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Die Wikinger im Osten – Waräger, die Rus & Byzanz

Geschichte & Funde Die Wikinger im Osten – Waräger, die Rus & Byzanz

Wenn wir an Wikinger denken, sehen wir meist Langschiffe an englischen Klosterküsten und Segel über der Nordsee. Doch ein ganzer Zweig der nordischen Welt fuhr in die entgegengesetzte Richtung: nach Osten. Vor allem schwedische Fahrer, die man Waräger nannte, folgten nicht der Küste, sondern den großen Flüssen des Ostens – dem Wolchow, dem Dnjepr und der Wolga. Diese Ströme waren ihre Straßen: hinein in die Weite Osteuropas, hinunter nach Byzanz und weiter bis in die Märkte des Kalifats. Aus Händlern, Söldnern und Siedlern wuchs dort mit der Zeit ein neues Gebilde, das den Namen Rus trug – ein Wort, das bis heute in Russland und der Ukraine nachhallt. Diese Seite bündelt, was wir über die Wikinger im Osten wissen, und verweist auf unsere ausführlichen Einzelartikel.

Warum es nach Osten ging

Der Westen lockte mit Klosterschätzen und fruchtbarem Ackerland; der Osten lockte mit Silber. Das Kalifat der Abbasiden prägte im 9. und 10. Jahrhundert Silbermünzen in gewaltiger Zahl, und dieses Silber wollte gegen die Waren des Nordens getauscht werden: Pelze aus den nördlichen Wäldern, Wachs, Honig, Bernstein – und, so unbequem es klingt, versklavte Menschen. Für schwedische Fahrer, die ohnehin am Rand der Ostsee saßen, lag der Weg nach Osten näher als jeder Zug nach England. Wichtig ist dabei: Diese Fahrten waren zuerst Handel, nicht Raubzug. Wer flussaufwärts wollte, musste verhandeln, Zölle zahlen, Bündnisse schließen und im Winter geduldig warten. Das Bild vom brandschatzenden Berserker passt hier schlecht; treffender ist das Bild eines bewaffneten Kaufmanns, der zugleich Ruderer, Träger, Diplomat und im Notfall Krieger war. Die Boote waren entsprechend klein und leicht: keine mächtigen Drachenschiffe, sondern wendige Fahrzeuge, die man notfalls von der Mannschaft über eine Landbrücke tragen konnte. Wer den Osten befuhr, dachte in Jahren, nicht in Wochen – oft überwinterte man unterwegs, lernte fremde Sprachen und heiratete in fremde Familien ein.

Staraja Ladoga und die frühen Handelsplätze

Der Osten begann nicht mit einem Eroberungszug, sondern mit einem Marktplatz. Am Fluss Wolchow, wo er in den Ladogasee mündet, entstand Staraja Ladoga (altnordisch Aldeigjuborg) – nach den Ergebnissen der Dendrochronologie schon um die Mitte des 8. Jahrhunderts, also noch vor dem Überfall auf Lindisfarne 793. Hier trafen sich Skandinavier, Finnen, Balten und Slawen, hier fanden Archäologen frühe Glasperlen-Werkstätten und die erste importierte silberne Münzflut aus dem Orient. Ladoga war das Tor: Wer weiter nach Süden wollte, musste hier vorbei. Von solchen Umschlagplätzen aus tastete sich der Handel Flussabschnitt für Flussabschnitt in den Kontinent vor. Weiter im Landesinneren wuchs später das Gorodischtsche bei Nowgorod, ein befestigter Fürstensitz, der die Fäden dieses Netzes zusammenzuhalten begann. Es ging nicht um Ruhm, sondern um den steten Fluss der Waren – und um die Kontrolle jener Punkte, an denen sich Wasserwege kreuzten. Wer eine solche Furt oder Schleuse beherrschte, konnte Zoll erheben, Schutz verkaufen und Bündnisse schmieden; aus dieser Logik der Knotenpunkte wuchsen später die Fürstentümer des Ostens.

