachleuten die Zaehne ausgebissen haben.
Rund um die Bilder laufen Runeninschriften – und zwar nicht in nordischen Runen, sondern im angelsaechsischen Futhorc, der eigenen, erweiterten Runenreihe der Angelsachsen. Wer wissen moechte, wie sich die verschiedenen Runenreihen unterscheiden, findet das in unserem Ueberblick zu den Runen. Die Inschriften auf dem Kaestchen sind teils Bildunterschriften, teils Namen, teils Sprachspiel: An einer Stelle wechselt der Schnitzer sogar in lateinische Buchstaben und dreht die Runen absichtlich, als wollte er den Leser ein wenig fordern.
Das schoenste Stueck aber steht auf der Vorderseite: ein kleines Raetselgedicht, das erklaert, woraus das Kaestchen ueberhaupt gemacht ist. Es beschreibt einen Wal, den das Meer auf die Kueste warf, und aus dessen Bein dann das Kaestchen entstand. In eigener, sinngemaesser Uebertragung liest es sich so:
Die Flut hob den Fisch auf die Felsenkueste; der Schreckenskoenig wurde traurig, als er auf den Kies schwamm. Walbein.Franks Casket, Vorderseite, Futhorc-Inschrift; sinngemaesse Uebertragung: Glanz & Gravur
Das Objekt erzaehlt also seine eigene Herkunft: Ein Wal strandet, stirbt, und aus seinem Knochen wird ein Kunstwerk. Fuer eine Manufaktur, die Material und Herkunft ernst nimmt, ist das ein fast ruehrender Gedanke – hier spricht ein Werkstueck ueber den Stoff, aus dem es gemacht wurde.
Die Geschichte des Objekts selbst ist ein kleines Abenteuer. Ueber Jahrhunderte war es aus dem Blick verschwunden; im 19. Jahrhundert tauchte es im franzoesischen Auzon wieder auf, wo es Berichten zufolge zeitweise als Naehkaestchen gedient haben soll. Dabei ging es zu Bruch, und die Tafeln wurden getrennt. Der groesste Teil gelangte schliesslich ins British Museum in London – gestiftet von Augustus Wollaston Franks, nach dem das Kaestchen heute benannt ist. Eine einzelne Tafel, die rechte Seite, blieb zurueck und liegt heute im Museo Nazionale del Bargello in Florenz. Im British Museum ist die fehlende Tafel deshalb durch einen Abguss ersetzt – das Kaestchen ist bis heute nicht vollstaendig an einem Ort vereint.
Das Franks Casket ist ein Fenster in einen Moment, in dem sich Weltbilder ueberlagerten, ohne einander sofort auszuloeschen. Der heidnische Schmied und die Heiligen Drei Koenige, Rom und Jerusalem, germanische Sage und biblische Geschichte – all das steht auf demselben Objekt, geschnitzt von einer Hand. Die feine, flaechige Bildsprache mit ihren verschraenkten Koerpern und dem Blick fuer Muster passt gut in die Zeit der grossen nordeuropaeischen Tierstile und Ornamentik, auch wenn das Kaestchen selbst noch vorwikingerzeitlich und angelsaechsisch ist. Und die Runen erinnern daran, dass Schrift damals nicht nur Information war, sondern Handwerk, Schmuck und manchmal auch bewusstes Raetsel – ein Gedanke, der auch bei der Runenweihe und ihren Formeln mitschwingt.
Beleg: Das Franks Casket ist ein real erhaltenes Objekt aus Walknochen, entstanden um 700 im angelsaechsischen Northumbria, heute groesstenteils im British Museum, eine Tafel im Bargello in Florenz. Gesichert sind die dargestellten Motive (Wieland/Voelund, Anbetung der Magier, Romulus und Remus mit der Woelfin, Titus vor Jerusalem, die Hos-Szene) sowie die Runeninschriften im angelsaechsischen Futhorc, darunter das Raetselgedicht ueber den Wal, aus dessen Bein das Kaestchen gefertigt ist. Der Name geht auf den Stifter Augustus Wollaston Franks zurueck.
