Tanngrisnir („Zähnefletscher“) und Tanngnjóstr („Zähneknirscher“) sind die beiden Ziegenböcke, die Thors Wagen ziehen – daher sein Beiname Ökuþórr, „Fahr-Thor“. Berühmt sind sie durch eine Nacht bei einem Bauern: Thor schlachtet sie, teilt das Fleisch, lässt die Knochen auf die Felle legen und erweckt die Tiere am Morgen mit Mjölnir wieder. Weil ein Knochen gebrochen wurde, hinkt einer. Wir zeigen, was in den Quellen steht, woher das Knochenwunder stammen könnte und was am Julbock dran ist.
Stell dir eine Nacht in einem kleinen Bauernhaus vor. Drinnen brennt das Herdfeuer, am Tisch sitzt ein Gast mit rotem Bart, der eben seine eigenen Zugtiere geschlachtet hat. Er lädt die ganze Familie zum Essen ein und gibt nur eine Regel aus: Die Knochen kommen auf die Felle, und zwar heil. Am Morgen hebt er seinen Hammer – und die Böcke stehen wieder auf. Einer allerdings hinkt.
Diese Szene verbindet Götterwelt und Stallgeruch, Wunder und Hausarbeit. Und sie beschäftigt die Forschung seit über hundert Jahren, weil sie fast gleich in christlichen Heiligenlegenden auftaucht. Wir schauen uns die beiden Tiere genau an: Namen, Wagen, Quellen, Knochen-Tabu, die Debatte um den heiligen Germanus – und die Frage, ob der Julbock wirklich von Thors Gespann abstammt.
Die Namen sind sprechend. Tanngnjóstr setzt sich aus tönn (Zahn) und einem Wort für Knirschen oder Reiben zusammen, übliche Wiedergabe: „Zähneknirscher“. Tanngrisnir enthält ebenfalls den Zahn; der zweite Teil wird meist als „fletschen“ verstanden, manche Übersetzer deuten ihn als „mit Zahnlücken“. Beides passt zu einem Bock: Wer je einem beim Wiederkäuen zugesehen hat, kennt das mahlende Geräusch und das hochgezogene Maul, wenn er wittert.
Die Quellen sprechen von hafrar, Böcken, nicht von geitr, weiblichen Ziegen. Ein Bock ist kräftig, eigensinnig und lässt sich nur mit Geduld vor einen Karren spannen. Dass Thor solche Tiere fährt und nicht Pferde wie andere Götter, sagt einiges über sein Bild: kein eleganter Reiter, sondern ein Gott aus der Welt der Höfe und Bergweiden.
Die Namen selbst kennen wir nur aus der Prosa-Edda, die der Isländer Snorri Sturluson um 1220 niederschrieb – rund zweihundert Jahre nach der Christianisierung Islands. Mehr zu ihm in unserem Porträt Snorri Sturluson – der Mann, dem wir die nordische Mythologie verdanken. Die Böcke sind in älteren Gedichten belegt, ihre Namen nicht. Ob Snorri sie aus verlorener Dichtung, aus einer Namensliste (þula) übernahm oder selbst bildete, lässt sich nicht sagen.
Im 21. Kapitel der Gylfaginning, des ersten Hauptteils der Snorra-Edda (die Zählung schwankt je nach Ausgabe), heißt es: „Þórr á hafra tvá, er svá heita: Tanngnjóstr ok Tanngrisnir.“ Dazu besitzt Thor einen Wagen, den die Böcke ziehen – und deshalb, so Snorri, heiße er Öku-Þórr, „Fahr-Thor“. Das Wort gehört zum altnordischen Verb aka, „fahren, lenken“. Eine alternative Herleitung vom finnischen Himmelsgott Ukko („Ukko-Thor“) wurde vorgeschlagen, gilt aber als Außenseiterthese. Der Beiname selbst ist nur bei Snorri belegt.
