Wo heute Mecklenburg und Ostholstein liegen, herrschte einst der mächtigste Slawenbund des Westens – Verbündete Karls des Großen und zähe Gegner der Sachsenherzöge.
Zwischen dem 7. und dem 12. Jahrhundert war der Raum zwischen unterer Elbe und Ostsee nicht germanisch, sondern slawisch. Der mächtigste Verband dort waren die Obodriten (auch Abodriten), ein Bündnis mehrerer Stämme im heutigen Mecklenburg und Ostholstein. Sie sind ein Stück deutscher Geschichte, das oft vergessen wird – dabei tragen ganze Landstriche bis heute ihren Namen und ihr Erbe.
„Obodriten" war ein Sammelname. Dazu gehörten die eigentlichen Obodriten um die Mecklenburg, die Wagrier in Ostholstein, die Polaben an der Elbe und die Warnower. Die deutschen Nachbarn nannten sie pauschal „Wenden". Ihre Welt bestand aus zahllosen Ringwallburgen, Fischerdörfern und Handelsplätzen entlang der Küste und der Flüsse – eine bäuerlich-kriegerische Gesellschaft, geführt von Fürsten (Knesen), aber ohne festes Reich im heutigen Sinn.
Anders als man erwartet, waren die Obodriten oft Verbündete der Franken. In Karls des Großen Sachsenkriegen kämpften sie an fränkischer Seite gegen die aufständischen Sachsen – und wurden dafür belohnt: Nach der Unterwerfung Nordelbiens erhielten sie Teile des sächsischen Landes. Die fränkischen Reichsannalen nennen ihren Fürsten Drasco (Thrasco). Dieses Bündnis hatte einen hohen Preis: 808 fiel der Dänenkönig Godfred ein, verwüstete das Obodritenland und zerstörte ihren blühenden Handelsplatz Reric – ein Schlag, der zugleich Haithabus Aufstieg einleitete. Drasco wurde 809 auf Godfreds Geheiß ermordet.
Die Obodriten saßen an einer der wichtigsten Handelsachsen der Wikingerzeit. Reric – nach heutiger Deutung wahrscheinlich der Fundplatz Groß Strömkendorf bei Wismar – war ein internationaler Umschlagplatz, an dem slawische, skandinavische und friesische Kaufleute Waren tauschten. Dass ein Dänenkönig eigens eine Flotte schickte, um diesen Markt zu zerstören und die Kaufleute nach Haithabu umzusiedeln, zeigt, wie bedeutend der obodritische Handel war. Später übernahmen Orte wie Alt-Lübeck (Liubice) diese Rolle – die Keimzelle des späteren Lübeck.
Das Herz des Landes war die Mecklenburg („Michelenburg", die große Burg) bei Wismar – ein gewaltiger Ringwall, der dem ganzen späteren Land den Namen gab. Von hier aus regierte im 11. Jahrhundert das Fürstengeschlecht der Nakoniden. Ein zweiter Machtsitz war Starigard (Oldenburg in Holstein), die Burg der Wagrier. Diese Burgen waren nicht nur Wehranlagen, sondern Fürstensitze, Marktorte und Kultplätze zugleich.
Die Geschichte der Obodriten ist ein ständiges Ringen zwischen Anpassung und Widerstand. Fürst Gottschalk förderte im 11. Jahrhundert das Christentum – und wurde 1066 im heidnischen Aufstand erschlagen; der Heide Kruto riss die Macht an sich. Erst Gottschalks Sohn Heinrich stellte die christliche Herrschaft wieder her. Den Schlusspunkt setzte Fürst Niklot, der sich bis zuletzt gegen Heinrich den Löwen und den Wendenkreuzzug 1147 wehrte und 1160 im Kampf fiel. Sein Sohn Pribislaw aber unterwarf sich, wurde Christ und Reichsfürst – und begründete das Fürstenhaus Mecklenburg, eine slawischstämmige Dynastie, die bis 1918 regierte. So endete die obodritische Eigenständigkeit nicht mit Auslöschung, sondern mit Verschmelzung.
