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Der Tempel von Uppsala – Gamla Uppsala zwischen Adam von Bremen, Königshügeln und Ausgrabung

Geschichte Der Tempel von Uppsala – Gamla Uppsala zwischen Adam von Bremen, Königshügeln und Ausgrabung

Der Tempel von Uppsala ist vor allem aus einer einzigen Quelle bekannt: Adam von Bremen beschrieb um 1075 ein Heiligtum „ganz aus Gold“ mit Bildern von Thor, Wodan und Fricco und ein Opferfest, das alle neun Jahre stattfand. Gesehen hat er Uppsala nie. Sicher ist dagegen, dass Gamla Uppsala nördlich der heutigen Stadt ein Macht- und Kultzentrum der Svear war. Davon zeugen Königshügel aus der Vendelzeit, eine riesige Halle und kilometerlange Pfostenreihen. Wir trennen hier Bericht, Saga und Befund.

Drei grüne Buckel in einer flachen Ackerlandschaft, daneben eine weiß verputzte Kirche, ein paar Schafe. Gamla Uppsala, rund fünf Kilometer nördlich der Universitätsstadt Uppsala, wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Doch kaum ein Ort im Norden trägt so viel Bedeutung auf so wenig sichtbarer Fläche: Hier soll der berühmteste heidnische Tempel Skandinaviens gestanden haben, hier lagen nach der Sagatradition die Könige der Ynglinge begraben, hier trafen sich die Svear zu Opfer, Markt und Thing.

Das Problem: Fast alles, was die Fantasie anheizt, stammt aus Texten, die lange nach den Ereignissen oder weit entfernt vom Ort entstanden. Was die Erde hergibt, ist nüchterner, aber oft eindrucksvoller.

Gamla Uppsala: Ort, Name und Lage

Gamla Uppsala heißt schlicht „Alt-Uppsala“. Der Zusatz kam erst im Mittelalter auf, als Bischofssitz und Name auf den Handelsplatz Östra Aros weiter südlich übergingen, das heutige Uppsala. In den lateinischen Quellen heißt der alte Ort Ubsola oder Upsala, in den altnordischen Texten Uppsalir, „die oberen Säle“ oder „die hohen Hallen“. Schon der Name verweist also auf Gebäude, nicht auf Gräber oder einen Tempel.

Die Gegend gehörte zum Kerngebiet der Svear, die Tacitus schon im 1. Jahrhundert als Suiones kannte. Fruchtbare Lehmböden und Wasserwege zum Mälaren machten den Platz zu einem natürlichen Zentrum. Eine „Hauptstadt“ im modernen Sinn war Gamla Uppsala nie, sondern Königshof, Versammlungsplatz und Kultort zugleich.

Die Königshügel: Ost-, Mittel- und Westhügel

Das Wahrzeichen sind die drei großen Hügel, schwedisch Kungshögarna. Sie liegen in einer Reihe auf einem Moränenrücken, gut sichtbar aus der Ebene. Daneben liegen der flache sogenannte Tingshügel mit fast 50 Metern Durchmesser und ein Gräberfeld mit kleineren Hügeln.

Gegraben wurde früh. Im Sommer 1846 ließ der Reichsantiquar Bror Emil Hildebrand einen Tunnel in den Osthügel treiben. Man stieß auf einen Steinhügel über einer Brandschicht, also auf eine Feuerbestattung. 1874 folgte der Westhügel, ebenfalls mit einem Brandgrab. Zu den Funden zählen Bruchstücke eines Prunkhelms im Vendelstil, Goldfiligran und Knochen eines Habichts, eines Jagdvogels, der damals ein Statussymbol war. Der Mittelhügel ist bis heute nicht systematisch untersucht.

