Acht Beine, ein Reiter mit nur einem Auge und ein Weg, der bis hinab ins Totenreich führt: Sleipnir ist kein gewöhnliches Pferd. Er ist Odins treuestes Reittier, das beste aller Rosse – und ausgerechnet ein Kind Lokis. Wie kam der Allvater zu diesem sonderbaren Hengst? Die Antwort ist eine der schrägsten und zugleich schönsten Geschichten der nordischen Überlieferung.
Wenn die Skalden von Odin sprechen, dann sitzt er selten still. Der Rabengott, Herr des Hochsitzes Hliðskjálf, Träger des Speers Gungnir und des goldenen Rings Draupnir, ist vor allem ein Reisender. Er zieht durch die neun Welten, sammelt Wissen, sucht die Toten auf und kehrt heim, ehe die Raben Hugin und Munin ihre Runde vollendet haben. Möglich macht das ein einziges Tier: Sleipnir, sein grauer Hengst mit den acht Beinen.
Die Lieder-Edda lässt daran keinen Zweifel. Im Grímnismál, dem Merklied des Odin, werden die besten Dinge jeder Art aufgezählt – der beste Baum, der beste Fluss, das beste Schiff. Und beim Pferd fällt nur ein Name.
„Sleipnir ist das beste der Rosse." Grímnismál 44, Übers. Karl Simrock (gemeinfrei)
Kein Prahlen, keine Umschweife. Sleipnir trägt Odin über Meer und Luft, über die Wurzeln der Welt und hinab in die Finsternis, aus der sonst niemand zurückkehrt. Ein Ross, das solche Wege geht, braucht mehr als vier Beine – und eine Herkunft, die genauso ungewöhnlich ist wie sein Gang.
Snorri Sturluson erzählt die Geburtsgeschichte in der Gylfaginning, und sie beginnt harmlos genug mit einer Baustelle. In der Frühzeit der Götter, als Asgard noch offen und verwundbar dalag, erscheint ein Handwerker und macht ein Angebot, das zu gut klingt, um wahr zu sein: Er werde in einem einzigen Winter eine Mauer um die Götterburg errichten, so hoch und fest, dass kein Riese und kein Bergtroll sie je überwinden könne.
Der Preis für dieses Wunderwerk ist allerdings gesalzen. Der Baumeister verlangt die Göttin Freyja zur Frau – und dazu gleich noch Sonne und Mond vom Himmel. Die Asen sind entsetzt, doch die Aussicht auf eine uneinnehmbare Feste ist verlockend. Was tun mit einem Angebot, das man weder annehmen noch ausschlagen mag?
An dieser Stelle tritt Loki auf den Plan, wie so oft, wenn eine gerissene Lösung gefragt ist. Sein Vorschlag: Man solle den Handel eingehen, aber die Frist erbarmungslos knapp setzen. Der Mann bekomme nur einen Winter, und wenn am ersten Sommertag auch nur ein Stein fehle, verfalle der Lohn. So werde man eine halbfertige Mauer geschenkt bekommen, ohne je zahlen zu müssen. Die Götter, überzeugt, dass ein einzelner Baumeister das niemals schaffe, stimmen zu.
Eine Bedingung erlaubt Loki dem Handwerker noch: dass sein Hengst Svaðilfari ihm bei der Arbeit helfen dürfe. Ein Zugpferd, denken die Asen, was soll das schon ausmachen? Es ist genau dieser scheinbar harmlose Zusatz, der den Göttern beinahe das Genick bricht.
Denn Svaðilfari ist kein gewöhnliches Ross. Nacht für Nacht schleppt der Hengst Felsbrocken heran, so gewaltig, dass die Götter staunend zusehen, wie die Mauer wächst. Der Baumeister mauert bei Tag, das Pferd trägt bei Nacht die halbe Bauleistung allein. Mit erschreckender Geschwindigkeit rückt der erste Sommertag näher, und die Mauer steht fast vollendet – es fehlen nur noch wenige Steine ums Tor.
Nun dämmert den Asen die Wahrheit: Der Fremde ist kein Mensch, sondern ein Bergriese in Verkleidung, und sie sind im Begriff, Freyja, Sonne und Mond an einen Feind zu verlieren. Zorn richtet sich rasch gegen den, der zum Handel geraten hat. Loki, so beschließen die Götter grimmig, möge das ausbaden, was Loki eingebrockt hat – bei Todesstrafe.
