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Die Torslunda-Platten: vier Bronzemodel von Öland, ein einäugiger Tänzer und die Bilderwelt der Prunkhelme vor der Wikingerzeit

Geschichte Die Torslunda-Platten: vier Bronzemodel von Öland, ein einäugiger Tänzer und die Bilderwelt der Prunkhelme vor der Wikingerzeit

Die Torslunda-Platten sind vier gegossene Bronzemodel aus dem 6. bis 7. Jahrhundert, gefunden 1870 bei Björnhovda in der Gemeinde Torslunda auf Öland. Mit ihnen presste man figürliche Bleche für Prunkhelme, wie sie aus Vendel, Valsgärde und Sutton Hoo bekannt sind. Die vier Motive – ein Mann zwischen zwei Bären, ein Axtkämpfer mit gefesseltem Tier, ein Tänzer mit Hörnerhelm neben einem Wolfskrieger und zwei Krieger mit Eberhelmen – gehören zu den wichtigsten Bildzeugnissen nordischer Religion. Sie stammen aus der Vendelzeit, also aus der Zeit vor den Wikingern.

Ein Bauer räumt einen Steinhaufen von seinem Acker. Zwischen den Feldsteinen liegen vier kleine, grün angelaufene Bronzeplatten, kaum größer als eine Handfläche. Wer sie damals aufhob, ahnte nicht, dass er die Druckstöcke einer Bilderwelt in den Fingern hielt, die man später von Uppland bis nach Suffolk wiedererkennen würde. Auf einer der Platten tanzt ein Mann mit gehörntem Helm neben einem Krieger im Wolfsfell. Und eine Laseruntersuchung mehr als hundert Jahre später zeigte: Dem Tänzer fehlt ein Auge.

Wir schauen, wie man mit diesen vier Bildern arbeitete, was sie zeigen – und wo die Deutung aufhört und die Spekulation beginnt. Denn die Torslunda-Platten tragen keine einzige Rune. Alles, was wir über ihre Bedeutung sagen, ist Lesen von Bildern.

Vier Bronzeplatten aus einem Steinhaufen

Der Fundort liegt im Kirchspiel Torslunda auf der Ostseeinsel Öland, beim Hof Björnhovda. Gefunden wurden die Platten im Jahr 1870, als ein Steinhaufen (schwedisch röse) abgetragen wurde. Eine Ausgrabung gab es nicht, der genaue Fundzusammenhang ist unbekannt. Erst 1976 hat der schwedische Archäologe Ulf Erik Hagberg die Fundstelle und ihr Umfeld systematisch untersucht und in einem Aufsatz mit dem Titel „Fundort und Fundgebiet der Modeln aus Torslunda“ vorgelegt. In der Nähe kamen später Siedlungsspuren der Eisenzeit ans Licht, und auf benachbarten Äckern fand man einen der reichsten Funde römischer Goldmünzen (Solidi) der Insel.

Öland war in der Völkerwanderungszeit und der anschließenden Vendelzeit eine wohlhabende Insel mit Ringburgen wie Eketorp und Ismantorp und auffallend viel Gold. Für Björnhovda wurde ein bedeutender Herrenhof vorgeschlagen. Ob die Platten vor Ort benutzt wurden, ist nicht geklärt.

Heute liegen die vier Platten im Statens historiska museum in Stockholm (Historiska museet), das sie unter vier eigenen Objektnummern führt. 1966 zeigte das British Museum sie in der Ausstellung „Swedish Gold“ – nicht weit von dem Ort, an dem ihre englischen Geschwisterbilder gefunden wurden, dem Schiffsgrab von Sutton Hoo.

Gesicherter Befund. Vier gegossene Bronzeplatten mit Reliefbildern, gefunden 1870 bei Björnhovda, Kirchspiel Torslunda, Öland; heute Statens historiska museum, Stockholm. Datierung über Stil und Parallelen in die Vendelzeit (6.–7. Jh.). Keine Inschriften.