Datierung: Nach der Auswertung von John Ljungkvist und Per Frölund gehören Ost- und Westhügel ins späte 6. und frühe 7. Jahrhundert; die bisher untersuchten großen Monumente fallen in die Zeit um etwa 560/70 bis 650. Das ist die frühe Vendelzeit, also die Epoche vor der Wikingerzeit (in Schweden etwa 550–790). Die Hügel wurden zudem mindestens einmal erweitert.

Die Königshügel sind also keine Wikingergräber. Als die ersten Wikingerschiffe um 790 vor England auftauchten, lagen die Toten von Gamla Uppsala schon rund zweihundert Jahre unter der Erde – für die Wikinger selbst waren die Hügel bereits Denkmäler einer Ahnenzeit.

Aun, Egil, Adils: die Ynglinge der Sagatradition

Wer liegt in den Hügeln? Die Gräber selbst nennen keine Namen. Die Namen liefert eine viel spätere Überlieferung: das Gedicht Ynglingatal, das dem norwegischen Skalden Þjóðólfr ór Hvini zugeschrieben wird (seine Datierung ins 9. Jahrhundert ist umstritten), und die darauf aufbauende Ynglinga saga, mit der Snorri Sturluson um 1225 seine Heimskringla eröffnete.

Dort erscheinen drei Könige, die „in Uppsala“ bestattet sein sollen. Aun der Alte opfert nach der Saga Odin einen Sohn nach dem anderen, um sein Leben zu verlängern; als er auch den letzten opfern will, verhindern es die Svear, und Aun stirbt. Egil wird von einem Stier getötet, der eigentlich für ein Opfer bestimmt war. Adils stürzt beim Dísablót vom Pferd, als er um den Saal der Dísen reitet, und schlägt sich den Kopf an einem Stein auf. Adils ist übrigens auch aus dem altenglischen Beowulf bekannt, dort als Eadgils – ein Hinweis, dass hinter manchen Namen ältere Erinnerungen stecken könnten.

Der Archäologe Birger Nerman setzte im 20. Jahrhundert die drei Hügel mit Aun, Egil und Adils gleich. Das ist eine Hypothese, kein Befund. Ältere Volksüberlieferung verband die Hügel stattdessen mit Göttern und nannte sie Odins-, Thors- und Freyshügel, wobei die Zuordnung je nach Quelle schwankt. Weder Götter noch bestimmte Könige lassen sich in den Gräbern nachweisen. Sicher ist nur, dass hier Menschen von höchstem Rang mit aufwendigem Feuerritual bestattet wurden.

Mythos-Check: „In den drei Hügeln liegen Odin, Thor und Freyr.“ – Nein. Die Götternamen sind neuzeitliche Volksbezeichnungen. Archäologisch handelt es sich um Brandgräber von Menschen aus dem 6./7. Jahrhundert. Auch die Gleichsetzung mit den Ynglinge-Königen bleibt Sagatradition und Forscherhypothese.

Adam von Bremen und sein Bericht

Jetzt zum berühmtesten Text. Adam von Bremen war Domherr und Schulmeister in Bremen. Um 1075/76 schloss er seine Kirchengeschichte des Erzbistums Hamburg-Bremen ab, die Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum. Das vierte Buch ist eine Beschreibung der nördlichen Länder. Bremen beanspruchte die Mission im ganzen Norden, und Adam wollte zeigen, wie viel dort noch zu tun war. Als wichtigsten Gewährsmann nennt er den Dänenkönig Sven Estridsson. In Schweden war Adam selbst nie.

