Skírnismál – För Skírnis erzählt eine der zärtlichsten und zugleich unheimlichsten Liebesgeschichten der Lieder-Edda. Der Wanengott Freyr setzt sich eines Tages auf Hliðskjálf, Odins Hochsitz, und überschaut alle Welten. In Jötunheim erblickt er die Riesentochter Gerðr, deren leuchtende Arme Luft und Meer erhellen – und verfällt sogleich einer verzehrenden Liebeskrankheit. Njörðr und Skaði senden Freyrs Diener Skírnir aus, um den Grund des Kummers zu erfahren. Freyr leiht ihm sein Ross, das durch die Waberlohe trägt, und sein selbstkämpfendes Schwert. Skírnir reitet nach Jötunheim zu Gymirs Hof. Vergeblich bietet er Gerðr elf goldene Äpfel und den Ring Draupnir; erst als er sie mit einem furchtbaren Fluch aus Runen und Zauberstab bedroht – Einsamkeit, Wahnsinn und ewige Freudlosigkeit –, willigt sie ein, Freyr nach neun Nächten im Hain Barri zu treffen. Die Strophen stehen durchweg im Wechselgesang; die Handlung tragen kurze Prosabrücken. Altnordischer Text nach dem Codex Regius (Ausgabe Guðni Jónsson), deutsche Übertragung von Karl Simrock (1851) – beides gemeinfrei.
Str.AltnordischDeutsch (Simrock)
1
Rístu nú, Skírnir,
ok gakk at beiða
okkarn mála mög
ok þess at fregna,
hveim enn fróði sé
ofreiði afi.
Steh nun auf, Skirnir, ob du unsern Sohn
Magst zu reden vermögen,
Um das zu erkunden, wem der kluge wohl
So bitterböse sei.
Hinweis: Sprecherin ist Skaði (Njörðs Gemahlin), die Freyrs Diener aussendet.
2
Illra orða
er mér ón at ykrom syni,
ef ek geng at mæla við mög
ok þess at fregna,
hveim enn fróði sé
ofreiði afi.
Übler Antwort verseh ich mich von euerm Sohne,
Wenn ich die Red an ihn richte,
Um das zu erkunden, wem der kluge wohl
So bitterböse sei.
3
Segðu þat, Freyr,
fólkvaldi goða,
ok ek vilia vita,
hví þú einn sitr
ennlanga sali,
minn dróttinn, um daga.
Sage mir, Freyr, volkwaltender Gott,
Was ich zu wissen wünsche:
Was weilst du allein im weiten Saal,
Herr, den heilen Tag?
4
Hví um segiak þér,
seggr enn ungi,
mikinn móðtrega?
þvíat álfröðull
lýsir um alla daga
ok þeygi at mínom munom.
Wie soll ich sagen dir jungem Gesellen
Der Seele großen Gram?
Die Alfenbestrahlerin leuchtet alle Tage,
Doch nicht zu meiner Liebeslust.
5
Muni þína
hykka ek svá mikla vera
at þú mér, seggr, ne segir,
þvíat ungir saman
várom i árdaga;
vel mættim tveir trúask.
Dein Gram mag so groß nicht sein,
Daß du ihn mir nicht sagen solltest.
Teilten wir doch die Tage der Jugend:
So mögen wir zwei uns Zutraun schenken.
6
Í Gymis görðom
ek sá ganga
mér tíða mey;
armar lýsto
en af þaðan
alt lopt ok lögr.
In Gymirs Gärten sah ich gehen
Mir liebe Maid.
Ihre Arme leuchteten und Luft und Meer
Schimmerten von dem Scheine.
7
Mær er mér tíðari
en manni hveim
ungom í árdaga;
ása ok álfa
þat vill engi maðr
at vit samt sém.
Mehr lieb ich die Maid als ein Jüngling mag
Im Lenz seines Lebens.
Von Asen und Alfen will es nicht einer,
Daß wir beisammen seien.
8
Mar gefðu mér þá,
þann er mik um myrkvan beri
vísan vafrloga,
ok þat sverð
er siálft vegiz
við iötna ætt.
Gib mir dein rasches Roß, das mich sicher
Durch die flackernde Flamme führt;
Gib mir das Schwert, das von selbst sich schwingt
Gegen der Reifriesen Brut.
9
Mar ek þér þann gef
er þik um myrkvan berr
visan vafrloga,
ok þat sverð
er siálft mun vegaz,
ef sá er horskr er hefir.
Nimm denn mein rasches Roß, das dich sicher
Durch die flackernde Flamme führt;
Nimm mein Schwert, das von selbst sich schwingt
In des Beherzten Hand.
