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Jörmungandr – die Midgardschlange: das Ungeheuer, das die Welt zusammenhält

Mythologie Jörmungandr – die Midgardschlange: das Ungeheuer, das die Welt zusammenhält

Jörmungandr, die Midgardschlange, ist in der nordischen Mythologie die riesige Seeschlange, die im Weltmeer liegt, die ganze bewohnte Erde umschlingt und sich dabei in den eigenen Schwanz beißt. Sie ist ein Kind des Loki und der Riesin Angrboða, Thors ewige Gegnerin – und bei Ragnarök töten sich die beiden gegenseitig. Hier erfährst du, was der Name bedeutet, welche Quellen wirklich von ihr erzählen, warum Bildsteine aus Schweden, Dänemark und England so wichtig sind und was davon spätere Deutung ist.

Stell dir vor, du stehst an der Küste, irgendwo in Westnorwegen, im Herbst. Das Wasser ist grau, die Dünung schwer, und hinter dem Horizont kommt – nichts. Für die Menschen der Wikingerzeit war diese Leere nicht leer. Irgendwo da draußen, am Rand von allem, lag etwas. Etwas so Großes, dass es die Welt umfasste wie ein Ring.

Dieses Etwas hat einen Namen, eigentlich sogar mehrere. Wir gehen ihnen nach: von der Wortbedeutung über die Edda-Lieder und die erstaunlich alten Skaldenverse bis zu den Steinen, auf denen Thor seine Angel auswirft. Quelle und spätere Deutung halten wir dabei sauber auseinander.

Was bedeutet der Name Jörmungandr?

Altnordisch heißt die Schlange Jǫrmungandr, eingedeutscht meist Jörmungandr. Der Name ist zusammengesetzt. Der erste Teil, jǫrmun-, ist ein Verstärkungswort, das etwas Gewaltiges, Übergroßes, beinahe Allumfassendes bezeichnet. Es steckt auch im Namen des Gotenkönigs Ermanarich (altnordisch Jǫrmunrekkr). Manche Forscher setzen ein altes Wort jǫrmunr mit der Bedeutung „Welt“ an – das ist eine Hypothese, kein gesicherter Befund.

Der zweite Teil, gandr, ist schwerer zu fassen. Er kann „Stab“ bedeuten, besonders einen Zauberstab, wird aber auch für übernatürliche Wesen und Ungeheuer gebraucht – und in der Dichtung für langgestreckte Dinge wie Schlangen oder Flüsse. Die gängige Übersetzung lautet deshalb „gewaltiger Stab“ oder „gewaltiges Ungeheuer“. Beides passt: ein endlos langer, schlangenförmiger Körper, der zugleich ein magisch aufgeladenes Monster ist.

Der zweite, sachlichere Name ist Miðgarðsormr, wörtlich „Wurm von Midgard“. Ormr ist im Altnordischen das normale Wort für Schlange und Drache zugleich – eine Unterscheidung, die wir heute treffen, kannten die Skandinavier so nicht (mehr dazu in unserem Beitrag über Drachen und Schlangen im Norden). Midgard, der „mittlere Hof“, ist die Welt der Menschen. Die Schlange ist also nicht nach ihrem Wesen benannt, sondern nach ihrem Ort: Sie ist das, was Midgard umgibt.

Wo der Name steht. „Jǫrmungandr“ erscheint in der Völuspá (Str. 50 in der üblichen Zählung) im Ragnarök-Teil und mehrfach bei Snorri Sturluson in der Gylfaginning. „Miðgarðsormr“ ist bei Snorri der häufigere Name. In der Skaldendichtung wird die Schlange meist mit Umschreibungen (Kenningar) bezeichnet.

Herkunft: Lokis gefährliche Kinder

Die ausführlichste Herkunftsgeschichte erzählt Snorri Sturluson in der Gylfaginning, Kapitel 34, also in der Prosa-Edda, die um 1220 in Island entstand. Loki hat mit der Riesin Angrboða („die Leid Ankündigende“) drei Kinder: den Wolf Fenrir, die Midgardschlange und Hel. Die Götter erfahren durch Weissagungen, dass von diesen Geschwistern großes Unheil ausgehen wird – schon wegen der Mutter, noch mehr wegen des Vaters.