Was ist ein Pressmodel?

Die Platten sind keine Schmuckstücke und keine Amulette, sondern Werkzeug. Fachleute nennen sie Pressmodel oder Patrizen: Das Bild steht erhaben auf der Bronze. Der Handwerker legte ein hauchdünnes Blech aus Bronze, Silber oder vergoldetem Kupfer darauf und drückte oder klopfte es mit einem weichen Polster, etwa aus Leder oder Blei, und mit feinen Punzen in die Vertiefungen. Heraus kam ein Pressblech – ein Relief, das man ausschneiden und auf einen Helm, eine Scheide oder ein Kästchen nieten konnte.

Der Clou: Aus einer einzigen Patrize ließ sich dasselbe Bild beliebig oft herstellen. Ein Helm brauchte viele gleiche Felder, und tatsächlich wiederholen sich auf erhaltenen Helmen Motive mehrfach. Das ist frühe Serienfertigung im Wortsinn. Der dänische Archäologe Morten Axboe hat 1987 in einem Aufsatz mit dem Titel „Copying in Antiquity: The Torslunda Plates“ gezeigt, dass zwei der Platten vermutlich selbst Abgüsse fertiger Pressbleche sind. Man kopierte also nicht nur mit den Modeln, man kopierte auch die Model. Bilder wanderten auf diese Weise von Werkstatt zu Werkstatt – ein Grund, warum die gleichen Szenen in Schweden und England auftauchen.

Vendelzeit, nicht Wikingerzeit

Ein wichtiger Punkt, bevor wir zu den Bildern kommen: Die Torslunda-Platten sind keine Wikinger-Funde. Sie stammen aus der Vendelzeit, die in Schweden etwa von 550 bis um 800 reicht und nach den reichen Bootgräbern von Vendel in Uppland benannt ist. Die Platten selbst werden meist ins 6. bis 7. Jahrhundert gesetzt. Die Wikingerzeit beginnt nach üblicher Zählung erst um 793 mit dem Überfall auf Lindisfarne.

Die Menschen, die diese Platten benutzten, waren die Urgroßeltern der Wikinger – und zwischen ihnen und Snorri Sturluson, der im 13. Jahrhundert die Götterwelt aufschrieb, liegen rund 600 Jahre. Wenn wir die Bilder mit Odin, Berserkern oder Fenrir verbinden, schlagen wir eine Brücke über sechs Jahrhunderte. Das kann tragen – muss es aber nicht.

Mythos-Check: „Wikinger-Helmbleche von Torslunda“ ist falsch. Die Platten sind etwa 150 bis 250 Jahre älter als die ersten Wikingerzüge. Sie zeigen die Bildwelt der vendelzeitlichen Elite, aus der die Wikingerzeit hervorging.

Platte eins: Der Mann zwischen den Bären

Das erste Bild zeigt eine menschliche Gestalt zwischen zwei aufgerichteten, großen Tieren. Meist werden sie als Bären gelesen, manche sprechen allgemeiner von Ungeheuern. Die Tiere wenden sich dem Mann zu; ob er mit ihnen ringt, sie bändigt oder von ihnen bedrängt wird, lässt sich aus dem Bild allein nicht eindeutig sagen.

Der Bildtyp ist uralt. Kunsthistoriker nennen ihn den „Herrn der Tiere“; er reicht bis in die Kunst des Alten Orients zurück. Ganz in der Nähe der Torslunda-Bilder steht der Deckel der Geldbörse aus Sutton Hoo, auf dem ebenfalls zweimal ein Mann zwischen zwei Tieren erscheint. Das spricht dafür, dass das Motiv in der Elitekunst rund um Nord- und Ostsee weit verbreitet und verständlich war.

