Manche Sagengestalten leben durch ihre Taten, wenige durch ihre Werke – und ganz wenige durch beides. Völundr, den die Deutschen Wieland und die Angelsachsen Weland nennen, ist der große Schmied der germanischen Überlieferung: ein Mann, dessen Hände Wunderdinge schaffen und dessen Rache so kalt und maßvoll geschmiedet ist wie eine Klinge auf dem Amboss. Seine Geschichte ist eine der ältesten und am weitesten verbreiteten des Nordens – und sie gehört zu den düstersten.

Völundr ist kein Ase und kein Wane. Er taucht in keiner Götterliste auf, empfängt keinen Kult und regiert keine Welt. Und doch steht er über den gewöhnlichen Menschen: Sein Werk ist so vollkommen, dass es an Zauberei grenzt, und die Lieder-Edda nennt ihn vísi álfa und álfa ljóði – „Fürst der Alben" oder „Genosse der Alben". Was das genau bedeutet, ist unklar; die Edda gebraucht den Begriff schillernd, und ob damit ein übernatürliches Wesen, ein besonders kunstfertiger Mensch oder eine dritte, verlorene Vorstellung gemeint ist, lässt sich nicht mehr entscheiden.
Fest steht: Völundr ist der Schmied schlechthin. Wo im germanischen Sprachraum ein sagenhafter Meister der Esse gebraucht wird, trägt er dessen Namen. Er ist die Figur, an der sich die alte Welt vorstellte, was ein Mensch mit Feuer, Eisen und Geschick zu leisten vermag – und was geschieht, wenn man einen solchen Mann zum Sklaven macht.
Die Hauptquelle ist die Völundarkviða, überliefert im Codex Regius der Lieder-Edda (Handschrift um 1270, der Stoff selbst deutlich älter). Das Lied beginnt friedlich, fast märchenhaft: Drei Brüder – Völundr, Egill und Slagfiðr – leben im Wolfstal, als drei Frauen aus dem Süden zu ihnen kommen, walküren- oder schwanenhafte Wesen, die Flachs spinnen und Schicksale wirken.
Mädchen flogen von Süden
durch Myrkwald den dunkeln,
alkundige, junge,
ihr Schicksal zu erfüllen.Völundarkviða 1; Übersetzung Karl Simrock, 1851
Sieben Winter bleiben die Frauen, im achten sehnen sie sich fort, im neunten sind sie verschwunden – dem eigenen Schicksal folgend, wie die schicksalskundigen Wesen des Nordens es tun. Zwei Brüder ziehen aus, sie zu suchen. Völundr aber bleibt allein zurück und schmiedet: rote Goldringe, einen nach dem anderen, und wartet auf die Rückkehr seiner Frau. Genau dieses Warten wird ihm zum Verhängnis.
Níðuðr, König der Njaren, erfährt vom einsamen Schmied und seinem Gold. Er lässt ihn im Schlaf überfallen und fesseln. Als Völundr erwacht, ist er ein Gefangener. Der Ring, den er für seine Frau gefertigt hat, steckt nun am Finger der Königstochter Bǫðvildr; sein eigenes Schwert trägt der König.
Auf den Rat der Königin hin lässt Níðuðr dem Schmied die Kniesehnen durchschneiden. Es ist eine kühl berechnete Grausamkeit: Der Gelähmte kann nicht mehr fliehen, aber seine Hände bleiben unversehrt. Man setzt ihn auf eine einsame Insel namens Sævarstöð, allein mit Esse und Werkzeug, und zwingt ihn, für den König zu arbeiten. Aus dem freien Meister ist ein nützliches Werkzeug geworden. Die Edda hält seinen Zustand in wenigen, harten Zeilen fest – Völundr sitzt, schläft nicht und schlägt mit dem Hammer, und sinnt.
Was folgt, ist eine der finstersten Episoden der nordischen Dichtung, und die Quelle erzählt sie nicht mit Triumph, sondern nüchtern, fast protokollarisch. Die beiden jungen Söhne des Königs kommen heimlich zur Insel, um die Schätze des Schmieds zu bestaunen. Völundr lockt sie ans Werk, tötet sie und verbirgt die Leichname unter dem Blasebalg.
Dann setzt er seine Kunst gegen seine Peiniger ein. Aus den Schädeln der Knaben fertigt er in Silber gefasste Trinkschalen und schickt sie dem König; aus ihren Augen macht er Edelsteine für die Königin; aus ihren Zähnen fertigt er Schmuck für Bǫðvildr. Der Hof trägt und benutzt die Gebeine der eigenen Kinder, ohne es zu wissen. Als Bǫðvildr ihren zerbrochenen Ring – den Ring seiner Frau – zum Schmied bringt, um ihn heimlich richten zu lassen, betäubt Völundr sie mit Bier und schändet sie. Die Rache ist damit vollständig: An Söhnen und Tochter des Königs hat er das Leid vergolten, das man ihm angetan hat.