Also handelt Odin, bei Snorri „Allvater“ genannt. Er lässt die Kinder holen und verteilt sie, wenn man so will, auf drei Gefängnisse. Hel schickt er nach Niflheim und gibt ihr Macht über die Toten. Fenrir wird bei den Göttern aufgezogen und schließlich gefesselt. Und die Schlange wirft Odin in das tiefe Meer, das alle Länder umgibt. Dort wächst sie, bis sie in der Mitte des Ozeans um die ganze Erde herum liegt und sich in den eigenen Schwanz beißt.

Entscheidend ist: Die Götter töten die Gefahr nicht, sie verstauen sie. Der Wolf wird gebunden, die Totengöttin weggeschickt, die Schlange versenkt. Der Religionswissenschaftler John Lindow hat darauf hingewiesen, dass die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, im Grunde eine gefesselte Schlange ist – sie hält sich selbst fest. Das verbindet sie mit Fenrir und mit Loki selbst, der am Ende ebenfalls gebunden wird. Alle drei warten. Alle drei kommen bei Ragnarök frei.

Thors Fischzug in der Hymiskviða

Die bekannteste Geschichte über Jörmungandr ist ein Angelausflug. Er steht im Eddalied Hymiskviða, dem „Lied von Hymir“, das im Codex Regius überliefert ist, der Handschrift der Lieder-Edda aus dem späten 13. Jahrhundert. Wie alt das Lied selbst ist, wird diskutiert; viele Forscher halten es eher für eine jüngere, bewusst kunstvolle Dichtung, die alte Stoffe neu zusammensetzt.

Der Rahmen: Die Götter wollen beim Meeresriesen Ægir feiern, aber dem fehlt ein Kessel, groß genug für das Bier. Thor zieht deshalb mit Tyr zum Riesen Hymir, der einen solchen Kessel besitzt. Weil Thor beim Abendessen zwei ganze Stiere verschlingt, muss am nächsten Tag Fisch her.

Als Köder reißt Thor einem schwarzen Ochsen aus Hymirs Herde den Kopf ab. Im Boot drängt er den Riesen, weiter hinauszurudern, als Hymir lieb ist. Der Riese zieht zwei Wale auf einmal heraus – eine stolze Leistung. Dann wirft Thor seine Angel mit dem Ochsenkopf aus. In den Strophen 21 bis 24 (Zählung nach der gängigen Ausgabe von Neckel/Kuhn; andere Ausgaben zählen leicht abweichend) beißt die Schlange an. Das Lied nennt Thor hier orms einbani, „den einzigen Töter des Wurms“.

Thor zieht das Ungeheuer an die Bordwand, schlägt ihm mit dem Hammer auf den Kopf, die Felsen dröhnen, die alte Erde fährt zusammen – und dann sinkt „der Fisch“ zurück ins Meer. Sinngemäß übertragen heißt es: Die Berge brüllten, die Felsen krachten, die ganze alte Erde fuhr zusammen; dann sank der Fisch ins Meer zurück. Hymir rudert schweigend und missmutig heim.

Bemerkenswert ist, was in der Hymiskviða nicht steht: Hymir kappt keine Leine. Die Schlange entkommt einfach – oder die Textstelle ist lückenhaft. Der Herausgeber Henry Adams Bellows vermutete schon 1923, dass hier eine Zeile fehlt. Die Szene mit der durchgeschnittenen Leine kennen wir vor allem aus einer anderen Quelle.

Snorris Fassung: der Ochse Himinhrjóðr und die gekappte Leine

Snorri erzählt den Fischzug in der Gylfaginning, Kapitel 48, ausführlicher und mit anderem Rahmen. Bei ihm zieht Thor allein los, verkleidet als junger Bursche, und bittet Hymir, mit hinausrudern zu dürfen. Der Riese spottet, so ein Knirps tauge nichts auf See.

Den Köder holt er sich selbst: Er reißt dem größten Ochsen der Herde, Himinhrjóðr (etwa „Himmelsbrüller“ oder „Himmelszerstörer“, die Deutung ist unsicher), den Kopf ab. Draußen auf dem Meer beißt die Midgardschlange an, der Haken fährt ihr in den Gaumen, und sie reißt so heftig, dass Thors Fäuste gegen die Bordwand schlagen. Nun wird Thor zornig, legt seine ganze Götterkraft hinein und stemmt sich so fest ab, dass er mit beiden Füßen durch den Schiffsboden bricht und auf dem Meeresgrund steht.

