Sleipnir ist das achtbeinige, graue Pferd des Gottes Odin – nach der Edda das beste aller Rosse, und geboren hat es ausgerechnet Loki, der sich in eine Stute verwandelt hatte. Auf Sleipnir reitet Odin hinab ins Totenreich, auf ihm springt Hermóðr über das Gatter der Hel. Hier erfährst du, welche Quellen wirklich von ihm erzählen, was sein Name bedeutet, wo das achtbeinige Pferd in Stein gemeißelt steht und welche Deutungen der acht Beine die Forschung ernst nimmt – und welche eher nicht.
Stell dir einen Grauschimmel vor, kräftig, schnell, mit ruhigem Blick. Und jetzt zähl die Beine. Acht. Kein anderes Wesen der nordischen Mythologie ist so leicht wiederzuerkennen und zugleich so schwer zu erklären wie Sleipnir. Er ist das Reittier des Odin, des einäugigen Allvaters, der unaufhörlich unterwegs ist: auf der Suche nach Wissen, nach Toten, die reden können, nach Riesen, die sich messen wollen. Ein Gott, der zwischen den Welten wandert, braucht ein Tier, das diese Wege mitgeht. Sleipnir tut es.
Seltsam ist schon seine Familie. Sein Vater ist ein Hengst namens Svaðilfari, der einem Riesen beim Mauerbau half. Seine Mutter ist ein Gott – Loki, der Gestaltwandler, der in Stutengestalt die Götter aus einer selbst verschuldeten Klemme rettete. Damit ist Sleipnir der Halbbruder des Fenriswolfs, der Midgardschlange und der Totengöttin Hel. Von allen Kindern Lokis ist er das einzige, das den Göttern dient statt sie zu bedrohen.
Bevor wir in die Geschichten gehen, ein Wort zu den Quellen. Fast alles, was wir über Sleipnir wissen, stammt aus Island und wurde im 13. Jahrhundert aufgeschrieben, rund zwei Jahrhunderte nach der Christianisierung: in der Lieder-Edda, einer Sammlung älterer Götter- und Heldenlieder, und in der Prosa-Edda des Snorri Sturluson, einem Lehrbuch für Dichter. Dazu kommen ältere Bildsteine von Gotland, die ein achtbeiniges Pferd zeigen. Wer sich einen Überblick über diese Überlieferung verschaffen will, findet ihn in unserem Beitrag zur Edda. Für Sleipnir gilt: Die Erzählungen sind spät, das Bild ist alt.
Der Name ist schnell erklärt und doch aufschlussreich. Er gehört zum altnordischen Adjektiv sleipr, „glatt, schlüpfrig“. Sleipnir ist demnach „der Gleitende“ oder „der Schlüpfrige“ – ein Pferd, das sich so geschmeidig bewegt, als glitte es über den Boden, statt ihn mit Hufen zu schlagen. Rudolf Simek führt den Namen in seinem Lexikon der germanischen Mythologie in diesem Sinn auf.
Der Name sagt also nichts über acht Beine und nichts über den Tod. Er beschreibt Bewegung: mühelos, schnell, kaum zu fassen. Das passt zu den Geschichten, in denen Sleipnir über Meer und Luft trägt und Grenzen überwindet, an denen andere scheitern. Und es passt zu seiner Mutter, die selbst als schlüpfrigste Figur der ganzen Mythologie gilt.
Die ausführlichste Geschichte steht in Snorris Gylfaginning („Gylfis Täuschung“), Kapitel 42. Wir erzählen sie hier nur in den Grundzügen, denn eine eigene, ausführliche Fassung findest du in unserem Artikel über den Mauerbau um Asgard.
In der Frühzeit, so Snorri, kam ein Handwerker zu den Göttern. Er bot an, binnen drei Halbjahren eine Burg zu bauen, die gegen Bergriesen und Reifriesen sicher sei. Als Lohn verlangte er die Göttin Freyja zur Frau, dazu Sonne und Mond. Die Götter berieten sich und setzten eine Bedingung, die sie für unerfüllbar hielten: Er müsse die Burg in einem einzigen Winter vollenden, ohne Hilfe eines Menschen. Sei am ersten Sommertag noch etwas unfertig, verliere er seinen Lohn.
Der Baumeister bat um eine einzige Ausnahme: Er wolle sein Pferd Svaðilfari mitarbeiten lassen. Und hier kommt Loki ins Spiel. Er riet den Göttern, diese Bitte zu gewähren. Sie taten es. Ein Pferd, was sollte das schon ändern?
