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Die Wanen – das andere Göttergeschlecht der nordischen Mythologie

Götter & Göttinnen Die Wanen – das andere Göttergeschlecht der nordischen Mythologie

Die Wanen (altnordisch Vanir) sind neben den Asen das zweite Göttergeschlecht der nordischen Mythologie – ausdrücklich gehören nur der Meeresgott Njörðr und seine Kinder Freyr und Freyja dazu. Sie stehen für Ernte, Reichtum, Frieden und eine Magie, die selbst Odin lernen wollte. Mit den Asen führten sie den ersten Krieg der Welt, tauschten Geiseln und schlossen Frieden. Ob es sie als eigene Gruppe überhaupt gab, darüber streitet die Forschung bis heute.

Schlag ein Lexikon der nordischen Götter auf, und unter „Wanen“ findest du drei Personen, eine Handvoll Liedstrophen, Notizen eines Isländers aus dem 13. Jahrhundert – und einen Fachaufsatz mit dem Titel „Nachruf“. Die Wanen gehören zu den bekanntesten und zugleich am wenigsten greifbaren Gestalten der ganzen Mythologie. Wir gehen den Spuren nach: was die Quellen tatsächlich sagen, was Snorri Sturluson dazugeschrieben hat und was erst moderne Gelehrte daraus gemacht haben.

Wer zu den Wanen zählt – und wer nicht

Die Liste ist kurz. Als Wanen bezeichnen die Quellen eindeutig nur Njörðr, den Herrn von Küste, Fahrtwind und Fischfang, und seine beiden Kinder Freyr und Freyja. Snorri nennt in der Gylfaginning (Kap. 23) Njörðr so reich, dass er denen, die ihn anrufen, Land und Fahrhabe schenken kann. Freyr gebietet über Regen, Sonnenschein und die Frucht der Erde, Freyja über Liebe, Begehren und den Zauber. Ihr Beiname Vanadís, „die Dís der Wanen“, bindet sie sprachlich an ihr Geschlecht.

Dazu kommen zwei Randfiguren. In der Ynglinga saga (Kap. 4) erwähnt Snorri Njörðrs namenlose Schwester, die bei den Wanen seine Frau war und Mutter von Freyr und Freyja. Und in derselben Saga ist der weise Kvasir der klügste Mann der Wanen. Ob die rätselhafte Gullveig eine Wanin war, sagt keine Quelle; dass viele Forscher sie mit Freyja gleichsetzen, ist eine Deutung, kein Befund.

Alles darüber hinaus ist Spekulation. Heimdall wurde wegen einer Zeile der Þrymskviða (Str. 15), in der er „wie andere Wanen“ vorauswissend genannt wird, gern zum Wanen erklärt; die Stelle lässt sich aber auch als Vergleich lesen. Ullr, Nerthus oder Skaði als Wanen zu führen, hat keinen Rückhalt in den Texten. Skaði ist eine Riesin, die Njörðr heiratet – Wanin wird sie dadurch nicht.

Gesichert: Als Wanen nennen Edda und Snorri namentlich nur Njörðr, Freyr und Freyja; dazu Njörðrs Schwester-Gattin und – nur in der Ynglinga saga – Kvasir. Jede weitere Zuordnung ist moderne Vermutung.

Nerthus: eine Vorstufe aus dem 1. Jahrhundert?

Gut tausend Jahre vor der Edda beschreibt der römische Historiker Tacitus in seiner Germania (Kap. 40, um 98 n. Chr.) einen Kult, den sieben Stämme im Norden gemeinsam feierten – darunter die Angeln und die Warnen. Sie verehrten Nerthus, „das heißt die Mutter Erde“. Auf einer Insel im Ozean stehe ihr heiliger Hain und ein verhüllter Wagen; zieht die Göttin darin umher, ruhen alle Waffen, es herrscht Friede und Freude. Danach wird der Wagen in einem verborgenen See gewaschen, und die Sklaven, die dabei dienen, verschlingt der See.

Der Clou liegt in der Sprache: Nerthus und Njörðr gehen auf dieselbe urgermanische Form *Nerþuz zurück. Eine Göttin im 1. Jahrhundert, ein Gott im 13. – wie passt das zusammen? Drei Erklärungen werden diskutiert. Erstens: Tacitus hat das grammatische Geschlecht nach römischer Vorstellung („Mutter Erde“) angepasst. Zweitens: Es gab ein Geschwister- oder Götterpaar gleichen Namens, wie später Freyr und Freyja – die namenlose Schwester-Gattin Njörðrs wäre dann ein Echo der weiblichen Hälfte. Drittens: Der Name ist gleich, die Gestalten haben nichts miteinander zu tun.

