Angrboða ist die Riesin, mit der Loki nach der nordischen Überlieferung drei Kinder zeugte: den Wolf Fenrir, die Midgardschlange Jörmungandr und Hel, die Herrin der Toten. Mehr erzählen die Quellen kaum. Ihr Name steht in genau zwei mittelalterlichen Texten, in Snorris Prosa-Edda und in einer Strophe der „kurzen Völuspá“, und sie sagt dort kein einziges Wort. Alles Weitere – die Alte im Eisenwald, die tote Seherin, das halbverbrannte Herz – sind Spuren, die man mit ihr verbinden kann, aber nicht muss. Wir gehen diesen Spuren nach und sagen dir jeweils, wie belastbar sie sind.
Stell dir vor, du schreibst die Biografie einer Frau, von der du genau zwei Sätze besitzt. In beiden kommt sie nur als Mutter vor, in beiden steht der Vater im Mittelpunkt. So sieht die Quellenlage zu Angrboða aus. Und trotzdem gehört sie zu den folgenreichsten Gestalten der nordischen Mythologie.
Gerade weil so wenig dasteht, ist Angrboða ein Lehrstück dafür, wie Mythologie funktioniert, wenn wir sie heute lesen. Zwischen die wenigen Zeilen schieben sich Vermutungen, Gleichsetzungen und neuerdings Romane und Videospiele. Wir ziehen hier die Grenze zwischen Quelle und Erzählung von heute, Satz für Satz.
Vorab: Alle Texte, um die es geht, wurden erst im christlichen Island des 13. und 14. Jahrhunderts aufgeschrieben. Sie bewahren ältere Dichtung, sind aber keine Zeugnisse aus der Wikingerzeit selbst.
Altnordisch Angrboða setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Angr heißt „Kummer, Leid, Bedrängnis“. Das Wort lebt im englischen anger weiter, im Deutschen ist es mit „eng“ und „Angst“ verwandt. Der zweite Teil, -boða, gehört zum Verb bjóða „bieten, anbieten, ankündigen“, urgermanisch *beudan – dieselbe Wurzel steckt in unserem „bieten“ und im „Boten“.
Die gängigen Übersetzungen lauten daher „die Kummer Bringende“, „die Leid Ankündigende“ oder „die Unheil Bietende“. Das Lexikon von Rudolf Simek gibt die Bedeutung ähnlich an. Ein sprechender Name also, und zwar einer, der verdächtig gut zur Rolle passt. Das hat Folgen für die Datierung: Simek hält den Namen in der überlieferten Form für eher spät, nicht vor dem 12. Jahrhundert entstanden. Die Vorstellung, dass Loki mit einer Riesin Ungeheuer zeugte, kann dagegen deutlich älter sein.
In modernen Texten liest du oft „Angrboda“, in älteren deutschen Büchern „Angerboda“. Das ð klingt wie das englische th in „the“.
Die ausführlichste Stelle steht in der Gylfaginning, dem ersten erzählenden Teil der Prosa-Edda, die der isländische Gelehrte Snorri Sturluson um 1220 verfasste. Wie die Edda überhaupt entstand und warum Snorri kein heidnischer Priester war, sondern ein christlicher Politiker mit Liebe zur alten Dichtung, erklären wir in unserem Beitrag über die Edda.
In Kapitel 34 heißt es zunächst nüchtern: Angrboða hét gýgr í Jötunheimum – „Angrboða hieß eine Riesin in Jötunheim“. Mit ihr zeugte Loki drei Kinder: den Fenriswolf, Jörmungandr, also die Midgardschlange, und Hel. Arthur Gilchrist Brodeur übersetzte die Stelle 1916 so:
Angrboda was the name of a certain giantess in Jötunheim, with whom Loki gat three children: one was Fenris-Wolf, the second Jörmungandr—that is the Midgard Serpent,—the third is Hel.Snorri Sturluson, Gylfaginning 34, übers. A. G. Brodeur, The Prose Edda (1916)
Dann erzählt Snorri weiter, und hier wird es interessant: Die Götter erfahren, dass die drei Geschwister in Jötunheim aufgezogen werden. Prophezeiungen kündigen an, dass von ihnen großes Unheil kommen werde. Und Snorri fügt eine bemerkenswerte Begründung hinzu: Alle erwarteten Böses von ihnen, zuerst wegen der Mutter und noch mehr wegen des Vaters. Die Abstammung allein macht die Kinder verdächtig. Angrboða ist Riesin, Loki ist Loki – mehr braucht es nicht.