Wer genau gemeint ist, bleibt offen. In der Forschung wurde an Sagenhelden gedacht, die mit Bären zu tun haben, etwa an Bǫðvarr Bjarki aus der Sage von König Hrólf Kraki, dessen Name „Kampf-Bär“ bedeutet. Belegen lässt sich eine solche Gleichsetzung nicht – die Saga ist viele Jahrhunderte jünger. Sicher ist nur: Der Bär war im Norden das Tier der Kraft und ein Vorbild für Krieger. Mehr dazu findest du in unserem Beitrag über den Bären im Norden.

Platte zwei: Der Axtkämpfer und das gefesselte Tier

Auf der zweiten Platte steht ein Mann mit einer Axt. Vor ihm ein großes, raubtierhaftes Wesen, das offenbar an einem Strick oder Seil gehalten wird. Das Tier wirkt nicht wie ein Haustier, sondern wie ein gebändigtes Ungeheuer. Der Mann hält das Seil, die Axt ist erhoben oder bereit.

Die naheliegende Versuchung ist groß: ein gefesseltes Untier und ein Gott – da denkt man an den Wolf Fenrir, den die Asen nach Snorri mit dem Zauberband Gleipnir binden, wobei Tyr seine Hand verliert. Diese Deutung wird tatsächlich immer wieder vorgeschlagen. Nur: Tyr kämpft bei Snorri nicht mit einer Axt, und im Bild verliert niemand eine Hand. Ebenso gut kann eine heute verlorene Heldensage gemeint sein oder ein allgemeines Bild vom Menschen, der das Chaos unterwirft.

Der deutsche Germanist Heinrich Beck hat 1968 in seinem Aufsatz „Die Stanzen von Torslunda und die literarische Überlieferung“ die Bilder ausführlich mit den schriftlichen Quellen verglichen. Der Vergleich ist lohnend, doch er zeigt auch, dass die Texte und die Bilder aus verschiedenen Jahrhunderten stammen und nicht wie Bild und Bildunterschrift zusammenpassen.

Platte drei: Der Tänzer mit dem Hörnerhelm und der Wolfskrieger

Das berühmteste Bild zeigt zwei Gestalten nebeneinander. Links tanzt ein Mann, das Bein angehoben, mit Speeren bewaffnet und mit einem Helm, aus dem zwei geschwungene Hörner wachsen. Die Hörner enden in Vogelköpfen – Fachleute sprechen deshalb von „vogelköpfigen Hörnern“. Ansonsten trägt der Tänzer kaum Kleidung, auffällig ist ein Gürtel.

Rechts neben ihm steht eine Gestalt mit Tierkopf und Fell, die einen Speer und ein Schwert trägt. Der Kopf ist meist als Wolfskopf gedeutet; der Mann trägt also ein Wolfsfell oder eine Wolfsmaske. Er erinnert an die Úlfheðnar, die „Wolfsfelle“ der altnordischen Dichtung – Krieger, die sich in Tierhäute kleideten und als besonders wild galten.

Der Tänzer wiederum gleicht Figuren, die in jener Zeit an vielen Orten auftauchen: auf Helmblechen aus Sutton Hoo und Valsgärde, auf einem Anhänger aus Ekhammar in Uppland, auf einer Gürtelschnalle aus einem Grab in Finglesham in Kent und auf kleinen Figuren aus Uppåkra in Schonen. Immer derselbe Typ: ein Mann mit gehörntem Kopfputz, oft mit Speeren, oft in Bewegung.

Das fehlende Auge

Jahrzehntelang sah man auf der Platte einfach einen Tänzer. Dann kam der Laser. 1992 veröffentlichten die schwedischen Forscher Birgit Arrhenius und Henry Freij von der Universität Stockholm eine Studie, in der sie Pressblechfragmente aus dem Ostgrabhügel von Gamla Uppsala mit einem Laserscanner untersucht hatten. Im Zuge dieser Arbeiten wurde auch die Torslunda-Platte genau vermessen – mit einem überraschenden Ergebnis: Der Tänzer hat nur ein Auge. Das rechte Auge fehlt, und zwar nicht, weil die Bronze abgenutzt ist. Es wurde offenbar absichtlich entfernt, vermutlich schon an der Vorlage, von der die Platte abgegossen wurde.