10
Myrkt er úti,
mál kveð ek okr fara
úrig fiöll yfir,
þyria þióð yfir;
báðír vit komumk,
eða okr báða tekr
sá inn ámátki iötunn.
Dunkel ist's draußen: wohl dünkt es mich Zeit
Über feuchte Berge zu fahren.
Wir beide vollführen's, fängt uns nicht beide
Jener kraftreiche Riese.
Hinweis: Skírnir spricht zu seinem Ross.
11
Segðu þat, hirðir,
er þú á haugi sitr
ok varðar alla vega,
hvé ek at anspilli
komumk ens unga mans
fyr greyiom Gymis.
Sage mir, Hirt, der am Hügel sitzt
Und die Wege bewacht,
Wie mag ich schauen die schöne Maid
Vor Gymirs Grauhunden?
12
Hvárt ertu feigr
eða ertu framgenginn?
…
anspillis vanr
þú skalt æ vera
góðrar meyar Gymis.
Bist du dem Tode nah oder tot bereits
(Mann auf der Mähre Rücken?)
Zu sprechen ungegönnt bleibt dir immerdar
Mit Gymirs göttlicher Tochter.
Hinweis: Sprecher ist der Hirte; eine Zeile fehlt in der Handschrift (Lücke).
13
Kostir ro betri
heldr en at klökkva sé,
hveim er fúss er fara;
eino dægri
mér var aldr um skapaðr
ok alt líf um lagit.
Kühnheit steht besser als Klagen ihm an,
Der da fertig ist zur Fahrt.
Bis auf einen Tag ist mein Alter bestimmt
Und meines Lebens Länge.
14
Hvat er þat hlym hlymia
er ek heyri nú til
ossom rönnom í?
iörð bifaz,
en allir fyrir
skiálfa garðar Gymis.
Welch Getöse ertönen hör ich
Hier in unsern Hallen?
Die Erde bebt davon und alle Wohnungen
In Gymirsgard erzittern.
Hinweis: Sprecherin ist Gerðr.
15
Maðr er hér úti
stiginn af mars baki,
ió lætr til iarðar taka.
Ein Mann ist hier außen von der Mähre gestiegen
Und läßt im Grase sie grasen.
Hinweis: Sprecherin ist die Magd; die Strophe ist im Original verkürzt überliefert.
16
Inn bið þú hann ganga
í okkarn sal
ok drekka inn mæra miöd;
þó ek hitt óumk
at hér úti sé
minn bróðurbani.
Bitt ihn einzutreten in unsern Saal
Und den milden Met zu trinken,
Obwohl mir ahnt, daß hier außen sei
Meines Bruders Mörder.
17
Hvat er þat álfa
né ása sona
né víssa vana?
hví þú einn um komt
eikinn fúr yfir
ór salkynni at siá?
Wer ist es der Alfen oder Asensöhne,
Oder weisen Wanen?
Durch flackernde Flamme was fuhrst du allein
Unsre Säle zu schauen?
18
Emkat ek álfa
né ása sona
né víssa vana;
þó ek einn um komk
eikinn fúr yfir
yðor salkynni at siá.
Bin nicht von den Alfen noch den Asensöhnen,
Noch den weisen Wanen;
Durch flackernde Flamme doch fuhr ich allein
Eure Säle zu schauen.
19
Epli ellifo
hér hefi ek algullin,
þau mun ek þér, Gerðr, gefa,
frið at kaupa,
at þú þér Frey kveðir
óleiðastan lifa.
Der Äpfel elf hab ich allgolden,
Die will ich, Gerd, dir geben,
Deine Liebe zu kaufen, daß du Freyr bekennst,
Daß dir kein liebrer lebe.
20
Epli ellifo
ek þigg aldregi
at mannzkis munom,
né vit freyr
meðan okkart fiör lifir,
byggiom bæði saman.
Der Äpfel elf nehm ich nicht an
Um eines Mannes Minne,
Noch mag ich und Freyr, dieweil wir atmen beide,
Je zusammen sein.
21
Baug ek þér þá gef,
þann er brendr var
með ungom Óðins syni;
átta ero iafnhöfgir,
er af driúpa
ena níundo hveria nótt.
Den Ring geb ich, der in der Glut lag
Mit Odins jungem Erben.
Acht entträufeln ihm ebenschwere
In jeder neunten Nacht.
Hinweis: Gemeint ist der Ring Draupnir, den Odin auf Baldrs Scheiterhaufen legte.
22
Baug ek þikkak,
þótt brendr sé
með ungom Óðins syni;
era mér gullz vant
í görðom Gymis,
at deila fé föður.