Dass Thor fährt, wussten die Dichter lange vor ihm. In der Þrymskviða, dem Lied vom gestohlenen Hammer, bricht Thor als Braut verkleidet zu den Riesen auf:
„… björg brotnuðu, / brann jörð loga, / ók Óðins sonr / í jötunheima.“
Gleich wurden die Böcke heimgetrieben und an die Deichsel gespannt, gut sollten sie laufen; Berge barsten, die Erde brannte in Flammen, Odins Sohn fuhr nach Riesenheim.Þrymskviða, Str. 21 (Ausschnitt im Original, Übertragung der ganzen Strophe von uns)
Wo das Gespann fährt, splittern Felsen. Noch älter ist die Haustlöng des norwegischen Skalden Þjóðólfr ór Hvini, meist um 900 datiert. Sie beschreibt Thors Fahrt zum Zweikampf mit dem Steinriesen, sinngemäß: Der Weg des Mondes dröhnt unter ihm, die Erde wird von Hagel gepeitscht. Die ganze Geschichte erzählen wir in Thor gegen Hrungnir: Das Duell mit dem Steinriesen.
Ein Echo davon steckt im Schwedischen. Das Wort åska für Gewitter führen etymologische Wörterbücher (etwa Elof Hellquist) auf eine Zusammensetzung aus ás (Gott) und einem Wort für Fahren oder Gespann zurück: „die Fahrt des Gottes“. Ob man im Mittelalter dabei konkret an Thors Böcke dachte, verrät die Etymologie nicht. Die Grundlagen zum Donnergott findest du in Thor – Donner über Midgard.
Besonders ergiebig ist die Hymiskviða, in der Thor und Tyr beim Riesen Hymir einen Braukessel für das Göttergelage holen. Gleich zu Beginn (Str. 7) fahren sie bis zu einem gewissen Egil, der die Böcke hütet. Zweimal (Str. 20 und 31) heißt Thor dort hafra dróttinn, „Herr der Böcke“ – ein Ehrentitel, der zeigt, wie fest das Gespann zu seinem Bild gehörte.
In Snorris Fassung der Fischfahrt zu Hymir heißt es umgekehrt, Thor sei wie ein junger Bursche losgezogen, ohne Wagen und ohne Böcke. Snorri weiß offenbar, dass seine Leser den Gott auf dem Bockwagen erwarten, und betont eigens, dass er diesmal inkognito reist. Die berühmteste Bockszene steht bei Snorri in den Kapiteln 44 und 45 – als Auftakt zu Thors Reise, die wir in Thor bei Utgard-Loki erzählen.
Ökuþórr fährt mit Böcken und Wagen, Loki ist dabei. Am Abend finden sie Quartier bei einem Bauern. Dann der Satz, der heutige Leser stutzen lässt: „En um kveldit tók Þórr hafra sína ok skar báða“ – am Abend nahm Thor seine Böcke und schlachtete beide.
Die Tiere werden abgezogen und in den Kessel gegeben, die Familie wird zum Essen eingeladen. Thor breitet die Felle, die hafrstökur, abseits vom Feuer aus: Alle Knochen sollen darauf geworfen werden. Ein vornehmer Gast bringt das Fleisch selbst mit – auf vier Beinen.
Doch Þjálfi, der Sohn des Bauern, hält einen Oberschenkelknochen in der Hand, spaltet ihn mit dem Messer und bricht ihn auf, um an das Mark zu kommen. Mark war fettreich und begehrt; dass ein hungriger Junge danach greift, ist nur menschlich.
Vor Tagesanbruch nimmt Thor Mjölnir, hebt ihn und weiht die Felle: „tók hamarinn Mjöllni ok brá upp ok vígði hafrstökurnar“. Die Böcke stehen auf. Einer aber ist haltr eftra fæti, lahm am Hinterbein.
Es folgt eine der eindringlichsten Zornesszenen der Edda. Thors Brauen senken sich über die Augen, er packt den Hammerschaft so fest, dass die Knöchel weiß werden – „svá at hvítnuðu knúarnir“. Die Familie schreit und bietet alles, was sie hat. Als Thor ihre Angst sieht, verraucht sein Zorn. Als Ausgleich, sætt, nimmt er die Kinder Þjálfi und Röskva in seinen Dienst. Die Böcke lässt er zurück und zieht zu Fuß weiter.
Was aus den Tieren wird, erzählt Snorri nicht. Das Schicksal der beiden Kinder, etwa Þjálfis Wettlauf bei Utgard-Loki, haben wir in Thjalfi & Röskva zusammengetragen. Hier bleiben wir bei den Böcken – und bei der Frage, warum ein gebrochener Knochen so viel ausmacht.
Die Logik ist streng: Das Tier wird nur vollständig wiederhergestellt, wenn sein Skelett vollständig bleibt. Fleisch darf gegessen werden, das Fell bleibt als Hülle, die Knochen sind die Grundlage, aus der das Tier neu entsteht. Wer einen Knochen bricht, hinterlässt eine bleibende Spur.
