Menzlin an der Peene, wenige Kilometer westlich von Anklam, war vom späten 8. bis ins 10. Jahrhundert ein Handels- und Handwerksplatz, an dem slawische Bewohner und Skandinavier nebeneinander lebten. Berühmt ist der Ort für etwas, das man an der Südküste der Ostsee sonst nirgends gefunden hat: Gräber in Form steinerner Schiffe nach skandinavischem Vorbild. Ausgegraben hat sie Ulrich Schoknecht zwischen 1965 und 1969. Hier erfährst du, was dort wirklich zutage kam, was nur vermutet wird und wie Menzlin neben Ralswiek, Wolin und Haithabu dasteht.
Stell dir eine flache Sandkuppe vor, links und rechts nasse Wiesen, unten die Peene, die träge Richtung Haff zieht. Kein Burgwall, keine Steinmauer, kein Königshof. Und doch landeten hier vor rund 1.200 Jahren Boote, deren Besatzung Gewandspangen aus Schweden trug, Gürtelbeschläge aus Irland kannte und mit Silber rechnete, das ursprünglich aus Bagdad oder Samarkand stammte. Wer heute über den Betonplattenweg aus dem Dorf Menzlin zur Peene fährt, ahnt davon zunächst nichts. Erst wenn du die Treppe zum bewaldeten Hang hinaufsteigst und die ersten Steinreihen im Gras siehst, wird klar: Hier hat jemand seine Toten so bestattet, wie man es in Uppland oder auf Gotland tat – mitten im Land der Slawen.
Keine Saga nennt Menzlin, kein Chronist lässt hier einen König sterben. Gerade deshalb lohnt der genaue Blick: Was an der Peene im Boden lag, erzählt mehr über das Zusammenleben im Ostseeraum als manche Schlachtbeschreibung.
Der Handelsplatz liegt etwa 1,5 Kilometer südlich des heutigen Dorfes Menzlin (Gemeinde Ziethen, Landkreis Vorpommern-Greifswald) am Nordufer der Peene. Die Flur heißt Peeneberg; das zugehörige Gräberfeld liegt östlich davon und trägt den Namen „Altes Lager“. Der Name hat mit Wikingern nichts zu tun: Er geht wahrscheinlich auf das Feldlager zurück, das brandenburgische Truppen 1676 bei der Belagerung Anklams hier aufschlugen. Wie die Leute des 9. Jahrhunderts ihren Ort nannten, wissen wir nicht. Auch „Menzlin“ selbst ist ein slawischer Ortsname, der erst 1231 als „Mancelin“ in einer Urkunde des pommerschen Herzogs Wartislaw III. auftaucht – Jahrhunderte nach dem Ende des Handelsplatzes.
Warum gerade hier? Die Peene ist auf ihrem Unterlauf von breiten Niedermooren gesäumt. Wer vom Westen nach Osten wollte, musste das Tal irgendwo queren, und bei Menzlin rückt trockener Sand nah an den Fluss heran. Die Kuppe war auf drei Seiten durch Feuchtgebiete geschützt, bot einen weiten Blick über das Tal und lag zugleich an einem schiffbaren Fluss, der über das Stettiner Haff und den Peenestrom in die offene Ostsee führt. Ein Platz also, an dem sich Wasserweg und Landweg kreuzten. Genau solche Knoten suchten Händler in der ganzen Handelswelt der Wikingerzeit.
Später, im hohen Mittelalter, verlief durch diese Gegend die Fernstraße von der Elbe nach Stettin, die man heute gern „Via Regia“ nennt. Adam von Bremen beschreibt um 1075 einen Landweg von Hamburg bis zur Stadt Jumne an der Odermündung, für den man sieben Tage brauche. Ob dieser Weg schon im 9. Jahrhundert genau bei Menzlin über die Peene führte, ist eine naheliegende, aber nicht bewiesene Annahme.
Dass auf den Peenebergen etwas im Boden steckt, war lange bekannt. Schon 1905 gelangten Scherben aus einem „vorgeschichtlichen Grab bei Menzlin“ ins Heimatmuseum Anklam. Ab 1927 sammelten Heimatforscher auf der Kuppe Keramik, Glasperlen, Rohbernstein und Eisenteile. 1938 untersuchte der Greifswalder Archäologe H.-G. Hackbarth einen Grabhügel, in dem über einer bronzezeitlichen Bestattung jüngere Gräber mit Eisennieten lagen – ein erster Hinweis, den damals niemand richtig einordnete.
