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Die Pomoranen: Slawen am Meer

Geschichte & Funde Die Pomoranen: Slawen am Meer Zwischen Oder und Weichsel lebte ein slawisches Volk „am Meer" – mit reichen Handelsstädten, dem dreiköpfigen Gott Triglav und einer Bekehrung, die zwei Missionsreisen brauchte.

Ihr Name sagt, wo sie lebten: Pomoranen – „die am Meer" (slaw. po morje). Zwischen Oder und Weichsel, an der südlichen Ostseeküste, saß dieses westslawische Volk, das dem Land Pommern seinen Namen gab. Anders als die Binnenstämme lebten die Pomoranen stark von der See und vom Fernhandel – und hielten besonders lange an ihrem alten Glauben fest.

Städte am Meer

Die Pomoranen besaßen einige der reichsten Handelsplätze der südlichen Ostsee. Wolin (Jumne) an der Odermündung war eine Großstadt des Fernhandels, in der Slawen, Skandinavier und Kaufleute aus aller Welt zusammentrafen – oft mit dem sagenhaften Jomsborg der Wikinger in Verbindung gebracht (siehe Wolin). Dazu kamen Stettin (Szczecin) an der Oder und Kolberg. Diese Städte machten die Pomoranen reich und selbstbewusst – und für Missionare zugleich verlockend und gefährlich.

Triglav, der dreiköpfige Gott

Wie bei den Ranen stand im Zentrum des pomoranischen Glaubens ein vielköpfiger Gott: Triglav („Dreikopf"). Seine Standbilder in Stettin und Wolin hatten drei Häupter, deren Augen und Mund mit einem goldenen Schleier verhüllt waren – Sinnbild, dass der Gott über Himmel, Erde und Unterwelt herrsche und die Sünden der Menschen nicht sehen wolle. Dem Triglav war ein schwarzes heiliges Pferd geweiht, das man wie bei Ranen und Lutizen zum Orakel über gekreuzte Speere führte. Der Kult ist in den Lebensbeschreibungen Ottos von Bamberg erstaunlich genau überliefert.

Mitra des heiligen Otto von Bamberg, des Apostels der Pomoranen
Mitra des heiligen Otto von Bamberg (um 1139), des „Apostels der Pommern". Foto gemeinfrei (Zentralbibliothek Zürich / Wikimedia Commons).

Otto von Bamberg, der Apostel der Pommern

Die Christianisierung Pommerns gelang erst nach mehreren Anläufen. Nachdem der Polenherzog Bolesław III. die Pomoranen unterworfen hatte, zog der Bischof Otto von Bamberg 1124/25 und erneut 1128 ins Land. Anders als frühere Missionare kam er mit großem Gefolge, Geschenken und Geduld – und hatte Erfolg: Herzog Wartislaw I. und viele Städte nahmen den neuen Glauben an, die Triglav-Tempel wurden zerstört. Die drei Lebensbeschreibungen Ottos (von Ebo, Herbord und einem Prüfeninger Mönch) sind unsere Hauptquelle – zugleich lebendige Schilderung und fromme Missionslegende.

Zwischen Polen, Dänen und dem Reich

Pommern lag im Kräftefeld dreier Mächte: der polnischen Piasten, der dänischen Könige und des deutschen Reiches. Herzog Wartislaw begründete das Greifenhaus, das Pommern bis 1637 regieren sollte – eine slawischstämmige Dynastie, ähnlich wie in Mecklenburg. Über die Jahrhunderte wurde das Land christlich und teilweise deutsch geprägt, blieb aber ein eigenes Herzogtum. So endete die pomoranische Eigenständigkeit nicht abrupt, sondern in einem langen Übergang.

Was von ihnen bleibt

Der Name Pommern (polnisch Pomorze) hält die Pomoranen bis heute lebendig; die Kaschuben in Hinterpommern sprechen noch immer eine westslawische Sprache und gelten als deren Nachfahren. Handelsstädte wie Stettin und die Funde von Wolin erzählen von einer Zeit, als die südliche Ostsee ein slawisch-skandinavisches Kontaktland war. Für uns runden die Pomoranen das Bild: Der „Wikinger-Norden" war nie nur skandinavisch, sondern ein Geflecht aus Nordmännern und Slawen an einem gemeinsamen Meer.

Schiffe, Handel und Reichtum

Die Pomoranen waren ein Volk der Küste. Ihre Städte lebten vom Ostseehandel: Bernstein, Fisch (besonders der Hering), Salz, Getreide und Sklaven gingen über ihre Häfen, dazu Silber und Luxuswaren aus dem ganzen Ostseeraum. Wolin an der Odermündung war im 10./11. Jahrhundert eine der größten Städte des Nordens, ein Schmelztiegel aus Slawen, Skandinaviern und fernen Kaufleuten. Diese Weltoffenheit machte die Pomoranen wohlhabend – und erklärt zugleich, warum sie sich der Bekehrung so lange widersetzten: Ihr Reichtum und ihre Götter gehörten untrennbar zusammen.