Odin schickt daraufhin Götter aus, die Kinder zu holen. Was dann mit ihnen geschieht, ist das eigentliche Schicksal dieser Familie, und dazu kommen wir gleich. Angrboða selbst taucht in der Szene nicht mehr auf. Sie verschwindet aus dem Text in dem Moment, in dem ihre Kinder ihn betreten.
Die zweite Nennung ist älter in der Form, aber jünger in der Handschrift. Sie steht im Hyndluljóð, dem „Lied von Hyndla“, das nur in der Flateyjarbók überliefert ist, einer großen isländischen Sammelhandschrift aus dem späten 14. Jahrhundert. In dieses Lied ist ein Bruchstück eingeschoben, das die Forschung Völuspá in skamma nennt, die „kurze Völuspá“. Snorri selbst zitiert eine Strophe daraus unter diesem Namen; er kannte das Gedicht also als eigenes Werk. Datiert wird es meist ins 12. Jahrhundert, und Henry Adams Bellows hielt es 1923 für eine späte und eher schwache Nachahmung der großen Völuspá.
Dort heißt es (die Strophenzählung schwankt je nach Ausgabe zwischen 40 und 42):
Ól úlf Loki við Angrboðu, / en Sleipni gat við Svaðilfara.Hyndluljóð 40 (Völuspá in skamma), altnordischer Text
In eigener Übertragung: „Den Wolf zeugte Loki mit Angrboða, und Sleipnir empfing er von Svaðilfari.“ Neben die Riesin stellt der Dichter also gleich das zweite berühmte Loki-Kind: den achtbeinigen Hengst Sleipnir, den Loki als Stute vom Riesenhengst Svaðilfari empfing. Loki ist in dieser Strophe einmal Vater, einmal Mutter. Danach heißt es, eine Unholdin (skass) habe als die allerschlimmste gegolten, und sie stamme vom „Bruder des Býleistr“ – also von Loki. Wer gemeint ist, sagt die Strophe nicht. Bellows dachte an die Midgardschlange; das Wort skass bezeichnet aber meist ein weibliches Wesen, sodass manche eher an Hel denken. Offen.
Auffällig: Hier ist nur vom Wolf die Rede. Dass Angrboða auch die Schlange und Hel geboren hat, steht ausdrücklich nur bei Snorri. Vielleicht kannte der Dichter die Dreiergruppe, vielleicht hat erst Snorri sie so geordnet. Belegen lässt sich weder das eine noch das andere.
Über Angrboða schweigen die Quellen, über ihre Kinder reden sie umso mehr. Kaum ein Elternpaar der Mythologie hat so viel Ragnarök hervorgebracht. Jedes der drei Kinder hat bei uns einen eigenen ausführlichen Artikel; hier das Wichtigste im Überblick, nach Snorris Darstellung.
Fenrir behalten die Götter zunächst bei sich. Nur der Gott Týr wagt es, ihn zu füttern. Der Wolf wächst jeden Tag, und weil die Prophezeiungen ihn als künftigen Verderber nennen, wollen die Götter ihn fesseln. Zwei Ketten sprengt er spielend. Die dritte, Gleipnir, ist ein seidenweiches Band, das Zwerge aus unmöglichen Dingen gefertigt haben – dem Geräusch der Katze, dem Bart der Frau, den Wurzeln des Berges. Fenrir lässt es sich nur anlegen, wenn einer der Götter als Pfand die Hand in sein Maul legt. Týr tut es und verliert die Hand. Bei Ragnarök reißt der Wolf sich los und verschlingt Odin; Odins Sohn Víðarr rächt ihn und tötet das Tier. Mehr dazu in unserem Artikel über Fenrir.
