Manchmal steckt die ganze Götterwelt auf einem daumengroßen Stück Bronze. Die vier Torslunda-Matrizen von der Insel Öland sind so ein Fall – Presswerkzeuge, mit denen man Bilder für Prunkhelme herstellte.
Manchmal steckt die halbe Mythologie auf einem daumengroßen Stück Bronze. Die vier Torslunda-Matrizen von der Insel Öland sind so ein Fall. 1870 im Boden bei Björnhovda gefunden, gehören sie zu den kostbarsten Bildzeugnissen der nordischen Vorzeit – nicht als Schmuck, sondern als Werkzeug: Presswerkzeuge, mit denen man Bilder für Prunkhelme herstellte. Wer sie in die Hand nimmt, hält im Grunde die Druckplatten der Wikinger-Vorfahren.
Die Model stammen aus der Vendelzeit (6.–7. Jahrhundert), also der Epoche unmittelbar vor der eigentlichen Wikingerzeit. Mit ihnen presste man dünne Bronzefolien in Relief; diese Folien wurden dann als Bildschmuck auf Helme des Vendel- und Valsgärde-Typs aufgebracht. Das ist bemerkenswert: Es handelt sich um eine frühe Serienfertigung von Bildern – man konnte dasselbe Motiv immer wieder pressen, ähnlich wie ein Stempel. Vier Motive sind erhalten, darunter ein Mann zwischen zwei Bären und ein Krieger mit Axt neben einem gefesselten Untier.
Am berühmtesten ist das Blech mit zwei Figuren: einem tanzenden Krieger in gehörntem Kopfschmuck und, neben ihm, einem Speerträger im Wolfsfell. Ein moderner Laserscan brachte ein entscheidendes Detail ans Licht: Der Tänzer hat nur ein Auge. Das eine, absichtlich gesetzte Auge ist für viele Forscher der Schlüssel – sie deuten die Figur als Odin, den Gott, der sein Auge am Mimirbrunnen opferte, um Weisheit zu erlangen.
Der Krieger im Wolfsfell daneben wird als Berserker bzw. Ulfheðinn (Wolfskrieger) gelesen. Damit verdichtet sich auf einem einzigen daumengroßen Blech ein ganzes Weltbild: der einäugige Kriegsgott, der ekstatische Tänzer, der Mensch, der in der Tierhaut zum Tier wird. Kriegerkult, Tieridentität und Götterbild fallen in einem Motiv zusammen – ein Fenster in die religiöse Vorstellungswelt einer Zeit, aus der wir kaum schriftliche Zeugnisse haben.
Auch die anderen Bleche sind Rätselbilder von großer Wucht. Eines zeigt zwei tanzende, speerbewehrte Krieger mit gehörntem Kopfschmuck, einander spiegelbildlich zugewandt – ein Motiv, das man auch von anderen Fundstellen kennt und oft mit einem Kriegerbund oder einem Weihetanz verbindet. Ein weiteres zeigt einen Mann, der zwischen zwei aufgerichteten Bären steht und sie an der Kehle packt: der „Herr der Tiere", ein uralter Bildtyp, der von Mesopotamien bis in den Norden reicht.
Das vierte Blech schließlich zeigt einen Krieger, der mit einer Axt gegen ein monströses Wesen kämpft, das an eine Kette gelegt scheint. Ob hier eine konkrete Sage gemeint ist oder ein allgemeines Bild vom Kampf gegen die Mächte des Chaos, lässt sich nicht sicher sagen. Gerade diese Offenheit macht die Torslunda-Bilder so reizvoll: Sie erzählen Geschichten, deren Text wir verloren haben.
Die gepressten Folien saßen nicht auf schlichten Kampfhelmen, sondern auf den kostbaren Prunkhelmen der Elite. Parallelen finden sich quer über die Nordsee: der berühmte Helm von Sutton Hoo in England und die Helme aus Vendel und Valsgärde in Schweden tragen ganz ähnliche Preßblech-Bilder mit tanzenden Kriegern und Reitern. Diese Helme waren Herrschaftszeichen, fast schon tragbare Bildprogramme – der Träger zeigte damit seine Nähe zu Odin und zum Kriegergott-Kult.
Und noch ein Detail lohnt den Blick: Der gehörnte Kopfschmuck der Tänzer ist ein Kult- und Tanzattribut, kein Alltagshelm. Kein einziger echter Kampfhelm der Wikingerzeit trug Hörner – weder der Coppergate-Helm von York noch irgendein anderer erhaltener Helm. Der „Hörnerhelm" der Wikinger ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts (Bühne, Romantik, Oper). Die Torslunda-Bleche zeigen: Hörner gab es im Bild, im Ritual, im Tanz – aber nicht auf dem Schlachtfeld.
Was uns an den Torslunda-Matrizen besonders fasziniert, ist ihr handwerklicher Kern. Hier presste jemand vor 1400 Jahren dasselbe Bild immer wieder aufs Metall – eine der frühesten Formen, ein Motiv zu vervielfältigen und dauerhaft festzuhalten. Genau darum geht es, im Grunde, bis heute in unserer Werkstatt: ein Bild sauber, wiederholbar und beständig in ein Material zu bringen. Zwischen der Bronzematrize des Vendelzeit-Handwerkers und dem Laser, der ein Runenband in Schiefer brennt, liegen viele Jahrhunderte – und doch derselbe Wunsch: dem flüchtigen Bild eine Form zu geben, die bleibt.
„Nackte Jünglinge, denen das ein Spiel ist, springen tanzend zwischen Schwertern und drohenden Speeren." — Tacitus, Germania 24 (gemeinfreie Übersetzung)

Odin · Berserker & Ulfheðnar · Runen · Das geopferte Heer im Moor.
Statens historiska museum (SHM), Stockholm; Torslunda plates. Neil Price, The Viking Way; Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie. Bildnachweis Titelbild: Torslunda-Bleche, Statens historiska museum (National Historical Museums of Sweden), CC BY 4.0 (Wikimedia Commons).