Mythos-Check: Das Franks Casket ist ein ANGELSAECHSISCHES Objekt mit altenglischen Runen (Futhorc) – es ist NICHT wikingerzeitlich-nordisch, auch wenn die Motive verwandt wirken. „Franks" bezieht sich auf den Sammler Franks, nicht auf das Volk der Franken. Die Deutung der Hos-Tafel ist bis heute ungeloest; keine bekannte Sage passt sicher dazu. Und ob die Zusammenstellung heidnischer und christlicher Bilder ein durchdachtes theologisches Programm ist oder eher eine gelehrte Bildungsschau, wird in der Forschung unterschiedlich gesehen – wer dir eine einzige „richtige" Deutung verkauft, geht ueber ehrliche Unsicherheit hinweg.
Wer das Franks Casket zum ersten Mal in Ruhe betrachtet, merkt schnell: Hier hat jemand ein regelrechtes Bilderprogramm auf Streichholzschachtel-Format gequetscht. Jede der fuenf erhaltenen Tafeln erzaehlt ihre eigene Geschichte, und keine ist zufaellig gewaehlt.
Die Vorderseite ist geteilt. Links steht die germanische Heldensage: Wieland der Schmied in seiner Werkstatt, um ihn herum die Werkzeuge, zu seinen Fuessen der kopflose Leichnam eines Koenigssohnes. Wieland reicht einen Becher, den er aus einem Schaedel gefertigt hat, hinueber an Beadohild, die Tochter des Koenigs Nidhad, der ihn hatte laehmen und gefangenhalten lassen. Rechts daneben, durch keine Linie getrennt und doch Welten entfernt, die Anbetung der Koenige: drei Magier folgen dem Stern zu Maria und Kind, ueber ihnen die Runengruppe „maegi". Rache und Erloesung, Heidnisches und Christliches, direkt nebeneinander. Wer die Wieland-Sage in ihrer ganzen Tiefe kennenlernen will, findet sie bei uns im eigenen Artikel ueber Voelund den Schmied.
Der Deckel ist nur teilweise erhalten und zeigt eine Belagerungsszene. Ein Bogenschuetze, ueber dem die Rune-Beschriftung „aegili" steht, verteidigt im Alleingang eine Halle gegen anstuermende Krieger. Man deutet ihn meist als Egil, den Bruder Wielands und meisterhaften Schuetzen der nordischen Ueberlieferung. Die genaue Erzaehlung dahinter bleibt uns verschlossen.
Die linke Seite holt Rom ins Bild: Romulus und Remus, gesaeugt von der Woelfin, umgeben von Hirten. Die Runeninschrift nennt die beiden „zwei Brueder", die eine Woelfin fern von Rom naehrte.
Die Rueckseite zeigt Titus und die Eroberung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr., den Tempel im Zentrum, dazu Szenen von Flucht und Gericht. Ihre Inschrift ist ein Kuriosum ersten Ranges: Sie wechselt mitten im Satz zwischen Latein und Altenglisch und ebenso zwischen lateinischen Buchstaben und Runen. Die Woerter „dom" (Gericht) und „gisl" (Geisel) markieren das Thema.
Die rechte Seite schliesslich ist das grosse Raetsel. Man sieht ein Tier (oft als Pferd gelesen), eine sitzende Gestalt auf einem Huegel, kapuzentragende Figuren und die Beschriftung „Hos". Wer hier dargestellt ist, weiss bis heute niemand sicher.
Beleg: Alle fuenf Bildtafeln sind am Original bzw. am Abguss der Florentiner Tafel erhalten und ihre Runenbeschriftungen („maegi", „aegili", die Romulus-Remus-Zeile, „dom"/„gisl", „Hos") sind epigraphisch gelesen. Die Zuordnung der Motive zu Wieland, Anbetung, Romulus und Remus sowie Titus ist durch Bild und Beischrift gesichert.
Mythos-Check: Dass der Bogenschuetze „Aegili" wirklich Wielands Bruder Egil ist, ist die wahrscheinlichste, aber nicht die einzige Deutung. Und die rechte Tafel wird je nach Forscher voellig unterschiedlich erklaert. Wer behauptet, ihre Bedeutung sei „geklaert", ueberschaetzt unseren Wissensstand deutlich.
Das vielleicht Schoenste am Franks Casket steht nicht in einem Bild, sondern im Rahmen der Vorderseite. Dort laeuft eine alliterierende Inschrift um die Bildtafeln, und sie erzaehlt, woraus das Kaestchen ueberhaupt gemacht wurde: aus dem Knochen eines Wals, der gestrandet ist.
