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Die Jomswikinger – Kriegerbruderschaft zwischen Saga, Skaldenvers und Spaten

Sagenwelt Die Jomswikinger – Kriegerbruderschaft zwischen Saga, Skaldenvers und Spaten

Die Jomswikinger waren nach der isländischen Jómsvíkinga saga eine Bruderschaft von Berufskriegern, die von einer Seefestung namens Jomsburg an der südlichen Ostseeküste aus kämpfte, nach strengen Gesetzen lebte und um 986 in der Seeschlacht von Hjörungavágr gegen Hákon Jarl von Norwegen unterging. Ob es diese Bruderschaft in genau dieser Form gab, ist offen: Die Saga wurde rund 200 Jahre später aufgeschrieben, die Festung ist archäologisch nicht nachgewiesen. Wir zeigen dir, was auf festem Grund steht und was große Erzählkunst ist.

Stell dir eine Reihe gefesselter Männer vor, an einem Seil zusammengebunden, an einem kalten Strand in Westnorwegen. Vor ihnen ein Mann mit einer Axt. Einer nach dem anderen wird geköpft – und einer nach dem anderen macht einen Witz, stellt eine Bedingung oder einen Versuch an. Kaum eine Szene der Sagaliteratur ist so berühmt, so oft nacherzählt und so oft für bare Münze genommen worden. Sie gehört den Jomswikingern, und sie verrät viel über die Art, wie Isländer um 1200 über Ehre, Tod und Haltung erzählten. Ob sie auch viel über das Jahr 986 verrät, ist eine ganz andere Frage.

Die Saga, die alles erzählt – und wann sie entstand

Fast alles, was du je über die Jomswikinger gehört hast, stammt aus einem einzigen Text: der Jómsvíkinga saga, der „Saga von den Jomswikingern“. Sie wurde von einem unbekannten Verfasser in Island geschrieben. Die norwegische Enzyklopädie Store norske leksikon setzt die Niederschrift um 1200 an, nach rund zwei Jahrhunderten mündlicher Weitergabe.

Die Saga ist in mehreren, deutlich verschiedenen Fassungen erhalten: AM 291 4to (spätes 13. Jahrhundert, unvollständig), die knappere Stockholmer Handschrift Holm perg 7 4to (14. Jahrhundert), AM 510 4to (15. Jahrhundert) und die Flateyjarbók, die den Stoff in die Saga von Olaf Tryggvason einarbeitet. Wer „die Saga sagt“ sagt, müsste eigentlich fragen: welche?

Daneben erzählen die Königsgeschichten Fagrskinna und Snorri Sturlusons Heimskringla (beide frühes 13. Jahrhundert), die dänische Knýtlinga saga und Saxo Grammaticus in seinen Gesta Danorum.

Quellenlage in einem Satz: Es gibt keine zeitgenössische Prosaquelle, die die Jomswikinger als Bruderschaft beschreibt. Was wir haben, sind spätere Sagas, ein deutscher Kirchenchronist, der eine Handelsstadt „Jumne“ kennt, und Skaldenstrophen des späten 10. Jahrhunderts, die eine Seeschlacht gegen Hákon Jarl bezeugen.

Pálnatóki und die Gründung der Jomsburg

Die Saga beginnt nicht mit Kriegern, sondern mit dänischer Familienpolitik. König Harald Blauzahn hat einen Sohn namens Sven, den er nicht anerkennen will. Ein fünischer Großbauer namens Pálnatóki nimmt sich des Jungen an. Das Verhältnis zwischen König und Pálnatóki verdirbt endgültig, als Sven seinen Vater bekämpft. Nach der Saga ist es Pálnatóki selbst, der Harald mit einem Pfeil tödlich trifft. Adam von Bremen weiß davon nichts; bei ihm stirbt Harald an Wunden aus dem Kampf gegen seinen Sohn.

Pálnatóki geht nach Wendland, an die Südküste der Ostsee. Der Wendenkönig, den die Saga Búrizleifr nennt, überlässt ihm Land, um es gegen Feinde zu schützen. Dort lässt Pálnatóki die Jomsburg bauen, eine Festung mit einem Hafen, in den eine große Zahl Langschiffe einlaufen kann und dessen Einfahrt mit einem Tor verschlossen wird. Store norske leksikon gibt als Gründungsjahr nach der Saga 960 an. Das ist Sagachronologie, keine belegte Jahreszahl.

