Wikinger Blog / Geschichte & Funde
Aus dem Wissensarchiv

Wolin an der Odermündung: Wie eine slawische Stadt zur Handelsmetropole der Ostsee wurde

Geschichte & Funde Wolin an der Odermündung: Wie eine slawische Stadt zur Handelsmetropole der Ostsee wurde

Wolin an der Odermündung war vom 9. bis ins 11. Jahrhundert eine der größten und reichsten Handelsstädte des Ostseeraums – eine slawische Stadt der Woliner, in der Skandinavier, Sachsen und andere Fremde Handel trieben. Adam von Bremen nennt sie um 1075 „Jumne“ und hält sie für die größte Stadt Europas, spätere Quellen sprechen von Julin. Polnische Archäologen um Władysław Filipowiak haben seit 1952 Hafen, Werkstätten, Silberschätze und Götterfiguren freigelegt. Hier erfährst du, was belegt ist, was Legende bleibt und wie es mit Jomsborg und Vineta steht.

Stell dir eine Stadt vor, in der du an einem einzigen Vormittag slawisch, altnordisch und sächsisch hörst. Am Kai liegen flache Boote aus Eichenholz, aus einem Hinterhof steigt der Rauch eines Schmelzofens, und auf dem Markt wiegt jemand Silberbrocken ab, deren Münzen einmal in Bagdad oder Samarkand geprägt wurden. Daneben liegen Bernsteinperlen in Haufen, Kämme aus Hirschgeweih, Glasperlen in allen Farben. Das ist kein Bühnenbild für eine Fernsehserie, sondern ziemlich genau das, was die Archäologie in Wolin an der Odermündung über das 10. Jahrhundert erzählt.

Heute ist Wolin eine ruhige Kleinstadt mit knapp 5.000 Einwohnern. Dass sich um sie zwei der berühmtesten Legenden des Nordens ranken – die versunkene Stadt Vineta und die Kriegerburg Jomsborg –, macht die Sache nicht einfacher. Also der Reihe nach: erst die Quellen, dann die Funde, dann die Legenden.

Lage: drei Mündungsarme und eine Brücke

Die Oder fließt nicht einfach ins Meer. Sie mündet zunächst ins Stettiner Haff und erreicht die Ostsee dann über drei Wasserstraßen: den Peenestrom im Westen, die Swine in der Mitte und die Dziwna (deutsch Dievenow) im Osten. Zwischen diesen Armen liegen die Inseln Usedom und Wolin. Die Stadt Wolin liegt am Südende der gleichnamigen Insel direkt an der Dziwna, dort, wo man den Fluss am leichtesten überqueren konnte. Hier trafen sich also ein Seeweg zur offenen Ostsee, ein Binnenweg über Haff und Oder tief ins Landesinnere und eine Landverbindung zwischen Westpommern und dem Gebiet östlich davon.

Adam von Bremen hat diese Lage auf seine Weise beschrieben: Dort sehe man „Neptun in dreifacher Gestalt“, denn die Insel werde von drei Meeresarmen umspült. Gemeint sind wohl genau diese Mündungsarme. Für Kaufleute war das ideal. Genau solche Knotenpunkte prägten die gesamte Handelswelt der Wikingerzeit.

Viele Namen für eine Stadt

Der sogenannte Bayerische Geograph, eine lateinische Völkerliste aus dem 9. Jahrhundert, nennt ein Volk namens „Velunzani“. Viele Forscher sehen darin die Woliner, den slawischen Stamm an der Odermündung. Sicher ist diese Gleichsetzung nicht, aber naheliegend. Für das Jahr 967 berichtet der sächsische Geschichtsschreiber Widukind von Corvey von dem Kampf, in dem der abtrünnige sächsische Graf Wichmann gegen den polnischen Herrscher Mieszko I. fiel; als Wichmanns Verbündete werden in der Forschung meist die Woliner angesehen. Thietmar von Merseburg erwähnt zum Jahr 1007 Gesandte der „Liuilni“ am Hof Heinrichs II. – auch das gilt als Hinweis auf Wolin.

