Aus dem Wissensarchiv

Kvasir und der Dichtermet – wie aus Blut, Honig und List die Dichtkunst wurde

Sagen & Mythen Kvasir und der Dichtermet – wie aus Blut, Honig und List die Dichtkunst wurde

Kvasir ist in der nordischen Mythologie das weiseste aller Wesen, das die Götter beim Friedensschluss zwischen Asen und Wanen aus ihrem gemeinsamen Speichel formten. Die Zwerge Fjalarr und Galarr töteten ihn, mischten sein Blut mit Honig – und so entstand der Dichtermet: Wer davon trinkt, wird Dichter oder Gelehrter. Hier erfährst du, was Snorris Edda, die Hávamál und die Ynglinga saga tatsächlich erzählen, woher der Name vermutlich kommt und warum Skalden ihre Verse „Kvasirs Blut“ nannten.

Stell dir eine Versammlung vor, an deren Ende niemand ein Schwert zieht. Zwei Göttergeschlechter, die eben noch Krieg gegeneinander geführt haben, treten an ein Gefäß und spucken hinein, einer nach dem anderen. Kein Eid, kein Opfer – Speichel. Und aus diesem Speichel wächst ein Mann, der klüger ist als alle, die ihn gemacht haben.

So beginnt eine der seltsamsten Geschichten der nordischen Überlieferung: Mord, Erpressung, ein Gott als Knecht, als Schlange und als Adler. Am Ende steht die Antwort auf eine Frage, die sich jede Kultur stellt: Woher kommt die Gabe, schöne Worte zu finden?

Die Antwort des Nordens: aus einem Kessel voll Blut und Honig. Wir erzählen sie so, wie sie in den Quellen steht – und sagen dir, wo die Deutung beginnt.

Wer war Kvasir? Die Quellenlage in Kürze

Kvasir ist kein Gott im engeren Sinn. Snorri Sturluson nennt ihn einen maðr, einen „Mann“ – allerdings einen, der von Göttern geschaffen wurde und so weise war, dass ihm niemand eine Frage stellen konnte, die er nicht zu beantworten wusste. Fast alles über ihn stammt von einem Autor: dem isländischen Gelehrten und Politiker Snorri Sturluson (1179–1241).

Die Belege im Überblick. 1. Skáldskaparmál („Sprache der Dichtkunst“), Teil der Prosa-Edda, um 1220/1225: die ausführliche Erzählung von Kvasirs Entstehung, Tod und dem Dichtermet (Ausgabe Faulkes: Kap. G57–G58). 2. Gylfaginning Kap. 50, ebenfalls Prosa-Edda: Kvasir erkennt Lokis Netz. 3. Ynglinga saga Kap. 4 in Snorris Heimskringla, um 1230: Kvasir als Geisel der Wanen. 4. Skaldendichtung: Einarr skálaglamm nennt in der Vellekla (spätes 10. Jahrhundert) die Dichtung „Kvasirs Blut“. 5. Hávamál (Codex Regius, um 1270): der Raub aus Odins Sicht, ohne Kvasir.

Der Mythos vom Dichtermet ist in seinen Grundzügen älter als Snorri, denn die Skalden spielen schon Jahrhunderte vor ihm darauf an. Die geschlossene Erzählung mit all ihren Einzelheiten aber kennen wir nur aus seiner Feder – eines Christen des 13. Jahrhunderts, der ein Lehrbuch für junge Dichter schrieb. Mehr zu den Texten findest du in unserem Artikel über die Edda.

Geboren aus Speichel: der Friede zwischen Asen und Wanen

Im Skáldskaparmál sitzt der Meeresriese Ægir als Gast in Asgard neben Bragi, dem Gott der Dichtkunst, und fragt, woher die Dichtung komme. Bragi holt aus.

