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Der Mauerbau um Asgard

Sagenwelt Der Mauerbau um Asgard

Ein fremder Baumeister bietet den Göttern an, ihre Festung mit einer unbezwingbaren Mauer zu umgeben - in einem einzigen Winter. Sein Preis ist unverschämt. Wie die Götter sich fast verrechnen, Loki zur Stute wird und am Ende das berühmteste Pferd der Mythologie geboren wird.

Ein Angebot, das zu gut ist

Nach den Kämpfen der Frühzeit steht Asgard schutzlos da, und die Götter wünschen sich eine Mauer, die kein Riese überwinden kann. Da kommt ein Baumeister und macht ein Angebot: Er will die ganze Festungsmauer errichten, und zwar in nur drei Jahreszeiten. Sein Lohn aber ist maasslos. Er verlangt die Göttin Freyja zur Frau, dazu Sonne und Mond vom Himmel.

Die Götter beraten und zögern. Ein solcher Preis wäre der Ruin der Welt - ohne Sonne und Mond kein Licht, ohne Freyja keine Freude. Doch der Reiz ist gross. Am Ende ist es Loki, der zum Handel rät, aber mit einer Bedingung: Der Baumeister habe nur einen einzigen Winter Zeit, nicht drei Jahreszeiten, und er dürfe niemanden zu Hilfe nehmen. Die Frist scheint unmöglich, und die Götter fühlen sich sicher.

Der Hengst Svadilfari

Der Baumeister nimmt die harte Bedingung an, bittet nur darum, sein Pferd zur Arbeit nutzen zu dürfen. Die Götter erlauben es. Und hier liegt ihr Fehler. Der Hengst Svadilfari ist kein gewöhnliches Tier. Nacht für Nacht schleppt er ungeheure Felsbrocken heran, doppelt so viel wie sein Herr behaut. Die Mauer wächst mit erschreckender Geschwindigkeit.

Drei Tage vor Sommeranfang ist das Werk fast vollendet. Nur das Tor fehlt noch. Den Göttern wird klar, dass sie den Handel verlieren werden - und mit ihm Freyja, Sonne und Mond. Panik bricht aus. Sie suchen einen Schuldigen, und der ist schnell gefunden: Loki, der zum Handel geraten hatte.

Loki wird zur Stute

Die Götter drohen Loki mit dem Tod, wenn er das Unheil nicht abwende. Also greift Loki zu seinem bewährten Mittel, der Verwandlung. In der Nacht wird er zu einer schönen Stute und lockt Svadilfari von der Arbeit fort. Der Hengst reisst sich los und jagt der Stute hinterher, tief in den Wald. Der Baumeister rennt vergeblich hinterher.

Ohne sein Pferd schafft er die letzten Steine nicht rechtzeitig. Die Frist verstreicht, das Tor bleibt offen, der Handel ist geplatzt. In seinem Zorn zeigt der Baumeister nun sein wahres Wesen: Er ist ein Bergriese in Verkleidung. Damit ist das Abkommen ohnehin hinfällig, denn die Götter hätten niemals einem Riesen Freyja versprochen. Thor wird gerufen, und mit einem Schlag seines Hammers erschlägt er den Betrüger.

Die Geburt Sleipnirs

Die Geschichte hat ein seltsames Nachspiel. Loki, der als Stute mit dem Hengst Svadilfari davongelaufen war, wird trächtig. Er gebiert ein Fohlen - ein graues Ross mit acht Beinen, das schneller ist als jedes andere Tier. Es heisst Sleipnir und wird Odins Reittier, das ihn über Land, Wasser und bis in die Totenwelt trägt.

Das beste Ross ist Sleipnir, es gehört Odin; es hat acht Beine.nach Snorri, Prosa-Edda, gemeinfreie Übersetzungstradition

So endet ein Betrugsversuch mit der Geburt des edelsten Pferdes der Welt. Die Nordmänner scheuten sich nicht, ihre Götter in solche Verwicklungen zu setzen. Loki als Mutter eines achtbeinigen Fohlens - das ist grotesk, komisch und mythisch zugleich.

Ein internationales Motiv

Die Erzählung steht nicht allein. In vielen Kulturen gibt es Sagen vom übermenschlichen Baumeister, der ein Bauwerk in unmöglicher Zeit errichtet und dafür einen furchtbaren Lohn fordert - oft eine Seele, ein Kind oder das Leben des Bauherrn. Meist wird er am Ende durch eine List um seinen Lohn gebracht. Die nordische Fassung fügt diesem Wandermotiv ihre eigenen Figuren hinzu: den listigen Loki, den hammerschwingenden Thor und ein achtbeiniges Wunderpferd.

Was gesichert ist

Die Geschichte steht ausführlich in Snorris Prosa-Edda, Gylfaginning 42: der Baumeister, die Frist von einem Winter, der Preis Freyja, Sonne und Mond, Lokis Rat und Rettung, Thors Totschlag und die Geburt Sleipnirs. Die Völuspá (Strophen 25 bis 26) spielt auf einen Vertragsbruch der Götter an. Gemeinfreie Überlieferung des 13. Jahrhunderts.

Mythos-Check

Die Völuspá nennt nur den gebrochenen Eid, nicht den vollständigen Ablauf - die runde Erzählung ist Snorris Werk. Moralisch stehen die Götter nicht gut da: Sie schliessen einen unmöglichen Handel und lösen ihn durch Betrug. Das Motiv des übermenschlichen Baumeisters ist ein internationaler Sagentyp; Sleipnirs seltsame Abstammung ist die nordische Eigenzutat.

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Quellen & Literatur

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