Um 965 reiste der jüdische Kaufmann und Gesandte Ibrāhīm ibn Yaʿqūb aus dem muslimischen Spanien durch Mitteleuropa. Sein Bericht ist nur in Auszügen bei späteren arabischen Geographen erhalten. Darin beschreibt er eine große Stadt am Meer mit zwölf Toren und einem Hafen. Die Lesung des Namens in arabischer Schrift ist unsicher, doch die meisten Forscher denken an Wolin.

Dann kommt Adam von Bremen mit „Jumne“ oder „Iumne“, später die Lebensbeschreibungen Ottos von Bamberg mit „Julin“, der Däne Saxo Grammaticus um 1200 mit „Iulinum“ und die altnordischen Sagas mit „Jóm“ und „Jómsborg“. Der heutige Name Wolin geht auf die slawische Form zurück. Dass all diese Bezeichnungen denselben Ort meinen, hat der Historiker Adolf Hofmeister schon in den 1930er-Jahren ausführlich begründet; die Ausgrabungen haben ihm recht gegeben.

Mythos-Check: Vineta, die prächtige Stadt, die zur Strafe für Hochmut im Meer versank und an stillen Tagen ihre Glocken läuten lässt, ist eine Legende, keine historische Stadt mit eigenem Fundort. Der Name entstand sehr wahrscheinlich in der Schreibstube: Helmold von Bosau schrieb im 12. Jahrhundert Adams Bericht über Jumne fast wörtlich ab, und in seiner ältesten Handschrift steht „uineta“. Weil lateinische Schreiber u und v, i und j gleich schrieben, konnten aus „Iumne“ leicht „Vimne“ und schließlich „Vineta“ werden. Die Suche nach Vineta vor Usedom, bei Koserow oder bei Barth hat bis heute nichts Belastbares erbracht. Der Kern der Sage ist Wolin – die Untergangsgeschichte ist spätere Dichtung.

Adam von Bremen: „die größte aller Städte Europas“

Die berühmteste Beschreibung stammt von Adam von Bremen, der um 1075 seine Geschichte der Hamburger Erzbischöfe schrieb. Im zweiten Buch beschreibt er die Länder östlich der Elbe und kommt dabei auf die Odermündung zu sprechen. Sinngemäß in eigener Übertragung:

An der Mündung der Oder liegt die hochberühmte Stadt Jumne, ein vielbesuchter Handelsplatz für Barbaren und Griechen ringsum. Sie ist wahrhaftig die größte aller Städte, die Europa umschließt. Es wohnen dort Slawen mit anderen Völkern, Griechen und Barbaren. Auch zugezogene Sachsen leben dort mit gleichem Recht, solange sie sich nicht öffentlich als Christen zu erkennen geben. Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Buch II (eigene Übertragung nach dem lateinischen Text)

Adam fügt hinzu, alle Bewohner hingen noch heidnischen Bräuchen an, doch an Sitten und Gastfreundschaft finde man kein ehrbareres Volk. Die Stadt sei reich an Waren aller nördlichen Völker. Dann folgen zwei rätselhafte Details: ein „Topf des Vulkan“, den die Bewohner griechisches Feuer nennen, und jener dreigestaltige Neptun. Ob mit dem „Topf des Vulkan“ ein Leuchtfeuer, ein Signalfeuer oder bloß eine gelehrte Anspielung gemeint war, ist ungeklärt; Adam verweist selbst auf den antiken Autor Solinus.

Wichtig: Adam war nie in Jumne. Er schrieb in Bremen und stützte sich auf Erzählungen von Kaufleuten, Missionaren und dem dänischen König Sven Estridsson. Die „größte Stadt Europas“ ist Lob aus zweiter Hand – Konstantinopel, Córdoba oder Kiew waren ohne Zweifel größer. Aber wenn ein Bremer Kleriker eine heidnische Slawenstadt so überschwänglich lobt, muss ihr Ruf enorm gewesen sein. Er nennt auch Reisezeiten: von Hamburg sieben Tage auf dem Landweg, von Jumne vierzehn Tage Segeln bis Ostrogard in Russland, wohl Nowgorod.

