Wer an nordische Götter denkt, denkt an Asen: Odin, Thor, Tyr. Doch die Überlieferung kennt ein zweites Göttergeschlecht – die Wanen (altnordisch Vanir). Sie stehen für das, was Höfe und Sippen wirklich am Leben hielt: fruchtbares Land, gutes Wetter auf See, Reichtum, Frieden – und eine Magie, die den Asen unheimlich war.
So groß der Name klingt, so klein ist die Liste: Ausdrücklich als Wanen nennen die Quellen nur Njörd, den Herrn der Küsten, des Fahrtwinds und des Reichtums, und seine Kinder Freyr und Freyja. Freyr schenkt Ernte, Sonnenschein und Frieden – die alte Opferformel til árs ok friðar, „für gutes Jahr und Frieden", ist sein Programm. Freyja gebietet über Liebe und Begehren, und sie beherrscht eine Kunst, die noch von sich reden machen wird. Snorri ergänzt in der Ynglinga saga Njörds namenlose Schwester-Gemahlin und den weisen Kvasir. Alle anderen Zuordnungen – etwa Heimdall oder Ullr – sind moderne Vermutungen ohne Quellenbeleg.
Wie präsent dieses Trio im Alltag war, zeigt ausgerechnet Island: Die alte Eidformel des Úlfljót-Gesetzes ließ auf den Tempelring schwören – „so helfe mir Freyr und Njörd und der allmächtige Ase". Von allen Göttern werden nur die beiden Wanen namentlich genannt. Und Njörds Reichtum wurde sprichwörtlich: auðigr sem Njörðr, „reich wie Njörd", sagt noch die Vatnsdæla saga.
Am Anfang der Zeiten stehen sich Asen und Wanen im ersten Krieg der Welt gegenüber. Die Völuspá erzählt von der geheimnisvollen Gullveig, die im Saal des Hohen dreimal verbrannt wird und dreimal wiederkehrt – dann fliegt Odins Speer über das Heer, und „Mord ward in der Welt zuerst". Die Wanen erweisen sich als ebenbürtig: „Schlachtkundge Wanen stampften das Feld", der Burgwall der Asen bricht. Am Ende steht kein Sieg, sondern ein Vertrag – und ein Austausch von Geiseln, der die Götterwelt für immer verändert.
„In Wanaheim schufen ihn weise Mächte
Und gaben ihn Göttern zum Geisel.
Am Ende der Zeiten soll er aber kehren
Zu den weisen Wanen."
— Vafthrudnismal 39 (über Njörd), Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Die Wanen schicken ihre Besten zu den Asen: Njörd und Freyr – so kommen die großen Fruchtbarkeitsgötter nach Asgard. Die Asen geben den stattlichen Hönir und den weisen Mimir. Doch der Tausch geht schief: Hönir glänzt nur, solange Mimir ihm einflüstert; auf jede schwierige Frage antwortet er bloß „mögen andere entscheiden". Die Wanen fühlen sich betrogen, schlagen Mimir das Haupt ab und senden es an Odin – der es mit Kräutern haltbar macht und fortan um Rat fragt. So hängt ausgerechnet am Wanenkrieg eine der unheimlichsten Traditionen um Odins Weisheit.
Der Friedensschluss selbst brachte ein Wesen hervor. Zur Besiegelung traten Asen und Wanen an ein Gefäß und spuckten beide hinein – ein uraltes Ritual der Gemeinschaft. Damit das Pfand nicht verloren gehe, schufen die Götter daraus Kvasir, den Weisesten aller Wesen: Niemand konnte ihn etwas fragen, worauf er keine Antwort wusste. Kvasir zog lehrend durch die Welt – bis zwei Zwerge ihn töteten und aus seinem Blut, mit Honig gemischt, den Met der Dichter brauten. Den Asen erzählten sie, Kvasir sei „an seiner eigenen Weisheit erstickt", weil niemand klug genug war, ihn leerzufragen. Aus dem Frieden zwischen Asen und Wanen stammt also die Dichtkunst selbst – jede Skaldenstrophe trägt einen Tropfen Wanen-Frieden in sich. (Snorri selbst überliefert übrigens zwei Fassungen: In der Ynglinga saga ist Kvasir kein Speichelwesen, sondern der klügste Wane unter den Geiseln – die Traditionen ließen sich schon im 13. Jahrhundert nicht mehr glätten.)