Auffällig ist das Verb. Snorri schreibt nicht, Thor habe die Böcke „geheilt“, sondern er habe die Felle mit dem Hammer geweiht: vígja. Genau dieses Verb kennen wir aus Runeninschriften des 10. Jahrhunderts. Auf dem Stein von Glavendrup auf Fünen steht „Þórr vígi þessar rúnar“ – Thor weihe diese Runen; auf dem Stein von Virring in Jütland „Þórr vígi þessi kuml“ – Thor weihe dieses Denkmal. In der Þrymskviða soll der Hammer der Braut in den Schoß gelegt werden, um die Hochzeit zu weihen. Mjölnir ist also auch ein Werkzeug der Segnung. Mehr dazu in Der Thorshammer Mjölnir – Bedeutung, Mythos und was die Funde wirklich zeigen.
Ob hinter der Episode eine reale Kulthandlung stand, etwa ein Opfermahl mit sorgfältig behandelten Knochen, ist Vermutung. Einen Fund, der sich eindeutig mit dieser Geschichte verbinden ließe, gibt es nicht. Wir lesen sie als Erzählung mit religiösem Kern, nicht als Ritualbeschreibung.
Die Hymiskviða endet nach Thors Flucht mit Hymirs Kessel mit zwei rätselhaften Strophen. In Strophe 37 liegt einer von Hlórriðis (Thors) Böcken halbtot vor dem Wagen, und dann:
„… var skær skökuls / skakkr á beini, / en því inn lævísi / Loki of olli.“
Das Deichseltier war lahm am Bein – und das hatte der listige Loki verursacht.Hymiskviða, Str. 37 (eigene Übertragung)
Die nächste Strophe verweist darauf, die Hörer wüssten ja, welchen Ausgleich Thor von einem Felsbewohner erhielt: zwei Kinder. Das Gedicht setzt also die Geschichte voraus, die wir von Snorri kennen – nennt aber einen anderen Schuldigen.
Bei Snorri ist es allein Þjálfi. Schon Henry Adams Bellows bemerkte 1923 in seinem Kommentar, dass Snorri Loki keine Schuld gibt. Das ist typisch für mündlich überlieferte Mythen: Es gab nicht die eine richtige Fassung, sondern Varianten. Lokis Schuld passt zu seiner Rolle als Unruhestifter (mehr in Loki – Helfer und Verderber); Snorris hungriger Bauernjunge macht die Szene menschlicher und begründet, warum gerade Þjálfi in Thors Dienst kommt. Welche Fassung älter ist, lässt sich nicht entscheiden; die Hymiskviða gilt vielen Forschern als vergleichsweise junges Eddalied.
In der Historia Brittonum, einer lateinischen Geschichte Britanniens aus Wales (erste Hälfte des 9. Jahrhunderts), steht eine Legende über den heiligen Germanus von Auxerre (Kapitel 32). Germanus will einem tyrannischen König namens Benli predigen, wird aber am Tor abgewiesen. Ein Diener des Königs nimmt die Fremden auf. Er besitzt nur eine Kuh und ihr Kalb, schlachtet das Kalb und setzt es den Gästen vor. Germanus ordnet an, dass kein Knochen zerbrochen werden darf. Am Morgen steht das Kalb lebendig neben seiner Mutter.
Mächtiger Gast, armer Haushalt, geschlachtetes Tier, heile Knochen, Wiederbelebung am Morgen – und die Legende ist rund vierhundert Jahre älter als Snorris Text.
Der schwedische Folklorist Carl Wilhelm von Sydow sammelte 1910 in der Zeitschrift Danske Studier mehrere Dutzend solcher Heiligenlegenden, von den Britischen Inseln über Frankreich und die Alpen bis Siebenbürgen und Rom. Sein Schluss: Das Motiv sei keltisch und in der Wikingerzeit in den Norden gewandert. Nordleute lebten ja jahrhundertelang in Irland, Schottland und auf den Inseln.
Matthias Egeler hat die Parallele 2013 erneut geprüft. Er kritisiert, dass von Sydow eine einheitliche „keltische Mythologie“ voraussetzte und sich auf späte Volksüberlieferung stützte. Dennoch hält er wegen der Nähe und der frühen Datierung eine direkte Verbindung für ernsthaft möglich. Die Unterschiede benennt er klar: Bei Germanus gehört das Kalb dem Gastgeber, bei Thor gehören die Böcke dem Gast; bei Germanus wird das Verbot nur ausgesprochen, bei Thor gebrochen.