In den Kapiteln IV,26 und IV,27 beschreibt er Uppsala. Wir geben die Kernstellen in eigener Übertragung aus dem Lateinischen wieder:

„Dieses Volk hat einen hochberühmten Tempel, der Ubsola heißt und nicht weit von der Stadt Sigtuna liegt. In diesem Tempel, der ganz aus Gold gefertigt ist, verehrt das Volk die Standbilder dreier Götter, und zwar so, dass der mächtigste von ihnen, Thor, in der Mitte des Saales seinen Thron hat; zu beiden Seiten haben Wodan und Fricco ihren Platz.“— Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis IV,26 (um 1075), eigene Übertragung

Adam erklärt gleich, wofür die drei zuständig sind. Thor herrsche in der Luft, lenke Donner und Blitz, Wind und Regen, gutes Wetter und Ernte. Wodan, „das heißt die Raserei“, führe die Kriege und gebe den Menschen Mut gegen die Feinde. Fricco schenke Frieden und Lust; sein Bild habe einen gewaltigen Phallus. Wodan stelle man bewaffnet dar wie bei uns den Mars, Thor mit einem Zepter wie den Jupiter. Jeder Gott habe eigene Priester. Bei Seuche und Hunger opfere man Thor, bei Krieg Wodan, bei Hochzeiten Fricco, also Freyr. Dazu verehre man vergöttlichte Menschen.

Auffällig ist die Rangfolge: Thor in der Mitte, nicht Odin, der Allvater der Edda. Manche Forscher sehen gerade darin ein Zeichen, dass Adam echte Informationen verarbeitete statt ein Schema abzuschreiben.

Das Opferfest alle neun Jahre

Kapitel IV,27 schildert das große Fest. Alle neun Jahre, so Adam, hielten alle Provinzen der Svear gemeinsam ein Fest in Uppsala. Niemand sei davon befreit; Könige und Volk schickten ihre Gaben. Besonders grausam findet Adam, dass sich bereits getaufte Christen von der Teilnahme freikaufen müssten.

„Das Opfer ist folgender Art: Von jedem männlichen Lebewesen werden neun Häupter dargebracht; mit ihrem Blut, so ist es Brauch, versöhnt man diese Götter. Die Leiber aber hängt man in den Hain, der dem Tempel am nächsten liegt. Dieser Hain ist den Heiden so heilig, dass sie jeden einzelnen Baum darin durch den Tod oder die Verwesung der Geopferten für göttlich halten.“— Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis IV,27, eigene Übertragung

Dort hingen, so Adam weiter, auch Hunde und Pferde neben Menschen. Ein Christ habe ihm erzählt, er habe 72 solcher Leichen dort hängen sehen. Die Gesänge, die bei dem Ritual gesungen würden, seien vielfältig und unanständig, „und darum besser verschwiegen“. Ausgerechnet die Lieder, die uns heute am meisten interessieren würden, hielt Adam nicht für druckreif.

Baum, Quelle, goldene Kette: die Scholien

In den Handschriften stehen neben dem Haupttext Randnotizen, sogenannte Scholien. Einige gehen wohl auf Adam selbst zurück, andere auf spätere Bearbeiter. Drei davon sind für Uppsala berühmt geworden. Wieder in eigener Übertragung:

„Nahe bei diesem Tempel steht ein sehr großer Baum, der seine Äste weit ausbreitet und im Winter wie im Sommer immer grün ist; welcher Art er ist, weiß niemand. Dort ist auch eine Quelle, an der die Heiden ihre Opfer zu vollziehen pflegen und einen lebenden Menschen hineinstoßen. Wird er nicht wiedergefunden, so wird der Wunsch des Volkes erfüllt.“— Scholion zu Adam von Bremen IV,26, eigene Übertragung

Ein weiteres Scholion beschreibt eine goldene Kette, die den Tempel umgibt und über den Giebeln des Hauses hängt, sodass sie den Ankommenden schon von weitem entgegenleuchtet. Der Tempel liege in einer Ebene, umgeben von Hügeln wie ein Theater. Ein drittes Scholion präzisiert das Fest: Neun Tage lang feiere man Gelage und Opfer; an jedem Tag opfere man einen Menschen zusammen mit anderen Tieren, sodass in neun Tagen 72 Lebewesen dargebracht würden. Das Opfer finde um die Frühlings-Tagundnachtgleiche statt.

