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Lokis Strafe: Wie die Götter Loki fesselten – Lachsjagd, Eisenfesseln, Giftschlange und Sigyns Schale

Sagen & Mythen Lokis Strafe: Wie die Götter Loki fesselten – Lachsjagd, Eisenfesseln, Giftschlange und Sigyns Schale

Lokis Strafe sieht so aus: Die Götter fangen ihn, als er sich in Lachsgestalt in einem Wasserfall versteckt, binden ihn in einer Höhle mit den Därmen seines eigenen Sohnes über drei Steinplatten fest, und Skaði hängt eine Giftschlange über sein Gesicht. Nur seine Frau Sigyn bleibt und fängt das Gift in einer Schale auf. Wenn sie die Schale leert, trifft ihn das Gift, er bäumt sich auf – und die Erde bebt. So liegt er bis Ragnarök. Wir zeigen dir, was genau in welcher Quelle steht.

Es gibt Strafen, die enden mit dem Tod. Lokis Strafe ist schlimmer: Sie endet nicht. Kein anderes Bild der nordischen Mythologie ist so körperlich, so grausam und zugleich so leise wie dieses: ein gefesselter Gott in einer Höhle, ein Tropfen Gift, eine Frau mit einer Schale.

Wer Loki als Figur kennenlernen will – den Blutsbruder Odins, den Helfer und Verderber, den Vater von Fenrir, Jörmungandr und Hel –, findet das bei uns im Artikel Loki – Helfer und Verderber. Hier geht es nur um eine Frage: Wie, warum und nach welchen Quellen wird Loki bestraft? Und was davon ist wirklich alt, was hat Snorri ausgeschmückt, und was zeigen die Steinkreuze in Nordengland?

Die Quellenlage in drei Sätzen

Die ausführlichste Erzählung steht in der Gylfaginning, dem ersten Hauptteil der Prosa-Edda, die der Isländer Snorri Sturluson um 1220 schrieb – also gut zwei Jahrhunderte nach der Christianisierung Islands. Eine kürzere, in Details abweichende Fassung bietet der Prosaschluss der Lokasenna, eines Götterlieds der Lieder-Edda, die im Codex Regius (um 1270) überliefert ist. Dazu kommen Anspielungen in den Liedern Völuspá und Baldrs draumar sowie Steinbilder aus dem 10. Jahrhundert in Cumbria, deren Deutung allerdings nicht in jedem Fall sicher ist.

Die Flucht: ein Haus mit vier Türen

Bei Snorri beginnt die Strafe mit einer Flucht. Nach dem Tod Balders und dem gescheiterten Versuch, ihn aus Hel zurückzuholen, sind die Götter, wie es dort sinngemäß heißt, so zornig auf Loki, wie man es erwarten konnte. Loki weiß das. Er läuft davon und versteckt sich auf einem Berg. Dort baut er sich ein Haus mit vier Türen, damit er aus dem Inneren in alle Himmelsrichtungen sehen kann. Wer immer kommt – Loki will ihn zuerst sehen.

Tagsüber verwandelt er sich in einen Lachs und versteckt sich in einem Wasserfall, dem Fránangrsfors („Fránangrs Wasserfall“). Wo dieser Wasserfall liegen soll, sagt keine Quelle; er ist ein Ort der Erzählung, nicht der Landkarte. Gestaltwandel ist für Loki nichts Neues – Stute, Falke, Fliege, Robbe hat er schon hinter sich.

Und dann kommt der Moment, in dem Lokis eigene Klugheit gegen ihn arbeitet. Snorri erzählt, Loki habe darüber nachgegrübelt, mit welcher List die Götter ihn wohl im Wasser fangen könnten. Er nimmt Leinengarn und knüpft Maschen – so, wie man seitdem Netze knüpft. Loki ist in dieser Erzählung also der Erfinder des Fischernetzes. Er sitzt am Feuer und arbeitet daran, als er sieht, dass die Götter schon ganz nah sind. Odin hatte ihn von seinem Hochsitz Hliðskjálf aus erspäht. Loki wirft das Netz ins Feuer und springt in den Fluss.

