Freyr ist der Gott, dem die Wikinger für gutes Wetter, reiche Ernte und Frieden opferten – der „vornehmste der Asen", wie Snorri sagt, obwohl er eigentlich von den Wanen stammt. Und er ist der Gott, der bei Ragnarök ohne Schwert dasteht, weil er es einst aus Liebe verschenkte.
Freyr („Herr") kam wie seine Schwester Freyja nach dem Wanenkrieg als Geisel zu den Asen. Sohn des Meeresgottes Njörd, herrscht er über Regen, Sonnenschein und die Fruchtbarkeit der Erde – und gilt als Stammvater der schwedischen Königsdynastie der Ynglinge.

Wer Freyr anrief, bat um Wachstum: um Getreide, um Vieh, um Kinder, um frið (Frieden) und ár (ein gutes Jahr). Sein großes Heiligtum stand nach Adam von Bremen im Tempel von Uppsala, wo sein Standbild mit gewaltigem Phallus die Zeugungskraft verkörperte. Freyr ist damit einer der ältesten und volksnächsten Götter überhaupt.
Freyr besitzt zwei der berühmtesten Schätze der Götter: den goldborstigen Eber Gullinbursti, der schneller als jedes Pferd durch Luft und Wasser läuft und die Nacht erhellt, und das Schiff Skidbladnir, das stets günstigen Wind hat und sich wie ein Tuch zusammenfalten lässt. Beide schmiedeten ihm die Zwerge – im selben Wettstreit, aus dem auch Thors Hammer hervorging.

Freyrs berühmteste Geschichte ist die tragischste: Vom Hochsitz Hlidskjalf aus erblickt er die Riesentochter Gerd und verfällt ihr auf der Stelle. Er schickt seinen Diener Skirnir, sie zu werben – und gibt ihm dafür sein selbstkämpfendes Schwert. Er gewinnt Gerd, doch der Preis ist hoch: Die Klinge ist für immer verloren.
„Lang ist eine Nacht, lang ist die andre, / wie soll ich drei ertragen? / Oft schien ein Monat mir minder lang / als eine halbe Nacht der Sehnsucht.“— Skírnismál 42, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Diese Liebe wird zum Verhängnis: Beim Ragnarök muss Freyr gegen den Feuerriesen Surt antreten – ohne seine Waffe. Er kämpft mit einem Hirschgeweih und fällt. Der Gott des Lebens und der Fruchtbarkeit stirbt, weil er einst das Werben über das Kämpfen stellte – ein zutiefst nordischer Gedanke.
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Skírnismál, Grímnismál, Völuspá, Lokasenna (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning, Skáldskaparmál, Ynglinga saga. Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001).