Die Flut warf den Fisch auf die Felsenklippe; da wurde der Schreckenskoenig traurig, als er auf den Kies schwamm. Walbein.Vorderseiten-Inschrift des Franks Casket; sinngemaesse Uebersetzung: Glanz & Gravur
Das ist im Kern ein Raetsel, dessen Loesung das Objekt selbst ist: „Walbein" nennt der letzte Halbvers das Material, aus dem der Betrachter gerade abliest. Ein Schmied oder Schnitzer, der sein Werkstueck sprechen laesst, das ist genau der augenzwinkernde Geist, den wir an solchen Stuecken lieben. Runen konnten eben mehr sein als nuechterne Beschriftung; ueber die Bandbreite von Alltagsschrift bis Weiheformel schreiben wir ausfuehrlicher im Beitrag zur Runenweihe.
Noch raffinierter wird es auf der rechten Tafel. Dort sind die Vokale nicht als normale Runen geschrieben, sondern durch eigens erfundene Chiffre-Zeichen ersetzt. Wer die Inschrift lesen will, muss den Schluessel kennen. Das ist kein Zauber, sondern gelehrtes Spiel mit Schrift, ein Beweis dafuer, dass hier Menschen am Werk waren, die Runen wirklich beherrschten und Freude daran hatten, den Leser zu fordern.
Beleg: Die Rahmeninschrift der Vorderseite ist vollstaendig erhalten und alliteriert regelmaessig; der Schlussbegriff „hronaes ban" (Walbein) benennt das Material. Auf der rechten Tafel sind fuer die Vokale eigene, vom Standard-Futhorc abweichende Chiffre-Formen belegt.
Mythos-Check: Die Chiffre-Runen sind ein Verschluesselungsspiel, kein „Geheimalphabet mit magischer Kraft". Und wo einzelne Woerter der rechten Tafel beschaedigt sind, bleiben moderne Lesungen Rekonstruktion, nicht Gewissheit.
Das Franks Casket entstand um das Jahr 700 im angelsaechsischen Northumbria, also im Norden Englands, in derselben Bluetezeit von Kloestern und Buchkunst, die uns auch die grossen Evangeliare beschert hat. Es ist damit ein enger Zeitgenosse jener Welt, die nur wenige Jahrzehnte spaeter durch den Ueberfall auf Lindisfarne jaeh gestoert wurde.
Gefertigt ist das Kaestchen aus Walknochen, geschnitzt in flachem Relief. Die Rahmeninschrift verweist, wie gesehen, auf einen gestrandeten Wal als Rohstoffquelle. Die Fundgeschichte ist fast so verwickelt wie das Bildprogramm: Das Kaestchen tauchte im 19. Jahrhundert im franzoesischen Auzon in der Auvergne auf, wo es sich im Besitz einer Familie befand und offenbar zeitweise als Naehkaestchen diente, bevor es auseinanderfiel. Der groesste Teil gelangte an den britischen Sammler und Kurator Sir Augustus Wollaston Franks, der ihn 1867 dem British Museum in London stiftete, wo das Stueck bis heute seinen Namen traegt.
Eine der Tafeln ging jedoch getrennte Wege: Die rechte Seitenplatte liegt im Museo Nazionale del Bargello in Florenz. Im British Museum ist sie deshalb nur als Abguss zu sehen, sodass der Betrachter das Kaestchen wenigstens als Ganzes nachvollziehen kann, auch wenn das Original ueber zwei Laender verteilt ist.
Beleg: Das Franks Casket ist aus Walknochen gefertigt und wird kunsthistorisch und sprachlich ins fruehe 8. Jahrhundert nach Northumbria eingeordnet. Vier Tafeln plus Deckel liegen im British Museum, die rechte Seitentafel im Bargello in Florenz; die Erwerbung durch A. W. Franks und die Schenkung an das British Museum sind dokumentiert.
Mythos-Check: „Um 700" ist eine gut begruendete Naeherung aus Stil und Sprache, kein auf das Jahr genaues Datum. Und das Material ist Walknochen, nicht Elfenbein; die gelegentlich zu lesende Bezeichnung als „Elfenbeinkaestchen" ist ungenau.