Den Ring verlang ich nicht, der in der Lohe lag
Mit Odins jungem Erben.
In Gymirsgard bedarf ich Goldes nicht:
Mir schont der Vater die Schätze.
23
Sér þú þenna mæki, mær,
mióvan, málfán,
er ek hefi í hendi hér?
höfuð höggva
ek mun þér hálsi af,
nema þú mér sætt segir.
Siehst du, Mädchen, das Schwert, das scharfe, zaubernde,
Das ich halt in der Hand?
Das Haupt hau ich vom Hals dir ab,
So du dich ihm weigern willst.
24
Ánauð þola
ek vil aldregi
at mannzkis munom;
þó ek hins get
ef it Gymir finniz,
vigs ótrauðir,
at ykr vega tíði.
Zu keiner Zeit werd ich Zwang erdulden
Um Mannesminne.
Wohl aber wähn ich, gewahrt dich Gymir,
Daß ihr Kühnen zum Kampfe kommt.
25
Sér þú þenna mæki, mær,
mióvan, málfán,
er ek hefi í hendi hér?
fyr þessom eggiom
hnígr sá inn aldni iötunn,
verðr þinn feigr faðir.
Siehst du, Mädchen, das Schwert, das scharfe, zaubernde,
Das ich halt in der Hand?
Seine Schneide erschlägt den alten Riesen,
Fällt deinen Vater tot.
26
Tamsvendi ek þik drep,
en ek þik temia mun,
mær, at mínom munom;
þar skaltu ganga
er þik gumna synir
síðan æva sé.
Mit der Zauberrute zwingen werd ich dich,
Maid, zu meinem Willen.
Dahin wirst du kommen, wo Kinder der Menschen
Dich nicht mehr sollen sehen.
Hinweis: Mit dieser Strophe beginnt Skírnirs großer Fluch.
27
Ara þúfo á
skaltu ár sitia,
horfa heimi ór,
snugga heliar til;
matr sé þér meirr leiðr
en manna hveim
enn fráni orm með firom.
Auf des Aaren Felsen in der Frühe sollst du sitzen,
Weg von der Welt gewandt zu Hel.
Speise sei dir widriger als wem auf Erden
Der menschenleide Midgardswurm.
28
At undrsiónom þú verðir,
er þú út kömr;
á þik Hrímnir hari,
á þik hotvetna stari;
víðkunnari þú verðir
en vörðr með goðom,
gapi þú grindom frá.
Ein scheußliches Wunder wirst du draußen,
Daß Hrimnir dich angafft, dich alles anstarrt.
Weitkunder wirst du als der Wächter der Götter:
Gaffe denn hervor am Gitter.
29
Tópi ok ópi,
tiösull ok óþoli,
vaxi þér tár með trega!
Seztu niðr,
en ek mun segia þér
sváran súsbreka
ok tvennan trega:
Einsamkeit und Abscheu, Zwang und Ungeduld
Mehren dir Trübsinn und Tränen.
Sitze nieder, so sag ich dir
Des Leides schwellenden Strom,
Den zweischneidigen Schmerz.
30
Tramar gneypa
þik skolo gerstan dag
iötna görðom í;
til hrímþursa hallar
þú skalt hverian dag
kranga kosta laus,
kranga kosta vön;
grát at gamni
skaltu í gögn hafa
ok leiða með tárom trega.
Trolle sollen dich ängsten all den Tag
Hier im Gehege der Joten.
Vor der Hrimthursen Hallen sollst du den heilen Tag
Dich krümmen kostberaubt,
Dich krümmen kostverzweifelt.
Leid für Lust wird dir zum Lohn,
Mit Tränen trägst du dein Unglück.
31
Með þursi þríhöfðuðom
þú skalt æ nara
eða verlaus vera!
Þitt geð grípi,
þik morn morni!
Ver þú sem þistill,
sá er var þrunginn
í önn ofanverða!
Mit dreiköpfigem Thursen teilst du das Leben
Oder alterst unvermählt.
Sehnsucht scheut dich
Von Morgen zu Morgen;
Wie die Distel dorrst du, die sich gedrängt hat
In des Ofens Öffnung.
32
Til holtz ek gekk
ok til hrás viðar,
gambantein at geta;
gambantein ek gat.
Zum Hügel ging ich, ins tiefe Holz,
Zauberruten zu finden:
Zauberruten fand ich.
33
Reiðr er þér Óðinn,
reiðr er þer Ásabragr,
þik skal Freyr fiásk,
en fyrinilla mær,
en þú fengit hefir
gambanreiði goða.