Wie alle Elbslawen waren die Obodriten lange heidnisch. Der Chronist Helmold von Bosau beschreibt ihre heiligen Haine, Götzenbilder und Tempel, etwa den Kult des Prove bei Oldenburg oder des Radegast/Svarožić. Bäume und Quellen galten als heilig, Priester deuteten das Los und das heilige Pferd. Vieles davon kennen wir nur aus der feindlichen Außensicht christlicher Chronisten – ein Problem, das die slawische Religion mit der germanischen teilt.
Die Obodriten sind nicht verschwunden – sie sind aufgegangen. Ihr Name lebt im Land Mecklenburg und in seinem Fürstenhaus weiter; ungezählte Ortsnamen auf -ow, -itz und -in (Bützow, Malchow, Teterow) sind slawischen Ursprungs. Und in der Lausitz halten die Sorben bis heute eine slawische Sprache und Kultur lebendig – die letzten unmittelbaren Nachfahren jener Welt, die einst von der Elbe bis zur Ostsee reichte.
Die Obodriten lebten von Ackerbau, Viehzucht und Fischfang, vor allem aber vom Handel. Aus ihren Werkstätten stammt die typische slawische Keramik (Feldberger, Fresendorfer und Menkendorfer Ware), die Archäologen bis heute als Leitfund nutzen. Honig und Wachs, Felle, Getreide und – wie bei allen Ostseevölkern jener Zeit – auch Sklaven gingen über ihre Märkte. Silber kam in Form arabischer Dirhams und westlicher Münzen ins Land; Hacksilber-Horte belegen, dass hier dieselbe Gewichtsgeldwirtschaft galt wie bei den Wikingern. Die Obodriten waren also kein abgeschottetes „Barbarenvolk", sondern Teil des großen Ostsee-Handelsnetzes von Haithabu über Birka bis nach Nowgorod. Gerade die Verflechtung mit den Skandinaviern war eng: In slawischen Küstenorten saßen auch nordische Händler, und umgekehrt finden sich slawische Keramik und Schmuck in wikingerzeitlichen Häfen wie Haithabu und auf Gotland. Wer die Wikingerzeit an der südlichen Ostsee verstehen will, muss die Slawen mitdenken – sie waren Nachbarn, Handelspartner und Rivalen zugleich.
Das auffälligste Erbe der Obodriten sind ihre Ringwallburgen. Hunderte solcher Anlagen prägen bis heute die Landschaft Mecklenburgs und Ostholsteins – kreisrunde Wälle aus Holz, Erde und Stein, die als Fürstensitz, Fluchtburg und Kultplatz dienten. Die besterforschte ist die Anlage von Groß Raden, wo Archäologen neben Häusern und Werkstätten auch ein Gebäude mit geschnitzten Bohlen freilegten, das als Tempel gedeutet wird. Solche Funde geben dem, was die Chronisten nur andeuten, ein greifbares Gesicht.
Ein Wendepunkt war der Wendenkreuzzug von 1147 – ein vom Papst gebilligter Kreuzzug nicht ins Heilige Land, sondern gegen die heidnischen Nachbarn im Osten. Sächsische und dänische Heere zogen gegen die Obodriten unter Niklot, der mit einem Präventivschlag zur See antwortete. Militärisch endete der Zug ohne klaren Sieg, doch er läutete das Ende ein: Von nun an standen Eroberung, Christianisierung und deutsche Ostsiedlung Hand in Hand. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde aus dem Slawenland das christliche Fürstentum Mecklenburg.
Die Lage der Obodriten war ein ständiger Balanceakt zwischen drei Mächten: dem dänischen Königreich im Norden, den sächsischen Herzögen im Westen und den polnischen Piasten im Osten. Mal verbündeten sie sich mit der einen gegen die andere, mal zahlten sie Tribut, mal schlugen sie zurück. Diese Zwischenlage machte sie über Jahrhunderte zu einem eigenständigen Machtfaktor an der Ostsee – und erklärt zugleich, warum ihr Land am Ende zwischen den erstarkenden christlichen Reichen aufgerieben wurde. Wer die Geschichte Norddeutschlands verstehen will, kommt an diesem slawischen Kapitel nicht vorbei.
„Die Obodriten, die man heute Wenden nennt … waren tapfere Männer und den Franken oft treue Bundesgenossen."nach Helmold von Bosau, Chronica Slavorum (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

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