Der immergrüne Baum und die Quelle haben die Fantasie besonders beflügelt. Sie erinnern an Yggdrasil, die Weltesche der Edda, die ebenfalls immergrün ist und an deren Wurzeln Brunnen liegen. Der Religionshistoriker Olof Sundqvist hat untersucht, ob Tempel, Baum und Quelle hier eine kosmische Symbolik spiegeln oder ob es sich um einen literarischen Topos handelt, ein Erzählmuster, das sich an verschiedenen Kultorten wiederholt. Eine glatte Antwort gibt es nicht. Heilige Bäume und Quellen sind im germanischen Raum gut belegt, wie wir in unseren Beiträgen zu heiligen Bäumen und Hainen und heiligen Quellen zeigen. Dass Adams Gewährsleute einen echten Baum und eine echte Quelle meinten, ist also gut möglich. Die Gleichsetzung mit Yggdrasil bleibt dagegen moderne Deutung.

Wie glaubwürdig ist Adam?

Erstens: Adam schrieb aus zweiter oder dritter Hand. Er hatte Gewährsleute am dänischen Hof und unter Missionaren, war aber nie in Uppland. Zweitens: Er schrieb mit Absicht, denn ein dramatisches Heidentum rechtfertigte Bremens Missionsanspruch. Drittens: Seine Bildsprache ist gelehrt. Das goldene Heiligtum erinnert an den Tempel Salomos, die Zahlensymbolik der Neun an mittelalterliche Gelehrsamkeit. Der Historiker Henrik Janson ging 1998 in seiner Dissertation Templum nobilissimum noch weiter: Er las Adams Uppsala-Kapitel als verschlüsselten Kommentar zu den Kirchenkonflikten seiner Zeit, dem Investiturstreit. Der „Tempel“ sei demnach eher ein Bild für eine Kirche gewesen, die sich dem Reichskirchensystem Bremens widersetzte. Die These ist umstritten, mahnt aber zur Vorsicht.

Auf der anderen Seite stehen Forscher wie Anders Hultgård und Olof Sundqvist, die in Adams Bericht trotz aller Färbung einen echten Kern sehen. Viele Details passen zu anderen Quellen, etwa Tieropfer und die Verbindung von Fest, Thing und Markt. Auch der Gelehrte Rudolf Simek hält die Existenz eines Kultbaus in Uppsala für sehr wahrscheinlich, das Gold dagegen für Übertreibung.

Mythos-Check: „Die Svear opferten jedes Jahr Menschen in Uppsala.“ – So steht es nirgends. Adam spricht von einem Fest alle neun Jahre. Wie oft und in welchem Umfang wirklich Menschen getötet wurden, lässt sich aus seinem Text nicht sicher ableiten. Menschenopfer sind im Norden archäologisch an anderen Orten belegt, für Gamla Uppsala fehlt bislang ein eindeutiger Nachweis.

Auffällig ist auch die Zahl 72: Sie steht im Scholion als Summe der Opfer und im Haupttext als Zahl der gesehenen Leichen. Ob jemand gezählt hat oder eine symbolische Zahl (8 × 9) wandert, bleibt offen. Mehr zur Opferpraxis findest du bei den germanischen Opfern und Heiligtümern.

Was die Archäologie fand: Pfostenlöcher unter der Kirche

Der Wunsch, den Goldtempel zu finden, ist alt. 1926 grub der Archäologe Sune Lindqvist unter dem Fußboden der Kirche von Gamla Uppsala. Er fand Pfostenlöcher und rekonstruierte daraus einen quadratischen Holzbau mit mehreren Pfostenkreisen, der als „der Tempel von Uppsala“ in zahllose Bücher einging.