Eine ganze Menge. Svaðilfari zog nachts Steine heran, und zwar so gewaltige Mengen, dass sich die Götter wunderten. Snorri sagt sinngemäß, das Pferd habe doppelt so viel geschafft wie der Baumeister selbst. Drei Tage vor Sommerbeginn war die Mauer fast fertig, nur das Tor fehlte noch. Jetzt bekamen es die Götter mit der Angst zu tun. Sie fragten, wer geraten habe, Freyja ins Riesenland zu verheiraten und Himmel und Erde ihrer Lichter zu berauben. Die Antwort war klar: Loki. Man drohte ihm einen bösen Tod an, falls er die Sache nicht in Ordnung bringe.
Am selben Abend, als der Baumeister mit Svaðilfari Steine holen wollte, sprang aus einem Wald eine Stute und wieherte den Hengst an. Svaðilfari riss sich los und lief ihr nach, der Baumeister hinterher. Die ganze Nacht ging die Jagd, und die Arbeit blieb liegen. Am nächsten Tag war klar, dass die Mauer nicht rechtzeitig fertig werden würde. Der Baumeister geriet in Riesenzorn – und damit fiel seine Tarnung. Er war ein Bergriese. Die Götter riefen nach Thor, und der bezahlte den Lohn, wie Snorri trocken anmerkt, nicht mit Sonne und Mond, sondern mit dem Hammer. Ein einziger Schlag genügte.
Und dann folgt der Satz, um den sich alles dreht. Loki, heißt es, habe mit Svaðilfari solche Begegnung gehabt, dass er einige Zeit später ein Fohlen zur Welt brachte. Es war grau und hatte acht Füße, und es sei das beste Pferd bei Göttern und Menschen. Das ist Sleipnir.
Man kann über diese Episode lachen, und die Erzähler wollten wohl auch, dass man lacht. Gleichzeitig ist sie ein Schlüssel zu Lokis Rolle. Er bringt die Götter in Gefahr, rettet sie dann mit einem Mittel, das kein anderer Gott je wählen würde, und hinterlässt ihnen ein Geschenk von unschätzbarem Wert. In der Lokasenna, Strophe 23, wirft Odin Loki vor, er habe acht Winter unter der Erde als Frau gelebt und Kinder geboren. Sleipnir wird dort nicht genannt, aber der Vorwurf zeigt, dass Lokis Geschlechterwechsel in der Überlieferung als Schmach galt. Umso bemerkenswerter, dass ausgerechnet Odin auf dem Ergebnis reitet.
Das Grímnismál („Das Lied von Grímnir“) ist eines der großen Wissensgedichte der Lieder-Edda. Odin sitzt darin unerkannt und gefoltert zwischen zwei Feuern und offenbart nach und nach das Gefüge der Welt. Gegen Ende zählt er auf, was in jeder Gattung das Beste ist. Karl Simrock hat die Strophe 1851 übertragen, und seine Fassung ist gemeinfrei:
Die Esche Yggdrasils ist der Bäume erster, Skidbladnir der Schiffe, Odhin der Asen, aller Rosse Sleipnir …Grímnismál 44, Übers. Karl Simrock
Die Reihe geht weiter mit Bifröst als bester Brücke, Bragi als bestem Dichter, dem Habicht Hábrók und dem Hund Garm. Sleipnir steht damit in einer Liste von Superlativen, die zusammen ein Bild der Weltordnung ergeben. Er ist nicht irgendein Zaubertier, sondern das Maß aller Pferde – so wie Yggdrasil das Maß aller Bäume ist.
Die zweite große Szene gehört zur Geschichte um Odins Sohn Balder. Im kurzen eddischen Lied Baldrs draumar („Balders Träume“) haben die Götter erfahren, dass Balder von bösen Träumen geplagt wird. Odin will wissen, was sie bedeuten. In Strophe 2 steht er auf, legt Sleipnir den Sattel auf und reitet hinab nach Niflhel, in die neblige Unterwelt. Unterwegs begegnet ihm ein Hund aus Hel, mit Blut an der Brust, der den Vater der Zauberlieder lange anbellt.
Odin reitet weiter, bis er östlich vor dem Tor der Hel an das Grab einer Seherin kommt. Er weckt die Tote mit Zaubersang und zwingt sie zu sprechen. Sie verrät ihm, dass Balder sterben wird und wer ihn töten wird. Die Szene ist dunkel und dicht, und Sleipnir ist darin mehr als ein Transportmittel. Er ist das Tier, das einen Lebenden lebend in die Welt der Toten trägt – und wieder zurück.