Spannend ist, dass andere Quellen die Gründung anders erzählen. Fagrskinna, Knýtlinga saga und Saxo schreiben die Jomsburg König Harald Blauzahn selbst zu. Bei Saxo heißt der Held Toki, und er muss auf Befehl des Königs einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schießen – dieselbe Geschichte, die später in der Schweiz mit Wilhelm Tell berühmt wurde. Die Überlieferung ist also nicht nur spät, sondern in sich widersprüchlich, und einzelne Motive wandern frei zwischen den Figuren.

Die Gesetze der Jomsburg

Das Herzstück des Jomswikinger-Mythos sind ihre Gesetze. Die Saga zählt sie auf, als würde sie aus einer Satzung vorlesen. Zusammengefasst nach den gängigen Fassungen:

Das klingt nach einem Ritterorden im Wikingergewand, und genau das ist der Punkt, an dem du hellhörig werden solltest. Die Systematik der Liste wirkt literarisch, nicht wie ein abgeschriebenes Gesetz des 10. Jahrhunderts. Store norske leksikon vermutet zudem, dass der Sagaverfasser die dänischen Ringburgen vom Trelleborg-Typ als Vorbild für seine Festung vor Augen gehabt haben könnte.

Gleichzeitig sind die einzelnen Regeln nicht aus der Luft gegriffen. Die Pflicht zur Rache, das geteilte Beutegut und das Verbot der Flucht passen gut zu dem, was wir über wikingerzeitliche Gefolgschaften und Kriegerverbände wissen. Wie solche Gruppen tatsächlich organisiert waren, zeigt unser Beitrag zu Lið, Hird und Leiðangr. Der Jomsburg-Kodex ist also am ehesten eine zugespitzte, idealisierte Fassung echter Kriegerwerte.

Das Gelübde beim Erbmahl

Nach Pálnatókis Tod übernimmt Sigvaldi, Sohn des schonischen Jarls Strút-Haraldr, die Führung. Der listige Sigvaldi entführt nach der Saga sogar den dänischen König Sven und zwingt ihn in eine Heiratsallianz mit dem wendischen Königshaus. Die Sven-Seite dieser Geschichte erzählen wir im Beitrag über Sven Gabelbart.

Dann folgt die Szene, die alles ins Rollen bringt. Sven lädt zum Erbmahl, dem großen Totengedenkgelage, bei dem man die Nachfolge antritt und Gelübde ablegt. Die Jomswikinger kommen, man trinkt kräftig, und Sven nutzt die Stimmung. Die Männer leisten heitstrenging, das sind feierliche Prahlgelübde beim Becher, die man nicht zurücknehmen kann, ohne die Ehre zu verlieren. Nach Snorris Darstellung schwört Sigvaldi, binnen drei Wintern nach Norwegen zu fahren und Hákon Jarl zu töten oder aus dem Land zu jagen. Sein Bruder Þorkell der Hohe schwört, ihm zu folgen. Búi der Dicke schwört, nicht zu fliehen. Und Vagn Ákason schwört, Þorkell leira zu erschlagen und mit dessen Tochter Ingibjörg zu schlafen, ohne ihre Verwandten zu fragen.

Historisch steckt hinter der Erzählung ein realer Konflikt: Hákon Sigurðarson, Jarl von Lade, hatte Norwegen zunächst unter dänischer Oberhoheit regiert und sich dann von Harald Blauzahn gelöst. Ein dänischer Strafzug gegen den abtrünnigen Jarl ist plausibel. Mehr zu Hákon und seiner Dynastie findest du bei den Jarlen von Lade.

Hjörungavágr: Hagel, Opfer und Flucht

Die Flotte segelt nach Norden und trifft vor Sunnmøre auf Hákon und seinen Sohn Eiríkr. Fagrskinna nennt 60 Schiffe der Jomswikinger gegen eine dreimal so große norwegische Flotte. Der Ort der Schlacht, Hjörungavágr, ist nie sicher bestimmt worden. Den Namen Hjørungavåg bekam das Dorf Liavåg in Hareid erst 1897, wie Store norske leksikon festhält. Auch das Datum ist unsicher: Die Forschung setzt meist um 986 an, gestützt auf die Verbindung mit Haralds Tod und Svens Erbmahl.

