Reric war ein früher Seehandelsplatz an der südwestlichen Ostseeküste, den der Dänenkönig Göttrik (lateinisch Godofridus) im Jahr 808 zerstörte; seine Kaufleute ließ er abziehen, bevor er mit der Flotte zum Hafen Sliesthorp an der Schlei zurückkehrte. So berichten es die fränkischen Reichsannalen. Heute gilt der Fundplatz Groß Strömkendorf an der Wismarer Bucht als sehr wahrscheinlicher Ort von Reric. Wir zeigen dir, was die Quelle wirklich sagt, was die Grabungen der 1990er Jahre zutage brachten und warum die Geschichte von der „Verlagerung nach Haithabu“ komplizierter ist, als sie klingt.
Manche Orte kennen wir nur, weil jemand ihr Ende aufgeschrieben hat. Reric gehört dazu. Was wir aus Schriftquellen wissen, passt auf eine halbe Seite: zwei Einträge in den fränkischen Reichsannalen, zu den Jahren 808 und 809. Der eine meldet die Zerstörung, der andere einen Mord. Danach schweigt die Überlieferung.
Dass wir heute trotzdem über Brunnen, Werkstätten und Gräber dieses Ortes reden können, verdanken wir einem ehrenamtlichen Denkmalpfleger, einigen Jahren Ausgrabung an der Wismarer Bucht und sehr viel Holz, das sich jahrgenau datieren ließ. Reric ist damit ein Lehrstück dafür, wie Schriftquelle und Spaten zusammenarbeiten – und wo sie sich gegenseitig auch mal widersprechen.
Die Reichsannalen (lateinisch Annales regni Francorum) sind eine Jahreschronik, die am Hof Karls des Großen und seiner Nachfolger geführt wurde. Sie sind nah am Geschehen, erzählen aber aus der Sicht des Kaisers. Dänen und Slawen kommen vor, wenn sie die Grenzen des Reiches berühren.
Zum Jahr 808 heißt es, Göttrik habe vor seiner Rückkehr einen Handelsplatz an der Meeresküste zerstört. Der entscheidende Halbsatz lautet im Original:
„destructo emporio, quod in oceani litore constitutum lingua Danorum Reric dicebatur“ – „nachdem er den Handelsplatz zerstört hatte, der an der Meeresküste lag und in der Sprache der Dänen Reric genannt wurde“Annales regni Francorum zum Jahr 808 (eigene Übertragung)
Drei Dinge stecken in diesem kurzen Satz, und alle drei sind wichtig.
Erstens: „Reric“ ist der dänische Name. Die Annalen sagen ausdrücklich, dass der Ort in der Sprache der Dänen so hieß. Wie die slawischen Bewohner ihn nannten, wissen wir nicht. Schon das zeigt, wie stark der Platz nach Norden ausgerichtet war.
Zweitens: Der Satz geht weiter. Reric habe dem Reich „jenes“ Herrschers großen Nutzen durch Abgaben gebracht – gemeint ist im Satzzusammenhang Göttriks eigenes Reich. Die englische Übersetzung von P. D. King gibt das als „conferred great benefit on his kingdom through the payment of tolls“ wieder. Das ist ein Punkt, den viele populäre Darstellungen falsch erzählen, auch unsere eigene ältere Fassung dieses Artikels: Dort hieß es, Reric habe dem Obodritenfürsten reiche Zölle eingebracht. Die Quelle sagt etwas anderes. Nach ihrem Wortlaut zahlte Reric Abgaben an den Dänenkönig. Göttrik zerstörte also, folgt man den Annalen, einen Ort, von dem er selbst profitiert hatte. Warum er das tat, sagt die Quelle nicht – und genau hier beginnen die Deutungen.
Drittens: Die Kaufleute wurden „translatis“, also fortgebracht oder umgesiedelt. Danach ließ Göttrik die Flotte ablegen und kehrte „mit dem ganzen Heer zum Hafen, der Sliesthorp heißt“, zurück. Wohin die Kaufleute genau gebracht wurden, steht nicht im Text. Dass sie an der Schlei neu angesiedelt wurden, ist eine naheliegende und weit verbreitete Lesart, weil Flotte und Heer dorthin zurückkehrten. Ausdrücklich gesagt wird es nicht.