Ein weiteres Detail bei Adam hat Wolin in Skandinavien berühmt gemacht: Der Dänenkönig Harald Blauzahn sei nach einem Aufstand seines Sohnes Sven verwundet zu den Slawen nach Jumne geflohen, dort freundlich aufgenommen worden und an seiner Wunde gestorben. Das geschah wohl um 986 oder 987. Ob Harald in Wolin auch eine Burg gründete, wie die Sagas später behaupten, ist eine ganz andere Frage.

Die Ausgrabungen: von der Jomsborg-Suche zur Stadtarchäologie

Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts untersuchten Altertumsfreunde die Wälle von Wolin, damals das pommersche Städtchen Wollin. Antrieb war vor allem die romantische Suche nach Vineta und der Jomsborg. In den 1930er-Jahren folgten professionelle Grabungen unter Otto Kunkel und Karl August Wilde vom Pommerschen Landesmuseum in Stettin, die unter anderem den westlichen Wall schnitten und mächtige Kulturschichten fanden.

Nach 1945 gehörte Wolin zu Polen, und die polnische Archäologie machte die Stadt zu einem ihrer großen Forschungsprojekte. Ab 1952 leitete Władysław Filipowiak (1926–2016) die Grabungen im Auftrag des Instituts für Geschichte der materiellen Kultur der Polnischen Akademie der Wissenschaften; später war er von 1955 bis 2000 Direktor des Nationalmuseums in Stettin. Die meisten Funde, mit denen die Forschung bis heute arbeitet, stammen aus den Grabungen zwischen 1961 und 1986. Schon 1958 regte Filipowiak ein Freilichtmuseum an.

Heute führt das Institut für Archäologie und Ethnologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften die Arbeit fort, unter anderem mit Wojciech Filipowiak. 2021 untersuchte ein Team auf dem Galgenberg (Wzgórze Wisielców), einem großen Gräberfeld, Grabhügel des 9. und 10. Jahrhunderts mit überwiegend Brandbestattungen; eine mögliche Bootsbestattung ist nicht bestätigt. Jüngst kamen am Silberberg ungewöhnliche Hütten des 11. oder 12. Jahrhunderts mit norwegischen Wetzsteinen und Glasperlen zutage, unter denen die Forscher den ältesten Hafen vermuten.

Gesicherter Befund: Die Siedlung an der Dziwna beginnt im späten 8. Jahrhundert, wird um die Mitte des 9. Jahrhunderts zu einem stadtartigen Zentrum, erreicht im 10. Jahrhundert ihre Blüte und erlebt um die Mitte des 11. Jahrhunderts einen deutlichen Einschnitt. Belegt durch Grabungsschichten, Dendrochronologie und Radiokarbondaten.

Stadt und Hafen: Burg, Vorstädte, Silberberg

Das frühmittelalterliche Wolin war keine einzelne Burg, sondern ein Siedlungsverbund. Im Zentrum, etwa dort, wo heute die Altstadt liegt, entstand im 9. Jahrhundert ein befestigter Kern mit Holz-Erde-Wall. Daneben lagen zwei Vorstädte, die zwischen dem späten 9. und dem 10. Jahrhundert ebenfalls befestigt wurden. Nördlich davon erhebt sich der Silberberg (polnisch Srebrne Wzgórze), wo Archäologen einen Marktplatz, Werkstätten und eine eigene Anlegestelle fanden. Weiter außen lagen Gräberfelder wie der Galgenberg. Manche Forscher, darunter Wojciech Filipowiak, sehen im Silberberg den Ort, an dem vor allem Skandinavier Handel trieben, ohne im slawischen Stadtkern zu wohnen.