Thor starrt die Schlange an, die Schlange starrt zurück und speit Gift. Hymir wird bleich vor Angst. Gerade als Thor den Hammer hebt, greift der Riese zu seinem Köder-Messer und schneidet die Leine durch. Die Schlange sinkt zurück. Thor wirft ihr den Hammer hinterher.

Und jetzt kommt eine der ehrlichsten Stellen der ganzen Prosa-Edda. Snorri lässt seinen Erzähler sagen, manche Leute behaupteten, Thor habe der Schlange auf dem Meeresgrund den Kopf abgeschlagen. Er selbst aber meine, die Midgardschlange lebe noch und liege im umgebenden Meer. Zwei Versionen also, nebeneinandergestellt. Snorri wusste offenbar, dass es unterschiedliche Überlieferungen gab – und er entschied sich für die, die zu seinem Ragnarök-Finale passte. Zum Schluss verpasst Thor dem Riesen einen Schlag hinters Ohr, dass Hymir über Bord geht, und watet an Land.

Gesicherter Befund. Die gekappte Leine und die durch den Boden gestoßenen Füße stehen bei Snorri (Gylfaginning 48). Die Hymiskviða kennt den Hammerschlag und das Zurücksinken, aber keine durchgeschnittene Leine. Bilder auf Steinen zeigen den Fuß durch den Boden bereits Jahrhunderte vor Snorri.

Die ältesten Belege: Skalden des 9. und 10. Jahrhunderts

Jetzt wird es spannend, denn die Edda-Handschriften stammen aus dem 13. Jahrhundert, also aus christlicher Zeit. Aber der Fischzug Thors ist eines der am frühesten bezeugten Motive der gesamten nordischen Mythologie. Den Grund liefern die Skalden, die höfischen Dichter der Wikingerzeit, deren Verse durch ihre strenge Form oft erstaunlich genau überliefert wurden. Wie das überliefert wurde, erklärt unser Beitrag über die Edda.

Bragi Boddason, „Bragi der Alte“, gilt als ältester namentlich bekannter Skalde und wird ins 9. Jahrhundert gesetzt. Ihm werden mehrere Strophen über Thors Fischzug zugeschrieben, in denen Hymir aus Angst die Leine kappt. Ob diese Strophen zur Ragnarsdrápa gehören, dem Gedicht über einen bemalten Schild, ist in der Forschung umstritten – dass sie alt sind und Bragi zugeschrieben werden, nicht.

Úlfr Uggason dichtete um 985 die Húsdrápa, das „Hausgedicht“. Nach der Laxdæla saga trug er es auf einer Hochzeit im neuen Saal des isländischen Häuptlings Óláfr pái in Hjarðarholt vor. Die Holzverkleidungen dieses Saals waren mit Bildern aus der Mythologie geschnitzt, und Úlfr beschrieb sie. Eines davon: Thors Fischzug. In seiner Version schlägt Thor der Schlange den Kopf ab – ganz ohne Rettung für das Ungeheuer. Genau diese Variante meinte Snorri wohl, als er schrieb, „manche Leute sagen“.

Eysteinn Valdason, ebenfalls ein isländischer Skalde des 10. Jahrhunderts, hinterließ drei Halbstrophen über den Fischzug, erhalten nur, weil Snorri sie in seinem Dichterlehrbuch Skáldskaparmál zitiert. Und Gamli gnævaðarskáld, ein weiterer Dichter des 10. Jahrhunderts, lässt Thor die Schlange in einer erhaltenen Strophe ebenfalls töten.

Das Bild, das sich ergibt, ist bemerkenswert: Schon in heidnischer Zeit gab es mindestens zwei Ausgänge der Geschichte. In einem entkommt die Schlange, weil der Riese die Leine kappt. In einem anderen stirbt sie im Boot. Die später so eindeutig wirkende Edda-Erzählung ist also das Ergebnis einer Auswahl.

Steine erzählen mit: Altuna, Hørdum, Gosforth und Ardre

Vier Steine aus drei Ländern werden in der Forschung mit Thors Fischzug verbunden. Ihre Datierungen reichen vom 8. bis ins 11. Jahrhundert.