Um zu verstehen, warum ein dänischer König an der Wismarer Bucht auftauchte, müssen wir kurz zurückblenden. Die Abodriten oder Obodriten waren ein Verband westslawischer Stämme zwischen Kieler Förde, Elbe und Warnow. Mehr über sie liest du in unserem Artikel über die Obodriten. Zu ihrem Verband gehörten auch die Wagrier in Ostholstein mit ihrer Hauptburg Starigard, dem heutigen Oldenburg in Holstein.
In den Sachsenkriegen Karls des Großen standen die Abodriten auf fränkischer Seite. 798 schlugen sie gemeinsam mit einem fränkischen Gesandten die nordelbischen Sachsen. 804, nachdem Karl die Sachsen jenseits der Elbe hatte umsiedeln lassen, überließ er den Abodriten nach dem Bericht der Annalen die nordelbischen Gaue. Damit grenzten die Verbündeten des Kaisers plötzlich unmittelbar an das Reich der Dänen. Was dieses Grenzland bedeutete, haben wir in unserem Beitrag über Nordalbingien ausführlich beschrieben.
Im selben Jahr 804 erschien Göttrik mit Flotte und Reiterei bei Sliesthorp „an der Grenze seines Reiches und Sachsens“. Ein vereinbartes Treffen mit Karl kam nicht zustande; man verhandelte über Gesandte. Göttrik ist der erste dänische König, der in fränkischen Quellen als echter Machtfaktor greifbar wird – ein Herrscher mit Flotte, Heer und eigener Grenzpolitik.
808 setzte Göttrik mit einem Heer in das Land der Abodriten über. Die Annalen erzählen das ungewöhnlich ausführlich. Karl schickte seinen gleichnamigen Sohn mit Franken und Sachsen an die Elbe, um die Grenze zu sichern. Göttrik lagerte mehrere Tage an der Küste und nahm einige slawische Burgen mit Gewalt.
Die Bilanz ist hart. Den Abodritenfürsten Thrasco vertrieb er, einen zweiten Anführer namens Godelaib nahm er durch List gefangen und ließ ihn hängen. Zwei Drittel der Abodriten machte er sich tributpflichtig. Unterstützt wurde er von den Wilzen (auch Veleter genannt), einem slawischen Nachbarverband, der mit den Abodriten seit langem verfeindet war und sich freiwillig anschloss. Billig war der Sieg aber nicht: Göttrik verlor nach den Annalen seine besten Krieger, darunter seinen Neffen Reginold, der mit vielen dänischen Großen bei der Belagerung einer Burg fiel.
Erst „vor seiner Rückkehr“ zerstörte er Reric. Und im selben Atemzug berichten die Annalen, er habe beschlossen, die gegen Sachsen gerichtete Grenze seines Reiches durch einen Wall zu sichern, mit nur einem Tor für Wagen und Reiter. Das ist die berühmte Nachricht, die man mit dem Danewerk verbindet. Archäologisch ist das Danewerk deutlich älter als 808, Göttriks Wall ist also eher ein Ausbau als ein Neubau. Für Reric heißt das: Zerstörung des Handelsplatzes, Abzug der Kaufleute, Rückkehr nach Sliesthorp und Grenzwall stehen in den Annalen eng beieinander. Ob die Hofchronisten hier einen echten Plan erkannten oder nur Ereignisse aneinanderreihten, ist Deutungssache.
Karl der Jüngere verwüstete unterdessen jenseits der Elbe das Land der Linonen und Smeldinger, die ebenfalls zu Göttrik übergelaufen waren. Zu einer Schlacht zwischen Franken und Dänen kam es nicht.