Zuletzt erhebt sich Völundr lachend in die Luft und entkommt. Bevor er fortfliegt, offenbart er dem König alles: was aus seinen Söhnen geworden ist und was mit seiner Tochter geschah. Er lässt Níðuðr geschworen zurück, dem gelähmten Schmied nichts zu tun – ein Gefangener, der seinen Kerkermeister zerbrochen zurücklässt. Es ist eine Geschichte ohne Sieger, nur mit einem Überlebenden.
Kaum eine germanische Sage ist so weit gewandert. In England erscheint Weland auf dem Franks Casket, einem Walknochenkästchen des frühen 8. Jahrhunderts: Dort ist die Racheszene in Bild gebannt – der Schmied an der Esse, ein kopfloser Körper zu seinen Füßen, Bǫðvildr, die den Becher empfängt. Die Kunst der Runenritzung und die Bildsprache verschmelzen auf diesem Stück; wer die Zeichen darauf entziffern will, findet mehr dazu in unserem Beitrag zum Franks Casket und zur Welt der Runen.
Das altenglische Gedicht Deor nennt Weland und Beadohild (Bǫðvildr) als Beispiele erlittenen und überwundenen Leids. Die spätere kontinentale Þiðreks saga macht Wieland zum Vater des Helden Wittich und bettet ihn in den großen Sagenkreis um Dietrich von Bern und die Nibelungen ein – dieselbe Erzählwelt, in der auch die Geschichte von Sigurd und dem Drachenhort spielt. Und in der englischen Landschaft trägt ein neolithisches Hügelgrab in Oxfordshire bis heute den Namen Wayland's Smithy – „Wielands Schmiede". Der Volksglaube erzählte, wer sein Pferd dort über Nacht mit einer Münze zurücklasse, finde es am Morgen frisch beschlagen. Ein sagenhafter Schmied, an den man sich noch Jahrhunderte später hielt.
Völund ist eine zutiefst zwiespältige Figur, und darin liegt seine Wucht. Er ist der Bewahrer und Mehrer von Schönheit – Ringe, Klingen, Schmuck von unerreichter Güte gehen aus seinen Händen hervor. Und er ist der Vollstrecker einer Rache, die vor nichts zurückschreckt. Beides gehört zusammen: Gerade weil seine Kunst so groß ist, wiegt die Erniedrigung so schwer; und gerade weil man ihm die Freiheit nahm, verwandelt er sein Handwerk in eine Waffe. Der Amboss, an dem er Schönes schuf, wird zum Ort des Grauens.
Man sollte den Stoff nicht glätten. Die alte Dichtung feiert Völunds Rache nicht als Heldentat, sie stellt sie hin, kalt und vollständig, und überlässt dem Hörer das Urteil. Wie die schicksalskundigen Frauen zu Beginn – verwandt jenen Mächten, die im Norden das Los der Menschen spinnen, den Nornen – steht am Ende ein Geschehen, das seinen Lauf nimmt, weil es einmal in Gang gesetzt wurde. Völundr fliegt davon, aber niemand geht ungezeichnet aus dieser Geschichte hervor.
Beleg: Die Hauptquelle ist die Völundarkviða der Lieder-Edda (Codex Regius, Handschrift um 1270). Weland auf dem Franks Casket (frühes 8. Jh., heute im British Museum) und die Nennung in Deor bezeugen die Sage unabhängig im angelsächsischen England; die kontinentale Þiðreks saga (13. Jh.) macht Wieland zum Vater Wittichs. Wayland's Smithy in Oxfordshire trägt den Namen seit dem Frühmittelalter (belegt in einer Urkunde des 10. Jh.). Die Grundzüge – Gefangenschaft, Lähmung, Rache an den Königskindern, Flucht durch die Luft – stimmen über diese weit auseinanderliegenden Zeugnisse hinweg überein.
Mythos-Check: Völundr ist ein sagenhafter Schmied, kein Gott – er erhält keinen Kult und steht in keiner Götterliste. Die Edda nennt ihn álfa ljóði („Genosse/Fürst der Alben"), doch die Deutung als „Elb" ist unsicher; der Begriff bleibt vieldeutig. Wie er entkommt, schwankt zwischen den Fassungen: Die Þiðreks saga lässt ihn ein Federkleid bauen, das ihn wie einen Vogel trägt; die Völundarkviða deutet den Flug nur an und erklärt ihn nicht. Und die Sage ist gemeingermanisch, nicht spezifisch wikingerzeitlich: Ihre Wurzeln reichen ins frühe Mittelalter und darüber hinaus, quer durch den nord- und westgermanischen Raum.