Das Netz in der Asche

Als Erster betritt Kvasir das Haus, den Snorri hier „den weisesten von allen“ nennt. Er sieht im Feuer die weiße Asche des verbrannten Netzes – die Maschen sind als Muster noch zu erkennen. Kvasir begreift, dass dies ein Gerät zum Fischfang sein muss, und sagt es den anderen. Die Götter knüpfen nach dem Aschenmuster ein eigenes Netz.

Ein kleines Detail für Genauigkeitsfreunde: In einem anderen Teil der Prosa-Edda, den Skáldskaparmál, erzählt Snorri, dass Kvasir von zwei Zwergen getötet wurde und aus seinem Blut der Dichtermet entstand. Hier, in der Loki-Geschichte, lebt Kvasir noch und ist der klügste Kopf der Jagdgesellschaft. Snorri hat Überlieferungen nebeneinandergestellt, ohne sie immer abzustimmen.

Dann beginnt die Jagd. Die Götter ziehen das Netz durch den Fluss, Thor hält das eine Ende, alle anderen Götter das andere. Beim ersten Zug schwimmt Loki voraus und legt sich zwischen zwei Steine; das Netz gleitet über ihn hinweg. Beim zweiten Zug beschweren die Götter das Netz, sodass nichts mehr darunter durchschlüpfen kann. Loki schwimmt vor dem Netz her, merkt, dass das Meer nahe ist, springt über die Netzkante und flieht zurück stromaufwärts zum Wasserfall.

Warum der Lachs hinten so schmal ist

Beim dritten Zug teilen sich die Götter auf. Sie ziehen das Netz weiter in Richtung Meer, und Thor watet mitten im Fluss hinterher. Loki hat nun zwei Möglichkeiten: hinaus ins Meer, was lebensgefährlich ist, oder noch einmal über das Netz. Er springt, so schnell er kann. Thor greift nach ihm, der glitschige Fisch rutscht ihm durch die Hand – doch am Schwanz hält Thor ihn fest.

Und hier setzt Snorri eine kleine Erklärung ein, die man leicht überliest: Darum, heißt es sinngemäß, ist der Lachs hinten so schmal. Das ist eine Ätiologie, eine Ursprungserzählung, die ein Merkmal der wirklichen Welt erklärt – hier den auffällig schlanken Schwanzstiel des Lachses, an dem Fischer ihn bis heute gern packen. Ein Augenzwinkern mitten in der dunkelsten Szene.

Drei Steine, zwei Söhne, Fesseln aus Eisen

Jetzt ist Loki gefangen, und Snorri betont: ohne Gnade, ohne Frieden. Die Götter bringen ihn in eine Höhle. Sie nehmen drei Steinplatten, stellen sie hochkant auf und schlagen in jede ein Loch. Dann holen sie Lokis Söhne, die Snorri Váli und Nari oder Narfi nennt. Die Götter verwandeln Váli in einen Wolf, und der zerreißt seinen Bruder Narfi. Mit Narfis Därmen binden die Asen Loki über die drei Steine: einer liegt unter seinen Schultern, einer unter seinen Lenden, einer unter seinen Kniekehlen. Und diese Fesseln werden zu Eisen.

Die Strafe trifft nicht nur Loki. Sie vernichtet seine Familie: Ein Sohn wird zum Tier gemacht, der andere stirbt durch die Hand – die Zähne – seines Bruders, und sein Körper wird zum Werkzeug der Fesselung. Zugleich ist das Bild genau gebaut: Das, was Loki am nächsten ist, sein eigenes Fleisch und Blut, wird zu der Fessel, die ihn hält. Und die Verwandlung zu Eisen macht aus dem Organischen etwas Unzerreißbares.

Skaðis Schlange und Sigyns Schale

Doch die Fesselung allein genügt den Göttern nicht. Skaði, die Riesin und Jägerin, nimmt eine Giftschlange und befestigt sie über Loki, sodass ihr Gift auf sein Gesicht tropft. Dass gerade Skaði diesen Teil übernimmt, ist kein Zufall: Ihr Vater Thjazi starb durch eine List, an der Loki beteiligt war. In der Lokasenna rühmt Loki sich sogar ausdrücklich, er sei bei Thjazis Tod der Erste und Vorderste gewesen. Skaðis Schlange ist also auch eine persönliche Rechnung.