Hier wird es für die Geschichte von Reric richtig interessant. Denn der Ort verschwindet 808 eben nicht spurlos. 809 verhandelten Franken und Dänen in Badenfliot an der Elbe, ohne Ergebnis. Thrasco, der vertriebene Abodritenfürst, hatte Göttrik inzwischen auf dessen Forderung hin seinen Sohn als Geisel übergeben. Mit sächsischer Hilfe griff er dann die Wilzen an und eroberte die Hauptburg der Smeldinger, womit er die abgefallenen Teile seines Volkes zurückgewann.
Dann folgt der knappe Satz: Thrasco, Fürst der Abodriten, sei im emporium Reric von Göttriks Leuten heimtückisch getötet worden. Ein Jahr nach der „Zerstörung“ gibt es also noch einen Ort namens Reric, den die Annalen weiterhin als Handelsplatz bezeichnen, und ein abodritischer Fürst hält sich dort auf.
Das hat Folgen für jede Deutung. „Zerstört“ heißt im Jahr 808 offenbar nicht „ausradiert“. Vielleicht wurde der Ort niedergebrannt und notdürftig weiter genutzt, vielleicht blieben Teile der Bevölkerung. Die Archäologie, wie wir gleich sehen, passt erstaunlich gut zu diesem Bild eines Ortes, der nach dem Schlag noch kurz weiterlebte.
Göttrik selbst überlebte Thrasco nicht lange. 810 ließ er eine Flotte von angeblich 200 Schiffen Friesland heimsuchen; kurz darauf wurde er von einem Mann seiner eigenen Gefolgschaft erschlagen. Sein Neffe Hemming schloss Frieden mit Karl.
Lange war Reric nur ein Name ohne Ort. Historiker suchten ihn an vielen Stellen: in Oldenburg in Holstein, im Raum Lübeck, bei der Mecklenburg südlich von Wismar oder bei Alt-Gaarz an der Ostsee. Alt-Gaarz bekam 1938 sogar den Namen „Rerik“, den das Ostseebad bis heute trägt – eine Ortsbenennung aus Überzeugung, nicht aus Beweisen. Der Badeort hat mit dem frühmittelalterlichen Handelsplatz nach heutigem Forschungsstand nichts zu tun.
Die Wende brachte die Ostseeküste an der Wismarer Bucht. Bei Groß Strömkendorf, einem Dorf auf der Ostseite der Bucht gegenüber der Insel Poel, fielen schon in den 1980er Jahren frühmittelalterliche Funde auf. 1986 brachte der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger H. Kruse aus Rostock den Fundplatz erstmals mit dem emporium Reric in Verbindung. Zwischen 1989 und 1991 untersuchte F. Wietrzichowski Teile der Siedlung und vertrat die Gleichsetzung, die in der Fachliteratur zunächst auch auf Kritik stieß.
Die großen Grabungen folgten von 1995 bis 1999 in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt unter Leitung des Archäologen Hauke Jöns, getragen vom Landesamt für Bodendenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern und dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Kiel. Dabei wurde das Gräberfeld vollständig und die Siedlung in großen Teilen freigelegt. Die Ergebnisse erscheinen seither in der Reihe „Forschungen zu Groß Strömkendorf“: Torbjörn Brorsson legte 2010 die Keramik vor, Astrid Tummuscheit 2011 die Baubefunde, Marcus Gerds und Michael Wolf 2015 das Gräberfeld.
Was Groß Strömkendorf so wertvoll macht, sind seine Brunnen. Mehr als 70 wurden entdeckt, über 40 davon mit erhaltener Holzauskleidung. Aus diesen Hölzern konnten zahlreiche Proben mit der Dendrochronologie datiert werden – der Jahrringdatierung, bei der das Muster breiter und schmaler Jahresringe mit einer Referenzkurve verglichen wird. Ist die letzte Wachstumsschicht unter der Rinde erhalten, die sogenannte Waldkante, kennt man das Fälljahr auf das Jahr genau.
Astrid Tummuscheit hat aus diesen Daten vier Siedlungsphasen herausgearbeitet:
Mit den Annalen im Kopf gelesen: Das passt zu einem Ort, der 808 einen schweren Schlag erlitt, 809 noch als emporium bezeichnet wird und dann ausläuft. Gerade die Daten nach 808 sind wichtig: Sie zeigen, dass jemand dort noch Brunnen instand hielt, als Göttrik längst abgezogen war.