Zunächst haben die Angreifer die Oberhand. Da geht Hákon an Land, so erzählt die Jómsvíkinga saga, und ruft seine Schutzgöttin Þorgerðr Hölgabrúðr an, eine Frauengestalt, die eng mit seinem Geschlecht verbunden ist. Sie lehnt jedes Opfer ab, bis Hákon ihr seinen siebenjährigen Sohn Erlingr anbietet. Der Junge wird getötet. Kurz darauf zieht von Norden ein Unwetter auf, Hagel schlägt den Jomswikingern ins Gesicht, und einzelne Krieger sehen eine Frau, später zwei – Þorgerðr und ihre Schwester Irpa –, von deren Fingern Pfeile fliegen. Nach der Schlacht, so heißt es, wogen Hákons Männer die Hagelkörner, um zu ermessen, welche Macht die Schwestern hatten.

Diese Opferszene ist Saga, kein Bericht. Snorri erwähnt in der Heimskringla das schwere Hagelwetter, schreibt aber nichts von einem Kinderopfer. Store norske leksikon bewertet Sturm und Menschenopfer ausdrücklich als vermutlich mythische Elemente. Die Religionshistorikerin Gro Steinsland und andere haben vorgeschlagen, dass die Erzählung einen Kult um eine Ahnfrau der Lade-Jarle spiegeln könnte. Das ist eine Deutung, kein Beleg für ein reales Opfer. Wie die Quellen sonst über Opfer berichten, zeigt unser Beitrag zu germanischen Opfern und Heiligtümern.

Als die Lage kippt, zieht Sigvaldi mit seinen Schiffen ab. Er habe geschworen, gegen Menschen zu kämpfen, nicht gegen Trollweiber, lässt ihn die Saga sagen. Vagn schleudert ihm einen Speer nach und verfehlt ihn. Búi der Dicke hält sein Wort und flieht nicht. Schwer verwundet packt er nach Snorri zwei Truhen voller Gold, ruft „Über Bord, alle Männer Búis!“ und springt mit ihnen ins Meer. Seine Leute folgen ihm oder fallen an Deck.

Gesichert: Eine Seeschlacht zwischen Hákon Jarl und einer aus Dänemark kommenden Flotte im späten 10. Jahrhundert ist durch zeitnahe Skaldendichtung gut gestützt. Sicher nachgewiesen sind weder Ort noch genaues Jahr, Schiffszahlen, Opfer oder Hagel.

Die Gefangenen am Seil: der Tod ohne Zittern

Nun kommt die berühmte Szene. Vagn und rund dreißig seiner Männer werden gefangen, an ein Seil gebunden und an Land gebracht. Snorri beziffert das Ergebnis: Achtzehn werden hingerichtet, zwölf begnadigt. Den Henker macht Þorkell leira, ausgerechnet jener Mann, den Vagn zu töten geschworen hat. „Du hast gelobt, mich zu töten, Vagn“, spottet er sinngemäß, „aber jetzt sieht es eher so aus, als würde ich dich töten.“

Einer der Gefangenen will die alte Streitfrage klären, ob man nach dem Köpfen noch etwas weiß. Er hält eine Gewandnadel in der Hand; in anderen Fassungen ist es ein Messer. Wenn er noch bei Sinnen sei, werde er sie in die Erde stecken. Der Hieb fällt, die Nadel fällt mit. Ein anderer ist ein junger Mann mit langem, schönem Haar. Er bittet nur darum, dass es nicht blutig wird. Einer von Eiríks Männern greift das Haar und hält es fest, Þorkell schlägt zu, der Gefangene reißt den Kopf zurück, und die Axt trifft die Hände des Haarhalters. Eiríkr fragt, wer er sei: Sigurðr, Sohn des Búi. Eiríkr bietet ihm das Leben an, und Sigurðr antwortet, das hänge davon ab, wer es ihm anbiete. Vom Jarl selbst nimmt er es an.

Dann ist Vagn an der Reihe. Þorkell leira stürmt mit erhobener Axt heran, doch ein Mitgefangener, bei Snorri Skarði genannt, wirft sich ihm vor die Füße. Þorkell stürzt, Vagn greift die Axt – und tötet seinen Henker. Damit hat er die Hälfte seines Gelübdes erfüllt. Eiríkr fragt, ob er das Leben annehme. „Ja“, sagt Vagn sinngemäß, „wenn ihr es uns allen gebt.“ Eiríkr gewährt es. Nach der Saga heiratet Vagn später tatsächlich Ingibjörg, die Tochter des Erschlagenen. Auch die zweite Hälfte des Gelübdes geht so in Erfüllung, wenngleich mit Zustimmung statt gegen sie.