Den Durchbruch brachten die Jahre 1965 bis 1969. Im Auftrag des Museums für Ur- und Frühgeschichte Schwerin grub Ulrich Schoknecht (1930–2023) Teile der Siedlung und das Gräberfeld aus. Mit dabei waren Abiturienten der Anklamer Oberschule, ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger und Leute aus der Umgebung. Das Ergebnis legte Schoknecht 1977 in einer Monografie vor: Menzlin. Ein frühgeschichtlicher Handelsplatz an der Peene. Sie ist bis heute die Grundlage für fast alles, was über den Ort geschrieben wird.
Weitere Untersuchungen folgten: 1974 kamen beim Ausbaggern der Peene ein eisernes Schwert, eine Lanzenspitze, eine Trense und Scherben ans Licht, 1990 legten Schweriner Archäologen die Steinstraße zur Peene frei. Und ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger lesen bis heute auf, was der Pflug nach oben bringt.
Hier wird es zum ersten Mal knifflig, und das sagen wir dir lieber offen. In vielen Darstellungen liest du, die Siedlung habe im 9. Jahrhundert etwa 18 Hektar umfasst, das Gräberfeld rund drei Hektar. Andere Zusammenstellungen nennen für die eigentliche Siedlungsfläche nur gut 9,7 Hektar (etwa 590 mal 165 Meter) und für das Gräberfeld 2,7 Hektar. Der Unterschied dürfte davon abhängen, ob man das Gräberfeld, Randbereiche und die Fundstreuung am Ufer mitzählt. Fest steht: Ausgegraben wurde nur ein kleiner Teil. Die Zahl der Häuser ist also nicht bekannt, sondern nur die der untersuchten Befunde – genannt werden vier Häuser, ein Speicher und drei Werkstattgebäude.
Zum Vergleich: Haithabu umschloss mit seinem Halbkreiswall rund 24 Hektar und hatte im 10. Jahrhundert vermutlich über tausend Einwohner. Menzlin war also kein zweites Haithabu, aber auch kein Dorf. Eher ein mittelgroßer Umschlagplatz, wie es an der südlichen Ostseeküste mehrere gab.
Das Herz von Menzlin ist das Gräberfeld. Auf einer kleinen Binnendüne am Ostende der Kuppe fand Schoknecht acht schiffsförmige Steinsetzungen. Eine Schiffssetzung ist eine Reihe aufrecht gestellter oder gelegter Steine, die den Umriss eines Schiffes nachzeichnet – spitz an Bug und Heck, bauchig in der Mitte. Die Menzliner Exemplare sind klein: zwischen etwa 2,30 und 7,50 Meter lang und 2,50 bis 4,60 Meter breit. Daneben gab es elf (manche Angaben: zwölf) Steinkreise, 33 Brandgräber und eine Ustrine, also einen Platz, an dem die Toten verbrannt wurden.
In Skandinavien ist diese Grabform weit verbreitet. Das bekannteste Gräberfeld ist Lindholm Høje bei Aalborg mit rund 700 Gräbern, darunter viele Schiffssetzungen; auf Gotland zählt man Hunderte, und in Schonen steht mit Ales stenar eine 67 Meter lange Setzung. Mehr dazu findest du in unserem Artikel über Steinschiffe. Südlich der Ostsee aber ist Menzlin nach heutigem Stand der einzige Platz, an dem Schiffssetzungen eindeutig nach skandinavischem Muster angelegt wurden. Genau deshalb ist das kleine Wäldchen an der Peene archäologisch so bedeutend.
Was bedeutet das Schiff im Grab? Darüber gibt es keine zeitgenössische Erklärung aus dem Mund derer, die so bestatteten. Naheliegend ist der Gedanke an eine Fahrt ins Jenseits, wie ihn auch richtige Bootsbestattungen nahelegen. Aber das ist eine moderne Deutung. Ebenso gut kann das Schiff als Zeichen von Stand, Herkunft oder Zugehörigkeit zu einer Seefahrergemeinschaft verstanden worden sein. Bemerkenswert ist ein Detail: In einigen Gräbern lagen eiserne Doppelniete und Nägel, wie sie zum Bau von Klinkerbooten gehören. Ob das Reste verbrannter Bootsteile sind, die man dem Toten mitgab, oder Hinweise auf eine Werft in der Siedlung, wird unterschiedlich gedeutet.
