Wikinger und Aachen? Klingt nach zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Doch im Winter 881/882 standen die Nordmänner tatsächlich vor – und in – der Kaiserstadt Karls des Großen. Für uns in Alsdorf ist das kein fernes Nordland-Märchen, sondern Regionalgeschichte fast vor der Haustür.
Die Vorgeschichte: 878 hatte König Alfred der Große in England das große Heidenheer bei Edington geschlagen. Versprengte Wikingertrupps setzten aufs Festland über. Als sie am 3. August 881 auch der westfränkische König Ludwig III. bei Saucourt schlug, drehten sie nach Osten ab – mitten ins karolingische Kernland am Rhein. Und das lag fast schutzlos da: Kaiser Karl III. („der Dicke“) weilte in Italien.
Zwei dänische Anführer, Gottfried und Sigfred, schlugen ihr Winterlager bei Elsloo an der Maas auf und raubten von dort aus. Im Dezember 881 ging es den Rhein hinauf: Köln, Bonn, Neuss, Jülich, Zülpich, Andernach – Namen, die heute jeder aus der Region kennt. Über die alten Römerstraßen schwenkten sie von Zülpich nach Westen, geradewegs auf Aachen zu.
In der Kaiserstadt entweihten sie die Marienkirche – die heutige Pfalzkapelle des Aachener Doms –, schändeten das Grab Karls des Großen und steckten die kaiserliche Pfalz in Brand. Die Kapelle wurde dabei so beschädigt, dass sie erst 983 wiederhergestellt wurde. Anschließend plünderten sie Kornelimünster südlich von Aachen und die Eifelklöster Stablo und Malmedy.
Am 6. Januar 882 überfielen rund 300 Wikinger die große Eifelabtei Prüm – nach Aachen das kulturelle Herz des Reiches. Der Mönch und spätere Abt Regino von Prüm, ein Zeitzeuge, schreibt, die Angreifer hätten die Franken niedergemetzelt, „als würde unvernünftiges Vieh und nicht Menschen geschlachtet“. Nur etwa ein Zehntel der Handschriften wurde gerettet. Über die Mosel ging es weiter: An Gründonnerstag 882 fiel Trier, an Ostern wurde es geplündert.
Was bleibt? Der Norden stand einst buchstäblich vor Aachens Toren – durch Jülich, Zülpich, die Eifel, an Köln und Bonn vorbei. Genau dieses Stück vergessene Heimat tragen unsere nordischen Gravuren in sich: kein Pathos, sondern Respekt vor einer Geschichte, die hier wirklich passiert ist.

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