Die Hafenanlagen gehören zu den eindrucksvollsten Befunden. In einem Grabungsschnitt von 1986 fanden sich hölzerne Kaianlagen, deren Hölzer dendrochronologisch, also anhand der Jahresringe, auf 838, auf etwa 889 und auf etwa 902 datiert wurden. Der Kai war also vom frühen 9. bis ins frühe 10. Jahrhundert in Gebrauch. Spannend ist auch, was in Wolin an Schiffsresten zutage kam: Nach Wojciech Filipowiak waren praktisch alle Boote lokale Bauten, keine skandinavischen Langschiffe. Die Woliner bauten ihre Schiffe selbst, nach slawischer Tradition mit Holznägeln statt Eisennieten. Das passt gut zu dem, was man aus Ralswiek auf Rügen kennt.

Wie viele Menschen hier lebten, lässt sich nur schätzen; moderne Schätzungen liegen meist bei mehreren tausend Einwohnern in der Blütezeit – ähnlich wie im dänischen Haithabu.

Handwerk: Bernstein, Geweih und Metall

Wolin war nicht nur Umschlagplatz, sondern eine Werkstatt. Am Silberberg und in der Stadt fanden sich Spuren zahlreicher Handwerke: Verarbeitung von Geweih und Knochen zu Kämmen und Nadeln, Buntmetallguss, Schmiedearbeit, Lederverarbeitung, Holzbearbeitung, Töpferei und Glasperlenherstellung. Nördlich des Silberbergs lag vermutlich ein Eisenverhüttungsplatz mit vielen Öfen. Wer sich für das Handwerk der Geweihschnitzer interessiert, findet bei uns einen eigenen Artikel über die Kammmacher der Wikingerzeit.

Besonders typisch ist Bernstein. Das fossile Harz wird an der Ostseeküste angespült und konnte in Wolin direkt vor der Haustür gesammelt werden. Die Grabungen lieferten Rohstücke, Halbfabrikate und Abfälle in großen Mengen, dazu fertige Perlen, Anhänger und Spielsteine. Wolin war damit einer der wichtigsten Bernsteinverarbeiter der südlichen Ostsee. Für uns in der Werkstatt ein vertrautes Bild: Ein Gewerbe erkennt man an den Abfällen besser als an den fertigen Stücken.

Die Waren in Wolin kamen aus allen Richtungen: Skandinavien, dem Rheinland, der Rus, Byzanz und der islamischen Welt. Norwegische Wetzsteine, Glasperlen, Silber aus dem Orient und westliche Münzen – all das taucht in den Schichten auf. Umgekehrt gingen Bernstein, Pelze, Honig, Wachs und vermutlich auch Menschen als Sklaven aus der Region in den Fernhandel. Diese letzte Ware gehört zur Wahrheit dieses Handels dazu, auch wenn sie archäologisch schwer zu fassen ist.

Silber und Münzen: bezahlt wird nach Gewicht

Im 10. Jahrhundert bezahlte man an der südlichen Ostsee nicht mit Münzen im heutigen Sinn, sondern mit Silber nach Gewicht. Münzen, Schmuck und Barren wurden zerhackt und auf der Feinwaage abgewogen – das sogenannte Hacksilber. Am Silberberg kamen Schätze mit arabischen und westeuropäischen Münzen, Schmuck und Einzelmünzen zutage. In einem Haus fand sich ein Magdeburger Kreuzdenar aus der Zeit um 965 bis 985, in einem anderen eine Halbbrakteat-Münze aus Haithabu aus denselben Jahrzehnten.

Ein Fall mit bitterem Beigeschmack: 2006 plünderten Raubgräber mit Metalldetektoren einen Silberschatz am Silberberg. Ein Teil konnte sichergestellt werden. Die jüngsten Münzen zeigen, dass er um 980 bis 984 vergraben wurde – also nur wenige Jahre bevor Harald Blauzahn nach Adams Bericht in Jumne starb. Einen direkten Zusammenhang gibt es nicht, aber der Fund zeigt, wie viel Silber in diesen Jahren durch Wolin floss. Mehr über die großen Silberfunde des Nordens erfährst du in unserem Beitrag über die Silberhorte der Wikinger.