„Witz braucht, wer weit umherfährt; daheim fällt alles leicht.“Hávamál 5, eigene Übertragung
Jetzt kommt das Detail, das Menzlin so besonders macht. Die Beigaben in den untersuchten Gräbern sprechen für Frauen: Ovale Schalenspangen, also die paarig getragenen Bronzefibeln, mit denen skandinavische Frauen ihr Trägerkleid hielten, Perlen, Schmuck. Männergräber mit Waffen hat man auf dem Alten Lager bisher nicht erkannt. Ob es sie nicht gab, ob sie unauffällig ausgestattet waren oder ob sie schlicht in einem nicht ausgegrabenen Teil liegen, ist offen.
Und die Asche dieser Frauen lag in Urnen, die überwiegend aus slawischer Keramik der Feldberger Gruppe bestehen. Feldberger Ware ist eine fein gearbeitete, oft verzierte Keramik des 8. und 9. Jahrhunderts, benannt nach einem Burgwall bei Feldberg in Mecklenburg. Skandinavische Tracht, skandinavisches Grabritual, slawisches Gefäß. Mehr Mischung auf engstem Raum geht kaum.
Wie man das deutet, hängt vom Blickwinkel ab. Manche Darstellungen schließen auf skandinavische Frauen, die mit ihrem Haushalt hier lebten und Gefäße vom örtlichen Markt nutzten. Andere sprechen von Ehen zwischen skandinavischen Männern und einheimischen Frauen – was aber schlecht zu Gräbern mit skandinavischer Frauentracht passt. Touristische Texte sprechen von „anthropologisch bestimmten“ Skandinavierinnen; wie weit das bei Leichenbrand trägt, ist fraglich, und DNA- oder Isotopenstudien zu Menzlin sind uns nicht bekannt. Die ehrliche Antwort lautet: Die Gräber zeigen Menschen, die sich bei der Bestattung skandinavisch darstellten, und eine Gemeinschaft, die selbstverständlich slawisches Geschirr benutzte.
Schoknechts Grabungen und die Lesefunde ergeben ein Fundspektrum, das typisch für einen Handelsplatz ist, aber einige Ausreißer enthält, die weit über die Region hinausweisen.
Aus Skandinavien: Ovale Schalenspangen, darunter eine aus Bronze mit Muschelauflage, die 1970 bei Lesefunden auftauchte. Ein eiserner Ring mit zwei angehängten Thorshämmern – solche „Thorshammerringe“ sind besonders aus dem Mälarseegebiet in Mittelschweden und von Åland bekannt, was zu der verbreiteten Annahme passt, dass die Menzliner Skandinavier eher aus dem Gebiet des heutigen Schweden als aus Dänemark kamen. Bei der Neuinventarisierung von Lesefunden fand man 2015 das Gegenstück zu einem schon bekannten Bruchstück einer Feuerstahl-Platte gotländischen Typs, verziert mit einer Menschenfigur im Borrestil. Gotland ist also auch mit im Spiel.
Von weiter her: Ein Gürtelbeschlag, der als irisch-schottisch oder angloirisch beschrieben wird, und Schmuck aus dem Baltikum. Perlen aus Amethyst, Bergkristall, Karneol und Glas – Materialien, die in Vorpommern nicht vorkommen. Karneol etwa kam aus Indien oder dem Iran über die Flüsse Osteuropas in den Norden, wie wir im Beitrag über Karneolperlen beschreiben. Manche Glasperlen könnten auch vor Ort umgeschmolzen worden sein; geschmolzene Perlen fanden sich jedenfalls in den Brandgräbern.
Aus dem Handwerk vor Ort: Hinweise auf Kammmacherei aus Geweih, Bernsteinschmuck, Spinnwirtel aus Geweih, Knochennadeln, eiserne Messer und Pfeilspitzen, dazu Spuren von Weberei und Schmiedearbeit. Rohbernstein fand sich schon unter den frühen Lesefunden. Wie Kammmacher arbeiteten, erklären wir ausführlich im Beitrag über Kammmacher und Beinschnitzer; zum Rohstoff selbst lies gern unseren Artikel über Bernstein.