Dann tritt die einzige Figur auf, die in dieser Geschichte Mitleid zeigt. Sigyn, Lokis Frau, steht bei ihm und hält eine Schale unter die Gifttropfen. Ist die Schale voll, muss sie gehen und das Gift ausgießen. In dieser kurzen Zeit tropft das Gift ungehindert auf Lokis Gesicht. Dann zuckt er so heftig, dass die ganze Erde bebt – und das, sagt Snorri, nennt man Erdbeben. So liegt Loki gefesselt bis Ragnarök.

Gesicherter Textbefund: Flucht als Lachs, Fránangrsfors, das Netz, Thors Griff am Schwanz, die drei Steinplatten, Váli als Wolf, Narfis Därme, die zu Eisen werden, Skaðis Schlange, Sigyns Schale und die Erdbeben stehen alle in Snorris Gylfaginning, Kapitel 50 (nach der üblichen Zählung). Viele dieser Einzelheiten – Netz, Haus mit vier Türen, Kvasir, Lachs-Ätiologie, die drei Steine – kennen wir nur von Snorri.

Die Erdbeben-Erklärung ist die zweite Ätiologie der Erzählung. Für das bebenreiche Island war das kein abstraktes Thema. Bemerkenswert ist aber, dass auch der Prosaschluss der Lokasenna die Erdbeben nennt; das Motiv war also nicht nur Snorris Einfall.

Die andere Fassung: der Prosaschluss der Lokasenna

Die Lokasenna, „Lokis Zankrede“, schildert ein Gelage in der Halle des Meeresriesen Ägir, bei dem Loki einen Gott und eine Göttin nach der anderen beleidigt, bis Thor ihn mit dem Hammer hinausdroht. An das Lied schließt im Codex Regius ein kurzer Prosaabschnitt an, der berichtet, was danach geschah. Loki versteckt sich in Lachsgestalt im Fránangrsfors, dort fangen ihn die Asen. Er wird mit den Därmen seines Sohnes Nari gebunden, und sein Sohn Narfi wird zum Wolf. Skaði befestigt eine Giftschlange über seinem Gesicht, Sigyn sitzt dabei und hält eine Schale unter das Gift. Wenn sie die volle Schale hinausträgt, tropft das Gift auf Loki, und er zuckt so heftig, dass die ganze Erde bebt. Das, heißt es am Ende, nennt man heute Erdbeben.

Die Unterschiede zu Snorri sind klein, aber aufschlussreich. In der Lokasenna-Prosa gibt es keinen Váli. Der Sohn, der zum Wolf wird, heißt Narfi; der Sohn, dessen Därme die Fessel bilden, heißt Nari. Bei Snorri ist es umgekehrt beziehungsweise verschoben: Váli wird zum Wolf, Narfi stirbt, und „Nari oder Narfi“ ist bei ihm nur ein Name mit zwei Schreibweisen. Wie der Prosaschreiber auf zwei Söhne mit fast gleichem Namen kommt, erklärt er nicht. Einige ältere Ausgaben und Übersetzungen – etwa die englische von Henry Adams Bellows (1923) – haben den Text an Snorri angeglichen und setzen hier Váli ein. Wer verschiedene Übersetzungen vergleicht, stößt deshalb auf unterschiedliche Namen.

Wofür eigentlich? Balders Tod oder das Götterschelten

Hier liegt der vielleicht interessanteste Unterschied. Bei Snorri ist der Grund eindeutig: Balders Tod. Loki hat Höd den Mistelzweig in die Hand gegeben, mit dem der blinde Gott Balder tötete, und als alle Wesen um Balder weinen sollen, verweigert eine Riesin namens Þökk die Tränen – Snorri sagt, man glaube, dass dies Loki gewesen sei. Danach kommt die Strafe.

Der Prosaschluss der Lokasenna setzt einen anderen Akzent. Er beginnt sinngemäß mit „danach“ – also nach dem Götterschelten bei Ägir. Wer nur diesen Text liest, könnte meinen, Loki werde für seine Beleidigungen gefesselt. Doch ganz so einfach ist es nicht. Schon im Lied selbst prahlt Loki gegenüber Frigg, er sei schuld daran, dass sie Balder nicht mehr in die Halle reiten sehe. Balders Tod liegt also bereits hinter der Lokasenna. Und Skaði droht Loki im Lied, die Götter würden ihn mit den Därmen seines eiskalten Sohnes auf Felsen binden. Die Strafe wird im Lied angekündigt – aus dem Mund genau jener Göttin, die später die Schlange aufhängt.