Jörmungandr wirft Odin ins Meer, das alle Länder umgibt. Dort wächst die Schlange, bis sie die ganze Erde umschlingt und sich in den eigenen Schwanz beißt – daher der Name Midgardschlange. Thor hätte sie beim Fischzug mit dem Riesen Hymir beinahe an Land gezogen. Bei Ragnarök töten sich beide gegenseitig; Thor geht neun Schritte, dann stirbt er am Gift. Alles Weitere bei Jörmungandr.
Hel wirft Odin nach Niflheim hinab und gibt ihr Gewalt über neun Welten. Sie soll alle aufnehmen, die an Krankheit oder Alter sterben. Snorri beschreibt sie als halb blauschwarz, halb fleischfarben, düster und grimmig anzusehen. Später hält sie Balder fest, als die Götter ihn zurückholen wollen. Welche Rolle sie bei Ragnarök spielt, bleibt in den Quellen merkwürdig blass. Über die Göttin liest du mehr bei Hel, über ihr Reich bei Helheim.
Das Muster: Die Götter töten die Kinder nicht, sie verbannen und binden sie – Meer, Unterwelt, Fessel. Die Mutter verliert alle drei auf einmal, und Snorri verschwendet darauf keinen Satz. Genau hier setzen moderne Autorinnen an.
Um Angrboðas Stellung zu verstehen, lohnt ein Blick auf Lokis zweite Familie. Bei den Göttern lebt er mit Sigyn zusammen, einer Asin, mit der er die Söhne Narfi (oder Nari) und Váli hat. Diese Familie gehört zur Götterwelt, und ihr Schicksal ist an Lokis Bestrafung gebunden: Nach Snorri wird Váli in einen Wolf verwandelt und zerreißt seinen Bruder, mit dessen Gedärmen Loki gefesselt wird. Sigyn hält dann die Schale über ihn, damit das Gift der Schlange ihn nicht trifft.
Der Kontrast ist deutlich. Sigyn ist die treue Ehefrau im Inneren der Götterwelt, Angrboða die Riesin draußen in Jötunheim. Die eine bleibt bis zum Ende an Lokis Seite, die andere verschwindet nach der Geburt. Das passt zu Lokis Doppelnatur, die wir im Artikel über Loki beleuchten: selbst Sohn eines Riesen, lebt er unter den Asen, als ihr Helfer und ihr Verderber.
Übrigens sind die jötnar keine bloßen Monster, sondern eine alte, oft weise Sippe, in die Götter einheiraten. Angrboða ist also nicht automatisch „böse“ – nur ihr Name deutet in diese Richtung. Mehr bei den Riesen.
Jetzt wird es heikel, denn hier beginnt die Deutung. In der großen Völuspá, dem Lied der Seherin über Anfang und Ende der Welt, steht eine der düstersten Strophen der ganzen Edda:
Austr sat in aldna í Járnviði / ok fœddi þar Fenris kindir.Völuspá 40, altnordischer Text
Bellows übersetzte 1923, gemeinfrei: „The giantess old in Ironwood sat, in the east, and bore the brood of Fenrir“. Und weiter: Aus ihnen allen werde einer in Trollgestalt hervorgehen, der das Himmelslicht raubt. Das Verb fœddi kann übrigens „gebar“ oder „nährte, zog auf“ bedeuten; ob die Alte die Wolfsbrut selbst zur Welt bringt oder nur großzieht, lässt der Text offen.