Spätere Forscher waren skeptischer. Magnus Alkarp und Neil Price untersuchten den Kirchenboden in den frühen 2000er-Jahren mit Bodenradar. Ihr Ergebnis, 2005 in der Zeitschrift Fornvännen veröffentlicht: Die Pfostenlöcher gehören zu mehreren Bauphasen, nicht zu einem einzigen Gebäude. Lindqvists Tempelgrundriss ist damit kaum zu halten. Ob unter dem nördlichen Querschiff, wo das Radar einen Holzbau zeigte, ein Kultgebäude oder eine frühe Holzkirche stand, ließ sich nicht entscheiden.

Neue Grabungen: Hallen und Pfostenreihen

Den größten Erkenntnissprung brachten Rettungsgrabungen. Wegen einer neuen Bahntrasse untersuchten Archäologen 2012 und in den folgenden Jahren große Flächen um Gamla Uppsala; laut Upplandsmuseet allein 2012 rund 70.000 Quadratmeter. Dabei kamen zwei gewaltige Pfostenreihen zum Vorschein. Die eine läuft nach heutiger Auswertung etwa 900 Meter in nord-südlicher Richtung, die andere rund 500 Meter ost-westlich. Die Pfosten standen im Abstand von etwa sechs Metern; die Projektleiterin Lena Beronius Jörpeland schätzte ihre Höhe auf womöglich acht bis zehn Meter. In einem Pfostenloch lag ein Welpe, vielleicht ein Bauopfer.

Befund: Die ersten Pressemeldungen 2013 nannten eine Datierung ins 5. Jahrhundert. Olof Sundqvist datiert die Pfostenreihen 2018 nach den Grabungen 2012–2017 in die Zeit um 500–600. In jedem Fall sind sie Jahrhunderte älter als Adams Bericht und haben mit „seinem“ Tempel keinen direkten Zusammenhang. Sundqvist deutet sie vorsichtig als Markierung von Prozessionswegen oder Grenzen eines geweihten Bereichs.

Dazu kommt die große Halle. Auf den künstlich angelegten Terrassen südlich der Kirche, den sogenannten Königshofplateaus, stand ein Gebäude von rund 50 Metern Länge; der eigentliche Hallenraum maß etwa 26 mal 8 Meter. Errichtet wurde es nach Radiokarbondaten im späten 6. oder frühen 7. Jahrhundert, also gleichzeitig mit den großen Hügeln. Wahrscheinlich in den Jahrzehnten um 800 brannte es nieder, vermutlich absichtlich. Viele Schweineknochen in der Umgebung deuten auf große Mahlzeiten, möglicherweise Opfermahle.

Was heißt das für die „Tempel“-Frage? Viele Forscher gehen heute davon aus, dass Kult im Norden oft nicht in eigenen Tempelbauten stattfand, sondern in den Hallen der Herrscher selbst. Wie solche Plätze aussahen, beschreiben wir in unserem Beitrag zu Blót-Orten: Hörgr, Hof und Kulthalle. Es gibt aber auch Gegenbeispiele: Im südschwedischen Uppåkra wurde ein kleines, hohes Kultgebäude neben der Halle ausgegraben, das über Jahrhunderte immer wieder am selben Platz erneuert wurde. Ein eigener Kultbau in Uppsala ist also nicht ausgeschlossen. Nur golden war er sicher nicht.

Mythos-Check: „Man hat den goldenen Tempel von Uppsala gefunden.“ – Nein. Gefunden wurden Pfostenspuren unter der Kirche (deren Deutung umstritten ist), eine Großhalle des 6./7. Jahrhunderts und monumentale Pfostenreihen. Ein Gebäude „ganz aus Gold“ ist nicht nachgewiesen. Denkbar ist allenfalls vergoldeter Schmuck an einem Holzbau.