Ein einäugiger Mann mit Speer, in der Gesellschaft eines Wolfskriegers – das ruft einen Namen wach. Odin gab nach der Völuspá und nach Snorri ein Auge als Pfand am Brunnen des Mimir, um Weisheit zu erlangen. Speer, Kriegertanz, Ekstase und Wölfe gehören zu seinem festen Umfeld. Viele Forscher lesen die Szene deshalb als Odin, der seine Wolfskrieger im ekstatischen Tanz anführt. Die ausführliche Geschichte des Auges erzählen wir in Odins Auge.

Der Befund steht nicht allein. Auch eine kleine Figur mit Hörnerkopfputz aus Uppåkra hat ein verändertes Auge, und eine Figur aus Levide auf Gotland wurde nach ihrer Fertigstellung um ein Auge „erleichtert“. Besonders elegant ist eine Beobachtung am Helm von Sutton Hoo: Die beiden Augenbrauen sind mit Granaten besetzt, doch nur auf einer Seite liegt hinter den Steinen eine reflektierende Goldfolie. Neil Price und Paul Mortimer haben 2014 in dem Aufsatz „An Eye for Odin? Divine Role-Playing in the Age of Sutton Hoo“ vorgeschlagen, dass der Helm im Halbdunkel einer Halle mit Feuerschein nur ein funkelndes Auge zeigte. Der Träger hätte dann im Wortsinn die Rolle des einäugigen Gottes gespielt.

Mythos-Check: „Die Torslunda-Platte zeigt Odin“ ist eine gut begründete Deutung, keine Gewissheit. Das fehlende Auge ist ein harter Befund, der Name Odin steht nirgends auf der Platte. Möglich ist auch, dass ein Mensch gezeigt wird, der in einem Ritual Odin darstellt – genau das ist der Kern der These von Price und Mortimer.

Wolfskrieger zwischen Bild und Saga

Was wissen wir über Wolfskrieger aus Texten? Die ältesten nordischen Belege sind Skaldengedichte aus der Zeit um 900. In Þorbjǫrn Hornklofis Gedicht auf König Harald Schönhaar, dem Haraldskvæði, erscheinen berserkir und úlfheðnar als Elitekämpfer des Königs, die heulen und brüllen. Das ist gut 250 Jahre jünger als die Torslunda-Platten, aber es zeigt: Die Vorstellung von Kriegern im Tierfell war im Norden fest verankert.

Snorri Sturluson beschreibt im 13. Jahrhundert in der Ynglinga saga (Kap. 6) die Krieger Odins. Sinngemäß in eigener Übertragung:

Seine Männer zogen ohne Brünne in den Kampf, rasend wie Hunde oder Wölfe, sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen die Leute, doch weder Feuer noch Eisen konnte ihnen etwas anhaben. Das nannte man Berserkergang. Snorri Sturluson, Ynglinga saga, Kap. 6 (eigene Übertragung)

Hier sind Odin und die Tierkrieger direkt verbunden – allerdings bei einem christlichen Autor, der aus großem zeitlichem Abstand schreibt. Mehr zur Frage, was Berserker wirklich waren und was spätere Sagas daraus gemacht haben, liest du in unserem eigenen Beitrag.

Für die Bildseite gibt es einen schönen Parallelfund aus Süddeutschland. In Gutenstein bei Sigmaringen fand man 1887 in einem alamannischen Männergrab des 7. Jahrhunderts eine silberne Schwertscheide. Ihr oberes Feld zeigt einen nach rechts schreitenden Krieger mit Wolfsmaske, der eine Lanze und ein Ringschwert trägt. Das Original kam nach Berlin, wurde 1945 von einer sowjetischen Trophäenkommission mitgenommen und liegt heute im Puschkin-Museum in Moskau; Nachbildungen besitzen unter anderem das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart und das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz. Ein ähnliches Bild kennt man aus Obrigheim in der Pfalz. Der Wolfskrieger war also kein rein skandinavisches Motiv, sondern Teil einer Bildsprache, die bis an den Oberrhein reichte.