Die Archäologin Sunhild Kleingärtner hat deshalb betont, dass die späte Phase schon vor 808 Zeichen des Rückgangs zeigt und dass der Angriff eher einen laufenden Prozess beschleunigte, als ihn auszulösen. Ob man ihr folgt oder nicht: Die Funde erzählen eine eigene Geschichte, die sich nicht auf einen Annaleneintrag verkürzen lässt.
Die Siedlung bestand vor allem aus Grubenhäusern: kleinen Gebäuden, deren Boden in die Erde eingetieft war, mit einem Dach auf Pfosten darüber. Fast 100 davon wurden ausgegraben und dokumentiert. Solche Häuser dienten als Werkstätten, Lager oder Wohnraum. Die Siedlungsfläche zog sich entlang der Küste; der Platz lag an tiefem Wasser, ideal für Schiffe, die keine Hafenmole brauchten, sondern einen flachen Strand und eine geschützte Bucht.
In den Hausgruben fanden sich die Spuren dessen, wovon ein solcher Ort lebte. Es gibt Hinweise auf Textilherstellung, auf Eisen- und Buntmetallverarbeitung sowie Halbfabrikate und Abfälle aus der Arbeit mit Glas, Bernstein und Horn. Gefunden wurden auch Depots von Wetzsteinen aus Schiefer, die aus Norwegen stammen – eine Handelsware, die im ganzen Norden gefragt war, und ein schöner Hinweis darauf, wie weit die Wege von der Wismarer Bucht aus reichten.
Spannend ist auch die Keramik. Die meisten Gefäße gehören slawischen Machart-Gruppen, vor allem dem sogenannten Sukower Typ, daneben Feldberger Ware. Torbjörn Brorsson konnte mit naturwissenschaftlichen Analysen zeigen, dass die importierte Keramik vor allem aus Skandinavien und von der Nordseeküste kam, mit einer bemerkenswerten Zahl von Scherben aus dem Rheinland und der Eifel. Darunter ist die Tatinger Ware, eine feine, oft mit Zinnfolie verzierte Keramik, die man aus großen Handelsplätzen wie Dorestad und Birka kennt. Groß Strömkendorf hing also am selben Netz wie die großen Emporien des Nordseeraums.
Und Münzen? Hier ist Vorsicht angebracht. Die Ostsee des 8. Jahrhunderts war noch keine Münzlandschaft. Arabisches Silber, das später den Handel der Wikinger prägte, erreichte den Ostseeraum in größerem Umfang erst gegen Ende des 8. und vor allem im 9. Jahrhundert. Wie viele und welche Münzen in Groß Strömkendorf gefunden wurden, konnten wir für diesen Artikel nicht aus einer verlässlichen Quelle prüfen. Deshalb nennen wir keine Zahlen. Sicher ist: Die frühesten skandinavischen Münzen, die sogenannten Sceattas aus Ribe, gehören in dieselbe Welt der frühen Nordseehäfen, mit der Reric verbunden war.
Auf dem älteren, nördlichen Siedlungsareal legten die Ausgräber ein Gräberfeld vollständig frei. Rund 240 Bestattungen von Menschen sind gesichert, dazu ein gutes Dutzend Tiergräber. Die Toten wurden auf zwei Arten beigesetzt: als Körpergräber und als Brandgräber, teils in Urnen, teils in Gruben oder mit Brandschüttung.
Besonders auffällig sind die Bootsgräber. Sechs Tote wurden in Booten skandinavischer Bautradition bestattet, in Klinkerbauweise, also mit überlappenden Planken, die mit Eisennieten verbunden waren. Vom Holz ist nichts mehr übrig; was die Archäologen fanden, sind die Nieten in ihrer ursprünglichen Lage, die den Umriss der Boote nachzeichnen. Bootsgräber sind eine typisch nordische Sitte, die man aus Schweden, Norwegen und Dänemark kennt. Dass sie hier an der slawischen Küste auftauchen, spricht dafür, dass Menschen aus Skandinavien nicht nur durchreisten, sondern in Reric lebten und starben.