Man kann beide Fassungen also gut miteinander vereinbaren: Balders Tod ist die eigentliche Schuld, das Götterschelten der Moment, in dem Loki sie öffentlich zugibt und jede Brücke abbricht. Für dich als Leser heißt das: Wer sagt, Loki sei „wegen Balder“ gefesselt worden, liegt richtig. Wer sagt, „wegen der Lokasenna“, hat die Reihenfolge eines Manuskripts auf seiner Seite, aber nicht die ganze Geschichte.

Mythos-Check: „Loki wurde von Odin persönlich bestraft.“ Das steht so in keiner Quelle. Odin entdeckt Loki zwar von Hliðskjálf aus, aber die Fesselung ist das Werk „der Asen“ als Gemeinschaft, die Schlange hängt Skaði auf. Ebenso wenig steht in den Quellen, dass Loki in Hel oder in einem Gefängnis aus Metall liegt: Bei Snorri ist es eine Höhle mit Steinplatten, das Eisen entsteht erst aus den Därmen.

Was die Lieder andeuten: Völuspá und Baldrs draumar

Die älteste Schicht unseres Wissens bilden nicht die Erzählungen, sondern knappe Anspielungen in den Liedern. In der Völuspá, der „Weissagung der Seherin“, gibt es eine Strophe – nach der Zählung des Codex Regius Strophe 35 –, die das Bild in wenigen Zeilen festhält. In eigener Übertragung:

Einen Gefangenen sah sie liegen unter dem Hain der heißen Quellen, dem unheilfrohen Loki gleich an Gestalt. Dort sitzt Sigyn, über ihren Mann wahrlich nicht froh. Wisst ihr noch mehr – oder was?Völuspá 35 (Codex Regius), eigene Übertragung aus dem Altnordischen

Das altnordische hveralundr – wörtlich etwa „Hain der Kessel“ oder „Hain der heißen Quellen“ – ist ein rätselhafter Ortsname. Manche Forscher denken an isländische Thermalquellen, was zur Erdbeben-Pointe passen würde; das bleibt aber Deutung. Auffällig ist, wie zurückhaltend die Seherin formuliert: ein Gefesselter, der aussieht wie Loki. Die Schlange erwähnt sie nicht, die Schale auch nicht – nur Sigyn, die nicht froh ist.

Unmittelbar davor steht in der Überlieferung eine Halbstrophe, die von Fesseln aus Därmen spricht: Váli habe „Kampffesseln“ gedreht, und diese Fesseln aus Gedärmen seien recht hart gewesen. Diese Zeilen sind nicht in allen Handschriften gleich überliefert und ihre Einordnung ist schwierig. Wichtig ist der Name Váli. In der übrigen Mythologie ist Váli ein Sohn Odins, der eigens geboren wird, um Balder zu rächen – Baldrs draumar erzählt, dass er schon eine Nacht nach der Geburt zur Rache bereit ist. Viele Forscher halten es deshalb für möglich, dass ursprünglich dieser Rächer Váli Loki gebunden hat und dass Snorri – oder seine Vorlage – daraus einen Sohn Lokis namens Váli gemacht hat. Das ist eine gut begründete Vermutung, aber keine Gewissheit.

Das Lied Baldrs draumar („Balders Träume“) liefert noch einen wichtigen Satz. Odin hat eine tote Seherin geweckt, um sie nach Balders Schicksal zu befragen. Am Ende schickt sie ihn mit der Ansage fort, niemand werde sie mehr besuchen, bis Loki frei aus seinen Fesseln komme und die Zerstörer zum Untergang der Götter heranzögen. Hier ist die Fesselung Lokis also schon ein fester Zeitmarker: Sie gilt, bis die Welt endet. Diese Verbindung von Balders Tod, Fesseln und Ragnarök kannte also schon die Liedtradition.

In Stein gehauen: das Gosforth-Kreuz

Gibt es Bilder von Lokis Strafe aus der Zeit, als man noch an die alten Götter dachte? Der wichtigste Kandidat steht nicht in Skandinavien, sondern in Nordwestengland: das Gosforth-Kreuz auf dem Kirchhof von St Mary in Gosforth, Cumbria. Es ist ein schlankes Steinkreuz aus rotem Sandstein, rund 4,4 Meter hoch, und wird meist in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts datiert, häufig auf etwa 920 bis 950. Errichtet wurde es in einer Gegend, in der sich skandinavische Siedler niedergelassen hatten, die inzwischen Christen geworden waren.