Balder stirbt trotzdem, getroffen vom Mistelzweig. Wie es dazu kam, erzählen wir in Balders Tod. Danach fragt Frigg, wer sich ihre Gunst verdienen und nach Hel reiten wolle, um Balder freizukaufen. Hermóðr der Kühne, ein Sohn Odins, meldet sich. Und Snorri berichtet: Man holte Sleipnir, Odins Pferd, führte es vor, und Hermóðr stieg auf und galoppierte davon.
Neun Nächte reitet er durch dunkle, tiefe Täler, in denen er nichts sieht, bis er an den Fluss Gjöll kommt und über die goldgedeckte Brücke Gjallarbrú reitet. Die Wächterin Móðguðr wundert sich: Am Vortag seien fünf Scharen Toter über die Brücke gezogen, aber unter ihm allein dröhne sie mehr als unter allen zusammen. Und er habe nicht die Farbe eines Toten. Der Weg zu Hel, sagt sie, führe hinab und nach Norden.
Dann kommt der Moment, der zum Bild geworden ist. Vor dem Gatter der Hel steigt Hermóðr ab, zieht den Sattelgurt fest, sitzt wieder auf und spornt das Pferd an. Sleipnir springt so hoch über das Gatter, dass er es nirgends berührt. Hermóðr findet Balder auf dem Hochsitz in Hels Halle und bleibt die Nacht. Hel stellt ihre berühmte Bedingung: Balder dürfe zurück, wenn alle Dinge in der Welt, lebend wie tot, um ihn weinen. Balder schickt Odin zum Andenken den Ring Draupnir mit. Die ganze Fahrt erzählen wir im Beitrag über Hermod.
Sleipnir kann auch einfach schnell sein. In Snorris Skáldskaparmál, Kapitel 17, reitet Odin auf ihm nach Riesenheim zu dem Riesen Hrungnir. Der fragt, wer da mit Goldhelm über Luft und Meer reite, und lobt das Pferd. Odin setzt seinen Kopf darauf, dass es in Riesenheim kein gleich gutes gebe. Hrungnir hält sein eigenes Pferd Gullfaxi („Goldmähne“) für besser, springt auf und jagt Odin nach – so wütend, dass er gar nicht merkt, wie er hinter ihm durch das Tor von Asgard prescht. Daraus entwickelt sich später der berühmte Zweikampf zwischen Hrungnir und Thor. Gullfaxi bekommt am Ende übrigens Thors Sohn Magni, sehr zu Odins Missfallen.
In den Heiðreks gátur, den Rätseln in der Hervarar saga, taucht Sleipnir in einem Rätsel auf, dessen Lösung Odin auf seinem Pferd ist: zwei, die zusammen zehn Füße, drei Augen und einen Schwanz haben. Rechne nach – es geht auf.
Zwei kurze Stellen zeigen, wie weit Sleipnir in die Heldensage hineinreicht. Im eddischen Sigrdrífumál zählt die erweckte Walküre Sigrdrífa auf, wo Runen eingeritzt wurden. In Strophe 15 nennt sie unter anderem: auf Sleipnirs Zähnen und auf den Bändern des Schlittens. Was genau damit gemeint ist, erklärt das Lied nicht. Es reiht Sleipnir aber in eine Liste magisch aufgeladener Orte ein, an denen Runenwissen haftet. Die ganze Strophenreihe kannst du bei uns im Sigrdrífumál zum Lesen nachschlagen.
Noch schöner ist die Stelle in der Völsunga saga, Kapitel 13. Der junge Sigurd soll sich ein Pferd aussuchen. Ein alter Mann mit langem Bart begegnet ihm und rät, die Pferde in einen Fluss zu treiben. Nur ein grauer Hengst kehrt nicht ans Ufer zurück. Dieses Pferd, sagt der Alte, stamme von Sleipnir ab, und Sigurd solle es gut aufziehen. Dann verschwindet er. Der Leser weiß: Das war Odin. Sigurd nennt das Pferd Grani, und auf Granis Rücken reitet er später durch die Waberlohe zu Brynhild.
Damit hat Sleipnir eine Nachkommenschaft unter den Menschen. Das beste Pferd der Götter wird zum Stammvater des besten Heldenpferdes. Eine schöne Brücke zwischen Götter- und Heldensage, die die Saga-Erzähler bewusst geschlagen haben.
Jetzt verlassen wir die Pergamente und gehen zu älteren Zeugnissen. Auf der Insel Gotland in der Ostsee stehen hunderte von Bildsteinen, große Kalksteinplatten mit gemeißelten Szenen, die zwischen etwa 400 und 1100 entstanden. Mehr über sie liest du in unserem Artikel über die Bildsteine von Gotland. Zwei von ihnen sind für Sleipnir zentral.