Auffällig bleibt der Wagen. Der Friedenszug der Nerthus erinnert an die Geschichte aus der Flateyjarbók, nach der Freyrs Bild in Schweden auf einem Wagen von Hof zu Hof gefahren wurde. Eine Linie über ein Jahrtausend? Plausibel, aber nicht belegbar.

Der Wanenkrieg in der Völuspá

Der berühmteste Wanen-Mythos ist ein Krieg – nach der Völuspá, der „Weissagung der Seherin“, sogar der erste Krieg der Welt. In der heute üblichen Zählung (Strophen 21–24; bei Simrock 25–28) erzählt die Seherin von einer Frau namens Gullveig, „Goldkraft“ oder „Goldrausch“, die die Götter mit Speeren stoßen und in der Halle des Hohen verbrennen. Dreimal wird sie verbrannt, dreimal wird sie wiedergeboren. Unmittelbar danach heißt sie Heiðr und übt den Seiðr, die Zauberkunst. Die Götter beraten, ob sie Buße zahlen oder alle gleichberechtigt Opfergaben erhalten sollen. Dann schleudert Odin seinen Speer über das Heer:

„Gebrochen war der Burgwall den Asen,
Schlachtkundge Wanen stampften das Feld. […]
Da wurde Mord in der Welt zuerst.“
— Völuspá, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei), Auszug

Mehr erzählt das Gedicht nicht. Wer Gullveig ist, warum man sie verbrennt und wie der Krieg ausgeht, bleibt offen. Dass die Gullveig-Strophen überhaupt zum Wanenkrieg gehören, nimmt die Forschung überwiegend an, weil sie unmittelbar davor stehen. Eine beliebte Lesart: Die Wanen schicken Gullveig, die Gier nach Gold, zu den Asen, und die Misshandlung ihrer Botin löst den Krieg aus. Das ist eine moderne Rekonstruktion. Den ganzen Ablauf erzählen wir im Beitrag zum Wanenkrieg.

Bemerkenswert ist das Bild der Verteidigung: Die Asen haben einen Burgwall, und er bricht. Die Wanen sind hier keine sanften Erntegötter, sondern „schlachtkundig“.

Snorris Fassung: Krieg, Frieden und Geiseln

Ausführlich wird es erst bei Snorri Sturluson, dem isländischen Gelehrten und Politiker, der um 1220–1230 schrieb. In der Ynglinga saga (Kap. 4), dem ersten Teil seiner Königsgeschichte Heimskringla, erzählt er die Götter als Menschen: Odin ist ein Heerkönig aus Asien, der Krieg gegen die Wanen führt. Beide Seiten verheeren das Land des anderen, bis sie des Kämpfens müde sind. Sie vereinbaren ein Friedenstreffen und tauschen Geiseln.

Die Wanen geben ihre Besten: Njörðr den Reichen und seinen Sohn Freyr. Die Asen geben Hœnir, groß und schön und wie zum Häuptling geschaffen, und den klugen Mímir. Im Gegenzug schicken die Wanen ihren Klügsten, Kvasir. Bei den Wanen wird Hœnir sofort zum Anführer – doch nur solange Mímir neben ihm steht und ihm einflüstert. Ist Mímir fort und kommt eine schwierige Frage, antwortet Hœnir stets dasselbe: „Mögen andere raten.“ Die Wanen fühlen sich betrogen, schlagen Mímir den Kopf ab und schicken ihn den Asen. Odin salbt das Haupt mit Kräutern, spricht Zauber darüber und befragt es fortan um verborgenes Wissen.

Diese Geschichte gibt es nur bei Snorri. Die Edda-Lieder kennen den Geiselaustausch, aber knapper. In den Vafþrúðnismál fragt Odin, woher Njörðr unter die Götter kam, obwohl er nicht von Asen geboren sei. Die Antwort:

„In Wanaheim schufen ihn weise Mächte
Und gaben ihn Göttern zum Geisel.
Am Ende der Zeiten soll er aber kehren
Zu den weisen Wanen.“
— Vafþrúðnismál 39, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)

Auch Loki spielt in der Lokasenna (Str. 34) darauf an, dass Njörðr als Geisel nach Osten zu den Göttern geschickt wurde. In der Gylfaginning (Kap. 23) heißt es knapp, die Wanen hätten Njörðr als Geisel gegeben und dafür Hœnir genommen. Mímir fehlt dort; in der Edda erscheint er eher am Brunnen, an dem Odin sein Auge verpfändet.