Warum ausgerechnet diese Zusammenstellung? Wieland der raechende Schmied, die Zwillinge unter der Woelfin, der roemische Feldherr vor Jerusalem und die Weisen aus dem Morgenland, das wirkt auf den ersten Blick wie ein wildes Durcheinander. Die Forschung ist sich jedoch weitgehend einig, dass hier bewusst gestaltet wurde: heidnisch-germanische Sage, roemische Geschichte und christliche Heilsgeschichte treffen auf engstem Raum aufeinander.
Von den fruehen Lesungen Arthur Napiers um 1900 bis zu den Arbeiten von Leslie Webster reicht die Bemuehung, ein verbindendes Thema zu finden. Wiederkehrende Motive sind Verbannung und Rueckkehr, Rache und Gerechtigkeit, das Schicksal von Koenigen und die Frage, wie irdische Macht und goettliche Vorsehung zusammenhaengen. Die Anbetung der Koenige neben Wielands Rache liest sich dann weniger als Widerspruch denn als kunstvolle Gegenueberstellung: verschiedene Wege, wie Herrschaft und Erloesung gedacht werden konnten.
Wozu das Kaestchen diente, ist eine eigene offene Frage. Ein Reliquiar zur Aufbewahrung heiliger Gegenstaende ist ebenso vorgeschlagen worden wie ein kostbares Behaeltnis fuer ein fuerstliches Geschenk, vielleicht ein Buch oder Schmuck. Fuer beides spricht der enorme Aufwand; entschieden ist es nicht.
Beleg: Die Kombination aus Wieland-Sage, Romulus und Remus, Titus vor Jerusalem und der Anbetung der Koenige ist am Objekt gesichert; dass germanische, roemische und christliche Stoffe bewusst nebeneinandergestellt sind, ist Konsens der Forschung.
Mythos-Check: Ein einziges, alles erklaerendes „Programm" hat bislang niemand zweifelsfrei nachgewiesen. Die zahlreichen Deutungen sind Interpretationen; welche Funktion das Kaestchen genau hatte, bleibt offen.
Ein Punkt ist wichtig, gerade weil das Franks Casket so oft in einem Atemzug mit „den Wikingern" genannt wird: Die Runen des Kaestchens gehoeren zum angelsaechsischen Futhorc, nicht zu den nordischen Reihen der Wikingerzeit. Das aeltere gemeingermanische Futhark umfasste 24 Zeichen. Auf den britischen Inseln wuchs diese Reihe im Altenglischen auf bis zu rund 33 Zeichen an, weil die Sprache neue Laute entwickelt hatte, fuer die man neue Runen brauchte. Genau in dieser erweiterten Reihe sind die Inschriften des Kaestchens geschrieben.
Im hohen Norden ging die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung: Dort schrumpfte das Futhark zum juengeren, sechzehnzeichigen Futhark der Wikingerzeit. Wer beide Wege sauber auseinanderhalten will, findet die Grundlagen in unserem Ueberblick zu den Runen und die wissenschaftliche Tiefe in der Abhandlung ueber Herkunft und Geschichte der Runen.
Das Franks Casket ist also ein angelsaechsisches Werk aus dem fruehen 8. Jahrhundert, entstanden bevor die Wikingerzeit ueberhaupt begann. Es zeigt eine christlich gepraegte, gelehrte Kultur, die ihre eigene germanische Vergangenheit nicht verleugnete, sondern kunstvoll mit roemischer und biblischer Ueberlieferung verwob.
Beleg: Die Inschriften des Franks Casket sind in altenglischer Sprache und im angelsaechsischen Futhorc abgefasst, das gegenueber dem 24-zeichigen aelteren Futhark auf bis zu rund 33 Zeichen erweitert wurde. Das juengere, sechzehnzeichige Futhark der Wikingerzeit ist eine getrennte, spaetere Entwicklung im Norden.
Mythos-Check: Das Franks Casket ist kein „Wikinger-Objekt". Es ist rund ein Jahrhundert aelter als die Wikingerzeit und angelsaechsisch, nicht altnordisch. Die genaue Zahl der Futhorc-Zeichen schwankt je nach Region und Handschrift; „bis zu etwa 33" ist eine Naeherung, keine feste Groesse.

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