Sie ist so groß, dass sie die ganze Welt umspannt und sich in den eigenen Schwanz beißt: Jörmungandr, die Midgardschlange. Zwischen ihr und dem Donnergott Thor herrscht eine uralte Feindschaft – und beim Ende der Welt bringen sich die beiden gegenseitig um.
Jörmungandr (‚gewaltiger Stab/Ungeheuer‘), auch Miðgarðsormr genannt, ist das mittlere der drei Ungeheuer-Kinder Lokis und der Riesin Angrboða – Geschwister des Wolfs Fenrir und der Totengöttin Hel. Als eine Prophezeiung die Götter vor diesen Kindern warnt, wirft Odin die Schlange ins Weltmeer, das die Menschenwelt Midgard umgibt. Dort wächst sie – bis sie so lang ist, dass sie die ganze Erde umschließt und ihren eigenen Schwanz im Maul hält. Solange sie hält, hält die Welt.
Die berühmteste Begegnung erzählt das Lied Hymiskviða: Thor rudert mit dem Riesen Hymir hinaus aufs Meer, weit über die gewohnten Gründe hinaus. Als Köder nimmt er den Kopf eines Ochsen, wirft die Angel aus – und tief unten beißt die Midgardschlange an. Ein gewaltiger Kampf beginnt; Thor stemmt sich so heftig, dass seine Füße durch den Schiffsboden brechen. Er zieht das Ungeheuer bis an die Oberfläche, Aug in Aug, und hebt schon den Hammer. Doch im letzten Moment kappt der erschrockene Hymir die Leine – und die Schlange sinkt zurück in die Tiefe. Der Kampf bleibt unentschieden. Noch.
„Da zog der Wurmtöter kühn / die Midgardschlange empor an die Bordwand.“nach der Hymiskviða, Übertragung nach Karl Simrock (gemeinfrei)

Ein zweites Mal begegnet Thor der Schlange, ohne es zu wissen. Beim Riesen Utgard-Loki muss er sich in Prüfungen beweisen. Eine davon: Er soll eine große graue Katze vom Boden heben. So sehr Thor sich müht, er bekommt nur eine Pfote in die Höhe. Erst später gesteht Utgard-Loki die Täuschung: Die „Katze“ war in Wahrheit die Midgardschlange, und dass Thor sie auch nur einen Fuß weit anhob, hat die Riesen bis ins Mark erschreckt. Eine der schönsten Szenen der Edda darüber, wie Größe und Wahrnehmung täuschen können.
Bei Ragnarök windet sich die Midgardschlange schließlich ans Land und speit Gift über Wasser und Luft; das Meer flutet die Erde. Nun kommt es zum vorbestimmten Ende der alten Feindschaft. Thor erschlägt Jörmungandr mit dem Hammer Mjölnir – doch der Sieg ist tödlich: Vom Geifer der Schlange vergiftet, geht der Donnergott neun Schritte und fällt dann selbst. Zwei alte Feinde, ein gemeinsames Ende.
„Da geht der hehre Sohn der Erde, / vom Wurme geschmäht, neun Schritte zurück.“Völuspá, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Thor · Fenrir, der Wolf · Loki · Gotlands Bildsteine · Ragnarök · Die neun Welten · Das Götter-Pantheon.
Lieder-Edda (Codex Regius): Hymiskviða, Völuspá. Snorri Sturluson, Prosa-Edda / Gylfaginning (Angelfahrt, Utgard-Loki, Ragnarök), um 1220. Bildsteine: Altuna (Uppland, Schweden), Hørdum (Dänemark). Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001). Beleg und Deutung sind im Text getrennt gehalten.