Kvasir: ein Friede aus Speichel

Snorri liefert noch eine zweite, ganz andere Version vom Ende des Krieges. Zu Beginn der Skáldskaparmál, seiner Lehre von der Dichtersprache, erzählt Bragi: Als die Götter mit den Wanen Frieden schlossen, traten beide Seiten an ein Gefäß und spuckten hinein. Zum Zeichen des Friedens wollten sie das nicht verloren gehen lassen und schufen daraus einen Mann: Kvasir. Er war so weise, dass ihm niemand eine Frage stellen konnte, die er nicht zu beantworten wusste.

Kvasir zog durch die Welt, bis ihn die Zwerge Fjalarr und Galarr erschlugen. Aus seinem Blut, gemischt mit Honig, brauten sie den Met der Dichtkunst. Den Göttern erzählten sie, Kvasir sei an seinem Wissen erstickt, weil keiner klug genug gewesen sei, ihn auszufragen. Über Umwege landete der Met bei Odin – und so stammt nach diesem Mythos die Poesie selbst aus dem Friedensschluss zweier verfeindeter Göttersippen.

Die beiden Kvasir-Fassungen widersprechen sich offen – einmal ist er ein Wane und Geisel, einmal ein aus dem Friedensspeichel geschaffenes Wesen. Snorri hat beide stehen lassen. Eine einheitliche Wanen-Geschichte gab es schon im 13. Jahrhundert nicht.

Vanaheim: die Heimat ohne Landkarte

Wo wohnen die Wanen? In Vanaheimr, „der Heimat der Wanen“. Die Lieder-Edda nennt den Ort nur in der eben zitierten Strophe 39 der Vafþrúðnismál; Snorri wiederholt in der Gylfaginning, Njörðr sei in Vanaheim aufgezogen worden. Eine Beschreibung gibt es nicht: keine Halle, keinen Fluss, keine Lage am Weltenbaum. Dass Vanaheim eine der „neun Welten“ an Yggdrasil sei, ist eine moderne Zuordnung, denn die Quellen zählen diese neun Welten nirgends auf.

Interessant ist ein zweiter Ortsname: In der Ynglinga saga (Kap. 1) verortet Snorri ein Vanaland oder Vanaheimr am Fluss Tanais, dem heutigen Don, der Asien von Europa trenne. Das gehört zu seiner gelehrten Konstruktion von den aus Asien eingewanderten Göttern – mittelalterliche Geographie, kein heidnisches Weltbild.

Und die Zukunft? Laut Vafþrúðnismál kehrt Njörðr „am Ende der Zeiten“ zu den Wanen zurück. Daraus haben einige Forscher geschlossen, die Wanen seien vom Weltuntergang nicht betroffen. Freyr allerdings fällt bei Ragnarök gegen den Feuerriesen Surtr. Der polnische Religionshistoriker Leszek Słupecki hat 2011 darauf hingewiesen, dass Ragnarök in den Wanen-Traditionen auffällig wenig Gewicht hat – eine Beobachtung, keine gesicherte Lehre.

Geschwisterehe und Seiðr: das Fremde an den Wanen

Was die Wanen von den Asen unterscheidet, sagt Snorri in einem einzigen Satz, der es in sich hat. In der Ynglinga saga (Kap. 4) heißt es sinngemäß: Als Njörðr bei den Wanen lebte, hatte er seine Schwester zur Frau, denn das war bei ihnen Gesetz; ihre Kinder waren Freyr und Freyja. Bei den Asen aber war es verboten, so nahe Verwandte zu heiraten.

Die Edda bestätigt den Vorwurf aus Lokis Mund. In der Lokasenna wirft er Freyja vor, die Götter hätten sie bei ihrem Bruder erwischt, und Njörðr hält er vor, er habe mit seiner Schwester einen Sohn gezeugt. Das sind Beleidigungen in einem Schmähgedicht – aber sie passen zu Snorris Notiz. Ob dahinter eine reale Kultpraxis stand, etwa eine heilige Hochzeit zwischen Priesterin und Gott, wird diskutiert. Die norwegische Religionshistorikerin Gro Steinsland hat das Motiv der heiligen Ehe zwischen Gott und Riesin als Grundlage nordischer Herrscherideologie gedeutet. Belegt ist das nicht, aber es ist eine ernsthafte Forschungsthese.