Der Járnviðr, der „Eisenwald“, liegt im Osten, also in der Richtung, aus der in den Mythen Riesen und Unheil kommen. Snorri greift die Strophe in der Gylfaginning (Kapitel 12) auf und malt sie aus: Östlich von Midgard liege ein Wald namens Járnviðr, darin wohnten Trollfrauen, die Járnviðjur heißen. Die alte Riesin gebäre viele Riesen als Söhne, alle in Wolfsgestalt. Aus diesem Geschlecht stamme der mächtigste von allen, Mánagarmr, der „Mondhund“, der sich mit dem Fleisch der Sterbenden mästet, Mond und Himmel verschlingt und das Blut über den Himmel spritzt. Zuvor hat Snorri die beiden Wölfe Sköll und Hati genannt, die Sonne und Mond jagen.
Und nun die entscheidende Frage: Ist diese Alte Angrboða? Viele Nachschlagewerke und fast alle populären Darstellungen sagen ja, und es gibt gute Argumente dafür. Beide sind Riesinnen, beide sind mit einer Wolfsnachkommenschaft verbunden, die mit Fenrir zusammenhängt, beide gehören in die Vorgeschichte von Ragnarök. Schon im 19. Jahrhundert haben Mythologen die Gleichsetzung vorgeschlagen.
Aber: Keine Quelle sagt es. Die Völuspá nennt keinen Namen. Und Snorri, der beide Stellen kannte und beide nacherzählt, verbindet sie gerade nicht. Angrboða sitzt bei ihm „in Jötunheim“, die Alte im Eisenwald bleibt namenlos. Hätte er sie für dieselbe Gestalt gehalten, hätte es nahegelegen, das zu sagen. Unsere ältere Fassung dieses Artikels hat das übrigens falsch dargestellt und Snorri die Gleichsetzung zugeschrieben – das korrigieren wir hiermit ausdrücklich.
Zudem nährt die Alte „Fenris Kinder“. Wäre sie Angrboða, zöge sie ihre eigenen Enkel groß. Nicht unmöglich – mythische Genealogien sind selten zimperlich –, aber eine Konstruktion, die man hinzufügen muss.
Ein Detail für Spurensucher: Zwei Strophen weiter schlägt Eggþér, der „Wächter der Riesin“, auf einem Hügel die Harfe. Peter Salus und Paul Taylor (1969) deuteten ihn als Hirten der Wolfsherde im Eisenwald – ebenfalls Deutung.
Die zweite Spur führt zu Balder. In den Baldrs draumar, „Balders Träumen“, einem kurzen Eddalied, das in der Handschrift AM 748 I 4to überliefert ist, wird Balder von bösen Träumen gequält. Odin reitet auf Sleipnir hinab zur Hel und weckt am Osttor eine längst tote Seherin aus ihrem Grab. Er nennt sich Vegtamr, „der Weggewohnte“, und fragt sie aus. Widerwillig sagt sie Balders Tod voraus, Höðr als Täter und Váli als Rächer.
Am Ende durchschauen sich beide. Sie erkennt Odin, und er schleudert ihr entgegen: Ertattu völva né vís kona, heldr ertu þriggja þursa móðir – „Du bist keine Seherin und keine weise Frau, du bist vielmehr die Mutter dreier Riesen.“ Bellows übersetzte: „Of giants three the mother art thou.“ Die Seherin antwortet, niemand werde sie mehr aufsuchen, bis Loki aus seinen Fesseln frei komme und die Verderber zum letzten Kampf zögen.
Drei Riesenkinder, und gleich danach der Name Loki: Kein Wunder, dass viele Leser hier an Angrboða denken. Edward Pettit nennt sie in seiner zweisprachigen Edda-Ausgabe von 2023 als mögliche Identifizierung („perhaps the giantess Angrboða“), weist aber auch darauf hin, dass sogar Loki selbst als Kandidat vorgeschlagen wurde. Andere lesen Odins Satz als bloße Beschimpfung: eine Riesenmutter statt einer Weisen.
Wir halten fest: Das ist eine Hypothese, und keine schlechte. Sie würde der stummen Riesin einen Auftritt geben – als Tote, die mehr weiß als der Göttervater und ihm am Ende die Rückkehr Lokis ins Gesicht sagt. Belegen lässt sie sich nicht. Der Text nennt weder ihren Namen noch die drei Kinder. Und eine Völva, also Seherin, ist Angrboða sonst nirgends.