Die Völundarkviða, das eigentliche Wieland-Lied der Älteren Edda, ist uns nur an einer einzigen Stelle vollständig erhalten: im Codex Regius, jener isländischen Pergamenthandschrift des späten 13. Jahrhunderts, die auch die Völuspá und die Hávamál bewahrt. Ohne dieses eine Buch wüssten wir vom nordischen Völundr fast nichts – ein Gedanke, der die ganze Überlieferung so zerbrechlich macht wie einen kalten Amboss im Moor.
Dem Lied ist eine kurze Prosa-Einleitung vorangestellt, die den heutigen Leser überrascht: Sie erzählt gar nicht sofort von Rache und Sehnen, sondern von einer stillen, fast zärtlichen Vorgeschichte. Drei Brüder – Völundr, Egill und Slagfiðr, Söhne eines Königs im hohen Norden – hausen in einem Tal namens Úlfdalir, den „Wolfstälern". Eines Morgens finden sie am Seeufer drei Frauen, die ihre Schwanengewänder abgelegt haben und Flachs spinnen. Es sind walkürenhafte Wesen; die Handschrift nennt sie Hlaðguðr svanhvít, Hervǫr alvitr und Ǫlrún. Die Brüder nehmen sie zu Frauen, und sieben Winter leben sie glücklich zusammen.
„Mädchen flogen von Süden / durch Myrkwid, den finstern,
allwissend die jungen, / ihr Schicksal zu erfüllen;
sie saßen am Seestrand / und rasteten aus,
die Frauen des Südens, / und sponnen kostbaren Lein."
Völundarkviða; Übertragung Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Doch im achten Winter zieht es die Schwanenjungfrauen fort, im neunten fliegen sie davon. Egill und Slagfiðr ziehen suchend hinaus in die Welt – Völundr aber bleibt zurück und schmiedet Ringe für die eine, deren Rückkehr er erhofft. Genau in diese Einsamkeit hinein bricht später König Níðuðr ein. Das berühmte Grauen des Liedes – Lähmung, Gefangenschaft, Rache – wächst also aus einer Liebesgeschichte, und diese Klammer aus Sehnsucht und Verlust ist der eigentliche Herzschlag des Textes.
Wieland gehört zu den ganz wenigen Sagengestalten, die man nicht nur lesen, sondern auch anschauen kann – und zwar Jahrhunderte, bevor die isländische Handschrift entstand. Das eindrucksvollste Zeugnis ist das Franks Casket, ein angelsächsisches Kästchen aus Walbein vom frühen 8. Jahrhundert. Auf seiner Vorderseite steht die Wieland-Szene unmittelbar neben der Anbetung der Heiligen Drei Könige: links die Schmiede, in der Völundr mit der Zange einen kopflosen Körper hält – den erschlagenen Königssohn –, während eine Frauengestalt, gedeutet als Bǫðvildr, mit einer Dienerin ans Werk herantritt. Dass ein christlicher Kunsthandwerker die heidnische Rachegeschichte und die Geburt Christi in einem Bildfeld vereinte, sagt viel über die Selbstverständlichkeit, mit der beide Welten damals nebeneinander lebten. Zu diesem Prachtstück und seiner Runenschrift haben wir einen eigenen Deep-Dive über das Franks Casket.
Auch im Norden begegnet man ihm im Stein. Auf gotländischen Bildsteinen – der bekannteste ist Ardre VIII – meint die Forschung eine Schmiede zu erkennen, dazu kopflose Gestalten und, am Rand, eine Figur am Werkstatttor. Solche Bildsteine sind keine Illustrationen im modernen Sinn, sondern verdichtete Erzählzeichen; ihre Deutung bleibt oft ein vorsichtiges Vielleicht. Wer sich für die Formensprache dieser Steine interessiert, findet mehr in unserem Überblick über die nordischen Tier- und Kunststile.
Nirgends war Wieland so gegenwärtig wie im frühmittelalterlichen England, wo er Weland heißt. Sein Name klebte sogar an der Landschaft: Ein neolithisches Hügelgrab in Oxfordshire, unweit des berühmten Uffington-Weißpferds, trägt bis heute den Namen Wayland's Smithy – „Welandes smiððan", Welands Schmiede. Schon eine angelsächsische Grenzbeschreibung des 10. Jahrhunderts nennt den Ort so. Dass man ein tausende Jahre älteres Steingrab dem sagenhaften Schmied zuschrieb, zeigt, wie tief er im Volksglauben verwurzelt war.