Die Götter, so Bragi, hätten Streit mit dem Volk gehabt, das man die Wanen nennt. Gemeint ist der Wanenkrieg. Beide Seiten trafen sich zu einer Friedensversammlung und besiegelten den Frieden so: Sie traten an ein Gefäß (ker) und spuckten ihren Speichel hinein. Als sie auseinandergingen, wollten die Götter dieses Friedenszeichen nicht verloren gehen lassen. Sie formten daraus einen Mann. Er hieß Kvasir, und er war so weise, dass niemand ihn etwas fragen konnte, worauf er keine Antwort wusste. Er zog durch die Welt, um die Menschen zu lehren.

Das klingt nach Ekel, war aber in vielen Kulturen eine Technik: Gekaute Früchte oder Getreide beginnen durch Speichel zu gären, und aus der gemeinsamen Masse wird ein gemeinsames Getränk. Rudolf Simek hat in seinem Lexikon genau darauf hingewiesen: Der Mythos könnte eine Erinnerung an solches Brauchtum spiegeln, bei dem gemeinsam bereitetes Rauschgetränk eine Gemeinschaft oder einen Frieden besiegelt. Ob die Nordleute selbst so etwas taten, ist nicht belegt – es ist eine Deutung, keine Tatsache.

Kvasir ist ein Kind des Friedens: Er gehört weder ganz den Asen noch ganz den Wanen. Keine schlechte Pointe für eine Kultur, die man gern auf Axt und Schlachtruf reduziert.

Mord im Zwergenhaus: Fjalarr, Galarr und die drei Gefäße

Der weise Wanderer kommt eines Tages zu zwei Zwergen, Fjalarr und Galarr. Sie bitten ihn zu einem vertraulichen Gespräch – und töten ihn. Sein Blut lassen sie in drei Gefäße laufen: in einen Kessel (ketill) namens Óðrerir und zwei Bottiche (ker) namens Són und Boðn. Dann mischen sie Honig in das Blut, und daraus wird ein Met. Wer von ihm trinkt, wird, so Snorri, skáld eða fræðamaðr – „Dichter oder Gelehrter“.

Den Asen erzählen die Mörder eine dreiste Lüge: Kvasir sei „an seiner Klugheit erstickt“ (kafnat í mannviti), weil niemand gelehrt genug gewesen sei, ihn auszufragen. Eine Ausrede, so absurd, dass sie fast schon wieder weise klingt.

Die Zwerge sind sonst die großen Handwerker der Mythologie, Schmiede von Mjölnir und Gungnir. Dass sie den Dichtermet herstellen, passt ins Bild – nur ist ihr Handwerk hier ein Mord.

Auch die Namen der Gefäße sind sprechend, wenn auch nicht alle sicher zu deuten. Óðrerir (auch Óðrørir, Óðrœrir) enthält óðr, das Wort für Geist, Raserei, dichterische Erregung – und hängt sprachlich mit dem Namen Odins zusammen. Meist übersetzt: „der den Geist Erregende“. Für Són und Boðn werden Bedeutungen wie „Sühne, Versöhnung“ bzw. „Gefäß“ oder „Gebot“ vorgeschlagen; beides ist in der Forschung umstritten. In den Hávamál scheint Óðrerir dagegen der Met selbst zu sein; vielleicht machte erst Snorri daraus ein Gefäß.

Mythos-Check: „Kvasir war ein Gott der Weisheit, den die Menschen verehrten.“ – Dafür gibt es keinen Beleg. Kein Ortsname, keine Inschrift, kein Kultbericht kennt ihn. Er ist eine Figur der Erzählung und der Dichtersprache, kein Gott mit Opferplatz.

Gilling, der Mühlstein und das „Schiff der Zwerge“

Die Zwerge sind mit einem Mord nicht zufrieden. Snorri erzählt, dass sie einen Riesen namens Gillingr und dessen Frau zu sich einluden. Sie ruderten mit Gilling hinaus, fuhren auf eine Klippe, das Boot kenterte, und Gilling, der nicht schwimmen konnte, ertrank. Seine Frau weinte laut. Fjalarr bot ihr an, ihr die Stelle auf dem Meer zu zeigen, wo ihr Mann gestorben war – das würde sie trösten. Als sie aus der Tür trat, ließ Galarr ihr einen Mühlstein auf den Kopf fallen. Ihr Gejammer war ihm lästig geworden.