Und dann ist da noch ein jüngerer Fund, der 2023 durch die Presse ging: eine 7,3 Zentimeter lange, verzierte Bronzenadel, die ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger Ende 2022 auf dem Gelände fand. Sie zeigt einen Männerkopf mit einem Vogel darauf; ursprünglich waren es wohl zwei. Das Landesamt datiert sie ins 8., vielleicht 7. Jahrhundert und verweist auf Parallelen in Dänemark und Schweden. Odin mit seinen Raben? Möglich. Die zuständige Archäologin betonte aber selbst, dass die Frage offenbleibt – auch ein anderer Gott, ein Held oder ein Krieger kommt infrage, und ähnliche Bilder kennt man ebenso aus dem slawischen Raum. Wir finden: Genau so sollte man über solche Stücke sprechen.
Ein Handelsplatz ohne Geld? Natürlich nicht. Aber Geld hieß im Ostseeraum des 9. und 10. Jahrhunderts vor allem: Silber nach Gewicht. Man zerhackte Münzen und Schmuck, wog die Stücke auf kleinen Klappwaagen und bezahlte mit dem, was die Waage anzeigte. Mehr dazu im Beitrag über Hacksilber.
Für Menzlin selbst sind unter den Lesefunden Gewichte und einige Münzen gemeldet; welche Münzen genau, geht aus den uns zugänglichen Berichten nicht hervor. Feinwaagen vom Platz konnten wir in den erreichbaren Quellen nicht sicher nachweisen – wir behaupten sie deshalb nicht.
Ganz in der Nähe gibt es aber einen Fund, der die Silberwirtschaft der Gegend greifbar macht: den Silberhort von Anklam. Im August 2010 bargen Archäologen des Landesamts und der Universität Greifswald zusammen mit rund 15 Ehrenamtlichen auf einem Acker nahe Menzlin 82 Münzen und Münzfragmente, Reste von Silberbarren und einen massiven Armring, der im Wolgagebiet hergestellt wurde, dazu das Fragment eines Armrings vom sogenannten permischen Typ. Die Münzen sind arabische und persische Prägungen; die ältesten stammen aus der Zeit des Sasanidenkönigs Chosrau II. (590–628). Zusammen wiegen die Münzen nur etwa 200 Gramm. Der Greifswalder Historiker Fred Ruchhöft schätzte den Gegenwert auf etwa vier Ochsen. Der Hort lag am Rand einer slawischen Siedlung, nicht auf dem Handelsplatz selbst – aber er zeigt, dass Dirhams, also islamische Silbermünzen, über die osteuropäischen Flusswege bis an die Peene kamen. Größere Mengen davon kennst du aus unserem Artikel über die großen Silberhorte.
Einer der eindrucksvollsten Befunde liegt nicht auf der Kuppe, sondern unten im Tal. Von der Siedlung führte eine befestigte Straße hinab zur Peene: gepflastert mit Steinen, ergänzt durch Eichenbohlen, nach den Angaben in der Literatur über 100 Meter lang und etwa 3,50 Meter breit. Archäologisch nachgewiesen ist außerdem eine hölzerne Brücke über den Fluss und die Fortsetzung des Weges am Südufer Richtung Görke. Reste der Brücke wurden schon in den 1960er Jahren erkannt, die Steinstraße 1990 ausgegraben.
Dendrochronologische Untersuchungen, also Datierungen über die Jahrringe der verbauten Hölzer, bestätigen nach der Literatur den Zusammenhang mit dem Handelsplatz. In einer regionalen Darstellung wird für die Steinstraße eine Entstehung um 770 genannt. Das genaue Datum konnten wir nicht in einer Fachpublikation überprüfen; nimm es deshalb als Richtwert, nicht als gesicherte Jahreszahl. Die Straße gilt in Mecklenburg-Vorpommern als eine der ältesten gepflasterten Straßen überhaupt.
Und der Hafen? Vermutet wird er am Ende der Straße am Peeneufer. 1969 kamen beim Deichbau große, angespitzte Eichenbohlen zum Vorschein, die zu einer Uferbefestigung gehört haben könnten. Ein Hafen im Sinne einer ausgegrabenen Anlegestelle ist aber nicht belegt. Für den Handel genügten ohnehin flache Boote, die man auf den Strand zog.
Ohne die Slawen gäbe es Menzlin nicht. Die Siedlungskeramik ist überwiegend frühslawisch, der Ort lag in einem dicht besiedelten slawischen Land, und die Skandinavier brauchten Partner, die Getreide, Vieh, Honig, Wachs, Felle und wohl auch Menschen – Sklaven – auf den Markt brachten. Die Händler kamen nicht in leeres Land, sondern in ein Gebiet mit eigenen Burgen, Stammesverbänden und Fürsten.