Ardre VIII ist ein Bildstein von Gotland, datiert grob ins 8. bis 10. Jahrhundert. In einem der Bildfelder sehen viele Forscher zwei Männer in einem Boot mit Angelschnur – Thor und Hymir. Die Deutung ist nicht unumstritten, weil die Gotländer Steine vieldeutig sind und nicht beschriftet. Trifft sie zu, ist Ardre VIII das älteste Bild der Szene. Mehr über diese einzigartige Steingattung erfährst du in unserem Beitrag über die Bildsteine von Gotland.

Der Altuna-Stein (Runeninschrift U 1161) steht in Uppland, Schweden, und stammt aus dem 11. Jahrhundert. Es ist ein Gedenkstein, den Söhne für ihren Vater setzen ließen; als Ritzer nennt die Inschrift Balli und Frøystæinn. Eine Seite zeigt Thor allein im Boot, den Hammer erhoben, die Angel mit dem Ochsenkopf ausgeworfen, unten die Schlange – und, wunderbar deutlich, einen Fuß, der durch den Bootsboden stößt. Snorri schreibt dieses Detail erst rund 150 bis 200 Jahre später auf. Hymir fehlt; vielleicht nur, weil die schmale Steinfläche keinen Platz bot. Das Ornament ist im Urnes-Stil gehauen, dem letzten großen Tierstil der Wikingerzeit.

Der Hørdum-Stein wurde 1954 bei Arbeiten neben der Kirche von Hørdum in Thy, Nordjütland, gefunden und ist heute in der Kirche ausgestellt. Das Fragment zeigt zwei Figuren in einem Boot, die Angelschnur, einen Teil der Schlange und wieder den Fuß, der durch den Rumpf bricht. Eine der Figuren, wohl Hymir, scheint ein Werkzeug zu halten – womöglich, um die Leine zu kappen.

Am weitesten im Westen liegt der sogenannte Fischstein von Gosforth in Cumbria, Nordengland. Er wird in der Kirche St Mary aufbewahrt und gilt als Werk desselben Steinmetzen, der auch das berühmte Gosforth-Kreuz aus dem frühen 10. Jahrhundert schuf. Man erkennt zwei Männer im Boot, einen Köder, der wie ein Ochsenkopf aussieht, und Fische im Wasser. Mehr dazu in unserem Beitrag Gosforth & Thorwalds Kreuz.

Was die Steine beweisen. Dass der Fischzug Thors in der Wikingerzeit von Gotland bis Cumbria erzählt und bildlich dargestellt wurde – und dass Details wie der durchgestoßene Fuß nicht erst von Snorri erfunden wurden. Was sie nicht beweisen: den genauen Wortlaut, den Ausgang der Geschichte oder eine einheitliche Überlieferung.

Die Katze, die eine Schlange war: bei Utgard-Loki

Die zweite große Begegnung zwischen Thor und Jörmungandr kommt als Täuschung daher. Snorri erzählt sie in der Gylfaginning, Kapitel 46 bis 47. Thor reist mit Loki und seinen Dienern Þjálfi und Röskva zum Riesenkönig Utgard-Loki. Dort müssen die Gäste ihre Stärke in Wettkämpfen beweisen, und Thor verliert reihenweise.

Eine der Aufgaben scheint lächerlich: Thor soll eine große graue Katze vom Boden heben. Er greift ihr unter den Bauch und stemmt. Je höher er hebt, desto höher krümmt sich die Katze. Am Ende bekommt der Donnergott gerade einmal eine Pfote vom Boden. Utgard-Loki spottet, mehr habe er nicht erwartet, Thor sei eben klein neben den Leuten hier.

Erst beim Abschied lüftet der Riese das Geheimnis. Alles war Blendwerk. Das Trinkhorn, das Thor nicht leeren konnte, hing am Meer – und das Meer sank durch seine Schlucke so, dass seither Ebbe herrscht. Die alte Frau, die ihn im Ringkampf besiegte, war das Alter selbst. Und die Katze? Die war die Midgardschlange, die um alle Länder liegt. Thor habe sie so hoch gehoben, dass sie kaum noch mit Kopf und Schwanz die Erde berührte und sein Griff fast bis an den Himmel reichte. Die Riesen seien vor Schrecken wie erstarrt gewesen.