Die Zwerge dieser Episode sind mitleidlose Mörder – und sie bekommen ihre Rechnung. Gillings Sohn Suttungr erfährt von der Tat, packt die beiden und setzt sie auf einer Schäre aus, die bei Flut überspült wird. Mit dem Wasser bis zum Hals bitten sie um ihr Leben und bieten als Buße für den Vater (föðurgjöld) das Kostbarste an, was sie besitzen: den Met.

Suttungr nimmt an, bringt den Met heim und versteckt ihn im Berg Hnitbjörg. Seine Tochter Gunnlöð setzt er als Wächterin daneben. Snorri fügt hier gleich die Dichterwörter an, die aus dieser Episode stammen: Dichtung heiße deshalb „Kvasirs Blut“, „Trank der Zwerge“, „Flüssigkeit“ von Óðrerir, Boðn oder Són, „Suttungs Met“ und „Hnitbjörgs Nass“. An anderer Stelle des Skáldskaparmál nennt er auch „Schiff der Zwerge“ (dverga skip) – vermutlich, weil der Met die Zwerge wie ein Boot von der Schäre gerettet hat.

Ein Totschlag wird durch Buße ausgeglichen – typisch nordische Rechtslogik. Der wertvollste Trank der Welt war also zunächst ein Wergeld.

Odin wird Bölverkr: der Wetzstein und die neun Knechte

Jetzt erst betritt Odin die Bühne. Snorri erzählt knapp, dass er von zu Hause aufbrach und an einen Ort kam, wo neun Knechte Heu mähten. Er schärfte ihre Sensen mit seinem Wetzstein, und nie hatten sie besser geschnitten. Jeder wollte den Stein kaufen. Odin warf ihn in die Luft. Die Knechte stürzten sich darauf, und im Gerangel schnitten sie sich gegenseitig mit den Sensen die Kehlen durch.

Eine kleine, böse Szene: Odin weckt Begierde und lässt andere den Rest erledigen. Die neun Knechte gehörten Baugi, einem Bruder Suttungs. Bei ihm sucht Odin am Abend ein Nachtquartier, nennt sich Bölverkr – „Unheilswerk“ oder „Übeltäter“ – und hört sich Baugis Klage an: Seine Arbeiter hätten sich umgebracht, er wisse nicht, wie er die Ernte einbringen solle.

Bölverkr bietet an, die Arbeit der neun Männer allein zu tun. Als Lohn verlangt er einen einzigen Schluck von Suttungs Met. Baugi hat über den Met nicht zu bestimmen, verspricht aber, es mit ihm zu versuchen. Den Sommer über leistet der Fremde die Arbeit von neun; im Winter lehnt Suttung den Lohn rundweg ab.

Rati, die Schlange und Gunnlöð

Bölverkr gibt nicht auf. Er schlägt Baugi vor, es mit List zu versuchen, und zieht einen Bohrer namens Rati hervor. Baugi soll damit den Berg anbohren. Nach einer Weile behauptet Baugi, er sei durch. Bölverkr bläst in das Loch, und die Bohrspäne fliegen ihm ins Gesicht – der Riese hat also gelogen. Er muss weiterbohren. Beim zweiten Mal fliegen die Späne nach innen. Jetzt verwandelt sich Bölverkr in eine Schlange und kriecht hinein. Baugi sticht ihm mit dem Bohrer hinterher und verfehlt ihn.

Drinnen findet Odin Gunnlöð. Er liegt drei Nächte bei ihr, und sie erlaubt ihm dafür drei Schlucke vom Met. Mit dem ersten leert er Óðrerir, mit dem zweiten Boðn, mit dem dritten Són.

