Woher kommt die Dichtkunst? Der Norden hatte darauf eine unheimlich schöne Antwort: aus dem Blut eines weisen Wesens, zu Met gebraut. Die Geschichte von Kvasir und dem Dichtermet ist Mord, List und Poesie in einem – und sie erklärt, warum ein guter Vers als göttliche Gabe galt.
Am Anfang steht der Friede zwischen den beiden Göttergeschlechtern. Zum Zeichen der Versöhnung nach dem Wanenkrieg spuckten Asen und Wanen gemeinsam in einen Kessel. Aus diesem Speichel formten die Götter ein Wesen: Kvasir, das weiseste, das je gelebt hat. Keine Frage konnte man ihm stellen, die er nicht beantwortete. Er zog durch die Welt und lehrte die Menschen.
Zwei Zwerge, Fjalar und Galar, luden Kvasir zu sich und erschlugen ihn. Sein Blut fingen sie in drei Gefäßen auf – dem Kessel Óðrœrir und den beiden Krügen Són und Boðn – und mischten es mit Honig. So entstand der Dichtermet: Wer davon trinkt, wird zum Dichter oder Gelehrten. Den Göttern logen die Zwerge vor, Kvasir sei an seiner eigenen Weisheit erstickt.
Die Zwerge behielten den Met nicht lange. Nach weiteren Untaten (sie ertränkten den Riesen Gilling und erschlugen dessen Frau) forderte der Riese Suttung als Sühne den kostbaren Met. Er verbarg ihn tief im Berg Hnitbjörg und stellte seine Tochter Gunnlöd als Wächterin dazu.
Nun tritt Odin auf den Plan, der Gott der Dichtung und der List. Unter dem Decknamen Bölverk („Übeltäter“) verdingt er sich bei Suttungs Bruder, bohrt sich als Schlange verwandelt durch den Berg und gewinnt Gunnlöds Vertrauen. Drei Nächte bleibt er bei ihr – und darf dafür drei Schlucke tun. In drei gewaltigen Zügen leert Odin alle drei Gefäße, verwandelt sich in einen Adler und fliegt nach Asgard. Dort speit er den Met in bereitgestellte Gefäße. Ein paar Tropfen aber verliert er auf dem Weg – das ist der „Anteil der schlechten Dichter“, der jedem frei zufällt.
„Odrörir ist nun emporgebracht
zu der Menschen heiligem Sitz.“
— Hávamál, Str. 107 (nach Karl Simrock, 1851, gemeinfrei)

Odin – Gott der Dichtung · Der Wanenkrieg & das Pantheon · Die Kleinode der Götter · Ägir – Bierbrauer der Götter.
Lieder-Edda: Hávamál (Str. 104–110). Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Skáldskaparmál: Kvasir, Fjalar & Galar, Suttung, Gunnlöd, Odins Raub), um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001).