Und der Tanz? Schon im 1. Jahrhundert schrieb Tacitus über die Germanen:

Nackte Jünglinge, die sich darin üben, springen tanzend zwischen Schwertern und drohenden Lanzen umher. Tacitus, Germania 24 (eigene Übertragung)

Zwischen Tacitus und Torslunda liegt ein halbes Jahrtausend, doch der Waffentanz ist alt belegt. Die Forschung, etwa Priscilla Kershaw in ihrer Studie über den einäugigen Gott und die germanischen Männerbünde, hat solche Spuren gesammelt und mit Kriegerbünden verbunden, die sich unter dem Zeichen eines Kriegsgottes zusammenfanden.

Platte vier: Zwei Krieger mit Eberhelmen

Das vierte Bild ist das „realistischste“. Zwei Krieger schreiten hintereinander, gekleidet in verzierte Gewänder, mit Speeren und Schwertern. Auf ihren Helmen sitzen große Eberfiguren als Helmzier. Hier gibt es kein Tierfell und keine Ekstase – eher den Eindruck einer Gefolgschaft auf dem Marsch.

Eberhelme sind nicht nur Bild, sondern auch Fund. In England kennt man den Helm von Benty Grange in Derbyshire aus dem 7. Jahrhundert, auf dessen Scheitel ein kleiner Eber steht, und den Helm von Wollaston in Northamptonshire mit ebenfalls einem Eberkamm. Das altenglische Epos Beowulf beschreibt gleich mehrfach Helme mit Eberbildern. Über die Krieger, die zur Halle des Dänenkönigs ziehen, heißt es sinngemäß:

Eberbilder glänzten über den Wangenschützern, goldgeschmückt, bunt und feuergehärtet; sie hielten Wacht über das Leben. Beowulf, V. 303–306 (eigene Übertragung)

Der Eber war also ein Schutzzeichen. Tacitus berichtet schon im 1. Jahrhundert (Germania 45), dass die Aestier an der Ostsee Eberfiguren als Zeichen ihrer Göttin trügen, die sie selbst unter Feinden schützen sollten. In der nordischen Überlieferung gehört der Eber zu den Wanen: Freyr reitet nach Snorri den goldborstigen Gullinbursti, den die Zwerge Brokkr und Sindri schmiedeten, und Freyja reitet im Eddalied Hyndluljóð den Eber Hildisvíni. Snorri kennt außerdem zwei berühmte Helme des schwedischen Königs Aðils, die Hildisvín und Hildigǫltr hießen, „Kampfschwein“ und „Kampfeber“. Mehr zum Tier findest du im Beitrag über den Eber im Norden.

Ob die beiden Krieger deshalb unter Freyrs Schutz stehen, lässt sich nicht sagen. Sicher ist: Wer einen Eber auf dem Helm trug, wollte gesehen werden.

Ein Bildprogramm über die Nordsee hinweg

Die Torslunda-Platten sind die Werkzeuge, die Helme sind die Produkte. Die vendelzeitlichen Kammhelme aus den Bootgräbern von Vendel und Valsgärde in Uppland, das Fragment aus dem Ostgrabhügel von Gamla Uppsala und der Helm aus Sutton Hoo in Suffolk gehören zu derselben Familie. Typisch sind ein Kamm über dem Scheitel, der in Tierköpfen endet, Augenbrauen aus Metall und eine Oberfläche, die mit Pressblechfeldern bedeckt ist. Einen Überblick über die Helmtypen von der Vendel- bis zur Wikingerzeit findest du in unserem Beitrag zu Wikingerhelmen.