Die rätselhafteste Spur steht direkt hinter der Angrboða-Strophe der kurzen Völuspá. Im altnordischen Text:
Loki át af hjarta lindi brendu, / fann hann hálfsviðinn hugstein konu; / varð Loptr kviðugr af konu illri; / þaðan er á foldu flagð hvert komit.Hyndluljóð 41 (Völuspá in skamma), altnordischer Text
Sinngemäß, in eigener Übertragung: Loki aß von einem Herzen, das auf Lindenholz verbrannt war; er fand halbverkohlt den „Gedankenstein“ einer Frau. Davon wurde Loptr – ein anderer Name Lokis – schwanger von einer bösen Frau, und daher stammt jede Unholdin auf Erden. Hugsteinn, „Gedankenstein“, ist ein dichterisches Wort für das Herz. Was lindi hier genau meint, ist nicht ganz sicher; die übliche Deutung ist Lindenholz als Brennholz.
Wessen Herz? Das sagt der Text nicht. Bellows schrieb trocken, von diesem Mythos sei sonst nichts bekannt. Seit dem 19. Jahrhundert haben Ausleger das Herz mit verschiedenen Frauen verbunden. Am beliebtesten ist eine Verbindung mit Gullveig, die in der Völuspá dreimal verbrannt wird und dreimal wiedergeboren – ein halbverbranntes Herz würde dazu passen. Andere denken an Angrboða selbst, weil die Strophe direkt auf ihre Nennung folgt. Der schwedische Autor Viktor Rydberg baute daraus im 19. Jahrhundert eine ganze Kette von Gleichsetzungen; die heutige Forschung folgt solchen Systemen kaum noch.
Ehrlich gesagt: Der Bezug ist offen. Die Strophe erzählt, dass Loki durch das Herz einer Frau schwanger wird und daraus die Unholdinnen der Welt stammen. Ob diese Frau Angrboða ist, ob ihr Kind eines der drei berühmten ist oder ein ganz anderes Geschlecht von Trollweibern gemeint ist – das lässt sich nicht entscheiden. Bellows hielt es für unwahrscheinlich, dass die Schlange gemeint sei, gerade weil Snorri alle drei Kinder Angrboða zuschreibt.
Und diese Geschichte wurde geschrieben. Am bekanntesten ist der Roman The Witch’s Heart der amerikanischen Autorin Genevieve Gornichec, erschienen 2021. Er erzählt Angrboðas Leben aus ihrer eigenen Sicht, als Hexe, Liebende und Mutter, und verwebt dabei frei mehrere der hier besprochenen Spuren: das verbrannte Herz, die Seherin, die verlorenen Kinder. Das Buch macht aus einem Namen eine Heldin mit Innenleben. Das ist gute moderne Literatur – aber kein Bericht über das, was die Wikinger glaubten.
In God of War Ragnarök (2022) tritt eine junge Riesin namens Angrboda als Gefährtin der Hauptfigur Atreus auf, der in dieser Spielreihe selbst mit Loki gleichgesetzt wird. Ihre Persönlichkeit, ihr Aussehen, ihre Geschichte sind vollständig Erfindung der Spieleentwickler.
Daran ist nichts Verwerfliches – auch Snorri hat weitererzählt. Wichtig ist nur die Kennzeichnung. Wenn du irgendwo liest, Angrboða sei eine mächtige Seherin gewesen, habe Loki wirklich geliebt, ihre Kinder gegen Odin verteidigt oder bei Ragnarök Rache genommen, dann liest du moderne Fiktion oder moderne Spekulation. Die mittelalterlichen Texte kennen nichts davon.