Das schönste Wanen-Lied der Edda ist eine Liebesgeschichte mit dunklem Grund. Im Skirnismal setzt sich Freyr unerlaubt auf Odins Hochsitz Hlidskjalf, blickt nach Jötunheim und sieht die Riesentochter Gerd – als sie die Arme hebt, „leuchteten Luft und Meer von ihr". Freyr wird liebeskrank. Sein Diener Skirnir übernimmt die Brautfahrt, verlangt dafür aber Freyrs Ross und sein Wunderschwert, das von selbst ficht. Gerd weist goldene Äpfel und den Ring Draupnir ab; erst Skirnirs Runenfluch zwingt sie, Freyr nach neun Nächten im Hain Barri zu treffen. Der verliebte Gott stöhnt: „Lang ist Eine Nacht, länger sind zweie: / Wie mag ich dreie dauern?" Doch der Preis ist bezahlt – das Schwert ist fort. Loki höhnt in der Lokasenna: „Wenn aber Muspels Söhne durch Myrkwidr reiten, / Womit willst du streiten, Unsel'ger?" Den Riesen Beli erschlägt Freyr noch mit einem Hirschgeweih – aber bei Ragnarök steht er Surt waffenlos gegenüber und fällt. Die Fruchtbarkeit der Welt hat sich für die Liebe entwaffnet: ein Mythos wie ein Menetekel.
Auch die zweite Wanen-Ehe erzählt vom Preis der Kompromisse. Die Riesin Skadi, Jägerin auf Skiern, darf sich zur Buße für ihren erschlagenen Vater einen Gatten wählen – aber nur nach den Füßen. Sie wählt die schönsten Füße und erwischt statt Balder den Meergott Njörd. Man einigt sich zu pendeln: neun Nächte in Skadis Bergheim Thrymheim, dann wieder in Njörds Hafenhalle Noatun. Es scheitert grandios. Njörd klagt über die Berge: Statt des Sangs der Schwäne höre er nur das Geheul der Wölfe; Skadi kann am Meer vor Vogelgeschrei nicht schlafen. Sie trennen sich – die Küste und das Hochgebirge lassen sich nicht verheiraten. Kaum ein Mythos erzählt so trocken davon, dass zwei Lebenswelten einander lieben und trotzdem nicht teilen können.
Die Wanen waren keine Nebengötter – sie machten Könige. Snorri lässt Freyr unter dem Namen Yngvi in Uppsala herrschen; nach ihm nennt sich das älteste Königsgeschlecht des Nordens, die Ynglinge, von denen Schwedens und Norwegens Herrscher ihre Ahnenreihe herleiteten. Der Name ist uralt: Schon Tacitus kennt die Ingaevonen, die „Meeresnächsten" unter den Germanen, die Ing-Rune ᛜ trägt ihn, und das altenglische Runengedicht erzählt, wie Ing „zuerst bei den Ost-Dänen gesehen" ward, bis er über die Woge davonfuhr – „der Wagen rollte hinterher". Genau dieses Bild lebt im Kult: Ein isländischer Erzählstrang (Gunnars thattr helmings) beschreibt, wie Freyrs Bild im Wagen von Hof zu Hof durch Schweden gefahren wird, begleitet von einer Priesterin, die als Frau des Gottes gilt – und Adam von Bremen berichtet um 1075 vom Tempel zu Uppsala, wo neben Thor und Wodan „Fricco" verehrt wurde, der den Menschen „Frieden und Lust spendet", dargestellt cum ingenti priapo – mit gewaltigem Glied. Dass der Bericht aus christlicher Feder stammt und Vorsicht verdient, gehört zur Wahrheit; dass Dutzende Ortsnamen wie Frösön („Freyrs Insel"), Fröslunda oder Närtuna (Njörd) bis heute die Landkarte Skandinaviens sprenkeln, ist dagegen harter Befund: Der Wanenkult hatte Adressen.