Rurik und die Entstehung der Rus

Die berühmteste Erzählung über die Anfänge der Rus steht in der altrussischen Nestorchronik. Sie berichtet, die zerstrittenen Stämme im Norden hätten „über das Meer" nach den Warägern gesandt und einen Fürsten namens Rurik gerufen, der sich zunächst im Raum Nowgorod niederließ; seine Nachfolger machten Kiew am Dnjepr zum Mittelpunkt eines weiten Reiches. Aus diesem Geflecht von Flussstädten, Tributgebieten und Handelswegen wurde die Kiewer Rus – ein Staat, in dem sich nordische Oberschicht und slawische Bevölkerung rasch verbanden. Schon eine Generation später tragen die Fürsten slawische Namen, und aus dem nordischen Waldemar wird Wladimir. Wie viel an Rurik Person und wie viel Rückprojektion späterer Chronisten ist, bleibt umstritten; die Chronik entstand rund zweihundert Jahre nach den Ereignissen und wollte einer Dynastie einen würdigen Ahnherrn geben. Sicher ist: Der Weg führte vom Handelsposten zur Herrschaft, und aus einer nordischen Kriegerhandelsschicht wurde binnen weniger Generationen eine slawisch sprechende, orthodox getaufte Dynastie – die Taufe Wladimirs 988 besiegelte diesen Wandel. Mehr dazu in unserem Deep-Dive Die Kiewer Rus.

Von den Warägern zu den Griechen

Die wichtigste Achse trug einen eigenen Namen: „der Weg von den Warägern zu den Griechen". Er führte über Flüsse und Seen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und weiter nach Konstantinopel. Wo zwei Flusssysteme sich nicht berührten, mussten die Boote über Land geschleppt oder gerollt werden – über sogenannte Portagen, die den Fahrern alles abverlangten. Sein gefährlichstes Stück waren die Stromschnellen des Dnjepr, an denen die Boote entladen und teils getragen werden mussten – ein Nadelöhr, an dem die Reisenden Steppenreitern schutzlos ausgeliefert waren. Ein außergewöhnliches Zeugnis liefert der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos in seinem Handbuch „De administrando imperio" (Mitte des 10. Jahrhunderts): Er nennt die Stromschnellen doppelt – einmal „auf Slawisch", einmal „auf Russisch", und die „russischen" Namen sind eindeutig altnordisch. Namen wie Ulvorsi, Gelandri oder Baruforos sind für die Sprachgeschichte Gold wert, denn sie zeigen schwarz auf weiß, dass die Rus jener Zeit nordisch sprachen. Den ganzen Weg samt seiner Namen entfalten wir in Der Weg von den Warägern zu den Griechen.

Die Warägergarde in Miklagard

Am Ende dieses Weges lag Miklagard, „die große Stadt" – Konstantinopel. Für die Nordmänner war sie das schillernde Ziel schlechthin: reichste Metropole der bekannten Welt, mit Mauern, Kuppeln und Gold, wie es der karge Norden nicht kannte. Aus den Fahrern wurden dort Krieger im Dienst des Kaisers. Die Warägergarde, ab dem späten 10. Jahrhundert fassbar, war eine Elite-Leibwache, in der Skandinavier für gutes Silber ihr Leben verpfändeten. Ihr berühmtester Mann war der spätere norwegische König Harald Hardrada, der als junger Fürst in byzantinischen Diensten Karriere machte, ehe er heimkehrte und schließlich 1066 bei Stamford Bridge fiel. Nordische Runenritzer haben in der Hagia Sophia ihre Spuren hinterlassen, und auf schwedischen Runensteinen wird der Tod in „Grikkland" beklagt – steinerne Nachrufe auf Männer, die den Weg nach Süden nicht überlebten. Der Sold aus Byzanz floss zurück in den Norden und finanzierte manchen Hof, manchen Runenstein, manche Hochzeit. Für einen jungen Mann aus einem schwedischen Dorf war der Dienst in Miklagard das, was für andere die England- oder Irlandfahrt bedeutete: eine Chance auf Silber, Ansehen und Abenteuer – mit dem Wissen, dass viele nicht zurückkehrten. Wer heimkam, kam als reicher Mann und als lebende Legende. Mehr dazu in Miklagard und die Warägergarde.