Das zweite Fremde ist der Seiðr. Freyja, so Snorri, war Opferpriesterin und lehrte die Asen als Erste den Seiðr, der bei den Wanen üblich war. Diese Magie des Wahrsagens und Beeinflussens trug in der späteren Überlieferung den Makel der „Unmännlichkeit“ (ergi); trotzdem lernte Odin sie. Auch im Wanenkrieg der Völuspá ist Gullveig-Heiðr eine Seiðr-Frau. Wer die Wanen verstehen will, kommt an dieser Verbindung von Fruchtbarkeit, Begehren und Zauber nicht vorbei.

Freyr, Njörðr und die Riesinnen

Beide männlichen Wanen heiraten Riesinnen, und beide Ehen haben einen Preis. Im Eddalied Skírnismál verliebt sich Freyr in die Riesentochter Gerðr, nachdem er verbotenerweise auf Odins Hochsitz Hliðskjálf Platz genommen hat. Sein Diener Skírnir wirbt für ihn – und lässt sich dafür Freyrs Schwert geben, das von selbst kämpft. Erst mit Drohungen und einem Runenfluch erzwingt Skírnir Gerðrs Zusage. Laut Gylfaginning erschlägt Freyr später den Riesen Beli mit einem Hirschgeweih, und bei Ragnarök fehlt ihm das Schwert.

Njörðr ergeht es nicht besser. Die Riesin Skaði darf sich als Buße für ihren getöteten Vater einen Mann unter den Göttern aussuchen, sieht dabei aber nur die Füße – und erwischt statt Baldr den Meeresgott. Die Ehe scheitert an der Wohnfrage: Er hält das Wolfsgeheul in ihren Bergen nicht aus, sie das Möwengeschrei an seiner Küste. So erzählen es Gylfaginning und Skáldskaparmál.

Kultspuren: Uppsala, Eidringe und Ortsnamen

Wenn die Wanen eine Erfindung der Dichter wären, müsste der Kult schweigen. Er schweigt nicht – zumindest nicht bei Freyr und Njörðr.

Um 1075 beschreibt Adam von Bremen in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte (Gesta IV, 26–27) den Tempel von Uppsala. Dort stünden drei Götterbilder: Thor in der Mitte, daneben Wodan und Fricco, der den Sterblichen Frieden und Lust schenke; sein Bild zeige ihn „mit gewaltigem Glied“ (cum ingenti priapo). Bei Hochzeiten opfere man ihm. Fricco gilt allgemein als Freyr. Adam war nie selbst in Uppsala, er schrieb nach Berichten und mit missionarischem Blick; ob der Tempel genau so aussah, ist umstritten. Dass ein Fruchtbarkeitsgott neben Thor und Odin den höchsten Rang einnahm, nehmen die meisten Forscher dennoch ernst.

Snorri macht Freyr zum Ahnherrn der schwedischen Könige: Unter dem Namen Yngvi-Freyr habe er in Uppsala geherrscht und den großen Tempel errichtet; nach ihm heißen die Ynglinge. Nach seinem Tod hätten ihn seine Leute in einen Hügel gelegt und drei Jahre lang Gold, Silber und Kupfer durch Öffnungen hineingeschüttet, und die guten Jahre hätten angehalten (Ynglinga saga, Kap. 10). Gelehrte Erzählung des 13. Jahrhunderts – aber sie verknüpft Königsgrab, Gott und gutes Jahr.

Die Flateyjarbók enthält die Geschichte von Gunnarr helmingr, der in Schweden die Priesterin begleitet, die mit Freyrs Bild auf einem Wagen umherfährt und als „Frau“ des Gottes gilt. Der Text ist christlich und spöttisch, zeigt aber, wie man sich den Freyr-Kult vorstellte. Auch die isländischen Sagas kennen Freyr-Verehrer: Hrafnkell aus der Hrafnkels saga heißt „Freysgoði“, Priester des Freyr, und teilt sein Pferd Freyfaxi mit dem Gott. In der Gísla saga bleibt auf dem Grabhügel des Freyr-Verehrers Þorgrímr kein Schnee liegen, weil Freyr keinen Frost zwischen sich und ihm haben wollte.