Götter, Figuren und ein Tempel

Wolin war bis ins 12. Jahrhundert eine heidnische Stadt. Archäologisch zeigt sich das an kleinen, aber sprechenden Funden. Der bekannteste ist eine nur etwa 9,3 Zentimeter hohe Figur aus Eibenholz mit vier Gesichtern, die in die vier Himmelsrichtungen blicken. Sie lag in einer Wohnschicht aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, zwischen Holzspänen, Mist und Abfall. Im Volksmund heißt sie „Światowid z Wolina“, nach dem vierköpfigen Gott Svantevit, den Saxo Grammaticus für Arkona auf Rügen beschreibt. Ob die kleine Figur wirklich Svantevit meint, ist nicht sicher – sie ist aber ein starker Hinweis darauf, dass vielköpfige Götterbilder auch in Wolin vertraut waren.

Eine zweite Figur aus Eibenholz, 11,2 Zentimeter hoch und mit nur einem Gesicht, stammt aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und liegt im Nationalmuseum Stettin. Lange galt sie als Götzenbild; manche Forscher sehen darin eher einen Krieger mit spitzem Helm, und ganz ausschließen lässt sich auch ein Spielzeug nicht. 2012 fanden Archäologen bei einer Rettungsgrabung am Hafen eine rund einen Meter lange Holzfigur aus dem 11. Jahrhundert, möglicherweise ein Götterbild, und ein kleines Mundstück aus Geweih mit zwölf geschnitzten Gesichtern.

Filipowiak deutete einen Befund im Stadtzentrum als Tempel: einen kleinen Holzbau von etwa fünf mal fünf Metern in einem umzäunten Hof. Diese Deutung ist umstritten, und seine Rekonstruktion eines jüngeren Tempels mit Götterstatue von 1992 gilt heute als zu weitgehend. Dass es Heiligtümer gab, bestätigen aber die Biografen Ottos von Bamberg: Sie berichten von einer gewaltigen Säule mit einem Speer, den die Woliner als Speer des Julius Caesar verehrten – des angeblichen Gründers, nach dem Julin heiße. Außerdem feierte man zu Jahresbeginn ein Fest für eine Gottheit mit Tanz. Die Caesar-Geschichte ist eine gelehrte Namensdeutung, keine Historie.

Eine slawische Stadt mit vielen Gästen

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Perspektive. In vielen populären Darstellungen erscheint Wolin als „Wikingerstadt“. Das ist schief. Wolin war eine Stadt der slawischen Woliner, mit slawischer Keramik, slawischem Hausbau, slawischen Göttern und slawischen Schiffen. Skandinavier waren da – als Kaufleute, Handwerker, vielleicht auch als Krieger im Dienst der Stadt –, aber als Gäste und Partner, nicht als Gründer oder Herren. Adam von Bremen sagt es selbst: Dort wohnen Slawen mit anderen Völkern.

Politisch war Wolin lange erstaunlich eigenständig. Es gab offenbar keinen König, sondern eine Stadtgemeinde mit Ältesten und Versammlungen, ähnlich wie bei den Pomoranen und den Lutizen. Die Stadt wehrte sich gegen Mieszko I. und später gegen Bolesław den Tapferen, schickte eigene Gesandte zum deutschen König und schloss Bündnisse nach eigener Rechnung. Für den größeren Zusammenhang empfehlen wir unseren Artikel über die Wikinger in der Ostsee und das Land der Wenden.

Der lange Niedergang: Magnus, Erik und die Krise des 11. Jahrhunderts

Um die Mitte des 11. Jahrhunderts zeigt die Archäologie einen deutlichen Bruch. Die Sagas berichten, der norwegisch-dänische König Magnus der Gute habe 1043 die Jomsborg angegriffen und verbrannt. Was davon Wolin traf, ist schwer zu sagen, aber der Zeitpunkt passt zu den Befunden. Später, um 1098, soll der Dänenkönig Erik Ejegod erneut gegen die Stadt gezogen sein. Dazu kam ein wirtschaftlicher Wandel: Der Zustrom orientalischen Silbers war versiegt, die Handelswege verschoben sich, und neue Zentren wie Stettin gewannen an Bedeutung.

