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Angrboda – die Mutter der Ungeheuer

Götter & Göttinnen Angrboda – die Mutter der Ungeheuer

Sie taucht selten auf und sagt kein einziges Wort, das uns überliefert wäre – und doch geht von ihr das größte Unheil der nordischen Mythen aus. Angrboda, die Riesin aus dem Eisenwald, gebar drei Kinder, die am Ende der Welt eine Hauptrolle spielen. Wer war die Kummerbringerin, und wie viel davon steht wirklich in den Quellen?

Eine Riesin mit einem düsteren Namen

Angrboda – altnordisch Angrboða – heißt sinngemäß „die Kummerbringerin" oder „die Unheil verheißt". Schon der Name klingt wie eine Warnung, und die Sagen machen ihn nicht Lügen. Sie ist eine Riesin, eine der Jötunn, und stammt aus dem Járnviðr, dem Eisenwald, einer düsteren Gegend am Rand der bewohnten Welt, wo nach den alten Vorstellungen die alten Riesinnen hausen und Wölfe züchten.

Über ihr Aussehen, ihre Herkunft oder ihr Leben erfahren wir fast nichts. Angrboda ist keine ausgearbeitete Figur mit eigener Geschichte, sondern taucht in den Texten vor allem als eine Angabe auf: als Mutter. Und was für eine Mutterschaft das ist, macht sie zu einer der folgenschwersten Gestalten des ganzen Mythos.

Drei Kinder, drei Katastrophen

Snorri Sturluson berichtet in der Prosa-Edda knapp und deutlich: Loki zeugte mit der Riesin Angrboda drei Kinder. Das erste war der Wolf Fenrir, der einst gefesselt werden musste, weil die Götter seine wachsende Kraft fürchteten. Das zweite war die Midgardschlange Jörmungandr, die so groß wurde, dass sie die ganze Menschenwelt umspannt und sich in den eigenen Schwanz beißt. Das dritte Kind war Hel, die Herrin über das gleichnamige Totenreich, in dem alle landen, die nicht im Kampf fallen.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Aus dieser einen Verbindung gingen der Wolf, der Odin verschlingen wird, die Schlange, die Thor tötet, und die Herrscherin über die Toten hervor. Kaum eine andere Elternschaft trägt so viel Ragnarök in sich. Snorri erzählt, wie besorgt die Götter waren, als sie erfuhren, dass diese drei Geschwister im Riesenland heranwuchsen – und dass Prophezeiungen ihnen großes Unheil vorhersagten. Also holten sie die Kinder zu sich, um sie unter Kontrolle zu bringen: Jörmungandr wurde ins Meer geworfen, Hel nach Niflheim geschickt, Fenrir zunächst bei sich behalten und schließlich gefesselt.

Noch drei Kinder gebar dem Loki das Riesenweib Angrboða im Eisenwald: den Wolf, die Schlange und die bleiche Hel.nach der Snorra-Edda, gemeinfreie Übersetzungstradition

Wer mehr über die einzelnen Kinder wissen will, findet ihre Geschichten anderswo: Der gefesselte Wolf hat seine eigene, tragische Laufbahn, wie wir sie im Beitrag über Fenrir nachzeichnen.

Die Alte im Eisenwald

Die Völuspá, das große Weltgedicht der Lieder-Edda, spricht von einer alten Riesin, die im Eisenwald sitzt und dort eine Brut nährt: die Nachkommen des Fenrir, Wölfe in Ungestalt. Aus diesem Geschlecht, heißt es, wächst einst der Unhold heran, der die Sonne vom Himmel reißt. Das ist ein finsteres Bild – eine Ahnmutter, die im Schatten des Waldes eine Wolfsdynastie großzieht, die am Ende Licht und Ordnung frisst.

Die Völuspá nennt diese Alte nicht mit Namen. Sie sagt nur: die Alte im Eisenwald. Es liegt nahe, sie mit Angrboda gleichzusetzen, denn beide gehören in denselben Wald und beide sind mit der Wolfsbrut verbunden. Genau diese Verbindung hat Snorri gezogen, und sie hat sich in unserem Bild von Angrboda festgesetzt. Ob die Dichter der Völuspá dasselbe meinten, ist eine andere Frage – dazu unten mehr.

Wölfe, die Sonne und Mond verschlingen

Das Motiv der Wölfe im Eisenwald hängt eng mit der nordischen Vorstellung vom Weltuntergang zusammen. Sonne und Mond werden von Wölfen gejagt; wenn Ragnarök kommt, holen die Bestien ihre Beute ein und verschlingen die Himmelslichter. Die Alte im Eisenwald ist in diesem Bild die Quelle, aus der das Unheil kommt – die Züchterin der Verfolger.

So wird Angrboda, ob ausdrücklich benannt oder nur angedeutet, zur mythologischen Wurzel des Chaos. Sie handelt nicht selbst, sie kämpft nicht, sie hält keine Reden. Sie gebiert und nährt – und das genügt, um die Welt an ihr Ende zu bringen. In einer Mythologie, die den Untergang von Anfang an mitdenkt, ist die stille Mutter im Wald eine der mächtigsten Figuren überhaupt.

Warum sie uns bis heute fasziniert

Angrboda ist ein gutes Beispiel dafür, wie die nordischen Mythen mit Andeutungen arbeiten. Eine Handvoll Zeilen, ein Name, ein Wald – und daraus formt sich eine Gestalt, die ganze Romane und Spiele bevölkert. Moderne Nacherzählungen machen aus ihr oft eine tragische Heldin, eine Beschützerin ihrer verfolgten Kinder, eine Gegenspielerin der Götter. Das ist reizvoll, aber es ist eben Erzählung von heute, nicht Text von damals.

In den Quellen bleibt sie ein Umriss: die Riesin, die dem Trickster drei Ungeheuer schenkte. Vielleicht liegt gerade darin ihre Kraft. Sie ist die Leerstelle, in die sich das Unheimliche der ganzen Welt zusammenzieht – die Mutter am Anfang, wenn Odin am Ende in den Rachen des Wolfes blickt.

Was gesichert ist

Snorri Sturluson nennt in der Prosa-Edda ausdrücklich Angrboda als Mutter von Fenrir, Jörmungandr und Hel, gezeugt mit Loki. Die Völuspá spricht von einer alten Riesin im Eisenwald, die Fenris Brut nährt, aus der einst der Sonnenräuber hervorgeht. Der Eisenwald als Wohnort der Riesinnen und Wölfe ist in beiden Traditionen belegt.

Mythos-Check

Der Name Angrboða ist spärlich und teils spät bezeugt; sie erscheint nur in wenigen Zeilen. Dass die namenlose Alte im Eisenwald der Völuspá mit Angrboda identisch ist, ist Snorris Zusammenführung und eine plausible Deutung – aber keine ausdrückliche Aussage der älteren Quelle. Die vielschichtige Mutterfigur heutiger Romane und Spiele ist moderne Ausgestaltung.

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Quellen & Literatur

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