Disting, Disablót und das Thing der Svear

Uppsala war nicht nur Kultplatz, sondern auch Versammlungsort. Snorri Sturluson, der Schweden 1219 selbst bereiste, schreibt in der Óláfs saga helga (Kap. 77): In Schweden sei es alter Brauch gewesen, solange das Heidentum herrschte, dass das Hauptopfer im Monat Gói (etwa Februar/März) in Uppsala stattfand. Geopfert worden sei für Frieden und Sieg des Königs. Zugleich hätten sich die Leute aus ganz Schweden zum Thing versammelt, und eine Woche lang sei Markt gewesen. Nach der Christianisierung habe man Thing und Markt beibehalten, den Markt aber auf Lichtmess verlegt und auf drei Tage verkürzt.

Daraus erklärt sich der Name Disting, altschwedisch Disaþing, „Thing der Dísen“. Die Dísen sind weibliche Schutzmächte; ihnen galt das dísablót. Snorri erwähnt in der Ynglinga saga einen dísarsalr in Uppsala, einen Saal der Dísen, um den König Adils bei seinem tödlichen Ritt galoppierte. Das Erstaunliche: Der Disting-Markt hat überlebt. Er wurde 1895 offiziell abgeschafft, lebte aber weiter und wird in Uppsala bis heute Anfang Februar gehalten. Mehr zum heidnischen Festkalender findest du in unserem Beitrag zu den germanischen Festen.

Das berühmteste Thing von Uppsala ist eine Saga-Szene. In der Óláfs saga helga lässt Snorri den Lagmann (Gesetzessprecher) Þorgnýr dem schwedischen König Olof Skötkonung vor versammelter Menge die Leviten lesen: Die Bauern hätten früher Könige, die nicht hören wollten, in einen Sumpf geworfen. Der König lenkt ein und schließt Frieden mit Norwegen. Die Rede ist politische Literatur des 13. Jahrhunderts, kein Protokoll. Sie zeigt aber, wie man sich in Island das Thing der Svear vorstellte: als Ort, an dem sich auch Könige verantworten mussten. Andere uppländische Versammlungsplätze stellen wir im Beitrag zu Bällsta, Anundshög und anderen Thing- und Kultplätzen vor.

Freyr, der Gott von Uppsala

In der nordischen Überlieferung ist Uppsala eng mit Freyr verbunden. Snorri lässt in der Ynglinga saga Freyr selbst als König über die Svear herrschen und in Uppsala einen großen Tempel bauen; sein Beiname Yngvi-Freyr macht ihn zum Stammvater der Ynglinge. Snorri deutet die Götter hier als vergöttlichte Menschen der Vorzeit. Spannend ist, dass Adam eineinhalb Jahrhunderte früher und unabhängig davon ebenfalls Fricco in Uppsala nennt.

Auch Saxo Grammaticus, der um 1200 in Dänemark schrieb, lässt Frø bei Uppsala wohnen und dort Menschenopfer einführen. Uppsala galt also im ganzen Norden als besonderer Ort des Freyr-Kults. Über den Gott selbst und seine Familie, die Wanen, erzählen wir mehr in unserem Beitrag zu Freyr und den Wanen.

Christianisierung: vom Tempel zur Kathedrale

Die Bekehrung Schwedens verlief langsam und mit Rückschlägen. Adam berichtet, König Olof Skötkonung (gestorben um 1022) habe den Tempel von Uppsala zerstören wollen; die Heiden hätten sich widersetzt, und man habe sich geeinigt, dass der König eine Kirche im westlichen Teil des Reiches gründen solle, wo Skara Bischofssitz wurde. Noch zu Adams Lebzeiten war Uppland also als heidnisch bekannt. Wann genau der letzte Opferkult in Uppsala endete, sagen die Quellen nicht.