Um 1121/22 unterwarf der polnische Herzog Bolesław III. Schiefmund Pommern samt Wolin. Damit begann das Ende der alten Ordnung.

Otto von Bamberg: Taufe nur, wenn Stettin vorangeht

1122 versuchte ein Missionar namens Bernhard, ein spanischer Einsiedler, in Wolin zu predigen. Er trat barfuß und in ärmlicher Kutte auf. Die Woliner hielten ihn für einen Bettler oder Spion, verprügelten ihn und schickten ihn fort. Die Lehre, die man daraus zog: Wer in Pommern bekehren wollte, musste mit Glanz auftreten.

Genau das tat Bischof Otto von Bamberg, der 1124 im Auftrag Bolesławs nach Pommern kam – mit Gefolge, Geschenken und Rückendeckung des Herzogs. In Wolin kam es zunächst zu einem gefährlichen Tumult; Otto und seine Begleiter mussten die Stadt verlassen. Die Woliner erklärten, sie würden sich taufen lassen, wenn Stettin, die bedeutendere Nachbarstadt, vorangehe. Als Stettin sich bekehrte, folgte Wolin. Eine typisch städtische Entscheidung: Abwägung statt Erleuchtung. 1128 kam Otto ein zweites Mal, weil es in mehreren Städten zu einem Rückfall ins Heidentum gekommen war. Dabei erwähnen seine Biografen den Caesar-Speer und das Neujahrsfest.

Am 14. Oktober 1140 bestätigte Papst Innozenz II. die Kirche des heiligen Adalbert in Wolin als Sitz des ersten pommerschen Bistums. Erster Bischof wurde Adalbert, ein Kaplan Bolesławs. Wolin war damit für kurze Zeit das kirchliche Zentrum Pommerns.

Das Ende: Dänische Flotten im 12. Jahrhundert

Im 12. Jahrhundert drehten sich die Verhältnisse in der Ostsee um. Wendische Seeräuber plünderten dänische Küsten, und die Dänen antworteten unter König Waldemar I. und Bischof Absalon mit großen Flottenzügen gegen Rügen und Pommern. 1168 fiel Arkona. Saxo Grammaticus beschreibt mehrere Kriegszüge gegen „Iulinum“ in den 1170er-Jahren. Die Befestigungen von Wolin wurden in dieser Zeit wohl zerstört, nach dem Grabungsbefund vermutlich 1173 und erneut um 1184. Der Bischofssitz wanderte um 1175/76 nach Cammin, dem heutigen Kamień Pomorski.

Im 13. Jahrhundert entstand auf den alten Wällen eine neue, kleine Stadt nach lübischem Recht. Sie blieb ein Landstädtchen. Die große Handelsrolle hatten längst Stettin und die deutschen Hansestädte übernommen.

Und Jomsborg?

Die Sagas des 12. und 13. Jahrhunderts erzählen von der Jomsborg, einer Festung im Wendenland mit einem Hafen für Hunderte Schiffe und einer Kriegerbruderschaft mit strengen Regeln: den Jomswikingern. Ihre Geschichte gehört in einen eigenen Artikel, den wir dir hier verlinkt haben. Für Wolin zählt nur die Frage: Lag die Jomsborg hier?

Ehrlich gesagt: Wir wissen es nicht. Viele Forscher halten Wolin oder seine unmittelbare Umgebung für den wahrscheinlichsten Kandidaten, weil Jumne, Julin und Jóm sprachlich zusammenpassen und Wolin die einzige Stadt dieser Größe an der Odermündung war. Archäologisch ist aber keine Burg nachgewiesen, die man eindeutig als skandinavische Festung ansprechen könnte, und die Sagas sind Jahrhunderte nach den Ereignissen entstanden. Der Historiker Jakub Morawiec hat gezeigt, wie stark Jomsborg ein literarischer Ort ist, an dem sich Erzählmuster über Ehre und Treue ablagern.

