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Der Thorshammer Mjölnir – von der Axt zum Hammer

Mythos & Fund Zwerge schmieden in glühender Esse den Hammer Mjölnir

Ein zu kurz geratener Griff, eine Fliege am Blasebalg und über tausend silberne Amulette in der Erde: Der Thorshammer ist das bekannteste Zeichen der Wikingerzeit – und seine wahre Geschichte ist noch spannender als der Mythos. Wir trennen sauber, was belegt ist, was Sage bleibt und was erst später erfunden wurde.

Wie Mjölnir geschmiedet wurde

Die ausführlichste Erzählung liefert der isländische Gelehrte Snorri Sturluson um 1220 in der Prosa-Edda (Skáldskaparmál). Auslöser ist ein Streich Lokis: Er hat der Göttin Sif heimlich das goldene Haar abgeschnitten. Um seinen Kopf zu retten, hetzt er zwei Zwergen-Schmiedewerkstätten gegeneinander auf. Die Brüder Brokkr und Eitri (in späteren Fassungen heißt der Schmied Sindri) sollen drei Kleinode schaffen, die alles bisher Dagewesene übertreffen.

Während Eitri das Eisen bearbeitet, hält Brokkr den Blasebalg in Gang. Loki verwandelt sich in eine Bremse und sticht den Zwerg – zweimal hält der stand, beim dritten Werk sticht die Fliege ihn ins Augenlid, Blut trübt die Sicht, Brokkr lässt den Balg einen Wimpernschlag lang aussetzen. Deshalb geriet der Griff des Hammers zu kurz. Aus der Esse kamen der Eber Gullinbursti, der Ring Draupnir und der Hammer Mjölnir.

Mythos. Laut Snorri trifft Mjölnir alles, was Thor anvisiert, verfehlt nie, kehrt in die Hand zurück und lässt sich so klein machen, dass Thor ihn im Gewand trägt. Sein einziger Makel: der kurze Stiel. Das ist Erzählung der Edda – kein Fundbericht, sondern Dichtung, aufgeschrieben rund zweihundert Jahre nach dem Ende der Wikingerzeit.
Die Eyrarland-Statue – kleine Bronzefigur, die einen Hammer vor der Brust hält
Die berühmte Eyrarland-Statue (um 1000, Nationalmuseum von Island): eine kleine Bronzefigur, die einen Gegenstand vor der Brust hält. Meist als Thor mit seinem Hammer gedeutet – der griffartige Bart lässt aber bis heute auch die Deutung „sitzender Christus mit Kreuz“ zu. Foto: L3u, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.

Von der Axt zum Hammer – was gesichert ist und was nicht

Der Hammer ist zugleich Werkzeug und Waffe – genau darin liegt seine Kraft als Symbol. Ein Gott, der mit einer Schlagwaffe den Blitz führt, ist ein uraltes indoeuropäisches Motiv; sprachlich wird Mjölnir unter anderem an das slawische Wort für „Blitz“ (molnija) angebunden, was „Blitzmacher“ ergäbe. Diese Etymologie ist aber ausdrücklich umstritten.

Beleg. Rudolf Simek und die neuere Forschung leiten die Hammeramulette vorsichtig aus einer älteren Anhängertradition ab – diskutiert wird auch ein Zusammenhang mit den germanischen „Herkuleskeulen“-Anhängern der römischen Kaiserzeit. Formulierungen wie „scheint sich entwickelt zu haben“ sind bewusst offen gehalten.
Vorsicht, populäre Erzählung. Eine glatte Linie „bronzezeitliche Streitaxt → Wikinger-Hammer“ ist reizvoll, aber nicht belegt. Zwischen den bronzezeitlichen Felsbildern mit axt- oder hammertragenden Gestalten und den wikingerzeitlichen Amuletten liegen rund anderthalb Jahrtausende ohne lückenlose Kette. Wer „von der Axt zum Hammer“ sagt, beschreibt eine plausible Verwandtschaft von Donnergott-Symbolen – keinen bewiesenen Stammbaum eines einzelnen Gegenstands.

Über 1000 Amulette – was die Archäologie zeigt

Rund tausend Thorshammer-Anhänger sind bislang gefunden worden, verstreut über Skandinavien, England, Norddeutschland, das Baltikum und die Rus bis nach Island. Der Schwerpunkt liegt in der späten Wikingerzeit, vor allem im 10. Jahrhundert. Die meisten Stücke sind schlicht aus Silber oder Eisen, seltener aus Bernstein – prunkvolle Exemplare mit Filigran und Granulation sind die Ausnahme.

Beleg – der „Hammer neben dem Kreuz“. In Trendgården (Jütland) fand man eine Speckstein-Gussform des späten 10. Jahrhunderts, die gleichzeitig Thorshämmer und christliche Kreuze goss (Nationalmuseet Kopenhagen). Sie belegt handfest das Nebeneinander beider Glaubenswelten in der Umbruchszeit – und stützt die These, dass der Hammer im 10. Jahrhundert auch als sichtbare heidnische Antwort auf das immer häufigere Kreuzchen getragen wurde.
Silbernes Thorshammer-Amulett aus Erikstorp, Ostgotland
Ein echtes Fundstück: das silberne Thorshammer-Amulett von Erikstorp (Ostgotland, Schweden), reich mit Flechtband und Granulation verziert. Kurzer Stiel, breiter Kopf – die typische Form. Abbildung: gemeinfrei (Heliogravüre nach Pacht), via Wikimedia Commons.