Zudem gibt es eine Kammergrabanlage. Die anthropologische Untersuchung durch Michael Wolf erschließt zusätzlich Alter, Geschlecht und Lebensbedingungen der Bestatteten. Zur Datierung: Das Gräberfeld gehört ins 8. und frühe 9. Jahrhundert. Wie genau sich Belegung und Siedlungsende zeitlich verzahnen, wird in der Fachliteratur diskutiert; die Grabbeigaben sprechen für eine weitgehende Gleichzeitigkeit mit der Siedlung.
Die naheliegende Antwort lautet: alle, die etwas zu verkaufen hatten. Die Hausformen zeigen slawische, skandinavische und sächsische Bautraditionen. Die Keramik stammt überwiegend aus slawischer Produktion, mit Importen aus Skandinavien, dem Nordseeraum und dem Rheinland. Die Gräber verbinden slawische Brandbestattung mit nordischen Bootsgräbern.
Daraus ergibt sich das Bild eines Ortes, an dem Abodriten den Rahmen stellten – Land, Nahrung, Arbeitskraft, wohl auch Schutz –, während skandinavische Händler und Handwerker einen wichtigen Teil der Bevölkerung bildeten. Der dänische Name in den Annalen und die Abgaben an Göttriks Reich passen dazu. Ein Knotenpunkt also, an dem verschiedene Herrschaftsansprüche zusammenliefen. Genau das machte ihn verwundbar.
Die bekannteste Deutung lautet: Göttrik zerstörte Reric, um dessen Kaufleute an die Schlei zu holen. Dort sollten sie den Handel bei Haithabu ankurbeln, im Schutz des Grenzwalls und unter der Kontrolle des Königs. Haithabu wäre damit gewissermaßen das Erbe von Reric. Diese These von der „Verlagerung“ ist elegant, und sie hat Argumente auf ihrer Seite.
Dafür spricht die zeitliche Nähe: Göttrik zerstörte Reric, nahm die Kaufleute mit, kehrte nach Sliesthorp zurück und ließ den Wall ausbauen – alles in einem Annaleneintrag. Dafür spricht auch die Logik: Ein König, der Abgaben aus einem Handelsplatz zieht, der aber in einem unsicheren, umkämpften Grenzland liegt, könnte versucht sein, diesen Handel näher an seinen eigenen Machtbereich zu holen. Und tatsächlich wuchs Haithabu im 9. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Handelsorte Nordeuropas heran.
Dagegen oder zumindest zur Vorsicht mahnen mehrere Punkte. Erstens nennt die Quelle kein Ziel für die Kaufleute. Zweitens gab es an der Schlei schon vor 808 Siedlungsaktivität; Haithabu entstand nicht aus dem Nichts. Drittens ist umstritten, welcher Ort genau mit „Sliesthorp“ gemeint ist. Manche setzen ihn mit Haithabu gleich, andere denken an den Königshof im Raum Füsing auf der gegenüberliegenden Schleiseite. Diese Debatte haben wir in unserem Artikel über Sliasthorp und Füsing nachgezeichnet. Viertens zeigt die Dendrochronologie, dass in Groß Strömkendorf nach 808 noch gebaut wurde.
Eine ausgewogene Formulierung lautet daher: Die Zerstörung Rerics und der Abzug der Kaufleute können zum Aufstieg Haithabus beigetragen haben, und vieles spricht dafür, dass Göttrik den Handel in seinem Herrschaftsbereich bündeln wollte. Dass Haithabu „aus Reric wurde“, wie man es oft liest, sagt die Quelle so aber nicht. Und Forschende wie Kleingärtner verweisen darauf, dass das Ende der Handelsplätze an der südlichen Ostsee insgesamt mit tiefgreifendem Strukturwandel zusammenhing – nicht nur mit Überfällen.