Lies diese Szene als das, was sie ist: ein Kabinettstück isländischer Erzählkunst. Sie kreist um den „guten Tod“, um Witz und Fassung im letzten Augenblick, und belohnt die Haltung mit dem Leben. Wie der Norden sonst über Tod und Nachleben dachte, liest du in unserem Beitrag zu den Todesvorstellungen der Wikinger.

Mythos-Check: „Die Hinrichtungsszene ist ein Augenzeugenbericht.“ Nein. Sie steht in Texten des 13. Jahrhunderts, die Fassungen weichen in Details ab (Nadel oder Messer, Namen der Retter), und ihre Pointen sind sorgfältig gebaut. Ein historischer Kern – Gefangene nach einer Seeschlacht – ist möglich; die Dialoge sind Literatur.

Was die Skalden wirklich sagen

Gibt es etwas aus der Zeit selbst? Ja: die Skaldendichtung, kunstvolle Preislieder von Hofdichtern. Weil ihre Strophen metrisch fest gebaut sind, gelten sie als relativ stabil überliefert, obwohl sie erst in Sagas des 13. Jahrhunderts aufgeschrieben wurden.

Für Hjörungavágr sind drei Namen wichtig. Tindr Hallkelsson, Isländer und Hofdichter Hákon Jarls, soll selbst mitgekämpft haben. Aus seiner Hákonardrápa ist eine Strophe zur Schlacht in mehreren Werken zitiert: Der Jarl habe seine sorgfältig genähte Brünne, die dem eisernen Pfeilhagel nicht mehr standhielt, auf das nasse Deck geworfen; ein Teil sei ins Meer gefallen. Snorri bettet die Strophe in die Erzählung ein, wonach so viele Speere den Panzer Hákons trafen, dass er zerriss. Einarr skálaglamm („Waagschalen-Klang“) nennt die Schlacht in seiner Vellekla, dem großen Preislied auf Hákon; mehr dazu in unserem Beitrag über die Vellekla. Und Þórðr Kolbeinsson erwähnt sie in seiner Eiríksdrápa auf Hákons Sohn.

Diese Strophen bezeugen einen Sieg Hákons und Eiríks in einer Seeschlacht gegen eine Flotte aus dem Süden. Sie bezeugen aber nicht den Kodex der Jomsburg, nicht Pálnatóki, nicht das Kinderopfer und nicht die Pointen der Hinrichtung. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen zeitgenössischer Dichtung und späterer Saga.

Später entstanden eigene Gedichte über die Jomswikinger, die aber keine Zeitzeugnisse sind. Am bekanntesten ist die Jómsvíkingadrápa des Bjarni Kolbeinsson, Bischof der Orkneys (gestorben 1222). Sie ehrt die Gefallenen und ist, kurioserweise, gleichzeitig ein Liebesklagelied: Der Bischof unterbricht die Schlachtschilderung immer wieder mit Klagen über eine unerreichbare Frau. Die Jomswikinger waren schon damals Unterhaltung.

Gesichert: Tindr Hallkelsson, Einarr skálaglamm und Þórðr Kolbeinsson dichteten im Umfeld der Lade-Jarle und nennen eine Seeschlacht, die mit Hjörungavágr verbunden wird. Den Namen „Jomswikinger“ benutzen diese zeitgenössischen Strophen für den Gegner nach unserem Kenntnisstand nicht.

Jumne, Wolin, Jomsburg: Wo lag die Festung?

Der wichtigste Zeuge für den Ort ist kein Skandinavier, sondern ein Bremer Domherr. Adam von Bremen beschreibt um 1075 im zweiten Buch seiner Hamburger Kirchengeschichte an der Odermündung eine Stadt namens Jumne. Er nennt sie die größte aller Städte, die Europa umschließt, bewohnt von Slawen und anderen Völkern, „Griechen und Barbaren“. Sächsische Kaufleute dürften dort leben, solange sie ihr Christentum nicht öffentlich zeigten. Er erwähnt sogar ein Feuer, das die Einwohner „griechisches Feuer“ nannten. Und er berichtet, dass Harald Blauzahn nach der Niederlage gegen seinen Sohn nach Jumne geflohen und dort an seinen Wunden gestorben sei.