„Dies ist ein Hammer“ – der Runenhammer von Købelev

Lange rätselte die Forschung, ob die kleinen Anhänger überhaupt Thors Hammer darstellen. 2014 lieferte ein Fund auf Lolland (Dänemark) den Beweis: Ein silberner Anhänger des 10. Jahrhunderts trägt auf der einen Seite ein Flechtband, auf der anderen eine Runeninschrift„hmar × is“, zu lesen als „Dies ist ein Hammer“. Es ist der bislang einzige Thorshammer mit Runeninschrift und bestätigt, was die Amulette sind.

Beleg. Der Runenhammer von Købelev wurde von einem Sondengänger entdeckt und am Nationalmuseet in Kopenhagen untersucht; die Datierung ins 10. Jahrhundert und die Lesung der Inschrift gelten als gesichert.

Trugen wirklich nur Frauen den Thorshammer?

Man hört und liest es oft: Der Thorshammer sei ein „Frauensymbol“ gewesen. Diese Behauptung ist zu scharf – aber sie hat einen wahren Kern.

Was die Forschung sagt. Der schwedische Archäologe Jörn Staecker hat 1999 die maßgebliche Typologie der Kreuz- und Hammeramulette vorgelegt (Rex regum et dominus dominorum, Lund). Sein Befund: Wo Hammeramulette überhaupt in Gräbern liegen, findet man sie überwiegend in Frauengräbern – gedeutet in Richtung Schutz, Fruchtbarkeit und Hausritual. Auch bei den mittelschwedischen Thorshammer-Ringen (Eisenringe mit angehängten Hämmern) überwiegen in Birka die bestimmbaren Frauenbestattungen deutlich.
Warum „nur Frauen“ trotzdem falsch ist. Erstens stammen nur rund 10 Prozent aller Amulette überhaupt aus Gräbern – der große Rest kommt aus Siedlungen und Silberhorten, also aus geschlechtsneutralem Zusammenhang. Zweitens sind auch Männergräber mit Hammeramuletten belegt; in Birka stehen den Frauen mehrere Männer gegenüber. Ehrlich formuliert: Der Thorshammer wurde häufiger bei Frauen nachgewiesen, aber keineswegs ausschließlich von ihnen getragen.

„Thor weihe!“ – der Hammer als Segen, nicht nur als Waffe

Mjölnir zerschlägt Riesenschädel – aber in den Quellen weiht und segnet er ebenso oft. Im Eddalied Þrymskviða raubt ein Riese den Hammer; Thor muss sich als Braut verkleiden zur Hochzeit begeben. Als der Hammer hereingetragen wird, um „die Braut zu weihen“, greift Thor zu. Der Hammer liegt der Braut dabei im Schoß – ein Weihegestus bei der Eheschließung.

„Bringt den Hammer, die Braut zu weihn, legt Mjöllnir der Maid in den Schoß.“Þrymskviða, Str. 30, nach der Übertragung von Karl Simrock (gemeinfrei)

Dazu passt die Szene aus der Gylfaginning, in der Thor seine beiden Böcke schlachtet, verspeist und sie am Morgen mit dem erhobenen Hammer wieder zum Leben erweckt. Und auf mehreren Runensteinen wird Thor angerufen, das Denkmal zu „weihen“ – etwa auf Glavendrup, Sønder Kirkeby, Virring und dem schwedischen Velanda; der Stein von Læborg trägt sogar ein eingeritztes Hammerbild.

Bemerkenswert. Thor ist der einzige Gott, der auf wikingerzeitlichen Runensteinen ausdrücklich um Weihe angerufen wird. Der Hammer war also mindestens so sehr Segens- wie Kampfzeichen.
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Warum der Donnerstag Thors Tag ist

Als die Germanen die römische Wochentagsordnung übernahmen, setzten sie ihre eigenen Götter an die Stelle der römischen: Der dies Iovis, der Tag des donnernden Jupiter, wurde zum Tag des germanischen Donnergottes Donar/Þunraz – daraus wurde der englische Thursday und der deutsche Donnerstag. So trägt Thor bis heute einen Wochentag.

Uns ist die ehrliche Trennung wichtig: Wenn wir ein Zeichen gravieren, sagen wir dir gern dazu, was belegt ist und was Sage bleibt. Mehr davon in unserem Beitrag über echte und erfundene Wikingersymbole oder im Runen-Lexikon.

Quellen & Studien

  • Snorri Sturluson, Skáldskaparmál (Prosa-Edda, um 1220) – Schmiedung Mjölnirs.
  • Þrymskviða (Lieder-Edda); dt. Übertragung Karl Simrock, Die Edda, 1851 (gemeinfrei).
  • Jörn Staecker, Rex regum et dominus dominorum. Die wikingerzeitlichen Kreuz- und Kruzifixanhänger als Ausdruck der Mission in Altdänemark und Schweden, Lund Studies in Medieval Archaeology 23, Stockholm/Lund 1999 – Typologie und Grabkontexte (Frauen-/Männergräber).
  • Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie, Kröner (Stichworte „Thor“, „Hammer“, „Mjöllnir“).
  • Nationalmuseet Kopenhagen: Gussform von Trendgården (Kreuz und Hammer aus einer Form); Untersuchung des Runenhammers von Købelev, 2014.
  • Runensteine Glavendrup (DR 209), Sønder Kirkeby (DR 220), Virring (DR 110), Velanda (Vg 150), Læborg (DR 26, mit Hammerbild) – Rundata/Danske Runeindskrifter.
  • Eyrarland-Statue – Nationalmuseum von Island; Forschungsdiskussion zur Deutung (Thor / Spielfigur).

Hinweis zur Ehrlichkeit: Die Edda-Texte wurden erst im 13. Jahrhundert im christlichen Island aufgeschrieben. Sie sind unsere Hauptquelle für die Mythen, aber kein Protokoll der Wikingerzeit. Wo Fund und Text sich decken, sagen wir „Beleg“; wo nur die Sage spricht, sagen wir „Mythos“.

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