Reizvoll ist Egelers Blick auf den Kontext. Bei Germanus ist das Wunder Teil eines Machtkampfs: Der Heilige zeigt einem ungläubigen König, wessen Gott stärker ist. Übertrugen nordische Erzähler ein solches Wunder auf Thor, wäre das keine Schwäche des Heidentums, sondern eine selbstbewusste Antwort – vergleichbar den Hammeramuletten des 10. Jahrhunderts, die oft als Antwort auf das Kreuz gedeutet werden.
Die stärkste Gegenposition formulierte 2022 die Religionswissenschaftlerin Karen Bek-Pedersen in ihrem Aufsatz „The Damaged Bone and the Lone Mushroom“. Ihr Argument: Gerade das entscheidende Element, der beschädigte Knochen und das hinkende Tier, fehlt in den Germanus-Legenden. Sie können kaum die direkte Vorlage sein.
Stattdessen trägt sie Parallelen aus einem riesigen Raum zusammen. Irische und gälische Heiligenlegenden kennen Fassungen mit beschädigtem Knochen. In Tiroler Jägersagen bewirtet ein übernatürlicher Herr der Tiere einen Menschen mit Gämsenfleisch; fehlt ein Knochen, hinkt das wiederbelebte Tier. Aus Hexenprozessen in Mailand (1390) und Modena (1519) sind Aussagen über Tiere überliefert, die gegessen und aus ihren Knochen neu belebt wurden – in Mailand sogar mit Ersatzknochen aus Holz. Armenische Erzählungen kennen eine Rippe aus Walnussholz.
Und dann die Samen. In der samischen Bärenzeremonie wurden die Knochen des erlegten Bären gesammelt und bestattet, damit das Tier wiederkehren konnte; solche Bärengräber sind archäologisch belegt. Wurde ein Knochen beschädigt, etwa von einem Hund, musste das ausgeglichen werden. Wie die Nordleute ihre samischen Nachbarn sahen, liest du in Die Samen in den nordischen Quellen.
Bek-Pedersens Schluss: Das Motiv wurzelt wahrscheinlich in sehr altem Denken nördlicher Jägerkulturen – Tiere geben sich als Nahrung, wenn der Mensch ihre Knochen respektiert. Die Thor-Geschichte wäre einer von vielen sichtbaren „Pilzen“ eines unterirdischen Myzels. Sie räumt selbst ein, dass das letztlich eine Überzeugungsfrage bleibt. Beide Modelle schließen sich übrigens nicht aus: Ein altes Motiv kann nach dem Hören einer Heiligenlegende neu zugespitzt worden sein.
Bei aller Komparatistik: Die Geschichte ist bodenständig. Ziegen waren im mittelalterlichen Skandinavien gewöhnliche Hoftiere. In Knochenfunden erscheinen sie meist zusammen mit Schafen, weil sich die Skelette schwer unterscheiden lassen – die Fachleute schreiben dann „Schaf/Ziege“. Meist überwiegen die Schafe deutlich. Einen Überblick gibt Die Landwirtschaft der Wikinger – das wahre Rückgrat des Nordens.
Eine Ziege klettert, frisst Laub, Zweige und karges Berggras. In Norwegen mit seinen steilen Hängen und den Sommerweiden der Seter-Wirtschaft war sie besonders nützlich: Milch für Käse, Fleisch, Fell, Leder, Horn. Als Zugtier vor einem leichten Karren ist ein Bock denkbar; einen konkreten wikingerzeitlichen Beleg dafür haben wir nicht.
Nach Island kamen Ziegen mit den ersten Siedlern im späten 9. Jahrhundert. Die isländische Ziege gilt als Nachfahrin dieser Bestände, hat sich weitgehend isoliert erhalten – und stand im 20. Jahrhundert am Rand des Aussterbens: In den 1960er-Jahren gab es zeitweise weniger als hundert Tiere. Heute wird die Rasse gezielt erhalten, gilt aber weiterhin als gefährdet.
Auch die Bauernstube ist Alltag: Schlachten, Abziehen, Kochen im Kessel, aufgeschlagene Röhrenknochen, wie sie Siedlungsgrabungen zu Tausenden liefern. Jeder Zuhörer wusste, was Þjálfi tat – das, was man eben mit einem Oberschenkelknochen macht. Und die Ziege ist nicht allein im Mythos: Auf Walhalls Dach steht Heiðrún, aus deren Euter Met fließt (mehr in Heidrun und Eikthyrnir: Met und Flüsse auf Walhalls Dach). Thors Böcke ziehen, Odins Ziege nährt.