Archäologisch fassbar ist Angrboða nicht. Kein Bildstein, keine Runeninschrift, kein Amulett zeigt sie oder nennt ihren Namen. Ihre Kinder dagegen begegnen uns sehr wohl in Stein. Thors Fischzug nach der Midgardschlange ist auf dem Altuna-Runenstein in Uppland und auf einem Steinfragment aus Gosforth in Nordengland dargestellt. Auf Thorwalds Kreuz auf der Isle of Man sieht man einen Mann mit Speer und Raben, dem ein Wolf am Fuß hängt – meist als Odin und Fenrir gedeutet. Mehr über diese Steine in unserem Beitrag zu Gosforth und Thorwalds Kreuz.
Diese Bilder stammen aus dem 10. und 11. Jahrhundert, also aus der Wikingerzeit und der Zeit der Bekehrung. Sie zeigen: Die Geschichten vom Wolf und von der Schlange waren lange vor Snorri bekannt. Die Mutter dieser Wesen hingegen hat niemand in Stein gehauen – zumindest ist nichts davon erhalten.
Ziehen wir die Linien zusammen. Sicher ist: Die mittelalterliche isländische Überlieferung kennt eine Riesin namens Angrboða, mit der Loki den Wolf zeugte; Snorri schreibt ihr auch die Schlange und Hel zu. Wahrscheinlich ist: Die Vorstellung einer riesischen Mutter der Ungeheuer ist älter als der Name selbst. Möglich, aber unbelegt: dass sie die Alte im Eisenwald ist, die Seherin in Baldrs draumar oder die Frau mit dem halbverbrannten Herzen. Erfunden: alles, was ihr eine eigene Stimme, eine Liebesgeschichte oder einen Rachefeldzug gibt.
Das klingt nach wenig. Tatsächlich ist es eine ganze Menge, wenn man begreift, wie diese Mythen gebaut sind. Angrboða ist der Ursprungspunkt, an dem die drei großen Gegner der Götter in die Welt kommen. Ihr Name kündigt an, was folgt: Kummer. Und die Geschichte ihrer Kinder führt geradewegs nach Ragnarök, wo Wolf und Schlange ihre Rolle zu Ende spielen.
Wie wenig über die Alte im Eisenwald wirklich dasteht, kannst du im Völuspá-Lesetext selbst nachprüfen.

Wer ist Angrboða in der nordischen Mythologie? Eine Riesin, mit der Loki nach Snorris Prosa-Edda drei Kinder zeugte: Fenrir, die Midgardschlange Jörmungandr und Hel. Außer in der Gylfaginning wird sie nur in einer Strophe der „kurzen Völuspá“ im Hyndluljóð namentlich genannt.
Was bedeutet der Name Angrboða? Etwa „die Kummer Bringende“ oder „die Leid Ankündigende“, aus altnordisch angr „Kummer“ und bjóða „bieten, ankündigen“. Der Name ist vermutlich eher jung, wohl nicht vor dem 12. Jahrhundert entstanden.
Ist Angrboða die Riesin im Eisenwald? Das wird oft behauptet, steht aber in keiner Quelle. Die Alte im Járnviðr der Völuspá ist namenlos, und Snorri verbindet die beiden Stellen nicht. Die Gleichsetzung ist eine verbreitete, aber umstrittene Deutung.
Was passierte mit Angrboðas Kindern? Die Götter holten sie aus Jötunheim: Jörmungandr wurde ins Meer geworfen, Hel nach Niflheim verbannt, Fenrir mit Gleipnir gefesselt. Bei Ragnarök tötet der Wolf Odin und die Schlange Thor.
Ist Angrboða die Seherin in Baldrs draumar? Möglich. Odin nennt die tote Seherin dort „Mutter dreier Riesen“, was viele an Angrboða denken lässt. Der Text nennt aber keinen Namen; es bleibt eine Hypothese.
Kommt Angrboða in God of War oder The Witch’s Heart vor? Ja, aber in beiden Fällen ist ihre Figur eine moderne Erfindung. Persönlichkeit, Liebesgeschichte und Taten stammen von heutigen Autoren, nicht aus der Edda.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Loki · Fenrir – der Wolf · Jörmungandr – die Midgardschlange · Hel – Göttin und Totenreich · Das nordische Pantheon.
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