Der Bildstein Tjängvide I wurde 1844 auf dem Hof Tjängvide im Kirchspiel Alskog gefunden, wenige Kilometer westlich von Ljugarn. Er stammt aus der Zeit um 700 bis 900 und steht heute im Historischen Museum in Stockholm, das den Reiter sogar als Logo verwendet. Im oberen Bildfeld reitet eine kleine Gestalt auf einem großen Pferd mit acht Beinen. Eine Frau reicht ihr ein Trinkhorn entgegen. Darunter fährt ein Langschiff mit großem Segel. Am Rand läuft eine Runeninschrift in Kurzzweigrunen, die einen Verstorbenen nennt.
Der Bildstein Ardre VIII aus der Kirche von Ardre, ebenfalls auf Gotland und ebenfalls etwa aus dem 8. bis 9. Jahrhundert, zeigt ein dicht gedrängtes Gewimmel von Szenen, darunter wieder einen Reiter auf einem achtbeinigen Pferd. Auch dieser Stein befindet sich in Stockholm.
Wer ist der Reiter? Die gängigste Deutung: Odin auf Sleipnir, oder ein Verstorbener, der auf Odins Pferd in Walhall ankommt und von einer Walküre mit dem Trinkhorn empfangen wird. Das passt gut zum Charakter der Steine als Gedenksteine. Es gibt aber Gegenstimmen. Manche lesen die Szene als Sigurd auf Grani, andere als einen Lebenden, dessen Pferd nur durch die Zahl der Beine als besonders schnell gekennzeichnet wird. Die Bilder haben keine Beschriftung, die Odin oder Sleipnir nennt. Die Gleichung „achtbeiniges Pferd = Sleipnir“ ist naheliegend und weithin akzeptiert, aber eine Deutung, kein Beweis.
Die Quellen selbst erklären die acht Beine nie. Snorri nennt sie, das Grímnismál setzt sie voraus, die Bildsteine zeigen sie. Was sie bedeuten, ist Sache der Interpretation, und hier lohnt es sich, genau hinzuschauen.
Geschwindigkeit. Die einfachste Erklärung: Acht Beine stehen für außergewöhnliches Tempo. Wer schnelle Bewegung darstellen will, vervielfacht Beine – ein Verfahren, das man aus Bildern vieler Kulturen kennt. John Lindow nennt in seinem Handbuch große Geschwindigkeit als eine mögliche Bedeutung, neben einem Bezug zu kultischen Handlungen.
Die Totenbahre. Hilda Ellis Davidson hat in „Gods and Myths of Northern Europe“ (1964) eine eindrucksvolle Deutung vorgeschlagen. Eine Bahre mit einem Toten wird von vier Männern getragen. Von der Seite gesehen hat dieses „Wesen“ acht Beine, und der Tote „reitet“ darauf seinem Grab entgegen. Davidson stützt sich dabei auf ein Totenlied der Gond in Zentralindien, das der Ethnologe Verrier Elwin aufgezeichnet hatte und in dem genau dieses Bild vom achtbeinigen Pferd der Bahre vorkommt. Der Vergleich ist kulturell weit hergeholt, aber er erklärt elegant, warum gerade Sleipnir in die Welt der Toten führt.
Das Pferd des Schamanen. Davidson brachte zusätzlich eine zweite Spur ins Spiel. Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade hatte von einem burjatischen Schamanen in Sibirien berichtet, dessen Hilfsgeist ein achtbeiniges Fohlen war. Daraus entstand die These, Sleipnir sei ursprünglich ein schamanisches Reittier gewesen und Odin selbst trage Züge eines Schamanen – er reitet in die Unterwelt, befragt Tote, hängt neun Nächte am Baum. Diese Lesart ist populär und hat Anhänger in der Forschung.
Der Mittler zwischen den Welten. Neuere Arbeiten, etwa von der dänischen Forscherin Ulla Loumand, betonen eine allgemeinere Rolle: Das Pferd überhaupt sei in der altnordischen Vorstellung ein Mittler zwischen den Welten gewesen, und Sleipnir sei die zugespitzte Form davon. Die acht Beine wären dann ein Zeichen, dass dieses Pferd eben mehr kann als jedes andere. Diese Lesart legt sich weniger fest als die Bahren- oder Schamanenthese – und ist gerade deshalb schwer zu widerlegen.