Die Wolga-Route, die Bulgaren und das Silber

Neben dem Dnjepr gab es eine zweite große Straße, die noch weiter reichte: die Wolga. Sie führte nicht nach Byzanz, sondern zu den Wolgabulgaren an der mittleren Wolga und von dort ins Reich der Chasaren und in das Kalifat der Abbasiden. Auf diesem Weg kam jenes islamische Silber in den Norden, das in tausenden Funden auf Gotland, in Schweden und im Baltikum ans Licht kam: die Dirham-Münzen, oft zerhackt zu Hacksilber, das man nach Gewicht verwog – mit Klappwaagen und kleinen Bronzegewichten, die zur Standardausrüstung des ostfahrenden Händlers gehörten. Ohne den orientalischen Silberstrom ist die skandinavische Wikingerzeit kaum zu denken; als er im späten 10. Jahrhundert versiegte, geriet das ganze Handelssystem des Nordens ins Wanken. Der eindrücklichste Augenzeugenbericht stammt vom arabischen Gesandten Ibn Fadlan, der 921/922 an der Wolga auf eine Gruppe der Rus traf und ihr Aussehen, ihren Handel und ein aufwendiges Schiffsbegräbnis beschrieb. Sein Text ist eine der wichtigsten und zugleich fremdesten Quellen zur Ostwelt der Wikinger – nachzulesen in Ibn Fadlan und die Rus an der Wolga.

Die Ostsee als Bindeglied

All das begann nicht im luftleeren Raum. Bevor ein Schiff den Wolchow hinauffuhr, hatte es die Ostsee gequert – und die war längst ein dicht befahrenes Binnenmeer, in dem Skandinavier und Westslawen Tür an Tür lebten und handelten. An der südlichen Küste blühten Handelsstädte wie Wolin an der Odermündung, wo slawische und skandinavische Kultur so eng verschmolzen, dass die Sagas den Ort später zum sagenhaften Jomsborg verklärten. Weiter westlich saßen slawische Nachbarn wie die Obodriten, deren Markt Reric die dänischen Könige so ernst nahmen, dass sie ihn ausräumten und die Kaufleute nach Haithabu zwangen. Der „Osten" war also kein fernes Anderes, sondern die natürliche Fortsetzung eines Netzes, das an der eigenen Haustür begann. Auf Gotland, der großen Handelsinsel mitten in der Ostsee, liefen viele dieser Fäden zusammen – kein Zufall, dass gerade dort die reichsten Silberhorte des ganzen Wikingerraums im Boden lagen. Die Ostsee war die Schwelle, hinter der die Flussstraßen des Ostens begannen – und wer sie verstehen will, muss den ganzen Bogen sehen: von der eigenen Küste über die slawischen Nachbarn bis zu den goldenen Mauern von Miklagard. Wer sehen will, wie unterschiedlich Dänen, Schweden und Norweger ihre Fahrtrichtungen wählten, findet den Überblick in Regionale Wikinger; die südliche Ostseewelt beleuchten Wolin und Jomsborg sowie Die Obodriten.

Keine beßre Bürde / bringt man auf den Weg / als tiefen Verstand; / besser als Reichtum / dünkt er im fremden Land, / des Dürftigen Zuflucht ist er.Hávamál, Strophe 11, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)

Beleg: Staraja Ladoga ist durch Dendrochronologie und frühe Dirham-Funde als Handelsplatz der Mitte des 8. Jahrhunderts gesichert. Die altnordischen Namen der Dnjepr-Stromschnellen stehen im „De administrando imperio" Kaiser Konstantins VII. Der Bericht Ibn Fadlans von 921/922 ist zeitnah und unabhängig. Die riesigen Silberhorte auf Gotland belegen den Fluss orientalischen Silbers in den Norden. All das ist Quelle und Fund, nicht Legende.

Mythos-Check: Die Frage nach dem Ursprung der Rus – skandinavisch oder slawisch – ist seit dem 18. Jahrhundert ein politisch aufgeladener Streit (der „Normannismus"-Streit) und bis heute nicht ideologiefrei. Die ehrliche Antwort ist eine Verschmelzung: eine nordisch geprägte Führungsschicht, die rasch in einer slawischen Mehrheitsbevölkerung aufging. Dass „Rus" ursprünglich Wikinger meinte, ist die gut begründete Mehrheitsdeutung, aber nicht unumstritten. Vorsicht auch bei Rurik: Seine angeblichen Brüder „Sineus" und „Truvor" gelten vielen Forschern als Missverständnis der Chronik – altnordisches „sine hus" (sein Haus/Gefolge) und „thru varing" (treue Gefolgschaft) könnten fälschlich zu Personennamen geworden sein. Rurik selbst bleibt eine Gestalt zwischen Geschichte und Gründungssage.

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