Ragnarök: der letzte Kampf und die neun Schritte

Was beim Fischzug offen blieb, entscheidet sich am Ende der Welt. Die Völuspá, das „Lied der Seherin“ und das berühmteste Gedicht der Lieder-Edda, schildert in Strophe 50, wie sich Jörmungandr in Riesenzorn windet und die Wellen schlägt. Die Schlange kommt aus dem Meer. Das Meer kommt mit ihr.

In Strophe 56 (Zählung nach den gängigen Ausgaben; die Strophen dieser Passage sind in den Handschriften durcheinandergeraten und zum Teil verderbt) tritt Thor, hier „Fjörgyns Sohn“ genannt, der Schlange entgegen. In eigener Übertragung: Neun Schritte geht Fjörgyns Sohn, erschöpft, fort von der Schlange, die keine Schande scheut. Das altnordische Wort neppr bedeutet etwa „kraftlos, am Ende“. Von Gift spricht die Strophe nicht ausdrücklich, und auch der Tod Thors wird hier eher angedeutet als ausgemalt.

Snorri macht daraus in der Gylfaginning, Kapitel 51, eine klare Szene. Die Midgardschlange bläst so viel Gift aus, dass Luft und Meer davon getränkt sind. Auf der Ebene Vígríðr treffen die alten Feinde aufeinander. Thor tötet die Schlange, geht neun Schritte von ihr fort und stürzt tot zur Erde – getötet von dem Gift, das sie ihm entgegengeblasen hat. Das Gift als Todesursache verdanken wir also Snorris Prosa, die neun Schritte stehen schon im Gedicht. Die Neun ist eine der bedeutungsschweren Zahlen der Edda – neun Welten, neun Nächte am Baum.

Mythos-Check: „Thor und Jörmungandr töten sich gleichzeitig“ – fast. Genauer: Thor tötet die Schlange, nicht umgekehrt. Er stirbt an ihrem Gift, nach neun Schritten. In den Quellen ist es kein Unentschieden, sondern ein Sieg mit tödlichem Preis.

Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt: Ouroboros?

Snorris Bild der Schlange, die um die Erde liegt und sich in den eigenen Schwanz beißt, erinnert viele an den Ouroboros, die „Schwanzverzehrerin“. Dieses Symbol ist uralt: Eine sich selbst umschließende Schlange findet sich bereits auf einem der vergoldeten Schreine im Grab des Tutanchamun, also im 14. Jahrhundert vor Christus. Später wurde er in der spätantiken Alchemie zum Sinnbild für Ewigkeit und Kreislauf.

Ist Jörmungandr also ein nordischer Ouroboros? Wir sind da vorsichtig. Erstens ist der Vergleich nur ein Vergleich: Es gibt keinen Beleg, dass die Skandinavier der Wikingerzeit das ägyptisch-griechische Symbol kannten. Zweitens bedeutet die Geste im Norden etwas anderes. Der Ouroboros steht für ewige Wiederkehr; die Midgardschlange dagegen für eine Grenze, die eines Tages bricht. Sie hält nicht, weil sie ewig ist, sondern weil sie gebunden ist. Dass der gelehrte Snorri das Bild aus Büchern kannte, ist denkbar, aber unbeweisbar.

Was bedeutet die Midgardschlange? Deutungen der Forschung

Vier Deutungslinien sind verbreitet – keine davon ist mehr als eine Lesart.

Die Schlange als Weltmeer und Weltgrenze. Am naheliegendsten ist die kosmologische Deutung: Die bewohnte Welt ist eine Scheibe oder Insel, umgeben vom Ozean, und an dessen Rand liegt etwas, das alles zusammenhält. Jörmungandr verkörpert die Grenze zwischen Ordnung und dem Außen. Solange sie im Meer bleibt, hält Midgard. Wenn sie an Land steigt, flutet das Meer die Erde – genau das beschreibt Ragnarök. Wie die Edda die Welt gliedert und was davon spätere Systematisierung ist, erklären wir in unserem Beitrag über die neun Welten.

Die Schlange als Chaos. Verwandt damit ist die Deutung als Chaosmacht. Viele Mythologien kennen den Kampf eines Gewittergottes gegen eine Schlange oder einen Drachen: Indra gegen Vritra in Indien, der baltische und slawische Donnergott gegen einen Widersacher, Zeus gegen Typhon. Thors Kampf wäre dann eine nordische Variante dieses Musters – eine plausible vergleichende Rekonstruktion, kein Quellenbefund.

