Ein zu kurz geratener Griff, eine Fliege am Blasebalg und über tausend silberne Amulette in der Erde: Der Thorshammer ist das bekannteste Zeichen der Wikingerzeit – und seine wahre Geschichte ist noch spannender als der Mythos. Wir trennen sauber, was belegt ist, was Sage bleibt und was erst später erfunden wurde.
Die ausführlichste Erzählung liefert der isländische Gelehrte Snorri Sturluson um 1220 in der Prosa-Edda (Skáldskaparmál). Auslöser ist ein Streich Lokis: Er hat der Göttin Sif heimlich das goldene Haar abgeschnitten. Um seinen Kopf zu retten, hetzt er zwei Zwergen-Schmiedewerkstätten gegeneinander auf. Die Brüder Brokkr und Eitri (in späteren Fassungen heißt der Schmied Sindri) sollen drei Kleinode schaffen, die alles bisher Dagewesene übertreffen.
Während Eitri das Eisen bearbeitet, hält Brokkr den Blasebalg in Gang. Loki verwandelt sich in eine Bremse und sticht den Zwerg – zweimal hält der stand, beim dritten Werk sticht die Fliege ihn ins Augenlid, Blut trübt die Sicht, Brokkr lässt den Balg einen Wimpernschlag lang aussetzen. Deshalb geriet der Griff des Hammers zu kurz. Aus der Esse kamen der Eber Gullinbursti, der Ring Draupnir und der Hammer Mjölnir.

Der Hammer ist zugleich Werkzeug und Waffe – genau darin liegt seine Kraft als Symbol. Ein Gott, der mit einer Schlagwaffe den Blitz führt, ist ein uraltes indoeuropäisches Motiv; sprachlich wird Mjölnir unter anderem an das slawische Wort für „Blitz“ (molnija) angebunden, was „Blitzmacher“ ergäbe. Diese Etymologie ist aber ausdrücklich umstritten.
Rund tausend Thorshammer-Anhänger sind bislang gefunden worden, verstreut über Skandinavien, England, Norddeutschland, das Baltikum und die Rus bis nach Island. Der Schwerpunkt liegt in der späten Wikingerzeit, vor allem im 10. Jahrhundert. Die meisten Stücke sind schlicht aus Silber oder Eisen, seltener aus Bernstein – prunkvolle Exemplare mit Filigran und Granulation sind die Ausnahme.

Lange rätselte die Forschung, ob die kleinen Anhänger überhaupt Thors Hammer darstellen. 2014 lieferte ein Fund auf Lolland (Dänemark) den Beweis: Ein silberner Anhänger des 10. Jahrhunderts trägt auf der einen Seite ein Flechtband, auf der anderen eine Runeninschrift – „hmar × is“, zu lesen als „Dies ist ein Hammer“. Es ist der bislang einzige Thorshammer mit Runeninschrift und bestätigt, was die Amulette sind.
Man hört und liest es oft: Der Thorshammer sei ein „Frauensymbol“ gewesen. Diese Behauptung ist zu scharf – aber sie hat einen wahren Kern.
Mjölnir zerschlägt Riesenschädel – aber in den Quellen weiht und segnet er ebenso oft. Im Eddalied Þrymskviða raubt ein Riese den Hammer; Thor muss sich als Braut verkleiden zur Hochzeit begeben. Als der Hammer hereingetragen wird, um „die Braut zu weihen“, greift Thor zu. Der Hammer liegt der Braut dabei im Schoß – ein Weihegestus bei der Eheschließung.
„Bringt den Hammer, die Braut zu weihn, legt Mjöllnir der Maid in den Schoß.“Þrymskviða, Str. 30, nach der Übertragung von Karl Simrock (gemeinfrei)
Dazu passt die Szene aus der Gylfaginning, in der Thor seine beiden Böcke schlachtet, verspeist und sie am Morgen mit dem erhobenen Hammer wieder zum Leben erweckt. Und auf mehreren Runensteinen wird Thor angerufen, das Denkmal zu „weihen“ – etwa auf Glavendrup, Sønder Kirkeby, Virring und dem schwedischen Velanda; der Stein von Læborg trägt sogar ein eingeritztes Hammerbild.

Als die Germanen die römische Wochentagsordnung übernahmen, setzten sie ihre eigenen Götter an die Stelle der römischen: Der dies Iovis, der Tag des donnernden Jupiter, wurde zum Tag des germanischen Donnergottes Donar/Þunraz – daraus wurde der englische Thursday und der deutsche Donnerstag. So trägt Thor bis heute einen Wochentag.
Uns ist die ehrliche Trennung wichtig: Wenn wir ein Zeichen gravieren, sagen wir dir gern dazu, was belegt ist und was Sage bleibt. Mehr davon in unserem Beitrag über echte und erfundene Wikingersymbole oder im Runen-Lexikon.
Hinweis zur Ehrlichkeit: Die Edda-Texte wurden erst im 13. Jahrhundert im christlichen Island aufgeschrieben. Sie sind unsere Hauptquelle für die Mythen, aber kein Protokoll der Wikingerzeit. Wo Fund und Text sich decken, sagen wir „Beleg“; wo nur die Sage spricht, sagen wir „Mythos“.
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