Bei Snorri bleibt Gunnlöð fast stumm: Wächterin, Geliebte, Ausgetrickste. In den Hávamál dagegen klingt etwas wie Reue an, wenn Odin sagt, er habe ihr ihr treues Herz schlecht vergolten. Unser eigener Artikel über Gunnlöð und den Raub des Dichtermets geht dieser Figur ausführlicher nach. Ihr Name bedeutet vermutlich „Einladung zum Kampf“ – ein merkwürdig kriegerischer Name für die Hüterin der Dichtung.

Adlerflucht und der „Anteil der Dichterlinge“

Nach dem dritten Schluck verwandelt sich Odin in einen Adler und fliegt, so schnell er kann. Snorris Satz dafür ist kurz und atemlos: Þá brásk hann í arnarham ok flaug sem ákafast – „Da verwandelte er sich in Adlergestalt und flog, so schnell er konnte.“ Suttung sieht ihn, nimmt ebenfalls Adlergestalt an und jagt hinterher.

In Asgard sehen die Asen Odin kommen und stellen Gefäße in den Hof. Odin speit den Met hinein. Doch Suttung ist ihm so dicht auf den Fersen, dass Odin einen Teil des Mets nach hinten verliert – sinngemäß „nach hinten hinaus“, und das ist so derb gemeint, wie es klingt. Um diesen Teil kümmerte sich niemand. Jeder, der will, darf ihn haben, und er heißt skáldfífla hlutr, „der Anteil der Dichterlinge“ oder „der Narrenreimer“.

Das ist vielleicht der beste Witz der ganzen Edda. Snorri schreibt eine Poetik für angehende Skalden – und erklärt ihnen nebenbei, dass schlechte Verse buchstäblich aus Odins Hinterteil stammen. Den guten Met dagegen gab Odin den Asen und den Menschen, die Dichten können. Deshalb, so Snorri, heißt Dichtung auch „Odins Fang“, „Odins Fund“, „Odins Trank“, „Odins Gabe“ und „Trank der Asen“.

Mythos-Check: „Der Dichtermet war einfach besonders guter Met.“ – Nein. Im Mythos ist er kein Getränk für Feste, sondern eine Metapher, die sich ins Konkrete verkleidet. Echter Met aus vergorenem Honig war im Norden ein geschätztes Festgetränk; der Honig im Mythos verweist darauf. Aber niemand glaubte, dass ein Becher Met einen Skalden macht.

Hávamál 104–110: die Geschichte aus Odins Mund

Die ältere Fassung des Stoffs steht nicht bei Snorri, sondern in den Hávamál, den „Sprüchen des Hohen“ in der Lieder-Edda. Dort spricht Odin selbst – über den Wert der Rede, der List und, ziemlich ehrlich, seine eigene Unzuverlässigkeit. Wir geben die Strophen in eigener, sinngemäßer Übertragung wieder.

In Strophe 104 sagt Odin, er habe den alten Riesen aufgesucht und sei nun zurückgekehrt; mit Schweigen habe er dort wenig erreicht, mit vielen Worten aber Gewinn gemacht in Suttungs Hallen. In Strophe 105 heißt es, Gunnlöð habe ihm auf goldenem Stuhl einen Trunk des kostbaren Mets gegeben – schlechten Lohn habe er ihr danach gelassen für ihr treues Herz und ihren schweren Sinn. Strophe 106 nennt den Bohrer: „Ratis Mund“ habe er sich Raum schaffen und den Stein nagen lassen; über und unter ihm seien die Wege der Riesen gewesen, so habe er seinen Kopf gewagt.