Adams Superlativ ist sicher übertrieben, und er kannte die Stadt nur vom Hörensagen. Doch eines ist klar: Er spricht von einer Handelsstadt, nicht von einer Kriegerburg. Schwankende Namensformen in den Handschriften (uimne, iumne) führten später auch zur Legende von „Vineta“. Seit den 1930er-Jahren setzt die Forschung Jumne, Julin und das „Jóm“ der Sagas meist mit Wolin gleich.

Wolin war tatsächlich ein bedeutender früh- und hochmittelalterlicher Hafen- und Handelsort mit slawischer Bevölkerung und skandinavischen Kontakten. Die Grabungsbefunde haben wir im Beitrag zu Wolin und Jomsborg zusammengestellt. Eine Burg mit Schiffstor, wie die Saga sie beschreibt, wurde dort allerdings nicht gefunden. Store norske leksikon formuliert es klar: Die Jomsburg ist nie archäologisch nachgewiesen worden, und die Befunde in Wolin passen nicht gut zur Sagabeschreibung.

Neuen Schwung brachte 2023 eine Hypothese des polnischen Archäologen Wojciech Filipowiak von der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Bei Grabungen 2021 und 2022 auf dem Galgenberg (Wzgórze Wisielców) südlich von Wolin, einem großen frühmittelalterlichen Gräberfeld, stieß sein Team auf eine ringförmige Struktur mit zwei Wällen und einen linearen Wall mit Brandspuren und Holzresten. Filipowiak schlägt vor, dort könnte die Burg gestanden haben, mit der Stadt Jóm zu ihren Füßen. Er selbst nennt es ausdrücklich eine Hypothese, die erst durch größere Grabungen geprüft werden muss.

Dazu kommen Funde mit fragwürdiger Herkunft. 2014 wurde die sogenannte Curmsun-Scheibe vorgestellt, eine kleine Goldscheibe mit einer Inschrift, die Harald Gormsson nennt und angeblich aus einem 1841 bei Wolin entdeckten Fund stammt. Später tauchte eine angebliche mittelalterliche Chronik auf, die die Jomsburg bei Paprotno verortet. Fachleute wie Kurt Villads Jensen und Wojtek Jezierski halten beides für Fälschungen. Als Beweis taugen sie nicht. Auch Thesen, die die Burg auf Usedom suchen, sind archäologisch nicht belegt.

Mythos-Check: „Jomsburg ist Wolin – das ist bewiesen.“ Nein. Jumne/Julin ist mit großer Wahrscheinlichkeit Wolin. Ob es dort oder in der Nähe eine Festung einer skandinavischen Kriegerbruderschaft gab, ist offen. Einige Historiker, etwa Lauritz Weibull, hielten die Jomsburg schon vor hundert Jahren für eine Legende.

Runensteine: Männer, die bei Uppsala nicht flohen

Kein Runenstein nennt das Wort „Jomswikinger“. Es gibt aber Steine, die mit einem Feldzug verbunden werden, an dem die Sagas Jomswikinger beteiligen: der Schlacht auf den Fýrisvellir bei Uppsala in den 980er-Jahren, in der der schwedische König Erik der Siegreiche seinen Neffen Styrbjörn den Starken schlug.

Der Stein von Sjörup in Schonen (DR 279), um 1000, erinnert an einen Ásbjörn. Saxi setzte ihn für seinen Gefährten, und die Inschrift sagt sinngemäß: Er floh nicht bei Uppsala, sondern kämpfte, solange er eine Waffe hatte. Ein Stein in Hällestad (DR 295) gilt einem Tóki, Gorms Sohn, mit derselben Formel: Er floh nicht bei Uppsala. Der Stein von Högby in Östergötland nennt einen Ásmundr, der an der Fyris fiel.

Das ist eindrucksvoll, denn genau das Nicht-Fliehen ist ja der Kern des Jomsburg-Kodex. Aber Vorsicht: Die Verbindung dieser Männer zu den Jomswikingern läuft nur über die Sagas, die Styrbjörn zum Anführer der Jomswikinger machen. Datierung der Steine und Ablauf der Schlacht sind umstritten. Die Steine zeigen ein Kriegerideal, das real war – und das die Saga später zur Ordensregel verdichtete.