Welcher Verband genau an der unteren Peene saß, ist schwerer zu sagen, als es oft klingt. Im späten 8. und 9. Jahrhundert nennen fränkische Quellen in diesem Raum die Wilzen, gegen die Karl der Große 789 zu Felde zog. Ab dem späten 10. Jahrhundert erscheint der Bund der Lutizen, zu dem unter anderem die Tollenser und die Zirzipanen gehörten. Die gängigen Nachschlagewerke ordnen Menzlin den lutizischen Tollensern zu; da der Platz am Nordufer der Peene liegt, ist auch ein Bezug zu den Zirzipanen denkbar. Eine Stammesgrenze lässt sich aus Keramik allein nicht ablesen. Erst im 12. Jahrhundert geriet das Land an der unteren Peene unter die Herrschaft der Herzöge der Pomoranen – daher die Urkunde Wartislaws III. von 1231.
Wichtig ist uns dabei eines: Die slawische Seite war kein bloßer Hintergrund für „die Wikinger“. Feldberger Keramik gehört zum Besten, was die Töpferei im Norden damals hervorbrachte. Slawische Burgen und Märkte organisierten den Austausch im Hinterland, und ohne die Zustimmung der örtlichen Fürsten hätte sich kein fremder Händler an der Peene halten können. Dass skandinavische Frauen in slawischen Gefäßen bestattet wurden, erzählt eher von Nachbarschaft als von Eroberung.
Ralswiek auf Rügen, am Großen Jasmunder Bodden, wurde ab 1972 von Joachim Herrmann ausgegraben. Dort fand man vier Bootswracks und ein großes Hügelgräberfeld, und 1973 einen Silberschatz mit rund 2.200 arabischen Münzen. Ralswiek blühte etwas später als Menzlin, vor allem im 9. und 10. Jahrhundert, und war wie Menzlin ein slawisch-skandinavischer Platz. Schiffssetzungen nach skandinavischem Muster gibt es dort nicht.
Wolin an der Odermündung entwickelte sich zur größten Handelsstadt der Region – in den Quellen als Jumne oder Julin bezeichnet und später mit der sagenhaften Jomsburg der Jomswikinger verbunden. Wolin war eindeutig eine slawische Stadt mit skandinavischen Gästen, nicht umgekehrt.
Haithabu an der Schlei schließlich war ein dänisch kontrollierter Fernhandelsplatz mit eigenem Wall, Münzprägung und Königsmacht im Rücken. Als der Dänenkönig Gudfred 808 den abodritischen Markt Reric zerstörte und die Kaufleute nach Haithabu brachte, zeigte er, wie sehr Handelsplätze von politischer Macht abhingen.
Menzlin passt in dieses Bild als früher, kleinerer Platz, dessen Blüte vor allem ins 9. Jahrhundert fällt. Seine Besonderheit ist nicht die Größe, sondern die Klarheit, mit der skandinavische Bestattungssitte auf slawischem Boden sichtbar wird. Eine gute Übersicht über weitere Orte bietet unser Artikel Wikinger-Spuren in Deutschland.
Die meisten datierbaren Funde stammen aus dem frühen und mittleren 9. Jahrhundert; einzelne Stücke reichen ins 10. Jahrhundert. Danach verliert sich die Spur. Warum, wissen wir nicht. Vorstellbar sind verschobene Handelswege, der Aufstieg von Wolin, politische Umbrüche bei den slawischen Verbänden oder schlicht ein Brand, nach dem niemand mehr aufbaute.
Der Regionalhistoriker Lutz Mohr hat vorgeschlagen, die Jomswikinger hätten Menzlin um die Jahrtausendwende zerstört. Für diese Idee gibt es keinen archäologischen Beleg, und die Jomswikinger selbst kennen wir vor allem aus isländischen Sagas des 13. Jahrhunderts. Wir erwähnen die These, weil sie dir in Heimatliteratur begegnen wird – aber sie ist eine Vermutung, kein Befund. Dasselbe gilt für Versuche, Menzlin mit Vineta oder der Jomsburg gleichzusetzen.
Später übernahm Anklam die Rolle als Handelsort an der unteren Peene.