Gut erkaufte Gestalt habe ich gut genutzt;
wenig fehlt dem Weisen.
Denn Óðrerir ist nun heraufgekommen
an den Rand des Heiligtums der Menschen.
— Hávamál, Str. 107 (eigene Übertragung)

In Strophe 108 gesteht Odin, er sei vermutlich nicht aus den Höfen der Riesen herausgekommen, hätte er nicht Gunnlöð genutzt, die gute Frau, um die er den Arm gelegt hatte. In Strophe 109 fragen die Reifriesen in der Halle des Hohen nach Bölverkr. Und Strophe 110 endet mit einem Satz, den man von einem obersten Gott nicht erwartet: Einen Ring-Eid, glaube er, habe Odin geschworen – wie solle man seiner Treue trauen? Suttung habe er um den Trank betrogen und Gunnlöð weinen lassen.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Kvasir kommt hier gar nicht vor, auch keine Zwerge, kein Gilling, kein Baugi mit Wetzstein. Zweitens: Óðrerir wird hier eher als Name des Mets gebraucht. Snorri verband offenbar ältere, verstreute Motive zu einer Handlung.

In den Strophen 13–14 erzählt Odin, er sei „in Gunnlöðs Gehöft“ und „beim klugen Fjalarr“ sturzbetrunken gewesen – Fjalarr ist hier offenbar nicht der Zwerg, sondern wohl ein Riese. In Strophe 140 erhält er nach seinem Selbstopfer am Baum einen Trunk des kostbaren Mets, „geschöpft aus Óðrerir“. Ob das dieselbe Erzählung meint, ist offen.

Ein anderer Kvasir: Geisel, Netzfinder, Widerspruch

Wer glaubt, Snorri habe eine einheitliche Kvasir-Geschichte erzählt, wird in seinen eigenen Werken eines Besseren belehrt. In der Ynglinga saga der Heimskringla erzählt er die Götter als Menschen. Nach dem Krieg schließen sie Frieden und tauschen Geiseln. Die Wanen geben ihre vornehmsten Männer, Njörðr den Reichen und dessen Sohn Freyr. Die Asen schicken Hœnir und den klugen Mímir. Und die Wanen geben im Gegenzug den Weisesten ihrer Schar – Kvasir.

Hier ist Kvasir also kein Geschöpf aus Speichel, sondern ein Wane, der als Geisel zu den Asen geht. Was aus ihm wird, erzählt die Saga nicht. Beide Versionen teilen den Kern: Kvasir gehört zum Friedensschluss zwischen den Göttergeschlechtern. Einmal ist er dessen Pfand, einmal dessen Frucht.

Noch seltsamer ist die dritte Stelle. In Gylfaginning Kap. 50 erzählt Snorri, wie Loki nach Balders Tod vor den Göttern flieht. Er versteckt sich in Lachsgestalt in einem Wasserfall und knüpft ein Netz – nach Snorri das erste überhaupt. Als die Götter kommen, wirft er es ins Feuer. Doch der Erste, der das Haus betritt, ist Kvasir, „der Weiseste von allen“. Er erkennt in der Asche die Form des Netzes, und die Götter knüpfen danach ein eigenes, mit dem sie Loki fangen. Was danach mit Loki geschieht, erzählen wir im Artikel über Lokis Bestrafung.

Laut Skáldskaparmál ist Kvasir zu diesem Zeitpunkt längst tot. Snorri ließ offenbar verschiedene Überlieferungen nebeneinander stehen – die Mythologie des Nordens war kein Dogma mit fester Chronologie, sondern ein Vorrat an Geschichten.

Woher kommt der Name? Kwas, Quetschen und Dumézil

Jan de Vries stellt den Namen in seinem Altnordischen etymologischen Wörterbuch zu einer Wurzel, die „quetschen, zerdrücken“ bedeutet. Im Slawischen gibt es ein Gegenstück: Kwas (russisch kvas), das leicht vergorene Getränk aus Brot oder Getreide.