Besonders schön ist der Eid. Die Hauksbók-Fassung der Landnámabók überliefert eine Formel, mit der man auf den Ring des Tempels schwor: „So helfe mir Freyr und Njörðr und der allmächtige Ase.“ Wer der „allmächtige Ase“ ist, bleibt offen – namentlich genannt sind nur die beiden Wanen.

Die härtesten Belege liefern jedoch die Ortsnamen. In Schweden und Norwegen gibt es zahlreiche Namen mit Frö- oder Fröy-, etwa Frösön in Jämtland, „Freyrs Insel“, oder Namen auf -vi und -lunda, die auf ein Heiligtum oder einen heiligen Hain weisen. Njörðr steckt in schwedischen Namen wie Närtuna (Uppland), Nalavi (Närke) oder Mjärdevi bei Linköping, deren alte Formen mit Njärd- bzw. Nerdh- anlauten; in Norwegen in Nærøya, in Island in Njarðvík. Der schwedische Namenforscher Per Vikstrand hat solche Götternamen in Ortsnamen Mittelschwedens systematisch untersucht. Einzelne Deutungen können wackeln; in der Summe zeigen die Namen, dass Freyr und Njörðr mehr waren als Figuren der Dichtung. Einen Überblick gibt unser Beitrag Götter in Ortsnamen.

Die Forschungsdebatte: Fruchtbarkeit, Dumézil und ein Nachruf

Die Fruchtbarkeitsthese. Lange galten die Wanen schlicht als „Fruchtbarkeitsgötter“, die Asen als Götter von Krieg, Recht und Herrschaft. Daraus entstand eine historische Lesart: Der Wanenkrieg spiegle den Zusammenstoß zweier Völker oder Religionen, etwa ansässiger Bauern mit Fruchtbarkeitskult und eingewanderter Krieger mit Himmelsgöttern, die sich am Ende verbündeten. Für solche Einwanderungen gibt es keinen archäologischen Beleg, der zum Mythos passt. Die These gilt heute als überholt, auch wenn sie in populären Büchern weiterlebt.

Dumézils drei Funktionen. Der französische Religionsvergleicher Georges Dumézil sah in den Wanen die „dritte Funktion“ seines indogermanischen Modells: Fruchtbarkeit, Reichtum, Wohlergehen – neben der ersten (Herrschaft und Magie, Odin und Týr) und der zweiten (Kampf, Thor). Den Wanenkrieg verglich er mit dem Krieg zwischen Römern und Sabinern, der mit der Aufnahme der Sabiner in die römische Gemeinschaft endet, und mit indischen Erzählungen, in denen die Aśvin-Zwillinge erst nach einem Konflikt zum Soma-Opfer zugelassen werden. Elegant und anregend. Kritiker halten es für zu glatt: Freyr ist auch Königsgott und Krieger, Freyja holt die Hälfte der Gefallenen, und Odin ist der größte Zauberer von allen. Die Funktionen fließen ineinander.

Der Nachruf. 2010 veröffentlichte der in Bonn lehrende österreichische Altgermanist Rudolf Simek im RMN Newsletter der Universität Helsinki den Aufsatz „The Vanir: An Obituary“. Seine These: vanir sei in der Dichtung ursprünglich nur ein altertümliches Wort für „Götter“ gewesen, so wie æsir. Erst Snorri habe daraus eine eigene Göttergruppe gemacht, um den Krieg der Völuspá zu erklären. Das Wort kommt in der Dichtung tatsächlich selten und in starren Formeln vor.

Die Antworten kamen schnell und fielen nicht einheitlich aus. Clive Tolley hielt mit „In Defence of the Vanir“ (2011) dagegen und verwies etwa auf die Alvíssmál, in denen die Wanen mit eigenen Wörtern für die Dinge der Welt erscheinen. Frog und Jonathan Roper untersuchten die Verse mit statistischen Methoden („Verses versus the ‚Vanir‘“, 2011) und fanden die Befunde mit Simeks Hypothese durchaus vereinbar, ohne das Problem für gelöst zu erklären. Leszek Słupecki widersprach Simek. Terry Gunnell hielt in einem Sammelband der Harvard-Reihe Old Norse Mythology – Comparative Perspectives dagegen, dass die mündliche Erinnerung einen eigenen Wanen-Kult mit Priesterinnen, Wagenumzügen, Geschwisterehe und Hügelopfern bewahrt habe. Jens Peter Schjødt meinte, der Begriff „Wanen“ bleibe in jedem Fall das praktischste Etikett. Und 2021 legte Frog in der Festschrift für Simek mit „The Æsir: An Obituary“ nach: Auch áss könne ein dichterisches Synonym für „Gott“ sein.