Svolder, Thorkell und das Ende der Jomsburg

Nach Hjörungavágr verschwinden die Jomswikinger nicht sofort aus den Sagas. Sigvaldi taucht wieder auf, und zwar in einer Rolle, die zu seinem Ruf passt: Bei der Seeschlacht von Svolder um das Jahr 1000 lockt er nach der Überlieferung König Olaf Tryggvason in die Falle seiner Feinde. Ob Sigvaldi überhaupt eine historische Person war, ist allerdings ebenfalls bezweifelt worden.

Das Ende kommt nach Snorri im Jahr 1043. König Magnus der Gute von Norwegen und Dänemark zieht nach Wendland, nimmt die Jomsburg ein, brennt sie nieder und tötet viele Bewohner. Die Knýtlinga saga und Saxo berichten zudem von einem dänischen Feldzug Waldemars I. in die Region um 1170. Ob 1043 eine echte Burg fiel oder ob hier die Zerstörung eines wendischen Handelsplatzes in Sagasprache erzählt wird, wissen wir nicht.

Nachleben: Romane, Metal und ein Festival

Im 20. Jahrhundert griffen Romanautoren den Stoff auf. Frans G. Bengtsson erzählt in Die Abenteuer des Röde Orm die Episode der trotzigen Gefangenen nach, E. R. Eddison schrieb Styrbiorn the Strong. In Makoto Yukimuras Manga Vinland Saga spielen Figuren wie Thorkell als Jomswikinger tragende Rollen. Die Metalband Amon Amarth veröffentlichte 2016 ein ganzes Konzeptalbum mit dem Titel Jomsviking, und die Serie Vikings: Valhalla zeigt eine Jomsburg in Pommern. All das ist Fiktion, oft gute, aber eben Fiktion.

Ganz handfest ist das Nachleben in Wolin selbst. Dort findet jedes Jahr das Festival der Slawen und Wikinger statt, eines der größten Reenactment-Treffen Europas, mit Schaukämpfen, Handwerk und Märkten im rekonstruierten Siedlungsareal. Termine, Anreise und Programm haben wir im Beitrag zum Wolin-Festival gesammelt.

Was von den Jomswikingern bleibt

Mythos-Check: „Jomswikinger waren Berserker.“ Die Sagas beschreiben sie als disziplinierte Kämpfer mit Regeln, nicht als rasende Krieger. Die Berserker sind ein eigenes Thema, das wir in unserem Beitrag über Berserker behandeln.

Was bleibt, wenn man all das abzieht? Eine reale Seeschlacht gegen Hákon Jarl, eine reale Handelsstadt an der Odermündung, reale Krieger, deren Gefährten auf Runensteine meißelten, dass sie nicht flohen. Und eine Saga, die aus diesen Splittern eine Bruderschaft schmiedete, die seit 800 Jahren nicht mehr aus den Köpfen will. Das ist nicht wenig.

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Häufige Fragen

Wer waren die Jomswikinger? Nach der Jómsvíkinga saga eine Bruderschaft von Berufskriegern mit Sitz in der Jomsburg an der südlichen Ostseeküste, die nach strengen Regeln lebte. Historisch lässt sich die Bruderschaft in dieser Form nicht nachweisen; belegt ist ein Kern aus Kriegern im dänisch-wendischen Umfeld des späten 10. Jahrhunderts.

Wo lag die Jomsburg? Meist wird sie mit Wolin an der Odermündung in Polen verbunden, das Adam von Bremen als Handelsstadt Jumne kennt. Eine Festung, wie die Saga sie beschreibt, ist archäologisch nicht nachgewiesen; seit 2023 wird der Galgenberg bei Wolin als möglicher Standort diskutiert.

Welche Gesetze hatten die Jomswikinger? Laut Saga: Aufnahme nur zwischen 18 und 50 Jahren, keine Flucht vor gleich starken Gegnern, Rachepflicht, geteilte Beute, keine Frauen in der Burg und höchstens drei Nächte Abwesenheit ohne Erlaubnis. Diese Liste stammt aus einer Saga um 1200, nicht aus dem 10. Jahrhundert.

Wann war die Schlacht von Hjörungavágr? Meist wird sie um 986 datiert. Ort und Jahr sind nicht sicher; der heutige Ortsname Hjørungavåg in Hareid wurde erst 1897 vergeben.

Gab es die Jomswikinger wirklich? Es gab Krieger, Seeschlachten und eine bedeutende Stadt an der Odermündung. Ob es eine geschlossene Bruderschaft mit Festung und Kodex gab, ist offen und wird von vielen Forschern bezweifelt.

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