Der Helm von Sutton Hoo, gefunden 1939 in einem Schiffsgrab, das meist um 620/625 datiert und häufig mit König Rædwald von East Anglia verbunden wird, trägt fünf verschiedene Pressblechmotive. Eines davon zeigt zwei tanzende Krieger mit Hörnerhelmen, Speeren und Schwertern – fast dieselbe Szene wie auf Helmen aus Valsgärde und eng verwandt mit dem Tänzer aus Torslunda. Ein winziges Blechfragment aus Gamla Uppsala ähnelt dem Sutton-Hoo-Tänzer so stark, dass man an denselben Handwerkerkreis gedacht hat.

Diese Übereinstimmungen belegen enge Verbindungen zwischen den Eliten Ostenglands und Mittelschwedens im 7. Jahrhundert. Ob Handwerker reisten, ob Helme verschenkt wurden oder ob Modelle getauscht wurden, wird diskutiert. Rupert Bruce-Mitford, der große Bearbeiter von Sutton Hoo, hat die Torslunda-Platten 1968 erneut untersucht und für diesen Vergleich genutzt.

Belegt im Fundgut: Pressblechbilder mit Tänzern, Reitern und Kriegerprozessionen auf den Helmen von Sutton Hoo (England), Valsgärde und Vendel (Schweden); Fragment aus dem Ostgrabhügel von Gamla Uppsala; Wolfskrieger auf der Scheide von Gutenstein (Baden-Württemberg).

Mythos-Check: Trugen die Wikinger also doch Hörnerhelme?

Hier liegt eine Falle. Wer den Tänzer von Torslunda sieht, könnte rufen: Da ist er ja, der Hörnerhelm! Tatsächlich ist es einer der wenigen echten Hörnerhelme der nordischen Bildkunst. Aber drei Dinge sprechen klar gegen den Kino-Wikinger.

Erstens: Die Platte ist vendelzeitlich, nicht wikingerzeitlich. Zweitens: Der Hörnerhelm wird von einem fast nackten, tanzenden Mann getragen, nicht von einem gerüsteten Krieger in der Schlacht. Die Krieger in Kampfausrüstung auf Platte vier tragen Eberhelme, keine Hörner. Drittens: Kein einziger erhaltener Kampfhelm der Wikingerzeit hat Hörner – weder der Helm von Gjermundbu noch Fragmente anderer Fundorte. Die vogelköpfigen Hörner sind wohl ein Ritual- oder Kultkopfputz, vielleicht nur ein Bildzeichen für einen Gott oder dessen Darsteller. Weil auch Figuren aus Uppåkra und Levide mit Hörnern ein Auge fehlt, ist sogar denkbar, dass der Hörnerhelm gezielt als Kennzeichen einer mythischen Gestalt diente.

Echte Hörnerhelme aus Metall kennt man im Norden nur aus einer ganz anderen Epoche: die beiden Bronzehelme von Veksø in Dänemark aus der Bronzezeit, rund 2000 Jahre vor den Wikingern. Den Hörnerhelm als Markenzeichen der Wikinger hat erst das 19. Jahrhundert erfunden, Opernbühne und Historienmalerei inklusive. Die ganze Geschichte erzählen wir in Der Hörnerhelm-Mythos und bei den Hörnerhelmen der Bronzezeit.

Mythos-Check: Torslunda zeigt einen Ritualhelm, keinen Kampfhelm. Die Platte belegt gehörnten Kopfschmuck im Kult der Vendelzeit – sie belegt nicht, dass Wikinger mit Hörnern in den Kampf zogen.

Was wir nicht wissen

So eindrucksvoll die Bilder sind, man sollte ihre Grenzen kennen. Die Platten tragen keine Inschrift. Wir wissen nicht, für welchen Helm sie gedacht waren, und wir haben aus Öland keinen Helm, auf dem eines der vier Motive sitzt. Einige Forscher haben vorgeschlagen, die vier Bilder als zusammenhängendes Programm zu lesen – etwa als Szenen aus einem Mythos oder als Stationen einer Kriegerweihe. Andere sehen in ihnen eher einen Werkstattvorrat verschiedener beliebter Motive.

