Jede Untat hat ihren Preis, und Lokis Rechnung wird auf einen Schlag beglichen. Nach dem Tod Balders und seinem gnadenlosen Spott beim Göttergelage fangen die Asen den Listigen – und verhängen die grausamste Strafe der ganzen Mythologie.
Loki weiß, dass sein Maß voll ist. Er flieht in die Berge und baut sich ein Haus mit vier Türen, um nach allen Seiten zu spähen. Tagsüber verwandelt er sich in einen Lachs und verbirgt sich im Wasserfall Fránangr. Doch aus Übermut erfindet er selbst das erste Fischernetz – und wirft es, als die Götter nahen, ins Feuer. Aus der Asche lesen sie das Muster ab, knüpfen das Netz nach und fangen ihn. Beim letzten Sprung packt Thor den Lachs am Schwanz – daher, sagt der Mythos, ist der Lachs hinten so schmal.
Die Rache der Götter ist furchtbar. Sie führen Lokis Söhne herbei: Vali wird in einen Wolf verwandelt und zerreißt seinen Bruder Narfi. Aus dessen Gedärmen, die zu Eisen werden, fesseln die Götter Loki über drei aufgerichtete Steinplatten. Über sein Gesicht hängt die Riesin Skadi eine Giftschlange, deren Geifer ihm unablässig auf das Antlitz tropfen soll.
Doch Loki ist nicht ganz allein. Seine treue Frau Sigyn stellt sich neben ihn und hält eine Schale auf, die das Gift auffängt. Nur wenn die Schale voll ist und sie sich abwenden muss, um sie zu leeren, trifft ihn ein Tropfen. Dann zuckt Loki in solchen Krämpfen, dass die ganze Erde bebt – so, erzählt der Mythos, entstehen die Erdbeben. So liegt er gefesselt, bis er sich bei Ragnarök losreißt und gegen die Götter zieht.
„Gebunden liegt Loki, doch getreu bei ihm
hält Sigyn die Schale – nicht froh ihres Gemahls.“
— nach Völuspá / Gylfaginning (Sinn nach Karl Simrock, 1851, gemeinfrei)

Loki · Sigyn – die Treue · Lokasenna – das Götterschelten · Balders Tod · Ragnarök.
Lieder-Edda: Völuspá, Lokasenna (Prosa-Schluss). Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Gylfaginning: Fang des Lachses, Fesselung, Sigyns Schale), um 1220. Bildstein: Gosforth-Kreuz (England, 10. Jh.). Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001).