Die vielleicht eigentümlichste Wanen-Spur führt zu den Toten. Als Freyr stirbt, so erzählt die Ynglinga saga, verheimlichen seine Männer den Tod drei Jahre lang: Sie schütten die Abgaben durch drei Löcher in seinen Grabhügel – Gold, Silber, Kupfer – und Friede und gute Ernten dauern fort. Als die Schweden es entdecken, verbrennen sie ihn nicht, sondern nennen ihn veraldargoð, „Gott der Welt", und opfern weiter am Hügel. Dazu passt, dass Freyr laut Grimnismal Herr von Alfheim ist – „Alfheim gaben dem Freyr die Götter im Anfang / Der Zeiten als Zahngebinde" – und dass man den Alben, den Wesen der Hügel, noch in christlicher Zeit heimlich das herbstliche Alfablot ausrichtete. Fruchtbarkeit kommt in diesem Denken aus der Tiefe: vom Ahnen im Hügel, der weiter segnet. Die Forschung sieht hier den Schnittpunkt von Wanen-, Alben- und Ahnenkult – ausdrücklich zusammengeschrieben hat das freilich erst sie.
Die Wanen haben eigene Sitten, und die Quellen machen daraus kein Geheimnis. In Wanaheim war die Geschwisterehe erlaubt: Njörds Gemahlin war seine eigene Schwester, Freyr und Freyja sind ihre Kinder – „bei den Asen aber war es verboten, so nahe Verwandte zu ehelichen", notiert Snorri trocken. Loki höhnt in der Lokasenna genau darüber. Und mit Freyja kommt der Seidr zu den Asen, die Zauber- und Seherkunst der Wanen – so wirkmächtig, dass selbst Odin sie erlernt, obwohl ihr der Makel der Unmännlichkeit anhaftet. Dreimal nennen die Lieder die Wanen „weise" und vorauswissend: Wer die Zukunft kennen will, fragt bei den Wanen nach.
Rund 1100 Jahre vor der Edda beschreibt Tacitus (Germania, Kap. 40) bei den Stämmen des Nordens – darunter die Angeln zwischen Nord- und Ostsee – den Kult der Nerthus, „das heißt der Mutter Erde": eine Göttin, die im verhüllten Wagen von Hof zu Hof fährt, und solange sie unterwegs ist, ruhen alle Waffen. Sprachlich ist Nerthus exakt die ältere Form von Njörd. Aus der Erdmutter der Kontinentalgermanen wurde im Norden ein Meergott – oder es war von Anfang an ein Götterpaar, wie später Freyr und Freyja. Derselbe verhüllte Wagen, der bei Tacitus über die norddeutschen Fluren rollt, rollt tausend Jahre später mit Freyrs Bild durch Schweden: Kaum ein Kult der Germanen lässt sich über einen so langen Zeitraum verfolgen – und er stand einst auch vor unserer Haustür.

Der Wanenkrieg · Vanaheim – die Welt der Wanen · Freyja · Freyr · Der Met · Das Götter-Pantheon · Die Götter-Übersicht in der Bibliothek.
Völuspá 21–24, Vafthrudnismal 38–39, Grimnismal 5, Skirnismal, Lokasenna 32/36/42, Thrymskvida 15 (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning 23/35/37/51, Skaldskaparmal (Kvasir, Kenningar); Ynglinga saga Kap. 1, 4, 7, 10. Landnamabok (Eidformel), Vatnsdæla saga 47, Gisla saga 18, Gunnars thattr helmings. Tacitus, Germania 2 und 40; Adam von Bremen, Gesta IV 26–27; altenglisches Runengedicht (Ing). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl. 2006); ders., „The Vanir: An Obituary", RMN Newsletter 1 (2010); Frog/Roper, „Verses versus the Vanir" (2011); Clive Tolley, „In Defence of the Vanir" (2011); Jens Peter Schjødt (2014); Terry Gunnell, „Oral Memories of the Religion(s) of the Vanir" (2017); Olof Sundqvist, Freyr's Offspring (2002); Per Vikstrand, Gudarnas platser (2001); Richard North, Heathen Gods in Old English Literature (1997); Gro Steinsland, Det hellige bryllup (1991); Georges Dumézil, Gods of the Ancient Northmen (1973); Jan de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte (1956/57).