Gram ist dir Odin, gram ist dir der Asenfürst,
Freyr verflucht dich.
Flieh, üble Maid, bevor dich vernichtet
Der Götter Zauberzorn.
34
Heyri iötnar,
heyri hrímþursar,
synir Suttunga,
siálfir ásliðar,
hvé ek fyrirbýð,
hvé ek fyrirbanna
manna glaum mani,
manna nyt mani!
Hört es, Joten, hört es, Hrimthursen,
Suttungs Söhne, ihr Asen selber!
Wie ich verbiete, wie ich banne
Mannes Gesellschaft der Maid,
Mannes Gemeinschaft.
35
Hrímgrímnir heitir þurs,
er þik hafa skal
fyr nágrindr neðan;
þar þér vílmegir
á viðar rótom
geita hland gefi;
æðri drykkio
fá þú aldregi,
mær, at þínom munom,
mær, at mínom munom!
Hrimgrimnir heißt der Riese, der dich haben soll
Hinterm Totentor,
Wo verworfene Knechte in knotige Wurzeln
Dir Geißenharn gießen.
Anderer Trank wird dir nicht eingeschenkt,
Maid, nach deinem Willen,
Maid, nach meinem Willen!
Hinweis: Bellows teilt diese Strophe in zwei (seine Nr. 35 und 36); ab hier zählt Bellows eine Nummer höher als Original und Simrock.
36
Þurs ríst ek þér
ok þriá stafi,
ergi ok œði
ok óþola;
svá ek þat af ríst
sem ek þat á reist,
ef göraz þarfar þess.
Ein Thurs schneid ich dir und drei Stäbe:
Ohnmacht, Unmut, Ungeduld.
So schneid ich es ab wie ich es einschnitt,
Wenn es Not tut so zu tun.
Hinweis: Bei Bellows Strophe 37.
37
Heill ver þú nú heldr, sveinn,
ok tak við hrímkálki,
fullom forns miaðar;
þó hafða ek þat ætlat,
at myndak aldregi
unna vaningia vel.
Heil sei dir vielmehr, Held, und nimm den Eiskelch
Firnen Metes voll.
Ahnte mir doch nie, daß ich einen würde
Vom Stamm der Wanen wählen.
Hinweis: Sprecherin ist Gerðr, die einlenkt; bei Bellows Strophe 38.
38
Örindi mín
vill ek öll vita,
áðr ek ríða heim heðan,
nær þú á þingi
munt enom þroska
nenna Niarðar syni.
Meiner Werbung Erfolg wüßt ich gesichert gern,
Eh ich mich hinnen hebe.
Wann meinst du in Minne dem mannlichen Sohn
Des Niörd zu nahen?
Hinweis: Bei Bellows Strophe 39.
39
Barri heitir,
er vit bæði vitom,
lundr lognfara;
en ept nætr nío
þar mun Niarðar syni
Gerðr unna gamans.
Barri heißt, den wir beide wissen,
Stiller Wege Wald:
Nach neun Nächten will Niörds Sohne da
Gerd Freude gönnen.
Hinweis: Bei Bellows Strophe 40.
40
Segðu mér þat, Skírnir,
áðr þú verpir söðli af mar
ok þú stigir feti framarr,
hvat þú árnaðir
í iötunheima
þíns eða míns munar.
Sage mir, Skirnir, eh du den Sattel abwirfst
Oder vorrückst den Fuß,
Was du ausgerichtet hast in Riesenheim
Nach meiner Meinung und deiner.
Hinweis: Sprecher ist Freyr; bei Bellows Strophe 41.
41
Barri heitir,
er vit báðir vitom,
lundr lognfara;
en ept nætr nío
þar mun Niarðar syni
gerðr unna gamans.
Barri heißt, den wir beide wissen,
Stiller Wege Wald:
Nach neun Nächten will Niörds Sohne da
Gerd Freude gönnen.
Hinweis: Skírnir wiederholt Gerðrs Antwort; bei Bellows Strophe 42.
42
Löng er nótt,
langar ro tvær,
hvé um þreyiak þriár?
opt mér mánaðr minni þótti
en siá hálf hýnott.
Lang ist eine Nacht, länger sind zweie:
Wie mag ich dreie dauern?
Oft daucht ein Monat mich minder lang
Als eine halbe Nacht des Harrens.
Hinweis: Schlussstrophe, auch von Snorri (Gylfaginning) zitiert; bei Bellows Strophe 43.
Altnordisch nach dem Codex Regius (Ausgabe Guðni Jónsson); deutsch nach Karl Simrock (1851). Beides gemeinfrei. Zusammenstellung von Glanz & Gravur.