Daraus haben Forscher seit dem 19. Jahrhundert geschlossen, Kvasir sei ursprünglich die Personifikation eines Gärgetränks gewesen – eines Saftes aus zerquetschten Früchten oder Beeren, der mit Hilfe von Speichel in Gärung gebracht wird. Rudolf Simek folgt dieser Deutung in seinem Lexikon. Der Religionsvergleicher Georges Dumézil ging weiter: Er stellte die Geschichte neben eine Erzählung aus dem indischen Epos Mahābhārata, in der der Weise Cyavana ein Ungeheuer namens Mada („Rausch“) erschafft, um den Gott Indra zu zwingen, zwei andere Götter, die Aśvins, in die Gemeinschaft des Soma-Opfers aufzunehmen. Nach der Versöhnung wird Mada zerteilt – wie Kvasir ein Rauschwesen, das beim Frieden zweier Göttergruppen entsteht und dann zerstört wird.

Noch näher liegt: Im Rigveda raubt ein Adler den Soma, den indischen Göttertrank, und bringt ihn den Göttern. Viele Forscher halten einen gemeinsamen indogermanischen Hintergrund für möglich.

Mythos-Check: „Kvasir heißt Kwas, also ist der Dichtermet eigentlich Kwas.“ – So einfach ist es nicht. Die Verbindung zur Wurzel „quetschen“ und zum slawischen Kwas ist eine gut begründete Hypothese, aber keine bewiesene Herleitung. Und selbst dann erklärt sie nur einen Namen: Für die Skalden war der Met Odins Gabe, kein Brotgetränk.

Kvasirs Blut im Vers: Kenningar für die Dichtung

Warum hat Snorri diese Geschichte so ausführlich erzählt? Weil seine jungen Leser sie brauchten. Die Skaldendichtung arbeitete mit Kenningar (Einzahl: kenning), umschreibenden Bildern, die eine Sache durch eine Anspielung ersetzen. Ein Schiff ist ein „Meeresross“, Gold „Feuer des Meeres“, und die Dichtung selbst ist „Kvasirs Blut“, „Suttungs Met“, „Odins Raub“ oder „Schiff der Zwerge“. Ohne die Geschichte verstand man die Verse nicht.

Diese Kenningar sind keine Erfindung Snorris. Der isländische Skalde Einarr skálaglamm beginnt seine Vellekla, ein Preislied auf den norwegischen Jarl Hákon aus dem späten 10. Jahrhundert, mit der Bitte, der Jarl möge „Kvasirs Blut“ hören – also das Gedicht. Und Egill Skallagrímsson klagt im ersten Vers seines Sonatorrek, der Totenklage um seine ertrunkenen Söhne, wie schwer es ihm falle, die Zunge zu bewegen; es sei jetzt nicht leicht, „Viðurs Raub“ hervorzubringen. Viðurr ist ein Beiname Odins, der Raub ist der Dichtermet. Selbst im tiefsten Schmerz greift der Dichter auf diesen Mythos zurück, um zu sagen: Mir fehlen die Worte.

Auch der Hofskalde Eyvindr skáldaspillir und viele andere arbeiteten mit solchen Bildern. Für die Skalden war das ein Berufsmythos: Ihre Kunst war kostbar, gefährlich erworben und göttlich.

Was die Geschichte über Dichtung erzählt

Ab hier beginnt die Deutung. Wissen allein ist noch keine Dichtung: Erst durch Tod, Handwerk und Honig wird Kvasirs Weisheit trinkbar. Dichtung ist umkämpft: Der Met wechselt durch Mord, Buße, Raub und Verführung den Besitzer – passend zu einer Welt, in der Skalden um die Gunst von Königen rangen. Und der Weg führt durch Grenzen: als Schlange hinab in den Berg, als Adler hinauf nach Asgard, wie es zu einem Gott passt, dem auch Hugin und Munin gehören. Bleibt der Rest für alle: Jeder kann reimen. Nicht jeder hat vom guten Met getrunken.