Die Quellen erklären es nicht. Moderne Deutungen gibt es mehrere – als solche gekennzeichnet. Erstens das Geräusch: Ein Wagen auf Fels klingt nach Donner, und knirschende Böcke sind keine stillen Tiere. Zweitens die bäuerliche Welt: Im Hárbarðsljóð spottet Odin sinngemäß, ihm gehörten die gefallenen Edlen, Thor aber das Geschlecht der Knechte. Ein Bockgespann passt dazu besser als ein Ross wie Sleipnir. Drittens der Vergleich: Im alten Indien fährt der Wege- und Herdengott Pūṣan einen Ziegenwagen; manche sehen darin ein indogermanisches Erbe, doch die Brücke ist dünn. Mehr über die Tiere der nordischen Welt in unserer Tierkunde.
Stammt der skandinavische Julbock von Tanngrisnir und Tanngnjóstr ab? Ehrliche Antwort: möglich, aber nicht belegt – und unter Fachleuten umstritten.
Die Fakten: In Schweden kennt man den julbock heute vor allem als Strohbock. Der berühmteste wird seit 1966 jedes Jahr in Gävle aufgebaut und fällt fast ebenso regelmäßig Brandstiftern zum Opfer. In Norwegen zogen beim julebukk-Gehen Verkleidete von Haus zu Haus und bekamen Essen und Trank; Auswanderer nahmen den Brauch in den Mittleren Westen der USA mit. In Finnland heißt der Weihnachtsmann bis heute joulupukki, „Weihnachtsbock“.
Nach dem Nordiska museet in Stockholm war der Julbock früher eine wilde Gestalt: ein Verkleideter mit Bockskopf auf einer Stange, der Unfug trieb, die Mägde mit den Hörnern stieß und erst mit Essen und Schnaps Ruhe gab. Später brachte er zeitweise Geschenke, bis der Jultomte übernahm.
Und Thor? Die romantische Herleitung sagt: Böcke, Mittwinter, Donnergott – das gehört zusammen. Volkskundler nennen andere Wurzeln: mittelalterliche Umzüge, in denen der heilige Nikolaus einen gefesselten Teufel in Bocksgestalt mitführte; Erntebräuche, bei denen die letzte Garbe als „Bock“ gestaltet wurde; winterliches Maskentreiben, wie es ganz Europa kennt. Schriftliche Julbock-Belege setzen erst Jahrhunderte nach der Wikingerzeit ein.
Die Freude am Strohbock schmälert das nicht. Wie das Fest in den Quellen tatsächlich aussah, erklären wir in Jul – das Fest der langen Nächte. Und bei uns in der Werkstatt in Alsdorf tauchen die Böcke gelegentlich auf Holz und Schiefer auf – weil sie Thor von einer seltenen Seite zeigen: als Gast am Feuer eines armen Hofes, der teilt, zornig wird und dann doch Gnade walten lässt.
Wie heißen Thors Ziegen? Tanngrisnir („Zähnefletscher“) und Tanngnjóstr („Zähneknirscher“). Die Namen sind nur in Snorris Prosa-Edda aus dem 13. Jahrhundert überliefert.
Was bedeutet Ökuþórr? „Fahr-Thor“ oder „Wagen-Thor“. Snorri erklärt den Beinamen mit dem Wagen, den die Böcke ziehen.
Warum hinkt eine von Thors Ziegen? Nach Snorri brach Þjálfi einen Oberschenkelknochen auf, um an das Mark zu kommen. Als Thor die Böcke mit Mjölnir wiederbelebte, war einer lahm. Die Hymiskviða gibt Loki die Schuld.
Kommt der Julbock von Thors Ziegen? Das ist nicht belegt und umstritten. Auch christliche Nikolaus-Umzüge und Erntebräuche werden als Wurzeln diskutiert.
Gibt es ähnliche Geschichten in anderen Kulturen? Ja: die Germanus-Legende der Historia Brittonum (9. Jahrhundert), irische Heiligenlegenden, Tiroler Jägersagen und die samische Bärenzeremonie.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Thor · Thjálfi & Röskva · Mjöllnir · Thor bei Utgard-Loki.
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