Loki löst das Problem auf seine ureigene Art. Als Svaðilfari in der Abenddämmerung wieder Steine holen soll, springt aus dem Wald eine wunderschöne Stute und wiehert dem Hengst verführerisch entgegen. Svaðilfari, plötzlich ohne jeden Sinn für Maurerarbeit, reißt sich los und jagt der Stute hinterher, den Baumeister brüllend im Schlepptau. Die ganze Nacht tobt die Verfolgung durch den Wald, und am Morgen ist an Bauen nicht mehr zu denken.
Die Frist verstreicht, die Mauer bleibt unvollendet, und der betrogene Riese gerät in Riesenzorn. Da hilft alle Verkleidung nichts mehr: Thor tritt hervor und erschlägt ihn mit dem Hammer Mjölnir – ein grobes, aber wirksames Ende der Vertragsverhandlungen. Die Stute im Wald aber war, wie man ahnt, niemand anderes als Loki selbst. Einige Zeit später bringt er ein Fohlen zur Welt: grau, mit acht Beinen, das schnellste und beste Ross, das die Welten je gesehen haben. Loki schenkt es Odin. So wird der wandlungsfähigste aller Götter zur Mutter von Odins Reittier – und Sleipnir zu Lokis wohl liebenswertestem Kind, weit weg von seinen finsteren Geschwistern Fenrir, Hel und der Midgardschlange.
Wozu Sleipnir wirklich fähig ist, zeigt sich, als es am dunkelsten wird. Nach Baldrs Tod soll ein Bote hinab ins Totenreich, um den geliebten Gott von Hel zurückzufordern. Es ist Hermóðr, ein Sohn Odins, der sich dieser Fahrt annimmt – und Odin gibt ihm dafür Sleipnir. Neun Nächte reitet Hermóðr durch immer tiefere, immer finsterere Täler, bis er an den Fluss Gjöll und die goldene Brücke kommt. Am Ende setzt Sleipnir über das Gitter der Totenwelt, so mühelos, dass kein anderes Pferd es ihm gleichtun könnte.
Auch Odin selbst nimmt diesen Weg. In den Baldrs draumar reitet der Allvater auf Sleipnir hinab nach Niflhel, um eine tote Seherin zu wecken und ihr das Schicksal seines Sohnes zu entlocken. Sleipnir ist damit mehr als ein schnelles Ross: Er ist das Tier, das die Grenze zwischen Lebenden und Toten überschreiten kann und wieder heimträgt. Ein Reittier für einen Gott, dem keine Schwelle verschlossen bleiben soll.
Sleipnir ist in den ältesten Quellen fest verankert. Das Grímnismál nennt ihn ausdrücklich das beste der Rosse, Snorris Gylfaginning erzählt Mauerbau und Geburt sowie Hermóðs Ritt nach Hel, und in den Baldrs draumar reitet Odin selbst auf ihm nach Niflhel. Auch bildlich ist das achtbeinige Pferd belegt: Der Bildstein von Tjängvide (auch Ardre VIII genannt) auf Gotland aus dem 8. bis 9. Jahrhundert zeigt einen Reiter auf einem Ross mit acht Beinen, das von Forschern wie Rudolf Simek und John Lindow überzeugend als Sleipnir gedeutet wird. Die acht Beine sind also kein modernes Fantasiebild, sondern ein altes, in Wort und Stein bezeugtes Motiv.
Was die acht Beine bedeuten, bleibt hingegen offen. Eine beliebte Deutung liest sie schlicht als Bild überirdischer Geschwindigkeit – doppelt so viele Beine, doppelt so schnell. Eine andere, ebenso reizvolle These sieht in ihnen eine schamanische Reise oder gar die Totenbahre, die traditionell von vier Trägern geschultert wird und im Gehen wie ein achtbeiniges Wesen wirkt. Beides ist gut erzählt, aber wissenschaftlich unbewiesen; die Quellen selbst geben keine Erklärung. Sicher ist nur: Loki als „Mutter" ist keine spätere Ausschmückung, sondern steht so bereits in der eddischen Überlieferung. Mit dem modernen Achtbein-Kitsch mancher Deko-Ware hat das ursprüngliche Bild dagegen wenig gemein.

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