Kvasir als Gravur: Ideen aus unserer Werkstatt

Eine ehrliche Vorbemerkung: Es gibt keine sichere bildliche Darstellung Kvasirs aus der Wikingerzeit. Kein Runenstein, kein Anhänger, kein Bildstein zeigt nachweislich seinen Tod oder Odins Adlerflug mit dem Met. Ein Kvasir-Motiv arbeitet also mit Symbolen aus dem Text – ehrlicher, als ein „historisches“ Bild zu erfinden.

Bei uns in der Werkstatt bieten sich drei Wege an. Der Adler mit drei Gefäßen – Óðrerir, Boðn und Són – ist ein klares, gut lesbares Motiv, das sich auf Schiefer besonders kontrastreich gravieren lässt. Ein Methorn oder Trinkbecher mit der Inschrift Kvasis blóð in Runen ist ein Geschenk für alle, die schreiben, singen oder unterrichten. Und ein Vers aus der Hávamál, etwa die Zeile vom Óðrerir, der „an den Rand des Heiligtums der Menschen“ heraufgekommen ist, macht sich auf einer Holzscheibe ebenso gut wie auf Glas.

Für Runen empfehlen wir das jüngere Futhark, die Schrift der Skaldenzeit – wir beraten dich gern bei der Umschrift.

Lasergravierte Schieferplatte mit Met-Motiv von Glanz & Gravur
Met, Wort und Weisheit – als lasergravierte Schieferplatte aus unserer Werkstatt. Motive im Shop →

Häufige Fragen

Wer war Kvasir in der nordischen Mythologie? Kvasir ist nach Snorri Sturluson das weiseste aller Wesen, geschaffen aus dem Speichel, den Asen und Wanen beim Friedensschluss in ein Gefäß spuckten. Zwerge töteten ihn und brauten aus seinem Blut den Dichtermet.

Was ist der Dichtermet? Der Dichtermet ist im Mythos ein Trank aus Kvasirs Blut und Honig, der jeden, der davon trinkt, zum Dichter oder Gelehrten macht. Odin raubte ihn dem Riesen Suttung; daher gilt Dichtung als Odins Gabe.

Wie hat Odin den Dichtermet gestohlen? Unter dem Namen Bölverkr arbeitete er für Suttungs Bruder Baugi, bohrte mit dem Bohrer Rati in den Berg Hnitbjörg, kroch als Schlange hinein, gewann Gunnlöð und floh nach drei Schlucken in Adlergestalt nach Asgard.

Was bedeutet der Name Kvasir? Der Name wird meist mit einer Wurzel für „quetschen“ und mit dem slawischen Gärgetränk Kwas verbunden. Bewiesen ist diese Deutung nicht.

Warum heißt Dichtung „Kvasirs Blut“? Weil der Dichtermet aus seinem Blut gebraut wurde. Skalden nutzten diese Umschreibung (Kenning) schon im 10. Jahrhundert, etwa Einarr skálaglamm in der Vellekla.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Weiterlesen bei uns

Odin – Gott der Dichtung · Der Wanenkrieg & das Pantheon · Die Kleinode der Götter · Ägir – Bierbrauer der Götter.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus dem Gebiet Mythen & Sagen

Alle Mythen & Sagen-Artikel →

Lokasenna – das große Götterschelten

Ein Festmahl der Götter, reichlich Bier – und ein Gast, der jeden Einzelnen bloßstellt. Die Lokasenna („Lokis …

Weiterlesen →

Lokis Bestrafung

Jede Untat hat ihren Preis, und Lokis Rechnung wird auf einen Schlag beglichen. Nach dem Tod Balders und seinem …

Weiterlesen →

Der Mauerbau um Asgard

Ein fremder Baumeister bietet den Göttern an, ihre Festung mit einer unbezwingbaren Mauer zu umgeben - in einem …

Weiterlesen →

Was kommt nach Ragnarök?

Die meisten kennen Ragnarök nur als Weltenbrand: Götter sterben, die Sonne erlischt, die Erde versinkt. Doch das große …

Weiterlesen →