Auch die Namen sind Deutungen. „Odin“ für den Tänzer ist durch das fehlende Auge gut gestützt. „Úlfheðinn“ für den Wolfsmann ist plausibel. „Fenrir“ für das gefesselte Tier ist eine Möglichkeit unter mehreren. „Bǫðvarr Bjarki“ für den Bärenmann ist Spekulation. Diese Bilder erzählen Geschichten, deren Text wir verloren haben.

Von der Bronzeplatte zur Schiefergravur

Für uns bei Glanz & Gravur sind die Torslunda-Platten fast so etwas wie Berufsverwandte. Hier hat ein Handwerker vor rund 1400 Jahren ein Bild in Bronze gesetzt, damit es immer wieder sauber in dünnes Metall gelangt. Wir setzen Bilder mit dem Laser in Naturschiefer, Holz oder Glas – das Prinzip ist näher verwandt, als man denkt: eine gute Vorlage, ein beständiges Material, ein wiederholbarer Prozess.

Wenn du dir ein Torslunda-Motiv wünschst, beraten wir dich gern, wie man es umsetzt. Die Originale haben ein hohes, kleinteiliges Relief. Für eine Gravur übersetzen wir das in klare Linien und Flächen, damit der Tänzer und der Wolfskrieger auch auf Schiefer lesbar bleiben. Bewährt hat sich, eine Figur einzeln groß zu zeigen statt alle vier Platten gedrängt auf eine Tafel – oder die vier Szenen als Reihe auf einem länglichen Brett, so wie sie auf einem Helm in Feldern nebeneinandersaßen. Den einäugigen Tänzer setzen wir dabei bewusst einäugig um; das ist kein Fehler, sondern der Kern des Bildes. Wie Schiefer sich für solche Motive verhält, erklären wir auf der Seite zur Schieferplatten-Gravur.

Und weil es uns wichtig ist: Ein Torslunda-Motiv ist ein Bild aus der Vendelzeit. So beschriften wir es auch – keine „Wikingerhelm-Platte“.

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Häufige Fragen

Was sind die Torslunda-Platten? Vier gegossene Bronzemodel aus der Vendelzeit (6.–7. Jahrhundert), mit denen man figürliche Pressbleche für Prunkhelme herstellte. Sie wurden 1870 bei Björnhovda im Kirchspiel Torslunda auf Öland gefunden.

Wo kann man die Torslunda-Platten sehen? Sie gehören zur Sammlung des Statens historiska museum (Historiska museet) in Stockholm. Ob sie gerade ausgestellt sind, solltest du vor einem Besuch beim Museum erfragen.

Zeigt die Torslunda-Platte Odin? Viele Forscher deuten den tanzenden Mann mit Hörnerhelm als Odin, weil eine Laseruntersuchung zeigte, dass ihm absichtlich ein Auge fehlt. Das ist eine gut begründete Deutung, aber nicht beweisbar, da die Platte keine Inschrift trägt.

Sind die Torslunda-Platten aus der Wikingerzeit? Nein. Sie stammen aus der Vendelzeit und sind deutlich älter als die Wikingerzeit, die um 793 beginnt.

Beweisen die Torslunda-Platten, dass Wikinger Hörnerhelme trugen? Nein. Der gehörnte Helm erscheint bei einem tanzenden, fast nackten Mann und gilt als Ritual- oder Kultkopfschmuck. Kein erhaltener Kampfhelm der Wikingerzeit hat Hörner.

Was haben Torslunda und Sutton Hoo gemeinsam? Der Helm von Sutton Hoo trägt Pressbleche mit tanzenden, gehörnten Kriegern, die dem Torslunda-Tänzer eng verwandt sind. Beide gehören zu einer gemeinsamen Bildsprache der Eliten in England und Skandinavien im 7. Jahrhundert.

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Odin · Berserker & Ulfheðnar · Runen · Das geopferte Heer im Moor.

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