Kein Ross zieht den Wagen des stärksten Gottes, sondern zwei Ziegenböcke: Tanngrisnir („Zähneknirscher") und Tanngnjóstr („Zähneknisterer"). Wenn ihr Karren über den Himmel rollt, grollt der Donner – und ihr Herr Thor hat mit ihnen einen unheimlichen Trick.
Thor kann seine Böcke abends schlachten, braten und verspeisen – und am nächsten Morgen sie mit einem Schwung seines Hammers Mjöllnir wieder zum Leben erwecken. Nur eine Bedingung gilt: Kein Knochen darf gebrochen werden. Die Haut samt Knochen wird beiseitegelegt und geweiht, dann stehen die Tiere am Morgen wieder auf, so gut wie neu.
Genau daran scheitert einmal ein Bauernsohn: Als Thor bei einer armen Familie einkehrt und seine Böcke zum Mahl teilt, spaltet Thjálfi heimlich einen Beinknochen, um an das Mark zu kommen. Am Morgen humpelt einer der Böcke. Thors Zorn ist gewaltig – doch statt Rache nimmt er die Kinder Thjálfi und Röskva als Diener mit. So kommt der Donnergott zu seinen treuen Begleitern.
Dass gerade Ziegenböcke und nicht edle Rosse den Wagen des Donnergotts ziehen, ist kein Zufall. Thor ist der Gott des einfachen Volkes, der Bauern und Freibauern – und die Ziege ist das Tier des kleinen Mannes. Wenn sein Karren über die Himmelsfelsen rumpelt, entsteht der Donner; die Blitze schleudert er mit dem Hammer. So verbindet das Gespann das Alltägliche mit dem Kosmischen: Der stärkste der Götter reist nicht hoch zu Ross, sondern bodenständig im Ziegenkarren.
Das Motiv des Tiers, das man verzehrt und das doch am nächsten Morgen wieder lebt, gehört zu den ältesten Bildern der Menschheit. Es spiegelt die Hoffnung vormoderner Bauern, deren Herde über den Winter reichen musste: Nahrung, die nie ausgeht, ist der schönste Traum einer Welt am Rande des Hungers.
Thor · Thjálfi & Röskva · Mjöllnir · Thor bei Utgard-Loki.
Snorri Sturluson, Gylfaginning (21, 44), Skáldskaparmál; Hymiskviða (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei Karl Simrock. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.