Eine erste Kirche entstand in Gamla Uppsala wahrscheinlich im späten 11. oder frühen 12. Jahrhundert, nach verbreiteter Sicht an der Stelle des alten Kultplatzes. 1164 wurde Uppsala zum Sitz des ersten schwedischen Erzbistums; erster Erzbischof war Stefan, ein Mönch aus dem Kloster Alvastra. Die romanische Steinkirche, die nun als Kathedrale diente, war etwa dreimal so groß wie die heutige. Nach einem Brand, der wohl ins frühe 13. Jahrhundert fällt, plante man einen Neubau weiter südlich in Östra Aros. 1273 wurde der Erzbischofssitz offiziell dorthin verlegt, und mit ihm wanderte der Name Uppsala. Die alte Kathedrale schrumpfte zur Pfarrkirche; der heutige Kirchenraum ist der Rest des einstigen Hochchors.

Dass die Kirche zwischen Königshügeln und Königshof steht, ist kein Zufall: Die neue Religion übernahm den Ort der alten Macht, wie fast überall bei der Christianisierung der Germanen.

Mythos-Check: „Die Kirche wurde direkt auf den Mauern des Goldtempels errichtet.“ – Unbelegt. Unter der Kirche gibt es ältere Pfostenspuren, deren Funktion umstritten ist. Eine gerade Linie vom heidnischen Tempel zum christlichen Altar ist eine schöne Erzählung, kein Grabungsbefund.

Gamla Uppsala heute besuchen

Das Gelände ist frei zugänglich. Wege führen über das Gräberfeld zu den Königshügeln, zum Tingshügel und zu den Königshofterrassen. Das Gamla Uppsala Museum, betrieben vom Upplandsmuseet, zeigt Funde aus den Hügeln und erklärt Grabungsgeschichte und Sagatradition. Nebenan liegt das Freilichtmuseum Disagården. Die Öffnungszeiten des Museums schwanken je nach Saison; prüfe sie vor der Reise.

Unser Tipp: Komm am späten Nachmittag, wenn das Licht flach über die Hügel streicht. Weitere Ziele für eine Skandinavien-Tour findest du in unserem Überblick der Wikinger-Museen.

Was bleibt vom Tempel von Uppsala?

Archäologisch gesichert sind Königshügel und Großhalle des späten 6./7. Jahrhunderts, monumentale Pfostenreihen und Spuren großer Mahlzeiten. Adams Bericht ist zeitgenössisch, aber aus zweiter Hand; Snorris Nachrichten stammen aus dem 13. Jahrhundert. Aun, Egil und Adils sind Sagatradition, Lindqvists Tempelgrundriss und der „Yggdrasil-Baum“ moderne Deutung. Übrig bleibt kein Goldtempel, sondern etwas Besseres: ein über Jahrhunderte gewachsenes Zentrum, in dem Königtum, Ahnenkult, Götterverehrung und Recht ineinandergriffen.

Häufige Fragen

Gab es den Tempel von Uppsala wirklich? Ein Kultplatz in Gamla Uppsala ist sehr wahrscheinlich, ein eigenes Tempelgebäude ist möglich, aber nicht sicher nachgewiesen. Den „ganz goldenen“ Tempel kennen wir nur aus Adam von Bremen, der Uppsala nie besucht hat.

Wie alt sind die Königshügel von Gamla Uppsala? Ost- und Westhügel stammen aus dem späten 6. und frühen 7. Jahrhundert, also aus der Vendelzeit vor der Wikingerzeit. Der Mittelhügel ist nicht ausgegraben.

Welche Götter wurden in Uppsala verehrt? Nach Adam von Bremen Thor, Wodan (Odin) und Fricco (Freyr), wobei Thor in der Mitte thronte. Snorri verbindet Uppsala vor allem mit Freyr.

Wurden in Uppsala Menschen geopfert? Adam berichtet von Menschen- und Tieropfern bei einem Fest alle neun Jahre. Archäologisch ist das für Gamla Uppsala bisher nicht eindeutig belegt, Tieropfer und Opfermahle dagegen schon eher.

Was ist der Disting? Ursprünglich das Thing und der Markt zur Zeit des Dísablóts im Spätwinter. Der Disting-Markt wird in Uppsala bis heute Anfang Februar gehalten.

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