Der lange Weg zur Bekehrung

Otto von Bamberg war nicht der erste, der es versuchte. Ein früherer Missionar, der Spanier Bernhard, war in Wolin gescheitert: Barfuß und arm gekommen, hatten ihn die Pomoranen verspottet – ein reicher Gott, so ihr Spott, schicke keine Bettler. Otto lernte daraus. Er kam 1124 mit Wagen voller Geschenke, priesterlichem Prunk und dem Rückhalt des Polenherzogs – und wurde ernst genommen. Diese Episode ist mehr als eine Anekdote: Sie zeigt, dass Mission an der Ostsee auch eine Frage von Macht, Ansehen und Diplomatie war, nicht nur des Glaubens. Erst die zweite Reise 1128 sicherte den Erfolg dauerhaft.

Das Greifenhaus und das slawische Erbe

Aus dem Herzogtum Wartislaws wuchs das Greifenhaus, das Pommern über 500 Jahre bis 1637 regierte – wie in Mecklenburg eine Dynastie slawischen Ursprungs, die Teil des Reiches wurde, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Das Wappentier, der Greif, wurde zum bis heute gültigen Sinnbild Pommerns. Über die Jahrhunderte verschmolzen slawische und deutsche Bevölkerung, doch in Hinterpommern hielten sich die Kaschuben als westslawische Sprachinsel – lebendige Nachfahren der alten Pomoranen. So ist Pommern, ähnlich wie Mecklenburg und Brandenburg, ein Land auf slawischem Fundament.

Ein Meer, zwei Völker

Für das Bild der Wikingerzeit sind die Pomoranen unverzichtbar: An der südlichen Ostsee trafen Nordmänner und Slawen nicht als Fremde, sondern als Nachbarn, Handelspartner und manchmal Gegner aufeinander. Wolin, Haithabu und Birka gehörten zum selben Netz. Wer den Norden nur als „skandinavisch" denkt, übersieht die halbe Geschichte – die andere Hälfte ist slawisch, und sie beginnt am pomoranischen Ufer.

Woher wir das wissen

Fast alle Schriftquellen zur slawischen Geschichte des Nordens stammen von ihren Gegnern: von deutschen und dänischen Geistlichen wie Thietmar von Merseburg, Adam von Bremen, Helmold von Bosau oder Saxo Grammaticus. Sie schrieben aus christlicher Sicht über „Heiden" – oft aus zweiter Hand, mit klarer Botschaft. Deshalb ist die Archäologie so wichtig: Ringwälle, Keramik, Silberhorte und Grabfunde korrigieren und ergänzen das schiefe Bild der Chroniken. Erst beide zusammen ergeben ein ehrliches Bild. Genau diese Quellenkritik ist uns wichtig – wir trennen sauber, was belegt ist, von dem, was Deutung bleibt, und erfinden nichts hinzu.

Auch das Christentum kam nicht auf einen Schlag: Schon um das Jahr 1000 hatte Kaiser Otto III. mit dem kurzlebigen Bistum Kolberg einen ersten Versuch gewagt, der scheiterte. Erst Otto von Bamberg gelang gut hundert Jahre später der dauerhafte Durchbruch. Diese Zähigkeit des alten Glaubens verbindet die Pomoranen mit den Ranen von Rügen und den Lutizen – die südliche Ostsee war die letzte große Bastion des slawischen Heidentums.

So schließt sich der Kreis zu den anderen Ostseeslawen: Obodriten, Lutizen, Ranen und Pomoranen bildeten zusammen eine slawische Welt an der südlichen Ostsee, die mit den Wikingern handelte, kämpfte und lebte – und die erst spät, oft erst im 12. Jahrhundert, im christlichen Europa aufging. Wer diese Völker kennt, sieht den Norden mit anderen Augen.

„Das Bild des Triglav hatte drei Häupter; seine Augen und Lippen aber waren mit einer goldenen Binde verhüllt."nach der Lebensbeschreibung Ottos von Bamberg (Herbord, gemeinfrei, eigene Übersetzung)
Was belegt ist: Die Pomoranen zwischen Oder und Weichsel mit den Handelsstädten Wolin, Stettin und Kolberg; der Triglav-Kult mit verhülltem Götterbild und Pferdeorakel; die Unterwerfung durch Bolesław III. und die Missionsreisen Ottos von Bamberg 1124/25 und 1128 (Viten von Ebo und Herbord); das Greifenhaus Wartislaws; die Kaschuben als westslawische Nachfahren.
Was Deutung ist: Die Gleichsetzung Wolin = Jomsborg ist beliebt, aber unbewiesen. Die Otto-Viten sind fromme Missionsliteratur; Details des Triglav-Kults sind mit dieser Färbung zu lesen. Die genaue Bedeutung der drei Häupter (Himmel/Erde/Unterwelt) ist eine mittelalterliche Deutung.
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