Reric war nicht allein. Entlang der südlichen Ostseeküste entstanden im 8. und 9. Jahrhundert mehrere Seehandelsplätze, an denen Slawen und Skandinavier zusammenkamen. Auf Rügen liegt Ralswiek, ein Handelsplatz der Ranen mit Schiffsfunden und einem großen Hügelgräberfeld. An der Peene bei Anklam liegt Menzlin, bekannt für seine schiffsförmigen Steinsetzungen, die auf skandinavische Familien vor Ort hinweisen. Weiter östlich wuchs Wolin an der Odermündung zur großen Metropole heran.
Im Vergleich fällt auf, wie früh Reric ist. Mit einem Beginn um 735 gehört Groß Strömkendorf zu den ältesten dieser Orte, und anders als die meisten anderen endet es schon im frühen 9. Jahrhundert. Ralswiek und Menzlin dagegen erlebten ihre Hauptzeit erst danach. Reric war ein Vorläufer aus der Zeit, in der sich das Handelsnetz der Ostsee gerade erst formte.
Nach dem frühen 9. Jahrhundert verlagerte sich das Machtzentrum der Abodriten ins Hinterland. Die Burg bei Dorf Mecklenburg, wenige Kilometer südlich von Wismar, wurde zum Hauptsitz; in einer Urkunde Ottos III. von 995 erscheint sie als „Michelenburg“, die große Burg – der Name, der später einem ganzen Land den Namen gab. Ob zwischen dem Ende von Reric und dem Aufstieg dieser Burg ein direkter Zusammenhang besteht, ist nicht sicher belegt.
Ein Echo des Namens hielt sich trotzdem. Adam von Bremen nennt im 11. Jahrhundert die Abodriten auch „Reregi“, und Helmold von Bosau übernimmt das im 12. Jahrhundert. Dass dieser Name auf Reric zurückgeht, gilt als wahrscheinlich, ist aber eine Deutung.
Für uns ist Reric eine Geschichte über Macht, die über Handelswege ausgeübt wird. Göttrik hat nicht nur Krieger bewegt, sondern Kaufleute, Abgaben und Grenzlinien. Ein Ort, der fast achtzig Jahre lang Schiffe empfing, verschwand innerhalb weniger Jahre. Was blieb, sind Brunnenhölzer, Bootsnieten, Scherben und ein dänischer Name in einer fränkischen Chronik.

Wo lag Reric? Sehr wahrscheinlich bei Groß Strömkendorf an der Ostseite der Wismarer Bucht in Mecklenburg. Die Gleichsetzung stützt sich auf die passende Datierung von etwa 735 bis 811 und den Charakter des Fundplatzes; eine Inschrift oder einen Ortsnamen, der sie endgültig beweist, gibt es nicht.
Wer zerstörte Reric und wann? Der dänische König Göttrik (Godofridus, auch Gudfred) im Jahr 808, während eines Feldzugs gegen die Abodriten. So berichten es die fränkischen Reichsannalen.
Ist das Ostseebad Rerik der Ort des alten Reric? Nein. Alt-Gaarz wurde 1938 in Rerik umbenannt, weil man den Handelsplatz damals dort vermutete. Die Forschung sucht ihn heute an der Wismarer Bucht.
Wurden die Kaufleute von Reric nach Haithabu gebracht? Die Annalen sagen nur, dass Göttrik die Kaufleute fortbrachte und danach mit seiner Flotte zum Hafen Sliesthorp zurückkehrte. Dass sie an der Schlei neu angesiedelt wurden, ist eine verbreitete und plausible Deutung, aber nicht ausdrücklich überliefert.
Was hat man in Groß Strömkendorf gefunden? Fast 100 Grubenhäuser, mehr als 70 Brunnen, ein Gräberfeld mit rund 240 Bestattungen und sechs Bootsgräbern, dazu Spuren von Glas-, Bernstein-, Horn- und Metallverarbeitung, norwegische Wetzsteine und Importkeramik aus Skandinavien, dem Nordseeraum und dem Rheinland.
Gab es Reric nach 808 noch? Ja, zumindest kurz. 809 wurde der Abodritenfürst Thrasco nach den Annalen im emporium Reric ermordet, und das jüngste datierte Holz aus Groß Strömkendorf stammt aus dem Jahr 811.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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