Unsere Einschätzung: Keine dieser Erklärungen ist bewiesen, und sie schließen sich nicht gegenseitig aus. Sicher ist nur der Befund: ein Pferd, das in Wort und Bild mit Tod, Grenzüberschreitung und Odin verbunden ist.
Dass Pferde und Tod in der Wikingerzeit zusammengehörten, zeigt die Archäologie sehr handfest. Im Schiffsgrab von Oseberg in Norwegen, dessen Grabkammer sich dendrochronologisch auf den Herbst 834 datieren lässt, lagen neben zwei Frauen über ein Dutzend Pferde, dazu Hunde und ein Ochse, außerdem vier verzierte Schlitten und ein geschnitzter Wagen. Die Tiere waren getötet worden, um die Toten zu begleiten.
Im dänischen Schiffsgrab von Ladby auf Fünen, um 925 angelegt und 1935 ausgegraben, fand man elf Pferdeskelette und vier bis fünf Hunde. Die Pferde erinnern in Größe und Bau an heutige Islandpferde, und nur eines von ihnen trug Zaumzeug. Mehr zu solchen Anlagen findest du im Beitrag zur Bootsbestattung, zu den Tieren selbst im Artikel über die Pferde der Wikinger.
Im Nordosten Islands, im heutigen Vatnajökull-Nationalpark, liegt eine Schlucht in Form eines riesigen Hufeisens: Ásbyrgi. Steile Felswände umschließen einen bewaldeten Talboden, in der Mitte erhebt sich ein Felsrücken. Die isländische Volksüberlieferung erklärt die Form so: Hier habe Sleipnir auf seinem Weg durch Luft und Meer einmal mit einem Huf den Boden berührt.
Geologen sehen das prosaischer. Ásbyrgi entstand durch gewaltige Gletscherläufe des Flusses Jökulsá á Fjöllum, die sich in mehreren Ereignissen in den Basalt fraßen. Die Legende ist also keine Quelle für den Mythos aus der Wikingerzeit, sondern spätere Volksüberlieferung. Wann sie zuerst aufgezeichnet wurde, lässt sich nicht sicher sagen. Aber sie zeigt, dass Sleipnir in Island nie ganz verschwunden ist.
Wenn wir Sleipnir in Schiefer, Holz oder Glas gravieren, orientieren wir uns am Original, nicht an Fantasy-Postern. Das beste Vorbild ist der Reiter von Tjängvide: ein schlanker, fast schwereloser Pferdekörper, acht Beine in rhythmischer Reihe, ein kleiner Reiter, darunter vielleicht das Schiff. Auf dunklem Schiefer wirkt diese Linienführung besonders stark, weil die Gravur hell aus dem Stein tritt – fast wie bei den gotländischen Steinen, die ursprünglich bemalt waren.
Inhaltlich passt Sleipnir zu mehreren Anlässen. Als Gedenkmotiv erinnert er an die letzte Reise, ohne düster zu wirken. Für Reiterinnen und Pferdemenschen ist er das „beste aller Rosse“. Und wer Odin verehrt, findet in ihm das Tier, das den Gott über alle Grenzen trägt. Gern kombinieren wir das Bild mit einer Runenzeile, etwa einem Namen in jüngeren Runen, oder mit der Zeile aus dem Grímnismál.

Wer ist Sleipnir? Sleipnir ist das achtbeinige, graue Pferd Odins in der nordischen Mythologie. Nach der Edda ist er das beste aller Pferde und kann bis ins Totenreich reiten.
Warum hat Odins Pferd acht Beine? Die Quellen erklären es nicht. Diskutiert werden Geschwindigkeit, das Bild einer von vier Männern getragenen Totenbahre (Hilda Ellis Davidson) und Parallelen zu schamanischen Reittieren – keine Deutung ist bewiesen.
Wer sind Sleipnirs Eltern? Sein Vater ist der Hengst Svaðilfari, seine Mutter Loki, der sich in eine Stute verwandelt hatte. Das erzählen Snorris Gylfaginning (Kap. 42) und das Hyndluljóð (Str. 40).
Was bedeutet der Name Sleipnir? Er leitet sich von altnordisch sleipr „glatt, schlüpfrig“ ab und bedeutet etwa „der Gleitende“.
Gibt es Sleipnir auf Bildsteinen? Ja, die gotländischen Bildsteine Tjängvide I und Ardre VIII (8./9. Jahrhundert) zeigen ein achtbeiniges Pferd mit Reiter, das meist als Sleipnir gedeutet wird.
Welches Pferd stammt von Sleipnir ab? Nach der Völsunga saga Grani, das Pferd des Helden Sigurd, das Odin selbst ihm aussuchen half.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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