In der Dichtung taucht er als Maßstab für höchste Handwerkskunst auf. Im Beowulf ist Beowulfs Brünne „Welandes geweorc" – ein Werk Welands, was so viel heißt wie: das Beste, was es gibt. Die altenglische Trostelegie Deor beginnt mit seinem Leid und dem der Königstochter Beadohild (Bǫðvildr) und macht daraus den Kehrreim, dass auch dieses vorüberging. Und König Alfred der Große setzte in seiner Übersetzung von Boethius' „Trost der Philosophie" für die „Gebeine des Fabricius" kurzerhand die Gebeine Welands ein und fragte: Wo sind nun die Knochen des weisen Goldschmieds Weland? Ein antiker Name wird durch einen germanischen ersetzt – selbstverständlicher könnte eine Sage nicht heimisch geworden sein.
Auch auf dem Festland kannte man ihn. Die norwegische Þiðreks saga aus dem 13. Jahrhundert, eine Sammlung kontinentaler Heldensagen rund um Dietrich von Bern, enthält als eigenen Abschnitt die Geschichte des Schmieds Velent. Dort wird ihm eine ganze Herkunft gegeben: Er ist Sohn des Riesen Vaði und lernt sein Handwerk beim sagenhaften Schmied Mímir und bei zwei Zwergen im Berg – eine Lehrzeit, die seine unheimliche Kunstfertigkeit erklären soll. Sein Sohn wiederum ist Viðga (Wittich, Witige), ein gefeierter Held des Dietrich-Kreises.
So verzahnt sich Wieland mit dem großen kontinentalen Sagenschatz, zu dem auch die Geschichte um Sigurd und die Nibelungen gehört – unser Artikel über Sigurd den Drachentöter zeigt, wie eng diese Stoffe verwandt sind. Der Befund ist eindeutig: Wieland ist keine rein nordische Figur, sondern gemeingermanisches Erbe. Vom angelsächsischen England über das fränkisch-deutsche Festland bis nach Skandinavien erzählte man von demselben Schmied – ein seltener Fall, in dem sich eine Gestalt über Sprachgrenzen und Jahrhunderte hinweg fassen lässt.
Warum gerade ein Schmied? In einer Welt, in der Metall über Leben und Tod, Ernte und Krieg entschied, war der Mann am Feuer immer beides zugleich: unentbehrlich und ein wenig unheimlich. Er zwang das rohe Erz in Form, er beherrschte Feuer und Verwandlung – Fähigkeiten, die an Zauber grenzten. Diese Doppelnatur trägt Völundr in Reinform: der größte Künstler und zugleich der kälteste Rächer.
Es ist reizvoll, ihn mit Gestalten anderer Überlieferungen als Typus zu vergleichen. Der griechische Hephaistos ist wie Völundr ein hinkender, gelähmter Schmiedegott – und der Daedalus der Sage entkommt seinem Gefängnis, wie Völundr, durch selbstgebaute Flügel. Solche Parallelen belegen keine direkte Entlehnung; sie zeigen eher, dass Völker unabhängig voneinander im Schmied dieselbe Grenzfigur zwischen Kunst, Macht und Gefahr erkannten. Die Edda selbst rückt Völundr ins Übermenschliche: Sie nennt ihn „vísi álfa" und „álfa ljóði", Fürst der Alben. Ob das auf eine elbisch-überirdische Natur deutet, auf eine fremde, vielleicht nördlich-samische Herkunft oder schlicht auf seine unbegreifliche Kunst, ist bis heute umstritten. Für uns bleibt der Schmied, der aus Leid Kunst und aus Kunst Freiheit schmiedet – und dessen Werk, wie schon der Beowulf wusste, das höchste Lob war, das ein Gegenstand tragen konnte.
Beleg: Die Völundarkviða steht vollständig nur im Codex Regius (spätes 13. Jh.). Weland ist im angelsächsischen Beowulf (V. 455, „Welandes geweorc"), in der Elegie Deor und in Alfreds Boethius-Übersetzung namentlich bezeugt; der Ortsname Wayland's Smithy erscheint in einer Grenzbeschreibung des 10. Jh. Bildliche Zeugnisse sind das Franks Casket (frühes 8. Jh., Walbein) und gotländische Bildsteine wie Ardre VIII. Die kontinentale Fassung Velent überliefert die Þiðreks saga (13. Jh.).
Mythos-Check: Die Zuordnung von Wayland's Smithy zu Weland ist Volksüberlieferung – das Hügelgrab ist Jahrtausende älter als die Sage. Deutungen einzelner Figuren auf Bildsteinen (Ardre VIII) bleiben Interpretation, kein gesichertes Bildprogramm. Die Parallelen zu Hephaistos und Daedalus sind typologisch, kein Beweis für Entlehnung. Und die Bezeichnung „Fürst der Alben" (álfa ljóði) ist in ihrer Bedeutung offen und sollte nicht vorschnell als Beleg für einen „Elbengott" gelesen werden.

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