Das Alte Lager ist heute als Flächennaturdenkmal geschützt und zugleich Bodendenkmal. Du erreichst es aus dem Dorf Menzlin über einen beschilderten Weg (Wegweiser „Wikingergräber“, „Altes Lager“ oder „Kanuverleih“), das letzte Stück über Betonplatten. Mit dem Auto bis ans Gräberfeld fahren kannst du nicht. An einem kleinen Parkplatz steht eine Informationstafel zur Geschichte und zu den Funden; weitere Tafeln gibt es am Peeneufer beim Wasserwanderrastplatz. Über eine Treppe gelangst du auf die bewaldete Kuppe, von der aus mehrere Schiffssetzungen zu sehen sind. Die Zahl der sichtbaren Setzungen und der Zustand der Tafeln können sich ändern; Stand unserer Recherche ist Herbst 2026, ein persönlicher Besuch ersetzt das nicht.
Das Gelände ist auch ein Naturerlebnis. Auf der Binnendüne wachsen Steppenpflanzen wie die Wiesen-Kuhschelle, südlich schließt sich der seit 2000 wiedervernässte Polder Menzlin an, mit Beobachtungsturm für Kraniche und Wasservögel. Von der Siedlung selbst siehst du an der Oberfläche nichts. Bitte nimm das ernst: Wer auf einem Bodendenkmal gräbt oder mit Metallsonde sucht, macht sich strafbar und zerstört genau die Zusammenhänge, aus denen die Archäologie ihre Geschichten liest. Ausgrabungen sind derzeit nicht geplant. Die Funde aus Schoknechts Grabungen sollen künftig im Archäologischen Landesmuseum in Rostock gezeigt werden. Weitere Ziele für Ausflüge findest du in unserer Übersicht Wikinger erleben.
Für uns in der Werkstatt in Alsdorf ist Menzlin ein Ort, der zeigt, warum wir Motive so ungern vereinfachen. Eine Schalenspange aus Schweden, ein Topf aus Feldberger Ton, ein Steinschiff im slawischen Sand – das gehört zusammen. Wer die Wikingerzeit ernst nimmt, bekommt die Slawen gratis dazu.

Wo liegt Menzlin genau? Menzlin ist ein Ortsteil der Gemeinde Ziethen bei Anklam in Vorpommern. Der Handelsplatz und das Gräberfeld „Altes Lager“ liegen etwa 1,5 Kilometer südlich des Dorfes am Nordufer der Peene.
Waren in Menzlin Wikinger? Ja, skandinavische Gräber mit Schalenspangen, Schiffssetzungen und Thorshammerringen belegen Menschen mit skandinavischer Tracht und Bestattungssitte. Der Ort lag aber im slawischen Siedlungsgebiet, die Mehrheit der Keramik ist slawisch, und es war ein gemeinsamer Platz.
Wie alt sind die Schiffssetzungen von Menzlin? Sie gehören zum Handelsplatz und werden ins 9. Jahrhundert datiert, mit einem Beginn des Platzes im späten 8. Jahrhundert. Genauer lassen sich die einzelnen Gräber nicht festlegen.
Kann man die Wikingergräber von Menzlin besichtigen? Ja, das Gräberfeld ist frei zugänglich. Vom Parkplatz mit Infotafel führt ein Fußweg mit Treppe auf die bewaldete Kuppe, wo mehrere Steinschiffe zu sehen sind.
Wurden in Menzlin arabische Münzen gefunden? In der Nähe ja: Der Silberhort von Anklam (2010) enthielt 82 arabische und persische Münzen und Fragmente. Vom Handelsplatz selbst sind Gewichte und einige Münzen gemeldet, deren Art wir nicht sicher angeben können.
Was ist der Unterschied zwischen Menzlin und Ralswiek? Beide waren slawisch-skandinavische Handelsplätze. Menzlin ist etwas älter und hat die skandinavischen Schiffssetzungen, Ralswiek auf Rügen ist durch Bootsfunde, ein großes Hügelgräberfeld und einen Schatz mit rund 2.200 Dirhams bekannt.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Ralswiek auf Rügen · Reric · Wolin & Jomsborg · Hacksilber – Silber als Währung · Wikinger-Spuren in Deutschland.
Alle Geschichte & Funde-Artikel →
Für einen Bauern aus Uppland war „die große Stadt" so unvorstellbar wie für uns ein anderer Planet. Konstantinopel …
Weiterlesen →Wer siegte, behielt die Beute nicht immer. In der römischen Kaiserzeit versenkten germanische Sieger die gesamte …
Weiterlesen →