Der verfrühte Kampf. Der dänische Philologe Preben Meulengracht Sørensen hat 1986 in einem einflussreichen Aufsatz vorgeschlagen, den Fischzug als einen Kampf zu lesen, der zu früh kommt. Thor will die Schlange töten, aber ihre Zeit ist noch nicht da – und weil sie die Welt zusammenhält, wäre ihr Tod vor Ragnarök selbst eine Katastrophe. Der Riese, der die Leine kappt, rettet also ausgerechnet die Weltordnung. Eine schöne, ironische Pointe, die besonders gut zu Snorris Fassung passt.

Christliche Lesarten. Für den Gosforth-Stein und das Umfeld der Kreuze wird diskutiert, ob der Fischzug Thors als Gegenstück zu einem christlichen Bild verstanden wurde: Christus, der den Leviathan, das Meerungeheuer, mit dem Kreuz als Angelhaken fängt – eine Vorstellung, die in der mittelalterlichen Theologie verbreitet war. Ob die Steinmetze das so meinten, wissen wir nicht.

Nachleben: von Füssli bis zum Videospiel

Seit dem 18. Jahrhundert haben Maler vor allem den Fischzug aufgegriffen. Ein frühes, berühmtes Beispiel ist das Gemälde „Thor im Kampf mit der Midgardschlange“ von Johann Heinrich Füssli aus dem Jahr 1790, das heute in der Royal Academy in London hängt – eine der frühesten großen Darstellungen der Szene in der europäischen Kunst.

Heute begegnet dir Jörmungandr vor allem in Comics, Romanen und Spielen. Im Videospiel God of War (2018) ist die „Weltenschlange“ eine riesige, beinahe freundliche Figur; in den Marvel-Comics kämpft Thor regelmäßig gegen sie. Als freie Neuerzählung ist das legitim – mit den Quellen hat es meist wenig zu tun.

Jörmungandr als Gravur: Unsere Ideen

Für uns in der Werkstatt in Alsdorf ist die Midgardschlange ein Geschenk. Ein endloser Leib, der sich zum Kreis schließt – das ist auf einer runden Schieferplatte oder einer Baumscheibe fast schon die perfekte Komposition. Für die Ausarbeitung greifen wir gern auf die schlanken, verschlungenen Tierleiber des Urnes-Stils zurück, wie auf dem Altuna-Stein.

Zwei Motive, die wir besonders empfehlen:

Wie wir solche Motive auf Schiefer umsetzen, zeigen wir auf unserer Seite zur Schieferplatten-Gravur. Und wenn du eine eigene Idee hast – eine Schlange für einen Seefahrer, ein Geschenk für jemanden, der die alten Geschichten liebt –, dann schreib uns über die Wunschgravur.

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Häufige Fragen

Was bedeutet Jörmungandr? Der Name setzt sich aus jǫrmun- „gewaltig, riesig“ und gandr „Stab, Zauberstab, Ungeheuer“ zusammen. Übersetzt wird er meist mit „gewaltiger Stab“ oder „gewaltiges Ungeheuer“.

Wer sind die Eltern der Midgardschlange? Nach Snorris Prosa-Edda ist sie ein Kind des Gottes Loki und der Riesin Angrboða. Ihre Geschwister sind der Wolf Fenrir und die Totengöttin Hel.

Warum beißt sich die Midgardschlange in den Schwanz? Weil sie, nachdem Odin sie ins Meer geworfen hat, so groß wird, dass sie die ganze Erde umschlingt. Ihr Schwanzbiss ist bei Snorri ein Bild für die Grenze der Welt, nicht für ewigen Kreislauf.

Wer tötet Jörmungandr? Thor tötet die Schlange bei Ragnarök. Er geht danach neun Schritte und stirbt an ihrem Gift.

Wo ist Thors Fischzug auf Steinen dargestellt? Auf dem Runenstein von Altuna in Schweden, dem Hørdum-Stein in Dänemark, dem Fischstein von Gosforth in England und wahrscheinlich auf dem Bildstein Ardre VIII auf Gotland.

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