Wo steht die Debatte heute? Es gibt keinen Konsens. Sicher ist: Die Grenze zwischen „Asen“ und „Wanen“ ist in den Quellen weit unschärfer, als Lexika es oft darstellen. Ebenso sicher ist: Freyr, Njörðr und Freyja haben ein eigenes Profil in Kult und Mythos. Ob man sie „Wanen“ nennen sollte, ist eine Frage der Begriffe, nicht der Götter.

Mythos-Check: „Die Wanen waren friedliche Fruchtbarkeitsgötter, die Asen kriegerische Himmelsgötter.“ – Zu einfach. In der Völuspá sind die Wanen „schlachtkundig“ und brechen den Wall der Asen. Freyr ist ein Kämpfer, Freyja wählt Gefallene. Die Gegenüberstellung ist ein Raster der Forschung, nicht der Quellen.
Mythos-Check: „Vanaheim ist eine der neun Welten am Weltenbaum.“ – Nicht belegt. Die Quellen nennen neun Welten, zählen sie aber nirgends auf. Vanaheim selbst wird nur zweimal erwähnt und nie beschrieben.
Mythos-Check: „Freyr kämpft bei Ragnarök mit einem Hirschgeweih gegen Surtr.“ – Steht so nirgends. Mit dem Geweih erschlägt Freyr den Riesen Beli. Über den Kampf gegen Surtr sagt die Gylfaginning nur, er falle, weil ihm sein gutes Schwert fehle.
Mythos-Check: „Nerthus war die Mutter von Freyr und Freyja.“ – Eine moderne Kombination. Tacitus kennt keine Kinder der Nerthus, Snorri nennt die Mutter nicht. Die Gleichsetzung mit Njörðrs namenloser Schwester ist eine reizvolle Hypothese, mehr nicht.

Warum die Wanen uns nicht loslassen

In unserer Werkstatt in Alsdorf fragt man uns oft nach Freyja, fast nie nach den Wanen als Gruppe. Dabei erzählen gerade sie eine der klügsten Geschichten der Mythologie: Zwei Mächte, die einander nicht besiegen können, geben ihr Wertvollstes als Pfand und schaffen aus dem Frieden etwas Neues – die Dichtkunst. Den Überblick über beide Sippen findest du bei den Asen und Wanen und im Götter-Pantheon.

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Häufige Fragen

Wer gehört zu den Wanen? Ausdrücklich nur Njörðr und seine Kinder Freyr und Freyja. Snorri nennt zusätzlich Njörðrs namenlose Schwester-Gattin und in der Ynglinga saga Kvasir.

Was ist der Unterschied zwischen Asen und Wanen? Die Wanen gelten als Götter von Fruchtbarkeit, Reichtum, Frieden und Seiðr-Magie, die Asen als Götter von Herrschaft, Krieg und Recht. Die Quellen trennen das aber weniger scharf, als oft behauptet wird.

Warum kämpften Asen und Wanen gegeneinander? Die Völuspá nennt keinen klaren Grund; der Krieg folgt auf die Misshandlung der Gullveig. Snorri erzählt den Krieg ohne Ursache und betont den Friedensschluss mit Geiselaustausch.

Wo liegt Vanaheim? Die Quellen beschreiben Vanaheim nicht. Snorri verlegt in der Ynglinga saga ein Vanaland an den Fluss Don – das ist gelehrte Geographie des 13. Jahrhunderts.

Ist Nerthus eine Wanin? Der Name entspricht sprachlich Njörðr, und der Wagenkult erinnert an Freyr. Dass Nerthus eine Vorstufe der Wanen ist, bleibt aber eine Deutung.

Gab es die Wanen wirklich als eigene Göttergruppe? Das ist umstritten. Rudolf Simek hält die Gruppe für eine Konstruktion Snorris, viele andere Forscher widersprechen. Unbestritten ist, dass Freyr, Njörðr und Freyja ein eigenes Kultprofil hatten.

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