Mythos-Check: „Wolin war die Jomsborg der Jomswikinger.“ Das ist möglich, aber nicht bewiesen. Gesichert ist eine große slawische Handelsstadt mit skandinavischen Gästen. Eine skandinavische Kriegerburg mit fester Lage ist bisher weder ausgegraben noch in zeitgenössischen Quellen beschrieben. Die Lokalisierung bleibt eine offene Frage.

Wolin heute: Freilichtmuseum und Festival

Heute kennen viele Wolin vor allem wegen des Festivals der Slawen und Wikinger. Es fand erstmals 1993 statt und zog 1999 auf die Flussinsel Wolińska Kępa um, wo 2008 das Zentrum der Slawen und Wikinger mit rekonstruierten Häusern eröffnete. Jedes Jahr im Sommer kommen Hunderte Reenactors aus ganz Europa. Alles zu Termin, Programm und Anreise findest du in unserem Beitrag zum Festival der Slawen und Wikinger in Wolin.

Ein fairer Hinweis gehört dazu: Forscher aus dem Umfeld der Wolin-Archäologie haben 2021 angemerkt, das Zentrum sei eher Themenpark als Museum, das Wikingische überbetont und das Slawische nur Beigabe. Zugleich würdigen sie, dass es Menschen für Geschichte begeistert. Unser Rat: Genieß das Spektakel und schau danach ins Nationalmuseum Stettin, wo die echten Funde liegen.

Hinter Vineta steckt eine Abschrift, hinter Jomsborg eine Saga – und hinter beiden eine reale, slawische, reiche Stadt, die Fremde willkommen hieß.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: nordische Motive auf Naturschiefer, lasergraviert. Im Shop →

Häufige Fragen

Wo liegt Wolin? Wolin liegt im Nordwesten Polens am Südende der Insel Wolin, an der Dziwna, einem der drei Mündungsarme der Oder, etwa 50 Kilometer nördlich von Stettin.

Ist Wolin dasselbe wie Jumne? Ja, nach heutiger Forschung meint Adam von Bremen mit Jumne die Stadt Wolin. Julin bei den Biografen Ottos von Bamberg und Iulinum bei Saxo bezeichnen ebenfalls diesen Ort.

War Wolin eine Wikingerstadt? Nein, Wolin war eine slawische Stadt der Woliner. Skandinavier lebten und handelten dort, ebenso Sachsen und andere Fremde, aber Bevölkerung, Hausbau, Schiffbau und Religion waren überwiegend slawisch.

Ist Wolin die versunkene Stadt Vineta? Der Name Vineta ist sehr wahrscheinlich eine Verschreibung von Jumne in den Handschriften Helmolds. Die Untergangssage ist Legende; die reale Stadt dahinter ist nach heutigem Stand Wolin.

Lag die Jomsborg in Wolin? Das ist möglich, aber nicht bewiesen. Eine skandinavische Festung ist dort archäologisch nicht nachgewiesen, und die Sagas über die Jomsborg entstanden erst Jahrhunderte später.

Wann wurde Wolin christlich? 1124 durch die Mission Ottos von Bamberg, nachdem Stettin sich bekehrt hatte. 1140 wurde Wolin Sitz des ersten pommerschen Bistums.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Weiterlesen bei uns

Die Jomswikinger · Ralswiek auf Rügen · Menzlin an der Peene · Hacksilber – Silber als Währung · Wikinger-Spuren in Deutschland.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Die Schlacht von Zülpich (496)

Für viele gilt die Varusschlacht als „Urknall Deutschlands". Doch geprägt hat unser Land eine andere Schlacht viel …

Weiterlesen →

Asgard – die Burg der Götter

Hoch über der Welt der Menschen, jenseits der brennenden Regenbogenbrücke, liegt Asgard – die befestigte Heimat der …

Weiterlesen →

Die Aunjetitzer Kultur & die Himmelsscheibe von Nebra

Fast 1.500 Jahre bevor die ersten Germanen in römische Geschichtsbücher gerieten, blühte im Herzen Mitteleuropas eine …

Weiterlesen →

Bifröst – die Regenbogenbrücke

Zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Götter spannt sich eine Brücke aus Licht: Bifröst, der Regenbogen. Sie …

Weiterlesen →