Das Kreuz zeigt eine Kreuzigungsszene, aber daneben eine ganze Reihe von Bildern, die man mit Ragnarök verbindet: einen Mann, der einem Ungeheuer den Rachen aufreißt (oft als Víðarr gegen Fenrir gedeutet), eine Figur mit einem Horn (Heimdall?) und auf der Westseite eine gefesselte Gestalt, neben der eine Frau mit einem Gefäß steht, darüber eine Schlange. Die naheliegende und weit verbreitete Deutung lautet: Loki in Fesseln, Sigyn mit der Schale. Der britische Archäologe Richard Bailey, der die wikingerzeitliche Steinplastik Nordenglands grundlegend untersucht hat, gehört zu den Forschern, die die nordischen Motive auf diesem Kreuz ausführlich besprochen haben.

Warum zeigt ein christliches Kreuz eine heidnische Strafszene? Die gängige Erklärung: Der Steinmetz stellte das Ende der alten Götterwelt dem Sieg Christi gegenüber. Der gefesselte Loki konnte dabei als Gegenstück zum gebundenen Satan verstanden werden, den die christliche Tradition kannte – etwa aus der Offenbarung des Johannes, wo ein Engel den Drachen für tausend Jahre bindet, bevor er noch einmal losgelassen wird. Ob der Bildhauer beide gleichsetzen wollte, wissen wir nicht. Mehr zu diesem und verwandten Steinen liest du in Gosforth & Thorwalds Kreuz.

Was das Gosforth-Kreuz belegt: Es zeigt, dass ein Motiv „gefesselte Gestalt plus Frau mit Gefäß plus Schlange“ im 10. Jahrhundert in einem skandinavisch geprägten Umfeld bekannt war – rund 300 Jahre vor Snorri. Unter der Voraussetzung, dass die Deutung als Loki und Sigyn zutrifft, ist es damit das älteste Bildzeugnis für Sigyns Schale.

Kirkby Stephen: der „gebundene Teufel“

Rund 35 Meilen von Gosforth entfernt liegt Kirkby Stephen, ebenfalls in Cumbria. In der dortigen Pfarrkirche wird ein Fragment eines Steinkreuzes aus dem 10. Jahrhundert aufbewahrt, aus rötlichem Sandstein, das eine gefesselte Figur zeigt. Im Volksmund heißt es „The Bound Devil“, der gebundene Teufel, oft wird es auch „Loki-Stein“ genannt; der Ort feiert sogar ein Loki-Festival.

Doch hier ist Vorsicht geboten. Die typischen Erkennungszeichen der Loki-Strafe – Schlange und Frau mit Schale – fehlen. Was man früher als Hörner oder Ketten gelesen hat, könnte nach jüngeren Deutungen auch etwas anderes sein, etwa angreifende Tiere. Die Figur kann ebenso gut den gebundenen Satan der christlichen Kunst darstellen, ein im frühen Mittelalter verbreitetes Bild für das von Christus besiegte Böse. Die ehrliche Antwort lautet: Die Deutung als Loki ist möglich, aber nicht gesichert.

Prometheus, Amirani & Co.: Parallelen als Forschungsvergleich

Ein gefesselter Frevler, ein Tier, das ihn quält, ein Ende, das erst mit dem Weltende kommt: Das erinnert sofort an den griechischen Prometheus, der zur Strafe an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet wird, während ein Adler ihm täglich die Leber frisst. Noch näher liegen manche Sagen aus dem Kaukasus selbst. Im georgischen Mythos wird der Held Amirani wegen seiner Überheblichkeit in einem Berg angekettet; sein Hund leckt die Kette dünn, doch kurz bevor sie reißt, schlagen Schmiede auf ihre Ambosse, und die Kette wird wieder stark. Ähnliche Erzählungen kennt man aus Armenien, wo ein gefesselter König in einer Höhle des Ararat liegt.

Der dänische Volkskundler Axel Olrik hat Anfang des 20. Jahrhunderts in seinen Studien zu Ragnarök solche kaukasischen Sagen vom gefesselten Riesen mit Loki verglichen und an Verbindungen gedacht. Spätere Forscher haben sich dazu sehr unterschiedlich geäußert. Wichtig ist: Ein Vergleich zeigt ein verwandtes Motiv, keinen Beweis für Entlehnung.

Innerhalb der nordischen Welt selbst gibt es engere Verwandte. Lokis Sohn Fenrir wird mit der Zauberfessel Gleipnir gebunden und liegt ebenfalls bis Ragnarök gefangen. Und der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus erzählt um 1200 von einer Fahrt zu einem Wesen namens Ugarthilocus, das gefesselt in einer finsteren Höhle liegt. Ob Saxo hier eine Fassung der Loki-Strafe kannte, ist umstritten; die Ähnlichkeit ist aber auffällig. Das Grundmuster: Die gefährlichsten Wesen werden nicht getötet, sondern gebunden.

Gebunden bis zum Ende: Lokis Befreiung bei Ragnarök

Lokis Strafe ist kein Schluss, sondern eine Wartezeit. Bei Ragnarök zerreißen die Fesseln. Die Völuspá sagt, ein Schiff komme aus dem Osten über das Meer, mit den Leuten Muspells, und Loki steuere es. An anderer Stelle nennt sie ihn umschreibend den „Bruder Býleists“, der mit den Ungeheuern zieht. Snorri malt das weiter aus: Bei ihm kommt Loki mit allen Leuten Hels, und im Endkampf töten Loki und Heimdall einander. Auch Fenrir reißt sich los, die Midgardschlange Jörmungandr steigt aus dem Meer. Die Götter haben sich mit Gewalt Zeit erkauft, aber die Rechnung wird am Ende fällig.

Was diese Strafe erzählt

Liest man die Szene noch einmal als Ganzes, fallen drei Dinge auf. Erstens: Die Götter sind hier nicht gütig. Sie verwandeln ein Kind in einen Wolf und benutzen den Körper des anderen als Fessel. Zweitens: Die Strafe ist auf Dauer gestellt, nicht auf Vergeltung in einem Augenblick. Drittens: Inmitten dieser Härte steht Sigyn. Sie kann den Weltuntergang nicht verhindern, aber jedes Mal, wenn sie die Schale hält, bebt die Erde ein wenig später.

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Häufige Fragen

Warum wurde Loki bestraft? Nach Snorris Prosa-Edda wegen Balders Tod, den Loki herbeigeführt hatte, und weil er als Riesin Þökk die Tränen für Balder verweigerte. Der Prosaschluss der Lokasenna setzt die Strafe hinter das Götterschelten bei Ägir, aber auch dort gesteht Loki seine Schuld an Balders Tod.

Womit wurde Loki gefesselt? Mit den Därmen seines Sohnes, die zu Eisen wurden. Bei Snorri sind es die Därme Narfis, den sein in einen Wolf verwandelter Bruder Váli zerreißt; in der Lokasenna-Prosa die Därme Naris, während Narfi zum Wolf wird.

Wer hält die Schale über Loki? Seine Frau Sigyn. Sie fängt das Gift der Schlange auf, die Skaði über Lokis Gesicht befestigt hat. Wenn sie die volle Schale ausleert, trifft das Gift Loki und er zuckt so stark, dass die Erde bebt.

Warum verwandelte sich Loki in einen Lachs? Um sich im Wasserfall Fránangrsfors vor den Göttern zu verstecken. Thor fing ihn schließlich am Schwanz, und nach Snorri ist der Lachs deshalb hinten so schmal.

Wie lange bleibt Loki gefesselt? Bis Ragnarök. Dann reißt er sich los, steuert nach der Völuspá ein Schiff gegen die Götter und tötet nach Snorri im Endkampf Heimdall, der auch ihn tötet.

Gibt es alte Bilder von Lokis Strafe? Das Gosforth-Kreuz in Cumbria aus dem 10. Jahrhundert zeigt sehr wahrscheinlich den gefesselten Loki mit Sigyn und ihrer Schale. Beim Stein von Kirkby Stephen ist die Deutung als Loki dagegen umstritten.

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Loki · Sigyn – die Treue · Lokasenna – das Götterschelten · Balders Tod · Ragnarök.

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